Verflucht & zugenäht

Derbe Sprache in der Fantasy-Literatur – Top oder Flop?

Ihr kennt das: In Filmen wird ständig geflucht. Kaum ein Hollywood-Blockbuster, in dem das F-Wort nicht am laufenden Band über die Lippen fließt. Für Alien 2 und 3 von Ridley Scott gibt es sogar ein passendes Trinkspiel: ein Shot für jeden Fluch. Aus sicheren Quellen weiß ich, man bleibt nicht lange nüchtern.

Aber wie ist das in Büchern, vor allem in der Fantasy, bei der man in der Regel einen sehr getragenen, blumigen, metaphorischen Schreibstil erwartet? Passen da Flüche oder Schimpfwörter überhaupt ins Repertoire der fantastischen Helden?

Fantastische Flüche und wo sie zu finden sind

Ich gebe unumwunden zu, bei „Opfermond“ würde sich ein Schimpfwörter-Trinkspiel ausgesprochen lohnen, zumindest dann, wenn ihr besoffen unter dem Tisch liegen wollt. Ja, es wird viel geflucht, vor allem in den Kapiteln, in denen Idra zu Wort kommt. Ihr loses Mundwerk ist Teil ihres Charakters und intensiv geprägt von der harschen, rauen Umgebung, in der sie aufgewachsen ist.

Generell ist derbe Sprache und die Verwendung von Flüchen und Schimpfwörtern ein charakteristisches Element düsterer Fantasy. In Jay Kristoffs „Nevernight“ übertrumpfen sich die Akteure regelmäßig in der Verwendung vulgärer Sprache, ebenso in Joe Abercrombies Klingenreihe oder in Susanne Pavlovics „Feuerjäger“-Trilogie. Schnell wird auf diese Weise deutlich, in welche Art von Welt sich der Leser hier verirrt hat und mit welchen Individuen er es zu tun bekommt. Hier gibt es keine romantischen Märchen, keine zuckerguss-rosa Regenbogenwelten und keine blumigen Beschreibungen. Hier geht es knallhart zur Sache.

IMG_20180112_163136Mia nickte. „Oh ja. Er ist so gefährlich wie ein Sack Schwarzflecknattern. Und eine echte Fotze, das steht fest.“
Der Junge hob die Augenbrauen, den Mund staunend geöffnet.
„Was?“
„Meine Mutter sagte, das sei ein schlimmes Wort“, erklärte Tric mit gerunzelter Stirn. „Das schlimmste überhaupt.“ […]
„Ach, tatsächlich?“ Das Mädchen zog wieder an ihrem Zigarillo. „Und wieso?“
„Weiß ich nicht“, brummte Tric verlegen. „Das hat sie eben gesagt.“
– Aus „Nevernight – Die Prüfung“ von Jay Kristoff (Verlag Fischer TOR)

Gib mir Tiernamen!

Wie alle sprachlichen Stilmittel erfüllt auch die Verwendung derber Sprache eine Funktion – oder sollte das zumindest, um vom Leser auch als Mittel zum Zweck erkannt zu werden und nicht nur als substanzlose Provokation. In Zeiten, in denen Flüche ihren Schrecken in der Gesellschaft verloren haben, kann die bloße Nennung solcher Worte ohnehin nicht mehr schockieren.

Derbe Sprache kann verschiedene Aufgaben im Text erfüllen. Zum einen kann sie helfen, Figuren zu charakterisieren. Ein verlottertes Straßenmädchen oder ein rauer Space-Marine haben vielleicht einen anderen Bezug zu Schimpfwörtern als ein Sohn aus gutem Hause. Oder flucht die elegante Fürstin vielleicht sogar besonders oft, weil sie sich von der spießigen Gesellschaft um sie her abgrenzen will? Oder um zu schockieren? Kurzum, Erzählstimmen oder Dialoganteile lassen sich durch sprachliche Entgleisungen angenehm variieren und schenken dem Leser ein Gefühl für die Persönlichkeit oder Geschichte des Charakters.

