Die Erinnerung ist eine Pflicht gegenüber den Toten

Diese Reportage veröffentlichte ich 2006 in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, sie wurde damals vom Stern als beste Reportage mit dem Preis „Medien mit Mut“ ausgezeichnet. Inhaltlich und sprachlich habe ich nichts daran verändert, ich wollte sie so belassen, wie sie mein 16-jähriges Ich damals verfasst hat..


133716. Für uns ist es nicht mehr, als eine Aneinanderreihung von Ziffern, bedeutungslose Zahlen. Doch für Otto Jehoshua Schwerdt bedeuten sie weit mehr, als das. Sie sind ihm als Narbe auf den linken Arm gebrannt. 133716 – Zeichen für Schmerz, Qual und Todesangst. 133716 – Schwerdts Häftlingsnummer in Auschwitz-Birkenau. Sechzig Jahre ist es nun her, dass die Qualen der Konzentrationslager für immer vorbei sind, doch Schwerdt erinnert sich, als sei es gestern gewesen. Jedes schreckliche Detail, die Angst, die Schmerzen – sie sind ihm so nah wie immer und dennoch wirkt der mittlerweile fast 85-jährige, hagere Mann immer noch rüstig und tatkräftig, ist ohne Verbitterung.

1936 war es, dass die jüdischen Schwerdts gezwungen wurden, Deutschland zu verlassen. Otto Schwerdt, seine Eltern Eti und Max Schwerdt und seine Geschwister Meta und Sigi. Nur Schwerdt selbst und sein Vater sollten die schrecklichen Ereignisse überleben, die die Familie brutal auseinander rissen. Kein Grab, kein Stein, nur die Erinnerungen an die Toten sind geblieben. Schwerdt ist zwanzig Jahre alt, als man ihn nach Auschwitz bringt, allein sein Lebenswille machte ihn fähig, die Demütigungen der SS-Männer und die harten Arbeiten zu ertragen. Allein die Hoffnung, alles könne besser werden. Erst 1945 befreien die Amerikaner das KZ in Theresienstadt, der Krieg ist zu Ende, doch Otto Schwerdt und viele andere Menschen haben nicht nur einige kostbare Jahre ihres Lebens, sondern auch ihre Familie, verloren; manche auch für immer ihren Lebensmut, nicht so Otto Schwerdt.

Es hat dennoch lange gedauert, bis es ihm gelungen ist, die Ereignisse von damals zu verarbeiten, fünfzig Jahre lang hat er versucht sie zu verdrängen. „Tagsüber“, fügt er hinzu, „nachts ging’s nicht. Man träumt viel, vor allem wenn man älter wird.“ Ein Traum hat Schwerdt sein Leben lang verfolgt: Er sieht sich selbst an der Rampe von Auschwitz, mit einem Kind, seinem eigenen, und wird vor die Wahl gestellt: Mit dem Kind in die Gaskammern oder allein ins Zwangsarbeitslager. Und das Schlimmste sei, so Schwerdt, die Tatsache, dass er sich selbst im Traum nicht entscheiden könne. Auch an die Schauplätze sei er trotz der Gedenkfeiern zur sechzigjährigen Befreiung von Auschwitz dieses Jahr nicht mehr zurückgekehrt, zwei Mal war er dort, unter anderem 95. Es schaudert ihn noch immer, wenn er daran zurückdenkt. „Es war ganz schlimm für mich“, erklärt er leise, „ich habe die ganze Zeit geheult. Man kriegt einfach Angst, es ist, als käme man wieder ins KZ, man reißt alte Wunden wieder auf.“

Ein Traum hat Schwerdt sein Leben lang verfolgt: Er sieht sich selbst an der Rampe von Auschwitz, mit einem Kind, seinem eigenen, und wird vor die Wahl gestellt: Mit dem Kind in die Gaskammern oder allein ins Zwangsarbeitslager.

