Die Kurzgeschichte – Lust oder Laster?

„Eine Kurzgeschichte ist eine Geschichte, an der man sehr lange arbeiten muss, bis sie kurz ist.“
– Vicente Aleixandre

Das Tolle an der Autoren-Community ist ja, es gibt immer spannende Diskussionen. Letzte Woche hat der Kollege Marcus Johanus – dem einen oder anderen vielleicht von den Schreibdilettanten bekannt (wenn nicht, guckt euch die Videos an, sie sind super hilfreich!) – in einem Blogartikel dazu aufgerufen, als Autor Abstand von Kurzgeschichten zu nehmen, und die Twitter-Gemeinde hat intensiv darüber diskutiert.

Vier Argumente stehen für Marcus Johanus im Vordergrund:

  1. Kurzgeschichten rauben wertvolle (Schreib-)Zeit, die besser in Romane investiert wäre.
  2. Kurzgeschichten haben nichts mit Romanen zu tun und schaden sogar einem guten Romanstil, da in Kurzgeschichten bewusst Dinge verschwiegen, weggelassen oder verschleiert werden.
  3. Kurzgeschichten haben eine eingeschränkte Zielgruppe und verkaufen sich nicht gut.
  4. Mit Kurzgeschichten verbrennt man den eigenen Namen und schreckt Verlage eher ab.

So nachvollziehbar Marcus‘ Argumentation in diesen Punkten ist, ich will ihnen trotzdem widersprechen. Nicht, weil ich den Kollegen diskreditieren oder ihm seine Meinung absprechen will, sondern schlichtweg deswegen, weil sich unsere Perspektiven auf dieses Thema stark unterscheiden. Das mag auch am bevorzugten Genre oder der Größenordnung liegen, in der wir denken. Einige Ideen hat auch Frau Schreibseele auf ihrem Blog bereits gut auf den Punkt gebracht.

Zeitfresser Kurzgeschichte?

Schon das erste Argument kann ich persönlich nicht wirklich nachfühlen. Ich empfinde Kurzgeschichten als wesentlich anspruchsvoller als Romane – und wenn ich die Wahl hätte, ich würde immer das Romanschreiben vorziehen. Insofern, keine Gefahr, dass ich mit dem Schreiben einer Kurzgeschichte prokrastiniere. Eher läuft es umgekehrt.

Kurzgeschichten sind für mich Intermezzi, die ich einschiebe, wenn ich eine schöne Ausschreibung finde, wenn ich etwas ausprobieren oder ein lästiges Plotbunny möglichst kurz und knackig loswerden will. Denn mal ehrlich, es mangelt nie an Ideen – aber wenn aus jeder Idee ein Roman würde, dann wäre meine Liste zu schreibender Bücher noch länger, als sie sowieso schon ist. Abgesehen davon kann eine Kurzgeschichte ein toller Auftakt zu einem Roman werden – meine Gay Fantasy „Unter einem Banner“ ist genauso entstanden.

Kurzgeschichte und Roman müssen sich also nicht ausschließen, im Gegenteil. Sie können voneinander profitieren. Zudem kann die Vorstellung, einen ganzen Roman zu schreiben, gerade für Anfänger extrem erdrückend sein. Warum nicht klein anfangen und sich „hoch arbeiten“?

You fail only if you stop writing

Sicherlich sollte man dabei Schreibregeln nie aus den Augen lassen. Kurzgeschichten folgen anderen Strukturen als Romane. Aber mal ehrlich – das tun unterschiedliche Genres auch. Ein Liebesroman schreibt sich anders als ein Thriller oder eine Romanze, trotzdem sind viele Autoren in verschiedenen Genres unterwegs, ohne, dass es ihrem Stil schadet. Warum sollte das also eine Kurzgeschichte tun?

Alle Schriftsteller, die je nach Schreibtipps gefragt wurden, waren sich in einem Punkt einig: Man lernt nur durch das Schreiben. Und ehe man gar nichts schreibt, warum keine Kurzgeschichte, um sich ausprobieren, um zu experimentieren, um neue Perspektiven oder Stile zu testen? Für mich funktioniert das hervorragend. Gerade das Hineinspringen in ein Setting oder in Figurenkonstellationen empfinde ich als tolle Übung, um Szenen zu gestalten, Infodump zu umgehen und nur das Notwendigste zu erzählen. Dinge konkret und zügig auf den Punkt zu bringen, intelligente Konflikte auf kleinem Raum zu gestalten, Settings mit wenigen Worten lebendig werden zu lassen – das alles sind Dinge, die einen Kurzgeschichten lehren.

Brotlose Kunst

Was man sicherlich nicht abstreiten kann, ist die Tatsache, dass sich Kurzgeschichten schlechter verkaufen als Romane. Das ist allerdings auch ein rein deutsches Phänomen, in Amerika haben Short Stories einen wesentlich besseren Stellenwert. Hier beißt sich der Hund also in den Schwanz – lesen die Deutschen keine Kurzgeschichten, weil es keine gibt, oder gibt es keine, weil sie nicht gelesen werden? Diese Frage kann niemand abschließend beantworten.

Fakt ist: In Großverlagen sind Kurzgeschichten und Anthologien kein Thema, im Indie-Bereich hingegen haben sie einen festen Stellenwert. Kleine, feine (Fantastik-)Verlage wie der Verlag Ohneohren, der Art Skript Phantastik Verlag oder auch der Verlag Torsten Low bestechen seit Jahren durch tolle, vielseitige Anthologien, die regelmäßig für den Deutschen Phantastik Preis nominiert werden. Auch im Horror-Genre begegnet man immer wieder tollen Anthologien, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, man denke nur an Stephen King oder die Altmeister H.P. Lovecraft oder Edgar Allan Poe. Es zeigt sich also: Es gibt einen Markt für Kurzgeschichten, sie machen allerdings nicht (mehr) reich.

Schade ist in dem Zusammenhang auch, dass einige Verlage gar keine Honorare für Kurzgeschichten-Beiträge in Anthologien anbieten. Auch wenn wenige Cents pro Exemplar sicher nicht reich machen, es ist eine Wertschätzung der Arbeit, die dahinter steckt. Und Sätze wie „das ist doch tolle Werbung für dich“ hat u.a. Nina George in ihrem offenen Brief an Audible und Lufthansa effizient entkräftet.

Sackgasse oder Tor in die Verlagswelt?

Was ich persönlich nicht glauben kann (auch wenn mir hier die Erfahrung fehlt), ist, dass veröffentlichte Kurzgeschichten einen negativen Effekt bei der Verlagssuche haben. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Verlag einen Autor eher ablehnt, wenn er Kurzgeschichten veröffentlicht hat, als wenn er noch gar keine Veröffentlichung vorweisen kann. Denn, wer in einer Anthologie erscheint, hat sich durch einen Auswahlprozess geboxt, eine Deadline eingehalten, eine Geschichte zu einem vordefinierten Thema geschrieben und an seinem Stil gearbeitet. Wirklich, ihr lieben Verlage und Agenten da draußen, ist das nichts wert? Gar nichts? Ich glaube das nicht.

Tatsächlich kenne ich mehr Beispiele, die für das Gegenteil sprechen: Autoren, die mit Kurzgeschichten gestartet sind und sich im Zuge dessen einen festen Platz erarbeitet haben. Das gilt zum Beispiel für Fabian Dombrowski, der sowohl als Verleger, als auch als Autor im Kurzgeschichten-Bereich unterwegs ist, aber auch für Tanja Rast, Robert von Cube, Markus Cremer und – last but not least – auch für mich selbst. Verlegerin Ingrid Pointecker vom Verlag Ohneohren hat ein paar dieser Karrieren in einem Blogartikel zusammengefasst.

Unabhängig von ihrem Erfolg können Kurzgeschichten also durchaus ein Tor in die (Indie-)Verlagswelt sein. Man lernt Kollegen kennen, Verleger und Verlegerinnen, bekommt die Chance auf Lesungen, auf Messepräsenz oder Online-Leserunden. Auch wenn sich Leser also nicht konkret an den Autorennamen in einer Anthologie erinnern, die persönliche Reichweite und die eigene Erfahrung steigen enorm.

Jede Seite wirkt 

Also, ihr Lieben da draußen: Lasst euch nicht abschrecken. Wenn ihr Lust auf eine Kurzgeschichten-Ausschreibung habt, wenn ihr etwas Abwechslung braucht, wenn ihr euch ausprobieren, experimentieren und Neues wagen wollt, dann ergreift die Chance. Vielleicht wird es nicht euer großer literarischer Durchbruch. Vielleicht werdet ihr nicht reich daran. Vielleicht klappt es nicht einmal mit der Veröffentlichung. Aber mit jeder Seite, die ihr schreibt, sammelt ihr Erfahrung, und mit jeder veröffentlichten Geschichte wächst euer Selbstbewusstsein und eure persönliche Reichweite. Wenn ihr mit Kurzgeschichten dagegen gar nichts anfangen könnt oder euch lieber auf eure Romane konzentriert – nur zu. Hauptsache, ihr hört nicht auf zu schreiben.

Wenn ihr übrigens ein paar tolle, fantastische Kurzgeschichten lesen wollt, schaut doch mal bei den oben erwähnten Verlagen vorbei. Ich bin mir sicher, ihr werdet fündig.

Wie steht es um euch, lest ihr Kurzgeschichten? Schreibt ihr sie gerne oder eher selten? Was fällt euch leichter – lange Erzählungen oder knackige Kurzgeschichten? Lasst es mich wissen.