Zum anderen vermittelt derbe Sprache auch einen Eindruck von Authentizität. Menschen fluchen nun einmal laut und herzlich, wenn sie in einen Legostein treten, mit dem Kopf gegen das offene Fenster knallen oder einen fatalen Fehler zu spät bemerken. Flüche lassen einen Menschen überzeugender, glaubwürdiger und manchmal sogar sympathischer wirken – klingt absurd, ist aber sogar wissenschaftlich belegt. Auch Gefühle werden über Flüche oft besser und ehrlicher transportiert als über langwierige Beschreibungen. Eine im Zorn ausgestoßene Verwünschung oder eine fiese Beleidigung lässt den Leser intensiv an der Gefühlswelt des Protagonisten teilhaben und macht unmissverständlich klar, wie es ihm gerade geht: ziemlich bescheiden (das war übrigens ein Test – „beschissen“ hätte euch an dieser Stelle sehr viel stärker emotional involviert oder? Gebt es zu.)

Ganz abseits dieser sehr technischen Aspekte können Flüche auch eine tragende Funktion innerhalb einer Geschichte haben, nämlich dann, wenn sie – ganz unaufdringlich – Weltenbauelemente vermitteln. Der raue Fantasy-Held flucht eben nicht „verdammt“ oder „zum Henker“ oder „ach Gottchen“, sondern „bei den bebenden Möpsen Trelenes“ (Nevernight) oder „Meridias nackter Arsch“ (Feuerjäger). Solche Anspielungen lockern das Geschehen auf, bringen den Leser zum Schmunzeln (vielleicht) und geben ihm gleichzeitig das Gefühl, wirklich voll und ganz ins Geschehen eingetaucht zu sein. Kleine Details, aber mit großer Wirkung.

In puncto „Flüche und Weltenbau“ ist aber auch Vorsicht angezeigt. Viele Schimpfworte und Flüche in unserem Sprachgebrauch haben einen religiösen bzw. regionalen Hintergrund, der sich nicht eins zu eins auf ein Fantasy-Szenario übertragen lässt. Manche sind dagegen eng mit modernem Slang oder Jugendsprache assoziiert und daher nicht für alle Szenarien geeignet. Aber genau das lässt wiederum Spielraum für eigene Kreationen.

Muss das wirklich?

Natürlich darf man sich die Frage stellen: Muss das sein? Muss der Held oder die Heldin auf jeder Seite fünf verschiedene Personen als Bastard, Hurensohn oder Schlimmeres bezeichnen? Nein, natürlich nicht. Wie bei allen Stilmitteln gilt: Die Dosis macht das Gift. Nicht jedes Genre, nicht jeder Charakter, nicht jede Geschichte wird dadurch aufgewertet, im Gegenteil, manchmal kann der Schuss auch nach hinten losgehen. Gerade bei stark diskriminierenden, beleidigenden oder gar rassistischen Schimpfworten ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Bei rassistischen, homophoben oder frauenfeindlichen Charakteren mag es sinnvoll und authentisch sein, sie entsprechende Beleidigungen ausspucken zu lassen, doch sollte man sich der Wirkung dessen bewusst sein. Einen Bösewicht nur über seine derbe Sprache zu definieren ist darüber hinaus ziemlich plump.

In der Fantasy gefällt es mir gut, wenn auch Beleidigungen oder Schimpfwörter im Sinne des Weltenbaus variiert werden. In „Harry Potter“ gilt Schlammblut als schreckliche Beleidigung für muggelstämmige Zauberer. In der Königsmörder-Chronik ist das vermeintlich harmlose Wort Rabauke eine schlimme rassistische Beleidigung für das fahrende Volk der Edema Ruh. Natürlich entfalten diese Bezeichnungen nicht sofort dieselbe emotionale Wucht und erzeugen nicht dieselbe Empörung wie irdische Beleidigungen, gleichzeitig bergen sie aber auch nicht die Gefahr, Leser zu verletzen. Ganz abgesehen davon, dass solche Anekdoten auch dabei helfen, die Welt, in die man eingetaucht ist, intensiver zu illustrieren.

Fazit

Fassen wir zusammen. Derbe Sprache kann auch in Fantasy-Welten ihren berechtigten Platz haben, wenn sie hilft, die Welt oder die Figuren näher zu charakterisieren oder wenn sie der Authentizität der Charaktere zuträglich ist. Also, scheiße nochmal, lasst eure Figuren fluchen, wenn es zu ihnen passt. Überlegt euch kreative, interessante und spannende Möglichkeiten, die Welt eurer Figuren in ihre Flüche einzuweben. Dann haben eure Leser sich auch Spaß daran.