Erst mit seiner jüngsten Tochter Mascha hat er es geschafft, die Ereignisse aufzuarbeiten und sich dem Geschehenen zu stellen, 1998 erschien im Lichtung-Verlag ihr gemeinsam verfasstes Buch „Als Gott und die Welt schliefen“. Nicht um zu mahnen, wie er betont, sondern um zu erinnern, um besonders die Jugendlichen aufmerksam zu machen, anzuspornen, Dinge wie damals nicht wieder geschehen zu lassen. „Nicht nur hier“, bekräftigt er, „sondern auf der ganzen Welt.“ Auch heute noch kommen ihm häufig die Tränen, wenn er neue Stellen aus dem Buch liest. „An manche gewöhnt man sich mit der Zeit“, meint er, „doch man sieht trotzdem immer wieder die Bilder. Das sind Sachen, die aus dem Kopf gar nicht mehr rausgehen.“

Besonders lebhaft erinnert er sich noch immer an das Lagerleben, den Überlebenskampf jedes Einzelnen. Nichts als Glück hat ihm damals das Leben gerettet. „Man hat auch keine neuen Freundschaften geschlossen“, sagt Schwerdt. „Man stelle sich vor, man lernt jemanden kennen und morgen ist der Mann tot.“ Man teilte dasselbe Schicksal – und dennoch war Solidarität fern. Wenn man hungrig ist, so Schwerdt, gibt es keine Solidarität. Den Hass gegen die Aufseher, die seine Mutter, seine Schwester, seinen Bruder umbrachten, kann er nicht ganz verbergen. „Ich würde ihn nicht töten“, gibt Schwerdt zu, „aber ich würde ihn ganz schön vermöbeln.“ Eine Kollektivschuld hält er jedoch trotzdem für absolut unangebracht, es sei das Schlimmste, was man machen könne. Man dürfe nicht von den Deutschen, den Juden oder den Türken sprechen, sondern man müsse jedem Menschen seine Individualität geben, nur so sei es richtig.

Die Befreiung der KZs 1945 hat Schwerdt zunächst wie einen Traum erlebt, die Tatsache, auf einmal frei zu sein, essen zu können, Frauen und Kindern zu begegnen, die er zwei Jahre lang nicht gesehen hatte, erschien ihm zu irreal. Doch es sei nicht nur Freude gewesen, sagt Schwerdt, sondern auch Trauer und Verzweiflung über all das, was geschehen war. Zu viele Menschen hatten vor seinen Augen den Tod gefunden, zu viele waren gequält und geschlagen worden… zu viele, um Freude oder Euphorie zu empfinden.

Das Ende des Nazi-Regimes hat der damals erst 22-jährige genutzt, um sein Studium in Weiden zu beginnen, anschließend besuchte er in Regensburg die Theologisch-Philosophischen Hochschule. Seit 1954 lebt er auch dort und engagiert sich für die jüdische Gemeinde. Etwa 900 Mitglieder umfasst diese derzeit, davon sind 98 % russische Einwanderer. Nur wenige erscheinen regelmäßig am Sabbat in dem kleinen Betsaal des Gemeindehauses, das nur wenige Meter von der geschäftigen Fußgängerzone Regensburgs entfernt liegt – und ebenso nahe am Dom. „Denn mein Haus wird ein Bethaus sein für alle Völker“, dieser Satz des Propheten Jesaja steht groß an der gelben Fassade, sichtbar für jeden, der vorbei geht. Ein hoher Ginkgo streckt sich vor dem Haus in die Höhe. Er wurde, so Schwerdt, mit der Grundsteinlegung des neuen Gemeinde­hauses und der Mehrzweckräume gepflanzt. Er wächst mit der Gemeinde. Über dem Eingang steht in hebräischer Schrift: „Das Tor zu Gott“.