Charaktere auf der Couch: #4 Kurt

In der heutigen Sitzung lernen wir Kurt kennen. Er ist ehemaliger Bundeswehrsoldat und mittlerweile viel beschäftigter Privatdetektiv in – nun ja – ganz besonderem Auftrag. Seine Ehefrau Sonja, mit der er einen kleinen Sohn hat, macht sich allerdings Sorgen um ihren Ehemann. Offensichtlich scheint Kurt schön langsam den Verstand zu verlieren. Wir gehen der Sache lieber auf den Grund.

Ah, Sonja, schön, dass Sie da sind. Nehmen Sie doch Platz. Es geht um Ihren Ehemann Kurt, nicht wahr? Schildern Sie mir doch noch mal kurz, warum Sie hier sind.

Ja, ähm, hallo. Danke. Sie setzt sich und streicht mit beiden Händen Ihre roten Locken nach hinten. Kurt, ja, um den geht’s.

Einen Moment starrt sie unschlüssig vor sich hin, dann holt sie tief Luft. Ich sollte wohl erst ein bisschen über uns beide erzählen. Kurt und ich, wir haben uns vor knapp drei Jahren kennengelernt. Über meine Schwester. Siearbeitete damals in so einem Institut in München, das beschäftigt sich mitPolitik- und Gesellschaftsforschung.

Sie stutzt und macht lächelnd eine wegwerfende Handbewegung. Ach, das tut ja nichts zur Sache. Also, Anke – so hieß meine Schwester, sie ist im Sommer darauf gestorben – hatte Kurt zufällig getroffen, als wir beide Eis essen waren. Sie hat ihn zu uns an den Tisch gewunken, und er hat mir einfach sofort gefallen. Fast zwei Meter groß, breit und sportlich, ein markantes Gesicht. Ein paar Narben hat er, aus Afghanistan, aber …

Ich bin mir sicher, das ist eine sehr romantische Geschichte, Sonja, aber wir müssen auch auf die Zeit achten, ja? Also, warum sind Sie hier?

Sie knetet ihre Finger durch. Also, eigentlich macht der Kurt einen vollkommen normalen Eindruck, und als er mir damals erzählt hat, dass er sein Trauma von Afghanistan erfolgreich besiegt hat, da hab ich ihm das geglaubt. Nur fürchte ich jetzt, er hat dieses Trauma durch … ich weiß nicht … naja, eine Wahnvorstellung ersetzt. Die er aber absolut ernst nimmt. Und da sitze ich jetzt mit unserem zwei Monate alten Sohn und muss glauben, dass sein Vater – sie lacht hysterisch auf – irre ist.

Irre? Was meinen Sie damit?

Ähm … Er macht da ja so ein Geheimnis draus. Ich musste ihm schwören, niemandem was zu sagen. Hab ihn auch nur mit Mühe dazu gebracht, hierher zu kommen. Er ist nur bereit, das ganze Thema hier zu besprechen, weil er sich auf Ihre Schweigepflicht verlässt. Und er besteht darauf, Ihnen selbst zu sagen, worum es geht – wenn überhaupt.

Nun gut, dann holen wir ihn dazu. Kurt? Würden Sie sich zu uns setzen?

Kurt kommt herein und setzt sich neben Sonja. Für so einen großen Kerl schaut er ziemlich verschüchtert drein, streicht sich verlegen über seinen Stoppelhaarschnitt.

Grüß Gott dann auch.

Guten Tag Kurt, schön, dass Sie gekommen sind. Ihre Frau sagt, es gäbe da etwas, das Sie mir sagen möchten. Sie macht sich große Sorgen um Sie. Können Sie sich vorstellen, worum es geht?

Na, dass ich es unbedingt sagen will, ist reichlich übertrieben. Ich bin nur hier, weil Sonja darauf besteht. Sie unterliegen auch garantiert der Schweigepflicht, ja? Das ist mir sehr wichtig!

Natürlich. Sie können sich darauf verlassen, dass nichts nach außen dringt.

Na schön. Er setzt ein paar Mal zum Sprechen an, bis er endlich was rausbringt.

Ich verstehe ja, dass Sonja mich für geisteskrank hält, bei dem, was ich ihr eröffnet habe. Ihnen wird das nicht anders gehen, und ich würde genauso reagieren, wenn ich es nicht besser wüsste.

Ach, wenn Sie wüssten, mit wem ich es die letzten Wochen so zu tun hatte … Also, nun raus mit der Sprache!

 Tja … na gut … also ganz direkt: Ich habe beruflich und privat mit … ähm … mit … Leuten zu tun, die man gemeinhin eher in Märchen und alten Sagen verortet, aber nicht in der Realität.

Wollten Sie nicht ganz direkt sein? Ich kann ja schlecht raten, was Sie meinen. Elfen? Die Men in Black? Engel? 

Die auch. Also, die Engel. Wenn auch sehr selten, die beiden haben meistens zu tun.

Wie bitte?

 Sonja verschränkt die Arme vor der Brust. Sehen Sie? So hab ich auch reagiert. Ganz zu schweigen von den Göttern.

Macht sich eifrig Notizen. Aha, lassen Sie mich das verstehen, Kurt. Gott und die Engel – sehen Sie die nur oder sprechen Sie auch mit Ihnen? Wie lange geht das denn jetzt schon so, können Sie sich erinnern, wann es angefangen hat?

Klar kann ich das. Das war im Frühjahr 2012, als ich meinen ersten richtig interessanten Fall als Privatdetektiv hatte. Dabei wollte ich den erst gar nicht annehmen. Wenn ich geahnt hätte, was da wirklich auf mich zukommt …

Er schaut zu Sonja neben sich.  Andererseits … ohne diesen Fall damals hätte ich auch Sonja nie kennengelernt, von daher … Ach so, und natürlich sehe ich die nicht nur, sondern spreche auch mit ihnen. Das Sehen ist dazu gar nicht mal unbedingt nötig, zumindest bei den aktiven. Aber das ist dann doch etwas gewöhnungsbedürftig, so eine Stimme im … ähm … Er merkt, was er da sagt, und schweigt lieber.

In Ihrem Kopf, wollten Sie sagen? Kurt, nur so der Vollständigkeit halber: Nehmen Sie eigentlich irgendwelche Medikamente? Oder …

Drogen meinen Sie? Er lacht sarkastisch.
Nein, glauben Sie mir, selbst mein etwas … sagen wir erhöhter Alkoholkonsum damals ist längst passé. Aber ich versteh schon, dass sie den Verdacht haben. Wie gesagt, ich würd’s ja selbst nicht glauben, wenn ich’s nicht besser wüsste.

Sonja schaut die Therapeutin gequält an. Verstehen Sie jetzt, warum ich mir Sorgen mache? Er ist ein toller Vater, auch für meine beiden Großen, aber … Sie schaut nun schüchtern Kurt an. Ich hab schon etwas Bedenken, wie sich solche Wahnvorstellungen auswachsen könnten.

Kurt schnaubt. Ich wollte dich ja mitnehmen und ihnen vorstellen, aber da warst du dann auch nicht einverstanden.

Sie meinen, diese Engel und sogar Gott würden auch mit Sonja sprechen?

Schätze schon, ja.

Wohin müssten sie Sonja dann mitnehmen? In eine Kirche?

Kurt winkt ab. Nein, da würden wir bestenfalls AJ und seine Jungs treffen. Wobei wir dazu auch nicht unbedingt in eine … warten Sie mal.
Er schaut nachdenklich von der Therapeutin zu Sonja und zurück. Schließlich seufzt er. Wissen Sie was? Ich funk ihn grad mal an. Beenden wir diesen Quatsch hier.

Äh, anfunken? Wen? Kurt, ich denke nicht, dass Sie …

Warten Sie’s ab. Wenn er nicht grad wieder irgendwo auf der Welt versucht, ein paar selbsternannte Supermoslems oder so zur Räson zu bringen, ist er vielleicht auf Empfang. Er schließt die Augen und sieht sehr konzentriert aus.

Kurt? Kurt ist alles in Ordnung? Können Sie mich hören?

Sonja zuckt hilflos die Achseln und zeigt mit fragendem Gesichtsausdruck eine Mattscheibe.

Plötzlich ertönt eine weitere Stimme. Aber nicht doch. Sonja, was denkst Du nur von Deinem Mann?

Was? Wie zum …? Wie sind Sie hier reingekommen? Da ist doch … gar keine Tür!

Mitten im Raum steht ein runzliger, kleiner Mann mit dicker Hornbrille und einem verschmitzten Lächeln in den Augen.

Kurt stößt einen Seufzer aus. AJ, da bist Du ja!

Ist doch Ehrensache, mein Junge. Er legt der Therapeutin die Hand auf die Schulter und schaut ihr in die Augen. Sie hat noch nie so viel Wärme und Güte in einem Blick gesehen. Ich denke, ich kann das mit den Beiden regeln. Wärst du so nett, mir mal kurz dein Büro zu überlassen?

 Äh … klar … nur zu. Viel Spaß. Ich brauch jetzt erst mal einen Schluck.


Tja, vKurtCoverielleicht ist Kurt gar nicht so verrückt, wie er auf den ersten Blick scheint. Wenn ihr euch davon überzeugen wollt, „Kurt – in göttlicher Mission“ aus der Feder von Sascha Raubal ist direkt beim Machandel-Verlag und bei den gängigen Online-Händlern erhältlich. Ein weiterer Fall ist bereits in Arbeit und soll noch dieses Jahr erscheinen, haltet also die Augen offen.

