Charaktere auf der Couch: #10 Lukas

Nach 4 Wochen Nanowrimo-bedingtem Praxisurlaub gibt es heute einen neuen Patienten auf meine virtuellen Couch. Der junge Mann hört auf den ausgesprochen klangvollen Namen Lukas Schmalenbach-Fauchet, ist neunundzwanzig Jahre alt, knapp 1,90 m groß und sehr schlank gebaut. Die heutige Sitzung ist nicht seine erste Begegnung mit einem Therapeuten, denn Lukas befindet sich schon länger in Behandlung. Antriebslosigkeit, Kokain und ein exzessiver Hang zur Selbstreflexion sind eben keine gesunde Mischung. Trotzdem hat Lukas sein Leben nach einigen turbulenten Ereignissen ziemlich gut im Griff. Zumindest bis jetzt.

Guten Morgen Lukas, nehmen Sie doch Platz. Was ist denn vorgefallen, dass Sie so schnell einen Termin gebraucht haben?

Steht verloren im Raum und fährt sich nervös durch die Haare, ehe er Portemonnaie und Handy aus der Hosentasche zieht und sich setzt.

Danke, dass Sie sich so kurzfristig Zeit nehmen konnten, ich habe das Gefühl, heute ist Weltuntergang und fühle mich noch nicht bereit zum Abtreten. Gestern Abend habe ich mit meiner Freundin Louise schlussgemacht. Atmet tief durch. Und heute? Saß Sie, die Eine in meiner Vorlesung und will mich heute Abend treffen.

Ganz langsam, eins nach dem anderen. Sie haben Schluss gemacht? Wie kam es dazu?

Ach, ich weiß nicht – das hat sich schon ein paar Monate aufgestaut. Louise hat sehr geklammert und ich war nicht frei im Kopf. Als sie mir im Dezember dann zum ersten Mal gesagt hat, dass sie mich liebt, ist bei mir die Panik ausgebrochen. Außer meiner ersten festen Freundin, Inga, habe ich keiner anderen Person gesagt, dass ich sie liebe und ich glaube, ich will das auch nicht. Und weil ich Louise sehr wahrscheinlich auch irgendwie liebe, wurde mir das zu viel.

Verstehe. Und wen haben Sie heute getroffen?

Inga. Sie ist einfach bei mir auf der Arbeit aufgetaucht.

Ah, ich erinnere mich, Sie hatten sich von ihr getrennt, als Sie nach Paris kamen, nicht wahr?

Weil ich ihr mein Leben nie ganz anvertraut habe, ja. Ich kam mir vor wie ein Verräter und habe diese Halbwahrheiten irgendwann nicht mehr ausgehalten.

Das scheint Sie ja noch ganz schon aufzuwühlen. Welche Gefühle verbinden Sie denn im Moment mit Inga?

Ich weiß es nicht, ehrlich. Ich bin völlig durch den Wind, Louise und Inga innerhalb von vierundzwanzig Stunden haben einen Kurzschluss in meinem Kopf verursacht. Ich meine, das gestern war ja schon ein Drama, wieso muss es heute sofort mit noch mehr davon weitergehen? Inga und ich haben uns drei Jahre nicht gesehen, ich kenne sie gar nicht mehr – aber es tut weh, sie zu sehen. Vorhin dachte ich, ich kriege einen Herzinfarkt, als ich sie gesehen habe. Sie wollte Antworten. Echt jetzt? Nach so langer Zeit noch? In meinem Kopf waren tausende Gedanken, ich war ehrlich und habe ihr gesagt, dass ich dachte, sie vergisst mich einfach. Daraufhin hat sie mir eine gescheuert und mich nach einem Date gefragt. Hallo? Ich weiß nicht, was ich nachher mit ihr machen soll.

Das klingt ziemlich chaotisch. Und ziemlich typisch, wenn ich das so sagen darf. Hat Inga denn in der Zeit mal versucht, Kontakt zu Ihnen aufzunehmen?

Nein, hat sie nicht. Ich habe ihre Oma letzten Sommer spontan besucht, aber die hat ziemlich sicher dicht gehalten.

Gut, Spielen wir das durch. Das Date mit Inga. Wenn Sie jetzt vor Ihnen stünde, was würden Sie ihr sagen?

Dass es mir leidtut, ich ihr aber keine schnellen, einfachen Antworten geben kann. Wenn ich ihr überhaupt irgendwann welche geben kann, die Sinn machen.

Wie, denken Sie, wie würde sie reagieren?

Er schüttelt ironisch lächelnd den Kopf. Nach der Ohrfeige traue ich ihr alles zu, sie wirkte ziemlich angepisst. Keine Ahnung – ich vermute, sie würde mir ein Ultimatum setzen, mich zu erklären und oder mir Vorwürfe machen, rumstreiten und endgültig einen Schlussstrich ziehen, ehe ich ihr irgendwas erklärt habe.

Das klingt ziemlich realistisch. Was wäre das Schlimmste für Sie, das passieren könnte?

Dass sie etwas in mir sieht, das ich nicht bin und ich sie wieder verletze. Und, dass die beiden Frauen sich über den Weg laufen.

