Hilfe, ich bin langweilig!?

Oder: Man muss nicht in der Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben

Schreibe über das, was du kennst. Diesen Tipp hat sicher jeder schon mal irgendwo gelesen und er hat definitiv seine Berechtigung. Als Profi oder wenigstens Amateur in einem Gebiet tut man sicher leichter, Themen korrekt und umfassend darzustellen und einen guten Zugang dazu zu finden. Trotzdem werden die wenigstens Krimis von Polizisten, Anwälten oder Kommissaren geschrieben, sondern von AutorInnen, die sich in die Materie einarbeiten müssen.

Daran findet niemand etwas Verwerfliches – zurecht. Wie Maxim Gorkij einmal sagte: „Man muss nicht in einer Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ Als Leser schätzt man Fachkompetenz, aber zu viel Insiderwissen kann der Dramatik einer Story sogar abträglich sein. Immerhin wissen wir alle, dass Polizeiarbeit wesentlich trockener ist als in Krimis dargestellt, aber wir sind froh, dass nicht der Großteil der Kriminalromane davon handelt, wie der Kommissar interne Berichte verfasst. Und wir sind dann doch eher erleichtert, dass Krimiautoren nicht erst einen Mord begehen müssen, um aus der Perspektive eines Mörders zu erzählen.

Diversität und ihre Grenzen?

Heikler wird es dagegen bei Charaktereigenschaften, Persönlichkeit, sexueller Orientierung. Im Netz finden sich immer wieder kritische Kommentare, so wie dieser.

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Der Wunsch dahinter ist nachvollziehbar. Leser wollen durch Figuren angemessen repräsentiert werden und fühlen sich wohler in dem Wissen, dass der Autor/die Autorin weiß, worüber er/sie schreibt, vornehmlich aufgrund eigener Erfahrung. Sie wollen sich nicht von einem „Outsider“ erklären lassen, wie ihre Welt funktioniert, wie ihre Probleme aussehen oder wie sie damit umzugehen haben. Sie wünschen sich Authentizität.

Hier stoßen wir allerdings auf ein Problem: Würden Autoren nur noch über Protagonisten ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Lebenserfahrung schreiben, wäre die Buchwelt ziemlich eintönig. Sieht man sich den deutschen Buchmarkt an, wäre der durchschnittliche Roman-Protagonist vermutlich ein verheirateter Mittelschicht-Mann in den Dreißigern mit einem Studienabschluss. Vielleicht auch eine Mittelschicht-Frau mit Familie und Teilzeitjob. Sicherlich lässt sich auch daraus eine interessante Geschichte stricken – aber so ganz ohne Diversität wäre der Buchmarkt verdammt langweilig. Am Ende beißt sich der Hund also in den Schwanz, denn gerade Menschen abseits der Norm verdienen es, in Büchern repräsentiert zu werden – das könnte unter dieser Prämisse aber nicht funktionieren.

Als AutorInnen ist es unsere Aufgabe, über den Tellerrand hinauszusehen, uns mit anderen Kulturen und Lebenseinstellungen zu beschäftigen und darüber zu schreiben, doch leider führen Aussagen wie die obere eher dazu, dass Autoren den Mut verlieren und sich doch wieder den üblichen Standards zuwenden. Nach dem Motto: „Ich will niemandem auf den Schlips treten.“

Recherche, Sensibilität und Empathie

Ich denke, ich muss nicht erwähnen, dass (gute) AutorInnen recherchieren. Nicht nur Fakten, sondern auch Erfahrungsberichte, Lebensgeschichten und Einstellungen. Wenn wir über einen Biologielaboranten schreiben, informieren wir uns über seine Arbeit. Wenn wir über einen Menschen mit Depression schreiben, informieren wir uns über seine psychische Störung. Und wenn wir über einen POC-Menschen schreiben, informieren wir uns über Erfahrungen, die er vielleicht gemacht haben könnte. Nichts ersetzt diese Arbeit – sie gehört zum Handwerk wie das Schreiben selbst.

Trotzdem bleiben auch Erfahrungsberichte nur das, was sie sind: individuelle Lebensgeschichten, keine absoluten Wahrheiten. Jeder Mensch ist einzigartig und besonders, die Erfahrungen des einen sind nicht automatisch die Erfahrungen des anderen, ebenso wenig Gefühle oder Vorlieben. Jede Roman-Figur ist ein Individuum und wir sollten uns immer Mühe geben, genau das zu transportieren. Ein guter Roman braucht keine Abziehbilder, sondern echte, authentische Charaktere.

Neben Recherche lautet das Zauberwort also: Empathie und Sensibilität. Ich gebe zu, ich bin in Bezug auf meine Lebensgeschichte ein ausgesprochen langweiliger Mensch. Ich bin weiß, stamme aus einer Akademiker-Familie, hatte nie ein Alkohol- oder Drogenproblem, lebe seit 10 Jahren in einer stabilen, heterosexuellen Beziehung und hatte nie mit dem Tod eines nahen Angehörigen, einer Scheidung oder einer psychischen Krankheit zu kämpfen. Für dieses Glück bin ich verdammt dankbar. Trotzdem gebe ich mir Mühe, diese Themen in meinen Büchern angemessen umsetzen. Ich versuche, authentische Figuren zu entwickeln, mich in sie hinein zu versetzen, mir zu überlegen, wie sie mit Erfahrungen in ihrem Leben umgegangen sind, wie diese sie geprägt haben. Ich kann nicht versprechen, dass mir das immer gelingt, das wäre vermessen. Aber ich tue mein Möglichstes.