Die große, schöne Regensburger Synagoge fiel 1938 den Novemberprogromen zum Opfer, seither werden nur mehr kleinere Räumlichkeiten genutzt. Der kleine Betsaal mit dem Tora-Schrein für die Gottesdienste am Sabbat, der Gemeindesaal für größere Feste, wie Pessach oder Chanuka. Selbst praktiziert Schwerdt seinen Glauben nicht streng orthodox, doch man brauche schon eine gewisse Moral. Die 10 Gebote seien ja ganz schön, meint Schwerdt, doch er fahre trotzdem am Sabbat mit dem Auto. Er lächelt. „Ich sage mir immer, wenn der Moses gewusst hätte, dass man mit einem Auto so schön fahren kann, hätte er dieses Gesetz nicht erlassen.“ Respekt habe er natürlich trotzdem vor Juden, die nach wie vor orthodox nach dem Glauben leben, koscher essen und sich strikt an die Gebote halten. „Doch“, diese Bedingung stellt er, „sie sollen nicht wollen, dass ich so werde, wie sie.“ Möglich sei es jedoch wieder, seinen jüdischen Glauben streng zu leben. Auch in der Gemeinde gebe es, so Schwerdt, eine koschere Küche. Zudem beinhaltet das Gemeindehaus auch eine jüdische Schule, allerdings nur für Religion – und Hebräisch. Die Sprache lernen die Kinder und Jugendlichen allerdings eher zum Lesen und Übersetzen als zum Sprechen. Nach sechzig Jahren können Juden in Regensburg also nun wieder Juden sein.

Erfahrungen mit Antisemiten musste jedoch auch Schwerdt machen, nach einem Fernsehauftritt wurde er mit beleidigenden Anrufen belästigt, man beschimpfte ihn unter anderem als „Saujuden“, doch Schwerdt lächelt verschmitzt, als er ergänzt: „Aber ich habe ja eine kluge Frau, die hat sich eine Pfeife gekauft und beim nächsten Anruf hat sie laut in den Hörer gepfiffen. Und der hat aufgehört.“ Gegen Anrufe kann man sich wehren – doch was Schwerdt besonders belastet und empört, ist vor allem die Tatsache, dass antisemitische, rechtsgerichtete Parteien wie die NPD in deutsche Landtage gewählt werden. „Es ist absolut unverständlich für mich“, meint Schwerdt kopfschüttelnd, „ich verstehe die Wähler nicht. Die NPD nutzt ja die freie Demokratie, um die Demokratie zu zerstören. Es ist jammervoll, dass man die überhaupt wählt.“

Was Schwerdt besonders belastet, ist vor allem die Tatsache, dass antisemitische, rechtsgerichtete Parteien wie die NPD in deutsche Landtage gewählt werden. „Es ist absolut unverständlich für mich“, meint Schwerdt kopfschüttelnd, „ich verstehe die Wähler nicht.

Angst empfindet er jedoch keine, denn, so Schwerdt: „Solange der Staat Israel existiert, wird einem Juden immer ein Zufluchtsort bleiben.“ Seiner Meinung nach hätte das Schicksal vieler Juden abgewendet werden können, hätte es Israel als freien Staat bereits zur Hitler-Zeit gegeben. Selbst hat er sechs Jahre in Israel gelebt, sogar als Soldat im Unabhängigkeitskrieg gekämpft, hat die Entwicklung des Staates selbst miterlebt. „Es muss Frieden kommen“, erklärt Schwerdt deutlich, „und wenn, dann wäre ich der glücklichste Mensch.“ Nach dem Krieg in Europa nach Israel zu gehen, wo Schwerdt auch Frau Gela kennen gelernt und geheiratet hat, war nicht leicht. Deutsch zu sprechen war dort unmöglich, selbst zehn Jahre nach Kriegsende. Nicht einmal seine Narben, seine Kennnummer rechtfertigten es hier, Deutscher zu sein. Schwerdt steht sehr dahinter, Israel und Deutschland in enger Verbundenheit zu sehen, hierbei unterstützt er auch Joschka Fischer, der in einer Rede vor der UN feststellt, das Existenzrecht des Staates Israel müsse immer ein fester Bestandteil deutscher Außenpolitik sein. Besonders gefreut habe er sich auch über die Rede Horst Köhlers, der in einer Ansprache zum Gedenktag einige Zeilen auf Hebräisch sprach. Selbst einen Dankesbrief an den Bundespräsidenten habe er daraufhin verfasst.