Blicken wir noch mal zurück auf die letzten drei Jahre. Wie haben Sie sich in dieser Zeit verändert, was denken Sie? Was ist anders geworden, seit Sie sich von Inga getrennt haben?

Lukas zuckt die Achseln. Na ja, ich würde sagen, mein Leben war nach all den Eskapaden und Abstürzen gerade halbwegs organisiert. Mal davon abgesehen, dass ich mich auf keine andere Frau einlassen kann, weil ich mit Inga noch immer nicht abgeschlossen habe.

Dann ist das Date mit Inga aber doch eine Chance, oder nicht? Wenn sie immer noch in Ihrem Kopf herumspukt, wäre das doch die Gelegenheit, alles zu bereinigen?

Also, ich bin vielleicht nicht mehr ganz so am Arsch wie vor ein, zwei Jahren, aber ob ich ihr das in einem Zug alles erklären kann, bezweifle ich.

Ich bin da optimistisch. Sie sind psychisch stabiler als früher und gehen sehr viel konstruktiver mit Ihren Problemen um. Was mit den Drogen, sind Sie immer noch clean?

Ja und ja. Zum Glück.

Das ist gut. Ich glaube, da liegt eine große Chance vor Ihnen. Eine Chance und eine Herausforderung. Denken Sie, Sie sind dem gewachsen?

Das Einzige, das gerade wächst, ist mein Drang, zu flüchten. Aber ja, wahrscheinlich haben Sie recht. Immerhin habe ich mir diese Chance ja an Neujahr gewünscht. War ja klar, dass alles seinen Preis hat und Chancen immer dann kommen, wenn man gerade keine Nerv für sie hat.

Weglaufen hat Ihnen beim letzten Mal schließlich auch nicht geholfen, Lukas, denken Sie daran. Aber konzentrieren wir uns auf die Zukunft: Was könnte Ihnen helfen, sich mit Inga auszusprechen?

Kokain? Er schmunzelt. Spaß beiseite. Wenn ich ein bisschen mehr Zeit habe, mich zu erklären: mein Bruder. Ich halte ihn für den diplomatischeren von uns beiden und hoffe, dass er einen Rat für mich hat. Wenn ich Inga seine Existenz klarmachen kann, ohne dass sie mich dafür umbringt, bin ich ein ganzes Stück weiter. Ich muss ihn gleich anrufen. Vielleicht. Vielleicht macht das aber auch alles nur noch schlimmer, wer weiß? Seine Methoden sind manchmal zwar diplomatisch, aber auch ziemlich radikal. Ob Inga ein Typ für solche Lösungen ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass ich das nach heute Abend besser einschätzen kann.

Ich schätze, es ist eine gute Idee, wenn Sie Ihren Bruder einweihen. Zerdenken Sie die Situation nicht zu sehr, bleiben Sie klar und realistisch.

Sie schenkt Lukas ein aufmunterndes Lächeln.

Das heißt, Sie treffen Inga? Das ist fest beschlossen?

Ein anderer Tag wäre mir dafür definitiv lieber, aber so wie es aussieht habe ich ja keine andere Wahl, wenn ich die Chance nicht vergeigen will, oder?

Versprechen Sie mir, dass Sie nicht davor weglaufen?

Ungern, dann muss ich ja erwachsen werden! Aber ja, ausnahmsweise.


 

SchneepoetCoverPuh, da kommt ja einiges auf Lukas zu. Wenn ihr mehr über ihn und seine ungewöhnliche Lebensgeschichte erfahren und noch tiefer in seine unkonventionelle Gedankenwelt eintauchen wollt, dann holt euch „Schneepoet“ von Nika Sachs (erschienen bei Twentysix). Dieses kleine therapeutische Interview gibt euch außerdem schon einen Vorgeschmack auf Lukas‘ weiteren Lebensweg, den ihr ab Februar mitverfolgen könnt.

Internetseite & Blog der Autorin: http://bordsteinprosa.blogspot.de/


 

InfokastenBipolar


Quellen:

Meyer, T.D. (2005). Bipolar-affektive Störungen. In: M. Linden & M. Hautzinger. Verhaltenstherapiemanual (5. Auflage), S. 429-437, Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

Wittchen, H.-U. & Jacobi, F. (2012). Was sind die häufigsten psychischen Störungen in Deutschland? Vortrag zum DEGS-Symposium, abgerufen am 02.12.2017 unter DEGS Symposium


 

Habt ihr Fragen an die Therapeutin oder an Lukas selbst? Dann stellt sie gerne.

Eine Übersicht über alle bisherigen Sitzungen findet ihr hier.

Ab Januar gibt es auch wieder freie Plätze für Romanfiguren mit Redebedarf.Es gibt keine Genre-Eingrenzung, nur sollten die Werke bereits veröffentlicht sein. Meldet euch gerne bei mir, wenn ihr Interesse habt.

3 Kommentare

  1. Sehr sehr coole Sitzung!
    Hatte die Ehre, Luc flüchtig kennen zu lernen. Ich hoffe wirklich, der Bursche kommt wieder auf die Füße – und endlich zu Inga. Sonst werden die dich beide nicht mehr Happy in diesem Leben!
    Wittert so, Frau Doktor.
    ;(

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