Was denkt ihr darüber, mögt ihr vulgäre Sprache in Büchern oder stört es euch eher? Wie geht ihr als Autor oder Autorin damit um? Habt ihr euch schon mal kreative Schimpfwörter für eure Romane ausgedacht? Wenn ja, erzählt doch mal. ^_^

8 Kommentare

  1. Es muss passen. Ja ich weiß, das ist schwammig formuliert. Aber es ist eben auch teils Geschmacksache.

    Es ist abhängig vom Ton und Milieu des Romans. Die Art und Häufigkeit muss mit dem Hintergrund und dem Charakter der Figur übereinstimmen. Gerade wenn ein Charakter häufig flucht, muss man es nicht immer ausschreiben. Lese ich Schimpfwörter und Flüche zu häufig, stumpft es mich im besten Fall gegenüber den Dialogen ab, im schlimmsten Fall lege ich das Buch zur Seite.

    Ja, Flüche und Schimpfwörter können zur Authentizität des Weltenbaus beitragen. Ich bevorzuge sie aber als Gewürz und nicht als Sauce, die alles übertüncht.

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    1. Hallo Ulrike,

      danke für deinen Kommentar. Ich stimme dir zu, es ist immer schwierig, solche Stilmittel zu verabsolutieren. Wie du sagst, es muss passen. Meine Lektorin hat aus meinem letzten Manuskript z.B. sehr viele „verdammt“ rausgestrichen – und das war wirklich gut so. Denn, wie du schon sagst, irgendwann stumpft der Leser ab oder ist schlimmstenfalls genervt.

      Das Bild mit der Sauce und dem Gewürz finde ich sehr stimmig!

      Liebe Grüße,
      Elea

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      1. Wobei ich noch hinzufügen möchte, dass allzu viel Kreativität zumindest mir persönlich nicht gefällt. Also so Sachen wie das beispielhafte „Bei Meridas nacktem Arsch“ finde ich gekünstelt/ unfreiwillig komisch. Das sind dann Stellen, bei denen ich als Leser merke, dass weltliche Flüche nicht passen und der Autor sich etwas „Baugleiches“/ Synonymes ausdenkt – oder sagen wir, dass es mir so vorkommt. Ich finde es Schöner, wenn Flüche schlicht und einsilbig gehalten werden. (Je nach Setting. Wenns orientalisches Klischee sein darf, kann man auch gern mit „Du räudiger Sohn einer myzonischen Hündin“ einen Streit anfangen. 😉 ) Weniger ist mehr, das gilt auch bei kreativen Neuschöpfungen, denke ich.

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  2. Kuriosum am Rande: Ich fluche kaum bis gar nicht.
    Das hängt teilweise mit meinem russischsprachigen Elternhaus zusammen. Im Russischen gibt es nämlich (ob durch den Einfluss der Sowjetunion oder nicht, weiß ich nicht) kaum religiöse Flüche (bis auf wenige Ausnahmen – es gibt einen glücksbringenden Spruch, auf den man mit „Zum Teufel!“ antworten muss und „Der Teufel hol’s!“ im Sinne von „Mist!“, das aber kaum verwendet wird.
    Alle anderen russischen Flüche sind zu 95% derb und gehören dem „Matt“ an, von dem es dann noch Abstufungen gibt (das Wort für „Arsch“ wird manchmal zärtlich verwendet ^^, „du Arsch“ bedeutet im Russischen meist „Du Tollpatsch“ oder „Mensch, bist du verpeilt“, manchmal substituiert mit „Du Hut“, das eher in Richtung „verpeilt“/“vergesslich“ zielt). Mehrstufiges Matt ist dann das, was man auf KEINEN Fall sagen sollte, wenn man als respektabel und gebildet gelten will. Verwendet das ein Kind in Gegenwart von Menschen, die die Eltern kennen, diskreditiert das die ganze Familie („Wie haben die Leute denn ihr Kind erzogen, dass es in der Öffentlichkeit xy zu sagen wagt?“).
    Das führt zu einem Kuriosum in der russischen Literatur. Flüche werden dort in der Belletristik nie, in der Krimiliteratur selten ausgeschrieben. Wer Flüche ausschreibt, dessen Buch gerät schnell in den Ruf, „Schwarze Literatur“ (pornografisch, minderwertig) zu sein.
    In „Zarin Saltan“, das in einem russischen Milieu spielt, gibt es diese Stelle:

    Viktor fluchte.
    »Kein Grund, sich gleich so auszudrücken!« Kurschakov seufzte.
    »Raus aus meinem Büro, du bist nicht mein Kindermädchen!« Viktor drohte ihm mit der leeren Kaffeetasse.