Sascha Raubal: fantasy.raubal.de

 


Wenn ihr Kurt, Sonja, AJ oder mich noch mit Fragen löchern wollt, nur zu. Vielleicht habt ihr ja eure ganz eigene Sicht dessen, was real ist und was nicht.

Der nächste Sitzungstermin findet am 7. August statt. Mein Patient ist der englische Gentleman Horatio unter dessen charmanter Fassade eine ziemlich düstere Persönlichkeit lauert. Mal sehen, ob wir seinem wahren Ich auf die Schliche kommen.

Für eine Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

 

Hilfe, ich bin langweilig!?

Oder: Man muss nicht in der Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben

Schreibe über das, was du kennst. Diesen Tipp hat sicher jeder schon mal irgendwo gelesen und er hat definitiv seine Berechtigung. Als Profi oder wenigstens Amateur in einem Gebiet tut man sicher leichter, Themen korrekt und umfassend darzustellen und einen guten Zugang dazu zu finden. Trotzdem werden die wenigstens Krimis von Polizisten, Anwälten oder Kommissaren geschrieben, sondern von AutorInnen, die sich in die Materie einarbeiten müssen.

Daran findet niemand etwas Verwerfliches – zurecht. Wie Maxim Gorkij einmal sagte: „Man muss nicht in einer Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ Als Leser schätzt man Fachkompetenz, aber zu viel Insiderwissen kann der Dramatik einer Story sogar abträglich sein. Immerhin wissen wir alle, dass Polizeiarbeit wesentlich trockener ist als in Krimis dargestellt, aber wir sind froh, dass nicht der Großteil der Kriminalromane davon handelt, wie der Kommissar interne Berichte verfasst. Und wir sind dann doch eher froh, dass Krimiautoren nicht erst einen Mord begehen müssen, um aus der Perspektive eines Mörders zu erzählen.

Diversität und ihre Grenzen?

Heikler wird es dagegen bei Charaktereigenschaften, Persönlichkeit, sexueller Orientierung. Im Netz finden sich immer wieder kritische Kommentare, so wie dieser.

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Der Wunsch dahinter ist nachvollziehbar. Leser wollen durch Figuren angemessen repräsentiert werden und fühlen sich wohler in dem Wissen, dass der Autor/die Autorin weiß, worüber er/sie schreibt, vornehmlich aufgrund eigener Erfahrung. Sie wollen sich nicht von einem „Outsider“ erklären lassen, wie ihre Welt funktioniert, wie ihre Probleme aussehen oder wie sie damit umzugehen haben. Sie wünschen sich Authentizität.

Hier stoßen wir allerdings auf ein Problem: Würden Autoren nur noch über Protagonisten ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Lebenserfahrung schreiben, wäre die Buchwelt ziemlich eintönig. Sieht man sich den deutschen Buchmarkt an, wäre der durchschnittliche Roman-Protagonist vermutlich ein verheirateter Mittelschicht-Mann in den Dreißigern mit einem Studienabschluss. Vielleicht auch eine Mittelschicht-Frau mit Familie und Teilzeitjob. Sicherlich lässt sich auch daraus eine interessante Geschichte stricken – aber so ganz ohne Diversität wäre der Buchmarkt verdammt langweilig. Am Ende beißt sich der Hund also in den Schwanz, denn gerade Menschen abseits der Norm verdienen es, in Büchern repräsentiert zu werden – das könnte unter dieser Prämisse aber nicht funktionieren.

Als AutorInnen ist es unsere Aufgabe, über den Tellerrand hinauszusehen, uns mit anderen Kulturen und Lebenseinstellungen zu beschäftigen und darüber zu schreiben, doch leider führen Aussagen wie die obere eher dazu, dass Autoren den Mut verlieren und sich doch wieder den üblichen Standards zuwenden. Nach dem Motto: „Ich will niemandem auf den Schlips treten.“

Recherche, Sensibilität und Empathie

Ich denke, ich muss nicht erwähnen, dass (gute) AutorInnen recherchieren. Nicht nur Fakten, sondern auch Erfahrungsberichte, Lebensgeschichten und Einstellungen. Wenn wir über einen Biologielaboranten schreiben, informieren wir uns über seine Arbeit. Wenn wir über einen Menschen mit Depression schreiben, informieren wir uns über seine psychische Störung. Und wenn wir über einen POC-Menschen schreiben, informieren wir uns über Erfahrungen, die er vielleicht gemacht haben könnte. Nichts ersetzt diese Arbeit – sie gehört zum Handwerk wie das Schreiben selbst.

Trotzdem bleiben auch Erfahrungsberichte nur das, was sie sind: individuelle Lebensgeschichten, keine absoluten Wahrheiten. Jeder Mensch ist einzigartig und besonders, die Erfahrungen des einen sind nicht automatisch die Erfahrungen des anderen, ebenso wenig Gefühle oder Vorlieben. Jede Roman-Figur ist ein Individuum und wir sollten uns immer Mühe geben, genau das zu transportieren. Ein guter Roman braucht keine Abziehbilder, sondern echte, authentische Charaktere.

Neben Recherche lautet das Zauberwort also: Empathie und Sensibilität. Ich gebe zu, ich bin in Bezug auf meine Lebensgeschichte ein ausgesprochen langweiliger Mensch. Ich bin weiß, stamme aus einer Akademiker-Familie, hatte nie ein Alkohol- oder Drogenproblem, lebe seit 10 Jahren in einer stabilen, heterosexuellen Beziehung und hatte nie mit dem Tod eines nahen Angehörigen, einer Scheidung oder einer psychischen Krankheit zu kämpfen. Für dieses Glück bin ich verdammt dankbar. Trotzdem gebe ich mir Mühe, diese Themen in meinen Büchern angemessen umsetzen. Ich versuche, authentische Figuren zu entwickeln, mich in sie hinein zu versetzen, mir zu überlegen, wie sie mit Erfahrungen in ihrem Leben umgegangen sind, wie diese sie geprägt haben. Ich kann nicht versprechen, dass mir das immer gelingt, das wäre vermessen. Aber ich tue mein Möglichstes.

Macht Mut, keine Angst!

Deswegen möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für alle AutorInnen brechen, die sich Mühe geben, Diversität in ihren Romanen einen Platz einzuräumen, auch – oder gerade weil! – sie selbst keine eigenen Erfahrungen mit Rassismus, Homophobie oder Sexismus gemacht haben. Seit mutig, stellt euch der Herausforderung – es lohnt sich!

Außerdem möchte alle LeserInnen ermutigen, AutorInnen nicht durch Aussagen wie die oben genannte zu demotivieren, damit schadet ihr letztlich nur euch selbst. Setzt Impulse, sagt, welche Klischees euch stören, gebt AutorInnen Tipps, wie sie sich informieren können. Nur so schaffen wir gemeinsam spannende, tiefgehende Geschichten ohne Klischees, die genauso bunt und vielfältig sind wie das Leben selbst.

Charaktere auf der Couch: #3 Varek

Die heutige Therapiesitzung wird für mich besonders anspruchsvoll, denn auf meiner Couch sitzt heute mein eigener verkorkster Protagonist. Varek ist Mitte dreißig, groß, kräftig gebaut mit markanten, harten Gesichtszügen und dunklen Augen, in denen eine bittere Melancholie liegt. Er gehört den „Unbestechlichen“ an, einem Orden von Auftragsmördern, doch glücklich ist er mit diesem Los nicht. Eigentlich hat Varek nämlich geschworen, Leben zu schützen statt zu beenden.

Varek, schön, Sie wiederzusehen. Sie sind lange nicht mehr hier gewesen.

Varek nimmt auf der Couch Platz. Seine Muskeln sind angespannt und in seinem Blick liegt eine tiefe innere Unruhe. Wozu auch? Mein Leben ist ein verdammter Trümmerhaufen, ich brauche keinen Seelenklempner, der mir das bestätigt. Wie soll mir eine wie Sie schon helfen können?

Wenn Sie ehrlich zu mir gewesen wären, hätte ich auch versuchen können, Ihnen zu helfen. Sie haben mir eine ganze Menge verschwiegen, damals.

schnaubt. Wundert Sie das? Ein Auftragsmörder, der sich im Dunkeln fürchtet – können Sie sich vorstellen, wie demütigend das ist?

Sie wissen, dass ich nicht nur davon spreche.

Sie meinen das Sharak? Er knurrt verächtlich. Ich bin nicht süchtig danach, das habe ich Ihnen schon Dutzende Male gesagt. Versetzen Sie sich mal in meine Lage, dann könnten wir sehen, was Sie für ein paar Minuten Ruhe oder Entspannung alles tun würden. Das bisschen Rauschkraut ist sicher das kleinere Übel.

Hm. Macht sich eine Notiz auf dem Klemmbrett. Wie häufig rauchen Sie es mittlerweile? Täglich?

Er strafft sich erbost. Unsinn. Nur hin und wieder. Manchmal.

Mit Nachdruck. Wie oft, Varek?

Seine Stimme wird lauter. Keine Ahnung, lassen Sie mich damit in Ruhe. Das Sharak lässt mich für eine Weile vergessen, wie verdorben mein Leben ist, wenigstens das könnten Sie mir gönnen.

Ich kann das nachvollziehen, glauben Sie mir, aber Sie wissen, dass dieses Zeug nur ein trügerischer Freund ist. Sie könnten ein paar echte Freunde brauchen.

Was Sie nicht sagen. Schnaubt verächtlich. Und woher soll ich die nehmen? Aus Holz schnitzen? In Ghor-el-Chras bin ich nichts weiter als Abschaum, keiner gibt sich mit mir ab, außer denen, die ich dafür bezahle. Geld schafft keine Freunde.

