Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 2)

Der nette Psychopath von nebenan

„Ich verlange von den Leuten nicht, daß sie mir angenehm sind, weil es mich vor dem Problem bewahrt, sie zu mögen.“
– Jane Austen

Im Blogartikel von letzter Woche habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wieso Psychopathen hervorragende literarische Gegenspieler abgeben und was sie auszeichnet. Heute möchte ich mich einer etwa diffizileren Frage widmen, nämlich: Kann ein Psychopath auch Sympathieträger sein? Und wenn ja, wie soll das funktionieren?

Sie sind unter uns!

Nicht alle Psychopathen sind skrupellose Killer, Kannibalen oder sadistische Massenmörder. Es gibt eine Gruppe von Psychopathen, die sich beinahe lautlos in unserer Mitte bewegt, ohne, dass es uns auf den ersten Blick auffallen würde. Typen, die hinter Bankschaltern lauern, an Börsen spekulieren oder in Aufsichtsräten sitzen. Der Kriminalpsychologe Robert Hare bezeichnet diese Menschen als „corporate psychopaths“: Unternehmenspsychopathen.

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Menschenschinder oder Manager?

Im Gegensatz zu den im letzten Beitrag zitierten literarischen Psychopathen begehen diese Leute keine blutrünstigen Morde oder lassen Leute die Köpfe abschlagen (höchstens im übertragenen Sinn). Sie agieren als clevere Puppenspieler, manipulieren, intrigieren, spielen andere gegeneinander aus. Vordergründig sympathisch und charmant gewinnen sie schnell alle Herzen, bleiben aber in ihren Emotionen immer oberflächlich und kühl.

Auf der Suche nach Beispielen fällt der Blick mal wieder einmal nach Westeros. Während sich Psychopathen wie Joffrey Baratheon oder Ramsey Bolton durch ihre extremen Verhaltensweisen, ihr mangelndes Mitgefühl und ihr brutales Vorgehen zunehmend selbst ins Abseits drängen, haben wir in Tywin Lannister durchaus einen „corporate psychopath“. Tywin ist gefühllos, ehrgeizig und skrupellos, aber trotzdem ausgesprochen erfolgreich. Er zieht im Hintergrund die Fäden, weiß genau, wann er zuschlagen muss, um den bestmöglichen Profit zu erreichen. Anderer Leute Gefühle – selbst die seiner eigenen Kinder – sind ihm dabei höchstens lästig. Damit wird Tywin sicherlich nicht zu Mr.-Nice-Guy gewählt, aber im Vergleich zu seinem Enkel Joffrey ist er in der Lage, sein Verhalten zu steuern, sich sozialadäquat zu verhalten und rationale Entscheidungen zu treffen. Auf der Psychopathie-Checkliste von Robert Hare würde er vermutlich deutlich unter der Grenze für klinisch auffällige Psychopathen landen.

Mein Freund der Psychopath

Nun ja, wie ihr sicher merkt sind wir unserer Ausgangsfrage noch nicht wirklich näher gekommen, denn machtgierige Puppenspieler sind nicht unbedingt wesentlich sympathischer als Kannibalen. Nur etwas weniger blutrünstig und etwas weniger verhaltensauffällig.

Es bleibt also die Frage: Kann ein Psychopath zum Held einer Geschichte taugen? Kann sich ein Leser mit einer solchen Person irgendwie identifizieren? Ja. Das geht. Als Beispiel möchte ich diesmal keine literarische Figur heranziehen, sondern den Protagonisten der Netflix-Serie „House of Cards“, den fiktiven US-Politiker Frank Underwood.1

Auf den ersten Blick ist Frank ein typischer „corporate psychopath“. Er stammt aus widrigen familiären Verhältnissen, hat sich mit viel Ehrgeiz und wenig moralischen Schranken an die politische Spitze manövriert und intrigiert was das Zeug hält. Er spielt politische Parteien gegeneinander aus, schmeichelt sich ein, macht haltlose Versprechen, kramt schonungslos schmutzige Wäsche hervor und schubst auch mal Leute vor die U-Bahn, wenn sie ihm gefährlich werden. Klingt nicht gerade wie ein Vorzeige-Held? Nein, wirklich nicht.

Trotzdem ertappt man sich beim Ansehen der Serie immer wieder dabei, wie man sich auf Franks Seite stellt, seinem Gegner ein Scheitern wünscht, sein Verhalten schönredet, denn trotz all seiner Intrigen bleibt Frank irgendwie sympathisch. Wie macht der Kerl das?