„Es muss Frieden kommen“, erklärt Schwerdt deutlich, „und wenn, dann wäre ich der glücklichste Mensch.“

Als einer der letzten Zeitzeugen hat man es natürlich nicht leicht; die Angst, dass vielleicht einmal alles vergessen sein soll, besteht durchaus. „Ich hoffe“, so Schwerdt, „dass man sich weiter daran erinnert. Schon allein deswegen, damit so etwas nicht wieder passiert.“ Denn dass die Generation, die die Nazizeit selbst erlebt hat, aussterben wird, steht außer Frage. Natürlich wirkt Schwerdt auch dagegen, gegen das Vergessen, durch Besuche in Schulen, Lesungen und nicht zuletzt allein durch seine bloße Existenz. Genau aus diesem Grund ist es seiner Meinung auch wichtig, einen festen Gedenktag für die Opfer der Konzentrationslager einzulegen, seit 1996 ist dies der 27. Januar – der Tag der Befreiung von Auschwitz. Doch ein einziger Tag, so Schwerdt, reiche nicht aus. Die Menschen sollten es sich immer wieder vergegenwärtigen, immer wieder in der Geschichte dabei sein, um dem Vergessen vorzubeugen.

„Ich hoffe“, so Schwerdt, „dass man sich weiter daran erinnert. Schon allein deswegen, damit so etwas nicht wieder passiert.“

Nicht zuletzt spielen hier auch Filme eine große Rolle, doch „Der Untergang“ hat Schwerdt nicht angeschaut. „Ich will diese Fratzen nicht sehen“, erklärt er strikt, „auch, wenn es nur Schauspieler sind.“ Einer der Filme, den er als besonders authentisch beschreibt, ist die Spielberg-Produktion „Schindlers Liste“. „Ich habe selbst mit Leuten gesprochen, die bei Schindler waren“, erzählt Schwerdt, ein Freund von ihm sei selbst derjenige gewesen, der Schindler in Israel zu Grabe getragen habe. Doch mehr Filme zu diesen Themen habe er nicht gesehen. „Ich kann mir so etwas nicht anschauen“, meint er, „dann kann ich überhaupt nicht mehr schlafen.“

IMG_20180828_103853Doch so authentisch Verfilmungen auch sein mögen – nichts ist authentischer als die Zahl auf Otto Schwerdts Arm, seine Narben, die körperlichen wie die seelischen. Und seine Erinnerungen. „Die Erinnerung ist eine Pflicht gegenüber den Toten“ – diesen Satz pflegt er als Widmung in sein Buch zu schreiben.

Und wenn wir diese Pflicht nicht vergessen, dann werden auch all die Menschen, die im Holocaust litten und starben, Otto Jehoshua Schwerdt eingeschlossen, niemals vergessen werden.

 


Otto Schwerdt ist etwa zwei Jahre nach diesem Interview, im Dezember 2007, verstorben. Den Aufstieg der AfD, die Prozesse gegen den NSU und den Rechtsruck in Europa hat er nicht mehr miterleben müssen. Ich will mir nicht ausmalen, wie ihm zumute wäre, wenn er sehen wüsste, dass nur 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz rechte Mobs zum Angriff auf Migranten aufrufen und das Denkmal des Holocausts in Berlin als „Mahnmal der Schande“ diffamiert wird. Trotzdem hätte Otto Schwerdt nicht geschwiegen. Er wäre aufgestanden gegen den Hass und hätte seine Stimme erhoben. Heute kann er das nicht mehr tun – deswegen ist es unsere Aufgabe, seine Worte und die all der anderen Zeitzeugen weiterzutragen. Gegen das Vergessen. Gegen Hass, Hetze, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Denn wenn wir in 70 Jahren zurückblicken kann keiner von uns sagen, er hätte von nichts gewusst.


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Otto Schwerdts Biographie „Als Gott und die Welt schliefen“, verfasst gemeinsam mit seiner Tochter, ist im Lichtung Verlag erschienen.

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Otto Schwerdt auf Wikipedia