Von Liebe, Rivalität und Vertrauen

Die Rolle der Familie in meiner Fantasy-Literatur

In der #lovewritingchallenge geht es heute um das Thema „Familie“. Bisher ist diese Challenge an mir vorbeigezogen, aber mit diesem Topic musste ich mich einfach befassen. Warum? Nun, Familien, interfamiliäre Beziehungen und Konflikte sind zentrale Themen in allen meinen Geschichten.

Grundlegend sind mir beim Betrachten meiner Werke zwei Dinge ins Auge gestochen:

  1. Jede Geschichte beinhaltet einen Geschwisterkonflikt
  2. Meine Protagonisten kommen fast ausschließlich aus zerrütteten Familien

Wie kommt das? Ich hab mich mal auf Spurensuche begeben.

Der Geschwisterkonflikt

„Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides.“
– Kurt Tucholsky

Wer denkt, Liebesbeziehungen seien die komplexeste Form zwischenmenschlicher Interaktion, der irrt sich. Geschwisterkonflikte ziehen sich durch alle Formen der Literatur und waren mehr als einmal Auslöser für große, heftige Emotionen, vor allem in der Märchen- und Sagenwelt. Kain erschlug aus Neid seinen Bruder Abel. Elektra half ihrem Bruder Orest, aus Rache die eigene Mutter zu ermorden. Aschenputtel muss sich gegen ihre bösen Stiefschwestern wehren. Und Gerda kämpft um das vereiste Herz ihres geliebten Bruders.

Schon an dieser kleinen Auswahl wird klar: Geschwisterbeziehungen bieten unendlichen Raum für Geschichten, angefangen von Konkurrenzdruck über Neid bis hin zu inniger Verbundenheit und gegenseitiger Aufopferung. Geschwister begleiten den Helden von der Kindheit an, sind also neben den Eltern die längste Beziehung, die er jemals pflegt. Sie kennen die Person hinter der Fassade, wissen von Geheimnissen, die der Held mit niemandem teilt. Sie sind seine Verbindung zu einer Zeit, in der er noch ein anderer Mensch war, im positiven oder negativen Sinne.

Auch die psychologische Forschung unterstützt diese These: Geschwister prägen einen Menschen mindestens so stark wie seine Eltern, die Beziehung zu ihnen bieten ein Entwicklungspotenzial, das andere Beziehungen nicht haben. Im Kontakt mit den Geschwistern entwickeln sich früh Empathie, Emotionsregulation und soziale Fähigkeiten, aber auch Spannungen, Konkurrenzdruck und Konflikte, gerade bei geringem Altersunterschied. Ein Bruder oder eine Schwester kann also Vorbild, bester Freund und ärgster Feind in einem werden.

Auch in der Fantasy gibt es einige sehr spannende Geschwister-Konflikte. Da ist zum Beispiel Katniss Everdeen, die für ihre geliebte Schwester Primrose das Los der Hungerspiele auf sich nimmt. Oder Faramir von Gondor, der stets im Schatten seines älteren Bruders Boromir steht und alles tut, um ihren Vater trotzdem zu beeindrucken. Und natürlich die drei Lannisters, Cersei, Tyrion und Jaimie, deren Beziehung so kompliziert ist, dass sie hier den Rahmen sprengen würde. Das Klischee vom einzelgängerischen Fantasy-Helden, der ohne Familie durch die Welt wandert und knallharte Abenteuer erlebt, ist schon lange überholt.

Ein Blick in meine eigenen Werke verrät, dass meine literarischen Geschwister-Pärchen fast alle emotionalen Ebenen abdecken. Es geht um Neid und Konkurrenzdruck (Varek und Askar in „Opfermond“), um Abhängigkeit und Entfremdung (Seri und Jumar in „Flammenkinder“), um Verantwortung und Fürsorge (Benrik und Andrika in „Unter einem Banner“) und um Gemeinsamkeiten und Unterschiede (Quiro und Elis in „Sand & Wind“). Eine faszinierende Bandbreite mit unendlichen Möglichkeiten. Diese nicht auszuschöpfen wäre doch schade, oder?

Die Familie als Ressource und Schwachpunkt

Es ist ja ein weit verbreitetes Klischee, dass der tapfere Fantasy-Held™ schon in jungen Jahren seiner Familie entrissen wird. Er wächst als Waise auf, bei brutalen Zieheltern oder erlebt die Auslöschung seiner Liebsten, woraufhin er überhaupt erst zum Helden wird. Diese Tropen finden sich in zahlreichen Fantasy-Epen wieder: Kvothe, der Protagonist aus „Der Name des Windes“, beobachtet den Mord an seinen Eltern und schwört Rache. Harrys Eltern werden von Voldemort getötet, er selbst wächst bei Tante und Onkel auf. Katniss‘ Vater stirbt bei einem Minenunglück und macht seine Tochter so zum Familienoberhaupt. Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Ich muss zugeben, auch in meinen Geschichten stammen die Helden meistens aus zerrütteten Familien. Sie sind Waisenkinder (Quiro aus „Sand & Wind“), haben früh ein Elternteil verloren (Idra in „Opfermond“), werden von ihrer Familie abgelehnt (Reykan in „Unter einem Banner“) oder erleben den körperlichen bzw. psychischen Verfall ihrer Familienangehörigen (Kalun in „Flammenkinder“). Wie kommt das?