Sympathien erzeugen

Im Laufe der Serie erfährt der Leser viel Persönliches über Frank, über seine Kindheit, seine Jugend, seine Ehe. Wir lernen ihn auf einer menschlichen Ebene kennen, sehen nicht nur den skrupellosen Politiker, sondern auch den Mann hinter der Maske und dessen kleine Fehler und Unzulänglichkeiten. Unterstützt wird diese emotionale Beteiligung durch Franks direkte Kommunikation mit dem Publikum. Durch das Durchbrechen der vierten Wand fühlt sich der Zuschauer persönlich angesprochen, wird zu Franks exklusivem Vertrauten, dem er sogar Geheimnisse anvertraut. Ganz klar, dass diese Nähe Sympathie schafft.

„Moments like this require someone who will act. Who will do the unpleasant thing, the necessary thing.“
– Frank Underwood,
House of Cards (2013)

Darüber hinaus verfügt Frank über einige Eigenschaften, die von uns grundlegend als sympathisch oder positiv angesehen werden. Er ist ein Self-made-man, ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der sich an die Spitze gearbeitet hat. Eine Vorbildfigur. Er ist ehrgeizig, intelligent, zielstrebig und beweist Humor. Seine moralisch verwerflichen Handlungen dienen nie einem niederen Zweck, sondern fügen sich in ein geschickt gesponnenes Gesamtbild ein, dessen Raffinesse uns immer wieder zum Staunen bringt. Kurzum: Er wickelt den Zuschauer mit seinem zynischen Humor und seinem Charme genauso um den Finger, wie seine politischen Gegner. Außerdem spielt er Videospiele. Wie kann ein Gamer nicht sympathisch sein? 😉

Von Frank können also auch Autoren einiges lernen. Selbst ein gewissenloser Machtmensch wie er haben das Zeug zum Sympathieträger, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Intelligenz, Zielstrebigkeit, Humor und kleine menschliche Unzulänglichkeiten können über moralische Aussetzer hinwegtäuschen, vor allem dann, wenn sich der Leser mit den Zielen und Ideen der Figur prinzipiell identifizieren kann.

Und mal ehrlich, Hand aufs Herz: Haben wir nicht alle eine kleine Schwäche für die „Bad Boys“ und „Bad Girls“?

Das Spiel mit dem Bad Boy

Trotzdem sollte man auch als Autor ein gewisses Fingerspitzengefühl beweisen, wenn man den Leser mit einem Psychopathen sympathisieren lassen möchte – der Schuss kann nämlich auch nach hinten losgehen.

Psychopathie ist kein Schalter, den der Charakter ein und wieder ausknipsen kann, wie es ihm gerade gefällt. So nützlich Ehrgeiz, Willensstärke und Furchtlosigkeit in manchen Situationen sein mögen, in anderen kann fehlende Empathie durchaus zum Hindernis werden. Auch Frank steckt immer wieder Niederlagen ein, weil seine Gegner sein falsches Spiel und seine Manipulation durchschauen. Gerade solche Momente von Nicht-Perfektion machen einen authentischen Charakter aus.

Auch in Beziehungen sollte man als Autor sehr genau darauf achten, wie weit man bereit ist, zu gehen. Sicherlich mag der aalglatte, zynische Psychopath einen heißen Love Interest abgeben, doch als liebevoller Partner taugt er in der Regel wenig. Egozentrik, übermäßige Dominanz und eine Unfähigkeit zu tieferen Gefühlen lassen den Traumtypen schnell zum Alptraum werden, zumindest wenn es um Liebe oder Romantik geht und nicht um Matratzenaction.

Manche Genre-Konventionen mögen durchaus zulassen, dass der böse Bube durch die Liebe seiner Auserwählten von seiner Arschlochhaftigkeit kuriert wird – ja, ich weiß, solche Tropes haben ihren Reiz! –, aber wir alle wissen, dass die Realität nicht so aussieht.  Die Medienwissenschaftlerin Debra Merskin kritisiert, dass Beziehungs-Konstellationen à la „Twilight“- ein kontrollsüchtiger, gefährlicher Typ und eine emotional beeinflussbare junge Frau, die gerettet werden muss  –  eine höchst zweifelhafte Botschaft über Beziehungen senden. Psychopathen sind schwierige Typen, gerade in Beziehungen. Auch Franks Ehe in „House of Cards“ funktioniert primär deswegen, weil seine Frau mindestens genauso psychopathisch ist wie er selbst. Deswegen: Augen auf bei der (literarischen) Partnerwahl!