Wohl wahr. Selbstmitleid übrigens auch nicht.

Er springt auf die Beine, stützt die Arme auf den kleinen Tisch vor der Couch und fixiert die Therapeutin eindringlich. Haben Sie schon einmal einen Menschen getötet? Ihm in den Augen gesehen, während er starb? Wohl kaum. Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, zu töten, was es mit einem Menschen macht. Also tun Sie nicht so erhaben.

Schon gut, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten. Setzen Sie sich wieder, bitte.

Mit grimmiger Miene nimmt Varek Platz, immer noch angespannt, als müsse er sofort zum Sprung ansetzen. Meinetwegen. Aber kein Wort mehr über meine Tätigkeit und das Sharak, verstanden?

Seufzt. Verstanden. Dann sprechen wir über Ihr Problem mit der Dunkelheit. Treten diese Ängste durchgehend auf oder nur manchmal?

Vareks Blick schweift ins Leere, ein leises Zittern überläuft ihn. Unterschiedlich. Es wird schlimmer, wenn ich jemanden getötet habe, wenn mich die Schuld und der ganze Frust zerfrisst. Die Nächte danach sind grauenhaft. Überall dieses Flüstern, die Schatten, die nach mir greifen … Es schaudert ihn. Vor Jahren war es noch weniger heftig, ich habe das Gefühl, mit jedem Opfer wird es schlimmer.

Können Sie die Angst in Worte fassen? Was genau geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Ich weiß nicht. Es ist, als wäre da jemand. Etwas. Unbeschreiblich, aber immer da, immer präsent. Etwas, das auf mich lauert, das nach Rache sinnt, das mir jeden vergossenen Blutstropfen heimzahlen wird. Seine Finger graben sich in die Sofakissen, er presst die Lippen zusammen. Gegen diesen Gegner kann selbst meine Klinge nichts ausrichten. Nur Licht hilft. Ein wenig.

Ich schätze, Ihnen ist klar, dass dort kein echter Gegner auf sie lauert, nicht wahr? Alles, was Sie bedroht, sind Ihre eigenen Gedanken.

Varek zuckt die Schultern. Und wenn schon – ich kann nichts dagegen tun. Die Angst ist einfach da. Ich fürchte den Tod nicht, im Gegenteil, aber diese Panik ist schlimmer als alles andere. Ich kann nicht einmal in Worte fassen, wovor ich mich fürchte. Vor mir selbst, vor der Kirche, vor meinen Gegnern …

Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, Sie haben einfach Angst vor der Angst. Sie wissen, dass die Dunkelheit Beklemmung in Ihnen auslöst, also meiden Sie dunkle Orte, und falls Sie diese nicht meiden können, leben Sie in ständiger Sorge, dass Sie gleich in Panik verfallen könnten. Klingt das logisch für Sie?

Hm. Ja, ein wenig. Es ist aber mehr als das. Es geht … tiefer. Diese Angst. Er winkt ab. Das würden Sie nicht verstehen.

Wie Sie meinen. Sie haben vorhin erwähnt, die Ängste würden schlimmer, wenn Sie einen schlechten Tag haben. Vielleicht könnten wir da ansetzen. Was macht Ihnen denn Freude, wie könnte denn ein guter Tag für Sie aussehen?

Er blickt die Therapeutin mit einem Blick an, der pure Abscheu ausdrückt. Ein guter Tag? Er stößt ein freudloses Lachen aus. Sie machen sich über mich lustig, oder?

Mitnichten. Also, was könnte Ihre Stimmung aufhellen? Und sagen Sie jetzt nicht „gar nichts“, ich bin mir sicher, Ihnen fällt etwas ein.

Er seufzt. Meinetwegen. Ein Tag im Badehaus vielleicht, ein gutes Frühstück, ein Becher Kaffee, ein Besuch bei Bradhu in der „Traumhöhle“ …

Ähm, die Drogen lassen wir weg.

Verdreht die Augen. Meinetwegen. Sein Blick schweift in die Ferne und ein wehmütiger Ausdruck wird darin sichtbar. Wenn ich ehrlich sein soll … am liebsten würde ich die Stadt verlassen, wenigstens für eine Weile. Zurück in die Berge gehen, nach Irhassar, in meine Heimat. Den Wind zwischen den Felsen spüren, die majestätischen Bergkuppen bewundern, im Pirh nach Fischen jagen – wieder als Leibwächter arbeiten und nicht als Mörder. Er seufzt und senkt den Blick. Egal. Das wird immer ein Wunschtraum bleiben.

Wie sieht es mit Sozialkontakten aus? Haben Sie Freunde, mit denen Sie …

Jemand wie ich hat keine Freunde. Wir Unbestechlichen sind gut genug, um schmutzige Aufgaben zu erledigen, aber niemand würde auch nur eine Minute freiwillig in unserer Gegenwart verbringen oder mit mir sprechen.

Was ist mit ihrem Bruder?

Ein Zittern überläuft Varek, seine Mundwinkel zucken. Askar? Wir haben seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Er verachtet mich, genau wie alle anderen Mitglieder unserer Familie. Er ballt die Hand zur Faust. Verdammt, dabei habe ich dieses beschissene Los nur ihretwegen auf mich genommen! Um unsere Familienehre zu bewahren! Er seufzt. Askar hat das nie begriffen.

Sie wurden damals wegen eines Verbrechens verurteilt, nicht wahr? Würden Sie mir erzählen, was geschehen ist?

Nein. Mit Nachdruck stemmt er sich von der Couch auf.

Ich denke, es genügt für heute.

Varek, Sie sollten wirklich …

Vergessen Sie’s. Er tritt an die Tür und wirft noch einen letzten Blick über die Schulter. Sie können mir sowieso nicht helfen.


Opfermond_CoverZugegeben, Varek war nicht so gesprächig wie erhofft. Wenn ihr trotzdem ein bisschen neugierig geworden seid und wissen wollt, was es mit seiner dunklen Vergangenheit oder seiner düsteren Gegenwart auf sich hat, müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden. Opfermond erscheint im September als Ebook und im Oktober als Print im Mantikore Verlag. Auf Amazon könnt ihr das Print aber schon vorbestellen.

Seite des Mantikore-Verlags: http://mantikoreverlag.de/

 


InfokastenPhobie


Quelle:

Hamm, A. O. (2017). Spezifische Phobien, PSYCH up2date, 11, 223-238.
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/s-0043-100487


Dieser Beitrag ist im Rahmen der Geburtstagsaktion von Magische Momente in der kleinen Bücherwelt entstanden und wird auch dort auf dem Blog erscheinen. Es freut mich, dass ich mitmachen durfte.


Wenn ihr Varek oder mich noch mit Fragen löchern wollt, nur zu. Ich freue mich auf eure Fragen, Anregungen oder Spekulationen.

Der nächste Sitzungstermin findet am 20. Juli statt, dort werdet ihr Kurt und seine Ehefrau kennen lernen, die im wahrsten Sinne des Wortes mit göttlichen Problemen zu kämpfen haben. Ihr dürft gespannt sein.

Für eine Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

 

Frühstück in Ghor-el-Chras

Eine kulinarische Leseprobe aus „Opfermond“

Ja, ich gebe es zu – ich liebe Food Porn. Kulinarik spielt in all meinen Geschichten eine zentrale Rolle, denn mit Essen lässt sich eine ganze Menge ausdrücken: Charaktereigenschaften, gesellschaftlicher Status, kulturelle Besonderheiten, individuelle bzw. soziale Unterschiede und geographische Gegebenheiten.

Aus diesem Grund präsentiere ich euch heute auch eine ganz besondere erste Leseprobe von meinem Fantasy-Debüt „Opfermond“: eine Frühstücks-Szene zum Nachkochen.


 

Aus: „Opfermond“ von Elea Brandt

Als Varek nach einem ausgiebigen Bad auf den Balkon hinaustrat, sehnte er sich nach einer kräftigen Portion Kaffee. Das Gewitter hatte dampfige, schwülwarme Luft hinterlassen, die sich schwer auf Vareks Haut legte.

»Morn«, erscholl es unvermittelt. Idra grinste ihm entgegen und spuckte eine Mischung aus Fladenbrot und Honig über den Frühstückstisch. »Essen is verdammt gut.«

Varek hob eine Augenbraue, während er Platz nahm, und betrachtete seinen Gast. Idras Gesicht wirkte weniger geschunden, ihr Haar hing feucht auf ihre Schultern herunter und auch sonst machte sie einen ausgeruhten und entspannten Eindruck. Mehr als er selbst auf jeden Fall.

»Freut mich, wenn es dir schmeckt«, entgegnete er, während ihm Amysha Kaffee einschenkte.

»Was’n das da?« Idra deutete auf eine der Schalen. »Das is voll gut!«

»Hummus«, erwiderte Varek. »Kichererbsenbrei mit Olivenöl und Knoblauch.«

»Is der Wahnsinn!« Mit bloßen Händen fasste Idra in die Schale und nahm sich einen ganzen Batzen heraus.

»Nimm einen Löffel, verdammt!«

»Hm?« Sie hatte sich schon wieder ein Stück Fladenbrot in den Mund gesteckt und kaute intensiv.