Die Familie ist eine mächtige Ressource. Sie bietet Geborgenheit, Heimat, Sicherheit und Zuneigung.  Nichts prägt uns in jungen Jahren so sehr wie die Familie, unsere Erziehung und die Werte, die uns von den Eltern und Geschwistern vermittelt werden. Und genau hier wird es spannend. Was geschieht, wenn diese Säule wegbricht? Wenn ein Elternteil stirbt, dem Alkoholismus verfällt oder die Familie verlässt? Wie geht ein junger Mensch mit diesem Verlust um? Diese Gedankenspiele sind keine fantastischen Spinnereien, sondern trauriger Alltag für Millionen Menschen weltweit. Psychologisch finde ich es hochspannend, zu erforschen, wie meine Figuren mit diesen Schicksalsschlägen umgehen. Reifen sie daran, werden sie stärker, erwachsener? Zerbrechen sie daran? Verlieren sie Vertrauen oder Selbstbewusstsein im Wissen, auf sich gestellt zu sein, oder beweist es ihnen ihre innere Stärke? Der Umgang mit Schicksalsschlägen sagt unendlich viel über einen Charakter aus. Außerdem liegt es in der Natur meiner Fantasy-Welten, ein ziemlich raues Pflaster zu sein. Vor allem für Familien. 😉

Trotzdem muss ich zugeben, dass mich die Idee reizt, doch mal über einen Charakter mit intakter Familie zu schreiben. Jemand, der sonntags zum Kaffeetrinken seine Eltern besucht, mit ihnen über Beziehungsangelegenheiten streitet oder von seinen neuesten Abenteuern erzählt. Kommt auf die Agenda.

Fazit

Die Familie ist einer unserer zentralen menschlichen Bezugspunkte. Wir können uns entscheiden, den Kontakt aufzugeben, wir können die Verbindung verlieren, aber die Erlebnisse unserer Kindheit und Jugend werden uns trotzdem ein Leben lang prägen. Im Guten ebenso wie im Schlechten. Auch literarische Figuren sind dagegen nicht gefeit. Sie haben Geschwister, die sie lieben oder hassen, Eltern, die sie erzogen haben (oder auch nicht), Bezugspersonen innerhalb oder außerhalb der Kernfamilie, zu denen sie eine Bindung aufgebaut haben. Für authentische Charaktere ist eine gute Hintergrundgeschichte unverzichtbar – dazu gehört auch die Rolle der Familie.

Wie ist es bei euch, lest ihr gern über familiäre Konflikte oder Geschwisterbeziehungen? Welche Rolle spielt die Familie in euren literarischen Werken – ist sie eher Stütze oder Konfliktherd für eure Charaktere? Steht sie im Vordergrund oder ist sie eher schmückendes Beiwerk? Erzählt mir davon.

2 Kommentare

  1. Hm, interessanter Gedanke mit der intakten Familie. *Kinn kratzt* Spontan würde ich vermuten, dass viel Konfliktpotential verloren geht, wenn der Protagonist eine starke und stützende Familie im Hintergrund hat. Er selbst ist dann auch nicht so leicht aus der Bahn zu werfen bzw. bietet so eine Familie auch eine gute Anlaufstelle bei Problemen und fängt ihn auf. Mir würden nur Liebesdramen einfallen, in denen eine funktionierende Familie einem DramDramaDramaBaby-Plot nicht unbedingt im Weg stehen würde. Wäre jedenfalls ein sehr interessantes Experiment, und ich wäre gespannt, was heraus kommt. Vielleicht irre ich mich ja? ;D (Was ich stark vermute.)
    Wenn ich so darüber nachdenke, dann haben meine Figuren zwar in irgendeiner Form eine Familie, also dass im Hintergrund Eltern oder Großeltern stehen – Geschwister eher selten, vermutlich weil ich selbst keine habe – aber sie spielen nicht immer so eine starke Rolle oder treten überhaupt in Erscheinung. Von Witwern über Waisen bis hin zu Verlassenen/ Verstoßenen und Scheidungskindern ist da alles dabei. Mir fällt nur eine Urban-Fantasy-Geschichte ein (= Sarah), in der der Prota in Eintracht mit Mutter und Großmutter lebt, der Vater allerdings durch Abwesenheit glänzt (zwar zum Schutz, aber was will man machen, weg ist weg). Ach, und dann hätte ich da ja auch noch eine Zeitreisegeschichte (Das Mädchen im gelben Trenchcoat), bei der eine Großtante eine Rolle spielt (es ist, glaube ich, die Großtante; der Clou allerdings dabei: das ist die Protagonisten selbst, nur in gealterter Form xD). Ob das jetzt so dazu zählt, weiß ich aber auch nicht wirklich. ;D

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    1. Danke für deinen Kommentar und deine interessanten Gedanken!

      Beim Schreiben des Beitrags sind mir ähnliche Überlegungen durch den Kopf gegangen wie dir. Ein Prota aus einer intakten Familie hat natürlich weniger Gründe, sich in Gefahr zu begeben, hat engere Bindungen zur Familie, geht vielleicht nicht so schnell Risiken ein … Wobei „intakt“ ja auch schon ein sehr weites Feld ist. Streitigkeiten zwischen Eltern und Kindern kommen ja z.B. in den besten und harmonischsten Familien vor.

      Ich finde das spannend, dass Geschwister für dich eher keine Rolle spielen. Ich hab auch nur eine Schwester und unsere Beziehung ist zum Glück sehr gut, insofern nehme ich nicht an, dass ich bei meinen literarischen Geschwister-Konflikten eigene Erelebnisse projiziere. Wobei, ich würde nichts ausschließen. 😉 Aber es erleichtert mich, dass es deine Protas auch nicht so leicht haben mit ihren Familien. Dann stehe ich nicht so alleine da.

      LG Elea

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