    Einige Testleserinnen meinten, ich solle an dieser Stelle doch ausschreiben, was Viktor gesagt hat. Genau das tat ich aber bewusst nicht, weil ich mit einem Roman im russischsprachigen Milieu auch der russischen Tradition treu bleiben wollte, Flüche nicht auszuschreiben. Was er gesagt hat, weiß ich dagegen sehr wohl, weil für genau diese Situation genau EIN Wort in Frage kommt.
    Im Russischen gibt es übrigens eine Reihe von Wörtern, die man zum Fluchen verwenden kann, ohne zu fluchen. (Wie beispielsweise „Sie ist eine Ballerina/Weißnäherin/Bibliothekarin“, um das Wort „Schlampe“ zu vermeiden. Oder das Wort „Pfannkuchen“, um genau das gleiche Wort zu vermeiden, falls es im Sinne eines gesteigerten „Mist!“ verwendet wird, wie in der Textstelle aus „Zarin Saltan“).

    Was dazu führt, dass ich mich schwer tue, wenn meine Charaktere fluchen. Denn das tun sie. Nur weil ich es nicht tue, darf ich meinen Charakteren nicht den Mund verbieten. Eine meiner Vampirinnen stammt aus dem Wilden Westen, da hat man nun mal nicht kultiviert gesprochen. Oder im Mittelalter oder oder oder.
    Oft muss ich mich überwinden, es hinzuschreiben und es kommt vor, dass ich Auslassungspunkte setze und erst beim Überarbeiten mich überwinden kann, auszuschreiben, was gerade gesagt wurde.

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    1. Danke für deine interessanten Einblicke, Evanesca. Gerade in Hinblick auf Weltenbau-Elemente hast du wirklich ein paar spannende Aspekte eingebracht. Darüber könnte man sich ja für Fantasy-Welten durchaus auch Gedanken machen. Wird überhaupt offen geflucht? Gilt das als anstößig oder als sehr gängig? Welche Flüche sind schlimmer als andere? Da kann man sogar ganze Plotstränge und Konflikte daraus konstruieren. 😀

      Gefällt 2 Personen

    2. Oh, das ist ja interessant. Da wird mir jetzt ein bisschen klar, warum meine Arbeitskollegin meint, ich solle nicht so viel fluchen/ „schlimme“ Wörter benutzen. Wobei mir normalerweise nur ein leises Shit oder Verdammt rausrutscht, wenn mir mal was runterfällt. ^^ (Und mir wird schon das fast kindliche/ verniedlichende Tadeln in einigen Märchenfilmen klarer …)

      Was ich an deinen Ausführungen interessant finde, ist dass es anscheinend doch derbere Wörter im Russischen gibt, alle sie kennen, aber keiner sie verwendet. Wie kann das kommen? Die Wörter übertragen sich nicht durch Gedankenübertragung. ^^ Gibt es also Situationen, in denen diese Wörter doch ausgeprochen werden?

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      1. Russischer Arbeitskollege? 😀

        Klar kennt man sie – wie meine Oma immer sagt „Wenn dich jemand beschimpft, solltest du immerhin wissen, was man da zu dir gesagt hat“, man weiß also, was es alles gibt. Aber man wird angehalten, es nicht zu verwenden.
        (Wobei meine Oma ab und zu schon recht derb fluchen kann in letzter Zeit und meine Schwester, die schon auf Deutsch wie ein Schornsteinfegerchen redet, soll das ja nicht aufsaugen, da führen wir dann Gespräche, dass sie sich die Wörter JA nicht angewöhnt, damit sie ihr außer Haus nicht rausrutschen o.O).
        Wobei nicht alle Haushalte so darauf achten, wie meiner :D. Ich hatte mal eine beste Freundin, die hat dauernd geflucht Und wir haben einen „Familienfreund“, der kann keinen Satz bilden, ohne fünf Mal das russische Wort für „Schlampe“ zu verwenden. Was zu einem Lachkrampf führte, als er meine Mutter anrief, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren ;-).
        (Wir wussten, dass er es weder böse meint noch überhaupt merkt, aber trotzdem.)
        Irritierenderweise benutzt dieser Mann das Wort aber auch, wenn er deutsch spricht, einfach alle zwei-drei Wörter.
        Also du bekommst schon (oft unfreiwillig) mit, was es gibt. Du wirst nur angehalten, es JA nicht selbst zu verwenden.

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