»Du sollst die Sachen nicht mit den Fingern anfassen. Nimm einen Löffel dafür.«

»Hm.« Sie hatte Vareks Glas bemerkt und schnupperte interessiert daran. »Was is das?«

»Kaffee.«

»Darf ich?« Sie wartete Vareks Antwort nicht ab, sondern griff nach dem Glas – und verzog beim ersten Schluck angewidert das Gesicht. »Bah, das schmeckt ja eklig!«

Varek grinste. Nichts anderes hatte er erwartet. »Ist eben nichts für jeden.« Er selbst trank einen tiefen Schluck Kaffee und nahm sich eine gebackene Grießschnitte. Trotz Idras mieser Tischmanieren war es ein schönes Gefühl, einmal nicht allein auf diesem Balkon zu sitzen und wortlos seinen Kaffee zu trinken. »Hast du gut geschlafen?«

»Und wie!«, antwortete Idra. »So gut wie noch nie.«

»Wie geht’s deinem Rücken?«

»Hm, so lala. Hab was von der Salbe drauf getan, die mir dein Diener gestern noch gegeben hat, das hilft ganz gut. Gib mir das da mal!«

»Das?« Er tippte die Schale mit Rührei und Weißkäse an.

Idra nickte eifrig. »Ja!« Versonnen schaufelte sie sich einen Berg Ei auf den Teller und begann ihn gierig in sich hineinzuschlingen. Kaum zu glauben, was in eine so magere Person alles hineinpasst.

»Wenn wir gegessen haben«, meinte Varek, während er sich eine Dattel angelte, »müssen wir uns unterhalten. Du bist schließlich nicht zum Vergnügen hier.«

Idra grinste und offenbarte die Kräuterreste zwischen ihren Zähnen. »Ach was, bisschen Gesellschaft tut dir sicher ganz gut. Oder hast du irgendwo ne Frau und nen Haufen Kinder versteckt?«

Varek atmete tief durch und versuchte, das unangenehme Herzklopfen zu ignorieren. Das fehlte ihm nach dieser Nacht gerade noch. »Nein, habe ich nicht. Unbestechliche schwören Ehelosigkeit.«

»So’n Scheiß«, war Idras einziger Kommentar dazu. »Wieso?«

»Sie dürfen sich niemandem verpflichtet fühlen, auch einem Ehepartner nicht. Nur ihrem Auftrag – und dem Blutigen.«

»Na gut«, meinte Idra schulterzuckend. »Wenn man dafür so’n Haus und Sklaven und solches Essen bekommt, ist es das wert.«

Varek lachte bitter. »Wohl kaum.«

»Wieso?«

»Es geht nicht immer nur um Geld.«

»Das sagt nur jemand, der genug davon hat.«

Varek antwortete nicht. Er nahm nicht an, dass die Hure ihn verstehen würde.

Doch Idra ließ nicht locker. »Echt, ich kapier nicht, warum du so mies drauf bist. Bei dem Bett und dem Essen wär ich überhaupt nie mies drauf! Und dann das Bad!« Sie verdrehte genüsslich die Augen. »Und die Öle und das alles und die Sklaven …«

Varek umklammerte den Löffel in seiner Hand fester und schluckte die Wut mit Not hinunter. »Sei still.«

Idra verzog das Gesicht. »Was is denn jetz los?«

Varek atmete tief durch. Das dumme Gör hatte gut reden! Er würde jede Goldmünze, jeden Sklaven und vermutlich sogar jedes Frühstück eintauschen, um wieder ein freier Mann zu sein.


Na, hat euch die Textstelle ein bisschen neugierig gemacht? Der gesamte Roman wird im Oktober als Taschenbuch und etwa einen Monat vorher als Ebook erscheinen. Auf Amazon könnt ihr „Opfermond“ auch schon vorbestellen. Heute Nachmittag wird Varek auch noch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern, da packe ich ihn nämlich auf meine Charakter-Couch.

Anschließend findet ihr übrigens die passenden Rezepte für euer eigenes orientalisches Frühstück – für alle, denen jetzt schon das Wasser im Mund zusammenläuft.

 



Hummus (3-4 Portionen)

1 große Dose Kichererbsen (800 g)
1 EL Sesampaste (Tahin)
Mind. 5 Knoblauchzehen
2 EL Knoblauchöl
2 EL Olivenöl
1 Messerspitze Sambal Oleg
Salz und Paprikapulver

Kirchererbsen abgießen, Flüssigkeit aber aufheben. Zutaten vermengen (inklusive einem Teil der Flüssigkeit) und im Mixer fein pürieren. Anschließend mit Salz und Paprikapulver abschmecken. Einige Kichererbsen zum garnieren aufheben.



Scharfes Rührei mit Weichkäse
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4 Eier
Kurkuma, scharfe Paprika, Kreuzkümmel, Salz
2 kleine Zwiebeln
1 Chilischote (entkernt)
100 g Fetakäse

Eier aufschlagen, vermengen und mit den Gewürzen verrühren. Zwiebeln klein hacken und in einer Pfanne mit ausreichend Öl anbraten, bis sie glasig sind. Chilischote entkernen, fein hacken und hinzugeben. Anschließend das Ei in die Pfanne geben und anbraten. Wenn das Ei zu stocken beginnt, Fetakäse in kleinen Würfeln hinzugeben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.



IMG_20170611_144120_131Griesschnitten (2 Portionen)

125 g Weichweizengries
110 g Naturjoghurt
50 g Zucker
60 ml Pflanzenöl
2 EL geriebene Mandeln
1 Ei
Rosenwasser

Gries mit Joghurt, Zucker, Öl und Mandeln verrühren, dann 30-45 min stehen lassen, bis der Gries durchgezogen ist. Öl in einer Pfanne erhitzen und ein Ei in die Griesmasse schlagen und verrühren. Wenn die Pfanne heiß ist, Griesmasse in die Pfanne geben, anbraten, bis sie fest wird, und dann wenden. Die fertig gebratenen Griesschnitten mit Rosenwasser beträufeln und warm servieren.


Dieser Beitrag ist im Rahmen der Geburtstagsaktion von Magische Momente in der kleinen Bücherwelt entstanden und wird auch dort auf dem Blog erscheinen. Es freut mich, dass ich mitmachen durfte.

 

Über mich: Früh übt sich

Eine bebilderte Story meiner (peinlichen) literarischen Anfänge

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Geburtstagsaktion von Magische Momente in der kleinen Bücherwelt entstanden und wird auch dort auf dem Blog erscheinen. Es freut mich, dass ich mitmachen durfte.

Im Alter von fünf Jahren erfand Joanne K. Rowling ihre erste Geschichte über eine Biene und ein krankes Kaninchen. Auch Stephen King schrieb bereits mit sieben Jahren seine erste Erzählung. Auch wenn die meisten berühmten Autoren erst spät Erfolge für ihre Romane feiern, berichten viele davon, dass sie das Schreiben und Lesen ihr ganzes Leben begleitet hat.

Zugegeben, ich bin weder eine J.K. Rowling noch ein Stephen King, aber auch in meinem Kopf waren immer schon Geschichten, die auf Papier wollten. Heute möchte ich euch ein bisschen von diesen Anfängen erzählen, über die ich heute eher schmunzle.

Von meinem Erstling, verfasst im Alter von etwa 7 Jahren, habe ich leider kein Foto parat, er ist gut verwahrt bei meinen Eltern unter Kindergartenzeichnungen und Tagebüchern: „Samy der Computer“ handelte von einem sprechenden Computer, der zugunsten eines neuern Modells verschrottet werden soll. Die Gesellschaftskritik darin ist klar erkennbar, oder?

Frühwerke

Meine literarischen Anfänge in Bildern

Links oben: Diese aufregende Geschichte von zwei Mäusen auf Weltreise entstand im Alter von 9 Jahren. Das Cover enthüllt zwei schockierende Wahrheiten: Ich hatte keine Ahnung von Erdkunde und meine Paint-Skills waren unübertroffen.

Rechts oben: Nicht nur das Covermotiv, sondern auch der Inhalt dieser Fantasy-Geschichte offenbart eindeutig meine Harry-Potter-Affinität im Alter von 12 Jahren. Inhaltlich hat die Geschichte von Mona, die einen Pfad in eine gefährliche High-Fantasy-Welt entdeckt, tatsächlich einige Höhepunkte zu bieten, aber vom Schreibstil reden wir lieber nicht. Das eigentlich Bemerkenswerte ist ohnehin das Cover, das mir eine gleichaltrige Freundin liebevoll mit Hand gezeichnet hat. Es macht mich sehr traurig, dass sie meine erste Veröffentlichung nicht mehr miterleben darf – sie ist vor vielen Jahren gestorben. Ihre Zeichnung halte ich aber bis heute in Ehre.

Links unten: Meine ersten Gehversuche im Low-Fantasy-Genre, intensiv beeinflusst von Hohlbeins Camelot-Romanen und den „Nebeln von Avalon“ (im Alter von etwa 17 Jahren). Inhaltlich hat dieser Roman tatsächlich schon einige Parallelen zu meinen heutigen Plots. Es gab eine Liebesgeschichte, eine Intrige um einen Königsthron, Magie und Verrat. Der Kitsch- und Klischeefaktor ist allerdings noch ein bisschen hoch eingestellt. Tatsächlich durften diesen Roman auch schon ein paar ausgewählte Freunde von mir lesen.

Rechts unten: Neben der Belletristik habe ich mich während meiner Gymnasialzeit auch in Richtung Journalismus orientiert. Unsere Schülerzeitung gewann damals mehrfach den Spiegel-Preis für die beste Schülerzeitung und eine meiner Reportagen wurde sogar vom Stern ausgezeichnet. Mein beruflicher Weg hat mich in andere Gefilde geführt, aber die journalistische Arbeit macht mir heute noch Freude. Mittlerweile lebe ich genau das ein wenig auf meinem Blog aus.