Macht Mut, keine Angst!

Deswegen möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für alle AutorInnen brechen, die sich Mühe geben, Diversität in ihren Romanen einen Platz einzuräumen, auch – oder gerade weil! – sie selbst keine eigenen Erfahrungen mit Rassismus, Homophobie oder Sexismus gemacht haben. Seid mutig, stellt euch der Herausforderung – es lohnt sich!

Außerdem möchte alle LeserInnen ermutigen, AutorInnen nicht durch Aussagen wie die oben genannte zu demotivieren, damit schadet ihr letztlich nur euch selbst. Setzt Impulse, sagt, welche Klischees euch stören, gebt AutorInnen Tipps, wie sie sich informieren können. Nur so schaffen wir gemeinsam spannende, tiefgehende Geschichten ohne Klischees, die genauso bunt und vielfältig sind wie das Leben selbst.

6 Kommentare

  1. Du bist nicht langweilig.
    Du glaubst nur, es zu sein.
    Ich hatte auch oft das Gefühl, dass ich doch eigentlich nichts erlebt habe, das irgendwie spannend/relevant für meine Tätigkeit als Autorin sein könnte. Weil ich eben auch zumindest optisch weiß, zumindest dem Beziehungsstatus nach heterosexuell und auch sonst nicht irgendwie besonders bin.
    Und dann besuchte ich an der Uni einen Kurs zum Thema „Migrationsliteratur“ und wir tauschten uns über deren Merkmale auf. Tja. Und obwohl ich gar keine „Problemliteratur“ wie wir sie im Kurs behandeln, schreibe, finden sich viele Merkmale (Entwurzelung, Ortswechsel, Sprachprobleme/Einfinden in die neue Sprache/Zweisprachigkeit, Suche nach sich selbst und nach Stabilität, Wanderlust wegen Wurzellosigkeit…) immer wieder auch in meinen Fantasysachen.
    Niemand ist langweilig. Selbst wenn man scheinbar ein behütetes Leben hat. Irgendwas ist da, das diesen Funken in uns anheizt, uns zum Schreiben zwingt. Und sei es die Beobachtungsgabe, die dazu führt, dass wir überhaupt die nötige Empathie und Sensibilität entwickeln, um uns mit ausreichender Recherche in jedes Szenario reinversetzen zu können, ohne wirklich in die Pfanne zu springen ❤

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    1. Danke, das hast du sehr schön gesagt. ❤

      Der Titel war auch bewusst plakativ gewählt, das gebe ich zu. Ich halte mich selbst ehrlich gesagt auch gar nicht für sooo langweilig, aber für – nun ja – relativ konfliktfrei. Manchmal denke ich mir aber auch, dass das gar nicht so schlecht ist. Sicherlich kann ich viele Dinge nicht aus eigener Erfahrung berichten, aber dafür fühle ich mich auch nicht so schnell involviert und emotional belastet

      Ich denke auch, dass Beobachtungsgabe, Empathie und die Bereitschaft, sich mit kontroversen Themen auseinanderzusetzen, entscheidender ist als die persönliche Erfahrung. Denn nur, weil man etwas selbst erlebt hat, heißt es noch lange nicht, dass man darüber schreiben will – oder kann.

      Abgesehen davon finde ich es unheimlich wichtig, dass Menschen über ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse schreiben, wenn sie das möchten. Das bereicht den Buchmarkt und die Literatur ungemein. Es sollte nur eben immer ein „dürfen“ sein, kein „müssen“ – für alle Seiten.

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  2. Du hast recht, wenn man sich nicht auf einen wirklich winzigen Teil der unendlichen Möglichkeiten beschränken will, dann muss man nun mal auch über Dinge schreiben, die man nicht aus eigener Erfahrung kennt. Man kann recherchieren, wie man will, es wird nie 100% stimmen und kann es eben gerade in sehr persönlichen Dingen auch nicht.
    Ehrlich gesagt finde ich es da schon wieder ganz praktisch, ganz bewusst und offensichtlich zum Klischee zu greifen, um dieses einfach als ebensolches zu „entlarven“ bzw. hervorzuheben.
    (Allerdings fände ich es schön, wenn Du Begriffe wie „POC“ oder „cishet“ für die weniger Bewanderten unter uns kurz übersetzen könntest. Mitten im Lesefluss erst mal googeln gehen, damit man kapiert, was gemeint ist, stört a bissl den Genuss. 😉 )

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    1. Danke für deinen Kommentar, Sascha. Du hast absolut recht, die 100 %ige Wahrheit gibt es schon rein faktisch nicht und gerade in Bezug auf persönliche Erfahrungen schon gar nicht. Insofern kann man als Autor ohnehin nur einen Ausschnitt präsentieren. Das Entlarven von Klischees kann dabei sicher helfen, das stimmt. Das ist dann eher von der anderen Richtung her gedacht: Ich nehme das Offensichtliche und sage: „so ist es aber nicht“.

      Und sorry für die Begriffe – ich hatte noch überlegt, eine Fußnote dazu zu setzen, es dann aber vergessen. 😉

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