Der Psychopath als (Anti-)Held

Kommen wir zu einem abschließenden Fazit. Während Psychopathen ausgesprochen dankbare literarische Gegenspieler abgeben, sind sie als Sympathieträger wesentlich anspruchsvoller. Es gilt, eine gemeinsame Basis zu schaffen, auf der sich der Leser mit der Figur identifizieren kann, seien es ein nachvollziehbares Ziel oder kleine Moment der Menschlichkeit, die exklusiv nur dem Leser vorbehalten sind. Auch positive Charaktereigenschaften wie Zielstrebigkeit, Intelligenz und Humor können über moralische Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen. Eine „Romantisierung“ von Psychopathen sollte jedoch mit Vorsicht erfolgen, denn hier können schnell falsche Signale gesendet werden. Mit der Gleichberechtigung in Beziehungen haben es solche Jungs nämlich nicht so wirklich.

Wie steht es um euch, kennt ihr literarische oder filmische Beispiele moralisch fragwürdiger Psychopathen, die ihr trotzdem irgendwie ins Herz geschlossen habt? Oder macht ihr um solche Typen lieber gleich einen großen Bogen? Wie weit dürfen böse Jungs als Love Interests gehen, ehe es fragwürdig wird? Wo liegt eure Grenze?

Freue mich über Feedback!


Literatur

Babiak, P. & Hare, R. (2007). Snakes in Suites. When psychopaths go to work. HarperBusiness.

Irwin, W. & Hackett, J.E. (2016). House of Cards and philosophy. Underwood’s republic. Chichester: Wiley .

Merskin, D. (2011). A boyfriend to die for. Edward Cullen as Compensated psychopath in Stephanie Meyer’s Twilight. Journal of communication inquiry, 35, 157-178.


1 Zugegeben, ursprünglich stammt die Figur aus dem Roman „House of Cards“ von Michael Dobbs, der allerdings in England angesiedelt ist und in der Charakterzeichnung einige Unterschiede zur Netflix-Adaption aufweist. Ich beziehe mich also durchgehend auf die US-Serie.

6 Kommentare

  1. Toller Artikel! House of cards sollte ich vielleicht doch mal ansehen.
    Könntest Du mir den Artikel über Edward Cullen vielleicht leihen?

    Und magst Du nicht doch einen dritten Teil machen, über Psychopathie in Deinen Geschichten?

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    1. Danke schön! Ich finde, die Serie lohnt sich auf jeden Fall, allerdings endet die 4. Staffel echt fies und die 5. kommt wohl erst in einigen Monaten.

      Hm, ich glaube, ich hab gar keine wirklich vorzeigbaren Psychopathen in meinen Geschichten. Ich fürchte, viele meiner Figuren haben ein paar Züge davon, aber so richtig prototypisch ist keiner. 😉

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      1. Ich könnte dir ein paar leihen. ;D

        Die Erwähnung der Beziehungsunfähigkeit – bzw. deren Nichteinhaltung in Büchern oder Filmen – fand ich besonders spannend. Ich hab gedacht, wenn man „im Chara“ bleibt, ergibt sich das so ziemlich von selbst.

        Bleibt die Frage, was passiert, wenn ein Chara einen Nutzen in einer Beziehung erkennt. Das ist dann nicht wirkliche Liebe, aber könnte er dennoch so agieren, dass er damit eine langfristige Beziehung aufrecht erhält?

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      2. Ja, das weiß ich. 😀

        Ich persönlich würde auch nicht auf die Idee kommen, aus einem Psychopathen plötzlich „Mr. Niceguy“ zu machen, aber ich habe halt schon von sehr vielen Negativ-Beispielen in die Richtung gehört. Ich kann aber nicht detailliert darauf eingehen, weil ich die Bücher alle nicht gelesen habe (und auch kein großes Interesse daran habe 😉 ).

        Was den Punkt mit der Beziehung angeht: Ich denke, da ist auch „House of Cards“ ein gutes Beispiel. Beide Partner sind definitiv ziemlich psychopathisch, aber sie führen über weite Teile eine absolut intakte Beziehung. Keine wirklich emotionale Beziehung, es gibt wenige innige Momente zwischen ihnen, aber es klappt. Da müssen halt beide Partner entsprechend gestrickt sein. Wenn einer mit der Egozentrik und der emotionalen Kühle des anderen nicht zurechtkommt, stelle ich mir das schwierig vor.

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