Einen wirklich professionellen Umgang mit dem Schreiben begann ich mir aber erst viele Jahre später im Studium anzueignen. Ich suchte Kontakt zu Gleichgesinnten, gab meine Texte an Testleser, lernte Schreibregeln und entwickelte mein Handwerk. Jetzt stehe ich kurz vor der Veröffentlichung meines Debütromans. Ich schätze, mein siebenjähriges Ich wäre echt stolz auf mich.

Wenn ihr Lust habt, meinen weiteren Werdegang zu verfolgen, dann folgt mir doch auf Twitter oder Facebook, ich würde mich freuen.

Von Hybridautoren und dem Sterben der Midlist

Impressionen vom #Litcamp17

Was waren das noch für schöne Zeiten, als die Klischee-Schubladen noch klar definiert waren! Es gab die arroganten (Groß-)Verlagsautoren, die hochwertige Literatur schrieben, erfolgreich waren und Buchläden füllten. Und dann gab es die Self-Publisher, die selbstverliebten Traumtänzer, die kein Verlag haben wollte. Zum Glück sind diese Vorurteile – auch dank der Verbreitung von Book-on-demand-Anbietern – weitgehend passé. In manchen Köpfen mögen solche Klischees noch verankert sein, doch sie weichen zunehmend auf. Immer mehr Autoren entscheiden sich bewusst dafür, ihr Buch selbst zu verlegen, oder als Hybrid-Autor (Vorsicht, nicht Hybrid-Auto, das ist was anderes!) sowohl im Verlag als auch im Self-Publishing zu veröffentlichen. Der Selbstverlag hat sein Schmuddelimage verloren.

Auf dem Literaturcamp 2017 in Heidelberg fanden sich gleich zwei ehemalige Großverlags-Autoren, die umfangreich von ihrem Ausstieg aus der Verlagswelt berichtet haben und von den Gründen, die sie dazu bewogen haben, zum Self-Publishing zu wechseln. Für mich, die ich immer noch auf der Suche nach der optimalen Veröffentlichungs-Strategie bin, ein echter Augenöffner.

„Verlage wagen nichts Neues!“

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„Wie mutig sind Verlage noch?“ Session von Martin Krist auf dem Litcamp2017

Martin Krist schreibt seit rund 20 Jahren Bücher, veröffentlich Biographien, Thriller und Erotik. In seiner Session auf dem LitCamp, die im Livestream übertragen wird, findet er klare Worte dafür, warum ihn seine Arbeit als Verlagsautor frustriert. „Publikumsverlage wollen keine Experimente“, sagt er sinngemäß. Sie wollen den Mainstream bedienen. Sie wollen lieber den sechsten Dan Brown oder den vierten Joe Katzenbach, als einen neuen, ungewöhnlichen Autor mit frischen Ideen. Sie trauen sich nicht, Risiken einzugehen, etwas zu wagen, neue Wege zu beschreiten. Die ultimative Bestätigung kommt dabei von Nika Sachs. Ihr Manuskript wurde von einer Agentur abgelehnt, weil es „zu clever“ und zu „persönlich authentisch“ sei. Aber, so die Agentur, sie könne es ja mal mit der Veröffentlichung versuchen. Manchmal würde das funktionieren.

Von Autorenseite kommen überwiegend klare Worte: Wenn die Verlage nicht anfangen würden, Risiken einzugehen, auch innovative, neue Literatur zu fördern, würden sie sich langfristig selbst abschaffen. Zu verlockend sei die Option, im Self-Publishing eigene Ideen direkt und unmittelbar umzusetzen. Auch als Leser scheint es doch attraktiver, unter den erfolgreichen Self-Publishern oder engagierten Kleinverlagen die Perlen heruszupicken, statt den dritten Aufguss bekannter Plots und Charakterkonstellationen zu lesen. „Den trinkenden Ermittler kann ich nicht mehr sehen“, bestätigt Martin Krist.

Ein provokanter Einwand erreicht die Diskussion jedoch von außerhalb des Litcamps: „Wie können Autoren vom Markt leben, aber nicht für ihn schreiben wollen?“ Ein guter Punkt. Wie lässt sich diese Diskrepanz vereinbaren?

Der Markt, das unbekannte Wesen

Zu allererst sollten wir uns im Klaren darüber werden: Was ist überhaupt „der Buchmarkt“? Eine schwierige Frage. Der Markt speist sich aus vielen Größen. Aus Leserinteressen, aus Verlagsmarketing und aus den Präferenzen der Buchhändler, die die Produkte platzieren und bewerben.

Klar ist auf jeden Fall, er ist keine statische Größe. Vor Harry Potter gab es keinen Markt für Romane über Zauberer. Vor Twilight keinen Markt für Vampir-Romantasy. Es braucht einen Vorreiter, eine Ikone, die den Weg bereitet. Nun ist es sicherlich vermessen zu glauben, dass in jedem Autor eine J.K. Rowling oder eine Stefanie Meyer steckt, aber Hand aufs Herz: wissen können wir es nicht. Und hätte vor 20 Jahren nicht ein englischer Kleinverlag das Experiment gewagt, einen Zauberschüler in Mini-Auflage von 500 Stück zu drucken, wäre die Fantasy um einiges ärmer.

Dennoch ist es schwer, den großen Verlagen diesbezüglich einen Vorwurf zu machen. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, sie müssen verkaufen. Geld wird nicht mit der verhältnismäßig kleinen Gruppe der Intensiv- und Vielleser gemacht, die exzessiv über ihre Lektüre nachdenken und innovative Inhalte suchen, sondern mit der riesigen Gruppe an Gelegenheitslesern. Den Urlaubs-, Bahnfahr-, „Ich brauch jetzt was Seichtes für zwischendurch“-Lesern. Mal ehrlich – wir alle nehmen uns regelmäßig vor, anspruchsvolle Literatur zu lesen, Netflix mal auszuschalten und ein gutes Buch in die Hand zu nehmen. Aber allzu oft werden wir diesen Ansprüchen auch nicht gerecht.

Wir halten fest: Gerade im Großverlags-Kontext sinkt die Bereitschaft für Experimente, für Risiken, für Neues. Eine Entwicklung, die viele Autoren frustriert, denn egal wie handwerklich präzise und professionell ein Autor arbeitet, der Wunsch nach Innovation und Weiterentwicklung bleibt immer präsent. Nun kann man es Verlagen nicht zum Vorwurf machen, wirtschaftlich zu denken. Martin Krist hat eine andere Empfehlung: „Die Verlage sollten sich wieder mehr auf ihre Kernkompetenzen besinnen: neue Autoren finden, fördern und behalten.“

Das Sterben der Midlist

Eine andere negative Entwicklung prangert sowohl Martin Krist als auch Lilith van Doorn an, die ebenfalls in großen Verlagen veröffentlicht hat, sich jetzt aber in Richtung Self-Publishing orientiert. „Das meiste Geld“, erklärt Martin Krist, „fließt in die Bestsellerautoren. Die Midlist-Autoren gehen dabei unter.“ Werbung wird für die Megaseller gemacht, die Importe, die großen Namen. Nicht für die Neulinge, von denen man sich nur mittlere Verkaufszahlen erhofft. Demnach ein weiterer Faktor, der zum Frust bei Verlagsautoren führt. Wer nicht zu den ganz großen Megasellern gehört, geht schnell in der Masse unter und unterliegt der Gefahr, als Flop abgestempelt zu werden. „Viele Autoren vermissen die Wertschätzung“, erklärt Lilith van Doorn. Autoren erleben sich im Großverlag als Content-Maschinen, sogar das Wort „Fußabtreter“ fällt.

Wer davon ausgeht, als Autor im Großverlag durch die verkauften Bücher automatisch ein Vermögen zu verdienen, der irrt. Die meisten Autoren leben vom Garantiehonorar („Vorschuss“), das sich allerdings selten in einem Rahmen bewegt, der finanzielle Sorglosigkeit ermöglicht. Die einzige Chance besteht darin, wieder und wieder zu veröffentlichen, viel zu schaffen – und erfolgreich zu sein. „Flopt das Buch eines Autors“, erklärt Lilith van Doorn, „ist sein Name oft verbrannt. Dann besteht die einzige Chance in einem neuen Pseudonym.“ Oder im Weg ins Self-Publishing.

Letzter Ausweg Self-Publishing?

In ihrer Session trägt Lilith van Doorn eine ganze Reihe Pro- und Kontra-Argumente zusammen, die für bzw. gegen Verlag oder Selfpublishing sprechen. Ich hab sie euch in folgender Übersicht einmal zusammen gestellt.

TabelleSPVerlagGrundlegend lässt sich zusammenfassen: Sowohl Self-Publishing als auch die Arbeit als Verlagsautor bieten Vor- und Nachteile gleichermaßen. Sie sollten nicht als konkurrierende Pfade betrachtet werden, sondern viel eher als unterschiedliche Wege, um zum selben Ergebnis zu kommen, nämlich das eigene Buch zu verkaufen und die eigenen Geschichten zu verbreiten. Welcher Weg dabei der Beste ist, muss jeder Autor für sich selbst entscheiden.  Persönlichen Vorlieben, finanzielle Gesichtspunkte und literarische Wunschthemen können bei der Entscheidungsfindung helfen.


Wer noch tiefer in die Materie eintauchen will, kann sich die gesamte Diskussion mit Martin Krist auch in einem Video der Session anschauen. Außerdem gibt es auf Tapsis Bücherblog noch eine weitere sehr gute Zusammenfassung.

Mehr von mir über das LitCamp:

Gott würfelt nicht, Autoren schon

Gott würfelt nicht, Autoren schon

Do’s, Dont’s und Fallstricke beim Weltenbau

„Ich mach mir meine Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“
– ein anonymer Fantasy-Autor

Fragt man Autoren, warum sie sich dafür entschieden haben, Fantasy zu schreiben, dann ist eine sehr häufige Antwort die Faszination für fremde Welten. Der Reiz des Unbekannten. Die Chance, etwas völlig Neues, Anderes, Einzigartiges zu kreieren. Gleichzeitig sehen sich Fantasy-Autoren auch oft dem impliziten oder expliziten Vorwurf ausgesetzt, ihre Arbeit sei so viel einfacher als die anderer Autoren, schließlich brauchten sie nicht zu recherchieren. Sie könnten sich ja alles mal eben so ausdenken. Spoiler-Alarm: So einfach ist das nicht.

Auf dem Literaturcamp in Heidelberg am letzten Wochenende habe ich zum Thema Weltenbau eine kleine Session für Interessierte gehalten und möchte die Ergebnisse hier kurz zusammentragen. Ergänzungen sind gerne gesehen.

Was braucht eine Welt?

Steht man als Autor vor der Herausforderung, eine völlig neue Welt zu entwerfen, stellt man sich natürlich die Frage: Womit fange ich an? Was ist überhaupt wichtig? Was brauche ich, um dem Leser ein konsistentes und lebendiges Bild meiner Welt präsentieren zu können?

Auf der Role Play Convention haben die beiden Herren Bernhard Hennen und Robert Corvus – alte Hasen in Bezug auf Weltenbau – einen kleinen Einblick in ihre Vorgehensweise gegeben.

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Relevante Elemente beim Weltenbau

Um von einer Welt erzählen zu können, können viele verschiedene Facetten von Bedeutung sein: Geografie (z.B. Klima, Landschaft), Demografie (z.B. Bevölkerungsanzahl & -dichte), Religion, Technik, Militär, Kultur (z.B. Gebräuche, Mentalität). Jede dieser Facetten kann man in weitere Unterpunkte aufspalten, bis ein hochkomplexes Schaubild entsteht, das von „Wie groß ist meine Welt?“ hinreicht bis „Welche Schuhe sind in Stadt X diesen Sommer eigentlich angesagt?“

Dass man sich in seinem Weltenbau durchaus verlieren kann, beweist das Beispiel von J.R.R. Tolkien. Sein Leben lang tüftelte er an Mittelerde, entwickelte eigene Sprachen, riesige Stammbäume und eine tausende Jahre umfassende Zeitrechnung. Trotzdem werden wir später in diesem Artikel feststellen, dass Mittelerde den Ansprüchen guten Weltenbaus nicht durchgehend genügt.

„Ich habe oft Lust, daran zu arbeiten, und erlaube mir’s nicht, denn so sehr ich daran hänge, kommt es mir ja doch wie ein höchst verrücktes Hobby vor“
– J.R.R. Tolkien über die Arbeit an Mittelerde (Quelle)

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Was braucht eine Welt, um stimmig und lebendig zu sein? Die Antwort darauf ist einfach und kompliziert gleichermaßen: Die Geschichte bestimmt, was erforderlich ist. Große Fantasy-Epen mit heroischen Schlachten erfordern eine klare Übersicht über militärische Strukturen, magische Möglichkeiten und geografische Strukturen (wer gegen wen und warum?). Bei Urban-Fantasy-Stories in städtischem Ambiente erscheint es relevanter, gesellschaftliche Strukturen, Urbanisierung und Technisierung zu thematisieren. Und eine Science-Fiction-Story lebt natürlich vor allem von der Beschreibung fremder Planeten und der technischen Errungenschaften ihrer Zeit.

Ganz banal lässt sich also zusammenfassen: Die Welt braucht, was die Geschichte braucht. Details, die darüber hinausgehen, können in angemessenen Dosen  spannend sein und schönes Ambiente oder Konflikte schaffen, z.B. wenn sich die Helden einer action-geladenen Geschichte in einer Szene mit den Fallstricken der örtlichen Bürokratie herumschlagen müssen. Sie sollten aber sparsam eingesetzt werden.

Wann baue ich meine Welt?

Analog zu den Plottern und Pantsern gibt es auch im Weltenbau zwei grundlegende Strategien.

1. Die Geschichte entsteht aus der Welt
Bei diesem Vorgehen betreibt der Autor den Weltenbau, bevor er mit dem Schreiben der Geschichte beginnt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Welt ist bei Schreibbeginn bereits fertig, es existiert ein klarer, gut strukturierter Rahmen, in dem sich die Geschichte bewegt, und es gibt immer eine Quelle zum Nachschlagen. Nachteil ist allerdings, dass man sich leicht in später unnötigen Details verlieren kann oder feststellt, dass manche Prämissen die Geschichte gar nicht angemessen tragen. Zum Beispiel könnte man zu dem Schluss kommen, dass der coole Plot™ gar nicht funktioniert, weil die Konzeption der Magie bestimmte Handlungsoptionen gar nicht zulässt.

2. Die Welt folgt der Geschichte
Wer weniger planungs-affin ist, kann die Welt auch während des Schreibens entwickeln. Es existiert a priori also nur eine grobe Idee, eine Skizze der Welt, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt und verbreitert. Auch dieses Vorgehen hat Vorteile. Sobald sich der Plot in Grundzügen abzeichnet, kann man mit dem Schreiben beginnen, ohne lange Vorarbeit leisten zu müssen. Außerdem entwickeln sich Geschichte und Welt auf diese Weise eng Hand in Hand, sodass unnötige Details außen vor bleiben können. Der Nachteil besteht allerdings darin, dass die in der Geschichte gebündelten Informationen in eine angemessene Struktur gebracht werden müssen, um nichts zu vergessen und keine Widersprüche einzubauen. Oft ist dafür ein eigener Überarbeitungsdurchgang nötig.

Welche dieser beiden Strategien die bessere ist, kann und will ich so pauschal nicht beantworten. Ich habe beide Strategien ausprobiert und finde beide reizvoll. Macht es einfach so, wie es sich für euch richtig anfühlt.

Fehler im Weltenbau – geht das?

Ja, ich fürchte, das geht. Genau hier liegt der große Anspruch eines guten Weltenbaus: Neu geschaffene Welten müssen konsistent und stimmig sein, denn Logikbrüche führen bei Lesern bestenfalls zu Irritation, schlimmstenfalls zu Frust.

Während wir bei der Recherche für einen historischen Roman „nur“ überprüfen müssen, ob eine bestimmte technische Errungenschaft im Jahr X existierte, müssen wir uns beim Weltenbau ganz dezidiert überlegen: Ist es denkbar, dass die Menschen dieser Welt mit ihrem technischen Knowhow, ihren Möglichkeiten und Rohstoffen Produkt X herstellen können? Ist die Entstehung von X also grundlegend plausibel?

Laufen solche Überlegungen ins Leere oder werden gar nicht erst angestellt, schleichen sich Fehler oder Brüche ein. Klassiker sind zum Beispiel:

  • Magie ist allmächtig, kann aber das Welthungerproblem nicht lösen.
  • Die Welt ist gering technisiert, es gibt aber gigantische Millionenstädte.
  • Auf einem riesigen Planeten sprechen alle Wesen dieselbe Sprache

Aufgrund solcher und ähnlicher Logiklücken musste sich auch George Martin Kritik an seiner Konzeption von Westeros („Das Lied von Eis und Feuer“) anhören. Lyman Stone hat auf seinem Blog einige Gründe zusammengetragen, warum Westeros so, wie es angelegt ist, nicht funktioniert („Westeros is poorly designed“). Er kritisiert dabei die Tatsache, dass in Westeros trotz seiner Größe – Martin spricht von der Ausdehnung Südamerikas – nur eine Sprache gesprochen wird, dass die Heere und Städte proportional zu groß seien und dass die politischen Konflikte trotz ihrer Komplexität immer noch zu simpel seien gemessen an der Vielzahl an Parteien und Landstrichen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ein jahre- oder jahrzehntelanger Winter die Bevölkerung des Kontinents schon längst an den Rand der Vernichtung getrieben hätte.

Auch Tolkiens Mittelerde basiert eher auf ästhetischen als auf logischen Grundsätzen. Eine Bauweise wie der Turm von Minas Tirith erscheint angesichts der Nähe zu Mordor wenig clever, und trotz der Vielfalt an Wesen und Kulturen leben alle seit Jahrtausenden schön brav in ihren Territorien ohne sich jemals in die Quere zu kommen.

Natürlich sind das Spitzfindigkeiten. Wenn wir ehrlich sind – die wenigsten dürften diese Kritikpunkte beim Lesen der Bücher wirklich gestört haben. Dennoch sind sie ein guter Beweis dafür, wie viele einzelne Rädchen beim Entwerfen einer Welt ineinander greifen. Sicherlich kann eine Welt nie in allen Aspekten perfekt sein. Kein Autor ist Geologe, Historiker, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieur in einem, und auch der Leser vergibt kleine Logiklücken, wenn sie für die Geschichte nicht in hohem Maße relevant sind. Die Daumenregel lautet: Wenn ausreichend Informationen vorhanden sind, um sich Zusammenhänge zu erschließen und die Leser zum Nachdenken anzuregen, dann ist das für gewöhnlich ausreichend. Und wenn ein Aspekt Probleme und Konflikte hervorruft, muss er weniger gut erklärt sein, als wenn er dem Helden aus der Patsche hilft.

Natürlich sind diese Grundsätze wiederum abhängig von Genre und Konzeption der Geschichte. Basiert sie z.B. auf Märchenmotiven oder bekannten Stereotypen, werden viele Logikfehler oder „Blind Spots“ verziehen. Je mehr die Geschichte jedoch dem Anspruch eines „fantastischen Realismus“ folgt, desto intensiver muss der Weltenbau ausfallen (Stichwort: George Martin).

Klischees bewusst aufbrechen

Um Fehler und Logiklücken zu vermeiden, empfiehlt es sich natürlich, zu recherchieren. Ein paar Tipps für Weltenbauer habe ich am Ende des Artikels in einer Linkliste zusammengetragen.

Es kann außerdem hilfreich sein, Klischees, die mit bestimmten Epochen oder Themen verbunden sind, bewusst aufzubrechen. Warum nicht eine Welt entwickeln, die zwar an das europäische Hochmittelalter erinnert, aber geprägt ist von einer animistischen und pazifistischen Weltanschauung? Oder ein orientalisches Setting, in dem gleichgeschlechtliche Beziehungen toleriert und akzeptiert sind? Es ist eure Welt – seid kreativ. Lasst euch nicht von dem vorherrschenden Meinungsbild einengen. Denn wenn wir ehrlich sind: Mit dem „echten“ Mittelalter (das nebenbei ja auch 1000 Jahre umfasst hat) haben die meisten Fantasy-Welten ohnehin nur wenig gemein. Wieso also nicht bewusst neue Wege einschlagen?

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Kann man eigentlich zu viel Weltenbau betreiben? Ich sage: Jein. Jeder darf sich so lange und so intensiv mit seiner Welt beschäftigen, wie er will, je tiefer man selbst eintaucht, desto besser. Aber – und das ist der springende Punkt – man muss sich von dem Gedanken verabschieden, jedes schicke, tolle, aufregende Detail in den Plot integrieren zu können. Zu viele Details, die keinen Bezug zur Haupthandlung oder den Charakteren haben, arten schnell in Info-Dump aus und überfordern den Leser eher, als dass sie ihn faszinieren könnten.

Aspekte, die von Lesern oft als störend empfunden werden, sind z.B. eine eigene Zeitrechnung (abweichend von Tagen, Wochen, Monaten), extrem viele Sonderzeichen in Namen und Begriffen, zu viele Eigennamen für Selbstverständliches oder ellenlange wissenschaftliche Abhandlungen. Selbst Glossare helfen dabei nur begrenzt, denn gerade bei Ebooks lässt es sich schlecht nachschlagen.

Im Zentrum der Überlegungen sollte immer die Absicht stehen, Plot, Charaktere und Welt zu einer Einheit zu verbinden. Wie sieht der Held seine Welt? Wie nimmt er Dinge wahr? Was erlebt er? Viel spannender ist es, als Leser mitzuerleben, wie der Protagonist an einer Feierlichkeit zu Ehren des Flussgottes teilnimmt, an dem traditionell eine Ziege im Fluss ertränkt und roher Fisch gegessen wird, als dieselbe Geschichte in einem Erzähltext präsentiert zu bekommen. Hier können Details das Ambiente und die Stimmung der Szenerie hervorragend einfangen, solange ein Bezug zum Protagonisten oder der Handlung erkennbar bleibt.

Was ist guter Weltenbau?

Kommen wir zu einem Fazit – der Artikel ist lang genug geraten. Guter Weltenbau basiert auf drei Prinzipien: Einfallsreichtum, Atmosphäre und Stimmigkeit. Er schafft die Balance zwischen der Vermittlung von Informationen und Emotionen, erklärt, was nötig ist, und lässt offen, was die Handlung nicht erfordert. Er schafft das Besondere im Althergebrachten, integriert interessante, ungewöhnliche Details in eine Welt, die irgendwie bekannt, aber trotzdem fremd erscheint. Kurzum: Er erfindet das Rad nicht neu, verpasst ihm aber einen schicken Anstrich.

In diesem Sinne: Auf auf in neue Welten!

 


Werkzeuge für Weltenbauer

Auto Realm (kostenfrei): Erstellung von Karten (Stadt-, Landkarten & Dungeons), Erfassung von Distanzen

Campaign Cartographer (ab 30 €): Erstellung von professionellen Karten, kommerzielle Nutzung erlaubt, sehr viele AddOns

Fantasy-City-Generator (kostenfrei): Generieren von mittelalterlichen Stadtkarten nach vorgefertigem Muster

Inkarnate (kostenfrei): Erstellen von schnellen, einfachen Karten

AeonTimeline 2  (48 €): Erstellung von Zeitstrahlen und Verläufen; kompatibel mit Scrivener

Scapple (15 $) : Erstellung von Clustern und Mindmaps, kompatibel mit Scrivener

Freemind  (kostenfrei): Erstellung von Clustern und Mindmaps

 

Links für Weltenbauer

Weltenbau-Wissen

Weltenbastler Community

Medieval Population & Geography (Lyman Stone)

Weltenbau-Board im Tintenzirkel

 

Mehr von mir über das LitCamp:

Von Hybridautoren und dem Sterben der Midlist

Charaktere auf der Couch #2: Azzael

Unsere heutige Therapiesitzung wird – im wahrsten Sinne des Wortes – höllisch gut, denn auf meiner Couch sitzt heute Azzael, gefallener Engel und rechte Hand des Teufels. Er ist fast zwei Meter groß, von stattlicher Statur, hält seit rund 400 Jahren sein Idealgewicht und geht nie ohne schwarze Ray Ban, Cowboystiefel aus Schlangenleder und Ledermantel aus dem Haus. Ich muss zugeben, dass es nicht so einfach wahr, Azzael auf meine Couch zu bringen, aber am Ende hat er sich doch breit schlagen lassen. Zugegeben, er ist keine einfache Persönlichkeit …

Nun, Azzael, Sie wissen ja, warum Sie heute hier sind.

Azzael fischt einen Joint hinter seinem Ohr hervor und lehnt sich in die Couch zurück. Dann schiebt er sich die Tüte in den Mundwinkel und pflanzt gemächlich seine Cowboystiefel aus Schlangenleder auf den Tisch.

Es geht um die Frage, ob Sie … Azzael? Hören Sie mir zu?

Azzael zeigt keine Reaktion, entfacht stattdessen durch Schnippen von Mittelfinger und Daumen eine Flamme aus seinem Zeigefinger, steckt sich den Joint an und bläst Rauchkringel in die Luft.

Ist das Ihr Ernst? Sie kiffen während der Sitzung?

Äh, was soll ich sonst machen, Löcher in die Couchgarnitur brennen?

Seufzt und macht sich Notizen. Wie häufig nehmen Sie Marihuana? Waren Sie in letzter Zeit irgendwann mal clean?

Wen interessiert’s.

Er klemmt sich eine Strähne seines schwarzen, schulterlangen Haars hinter die Ohren.

Ich bin ein gefallener Engel und existiere seit Anbeginn der Zeit, bisher hat das meiner Gesundheit keinen Abbruch getan.

Zieht kräftig am Joint und stößt eine Qualmwolke aus, die einen Elefanten narkotisiert hätte.

Hustet vernehmlich. Na, hervorragend. Ihnen ist schon bewusst, dass dieses Gutachten über Ihre berufliche und persönliche Entwicklung entscheiden wird? Es scheint, als würde Ihr Arbeitgeber Sie nicht länger als tragbar betrachten. Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?

Che cazzo dice? Ich bin die rechte Hand des Teufels, ohne mich wäre Luzifer aufgeschmissen, schließlich bin ich derjenige, der Die Drecksarbeit für ihn erledigt.

Nun, Ihr Arbeitgeber sieht das offenbar anders, also kommen wir zum Protokoll der Sitzung zurück, ja? Und nehmen Sie gefälligst die Stiefel von meinem Tisch. Wenn ich Ihre Personalakte richtig verstanden habe, dann ist es Ihre Aufgabe, Menschen einen Pakt mit dem Teufel aufzuzwingen und säumige Paktierer in die Hölle zu befördern, richtig? Wie empfinden Sie diese Aufgabe?

Azzael macht keine Anstalten, seine Stiefel vom Tisch zu entfernen, sondern fixiert die Therapeutin mit ausdrucksloser Miene über den Rand seiner Ray Ban-Brille hinweg, bis er endlich das Wort ergreift. Diesen lästigen Vertreterjob übernehme ich nur im Notfall. Bin eher der Mann fürs Grobe und vollends mit meinen Aufgaben ausgelastet. Wenn einer der Teufelsbündner aus der Reihe tanzt, bring ich ihn dazu, Selbstmord zu begehen, wodurch seine Chancen gegen Null gehen, in den Himmel zu gelangen. Er versucht sich an einem gewinnendem Lächeln, dass selbst den Hartgesottensten in die Flucht geschlagen hätte.

Das klingt … unschön. Haben Sie gar keine Gewissensbisse? Zumindest ein wenig?

Sehe ich so aus?

Wie wär’s wenn Sie nicht mit Gegenfragen antworten würden? Keine Gewissensbisse also, sehe ich das richtig? Wann haben Sie zuletzt etwas getan, was Sie wirklich bereut haben?

Habe mich vor dreihundert Jahren auf Luzifers Wunsch hin auf eine seiner Huren eingelassen.  Aber in diese Puffs bekommen mich keine zehn Pferde mehr, nachdem ich mir dort Syphilis zugezogen habe, die mir selbst heute noch manchmal zu schaffen machte. Hautausschlag oder stechende Hodenschmerzen plagen mich dann und verhinderten längeres Sitzen. Kratzt sich demonstrativ am Sack.

Seufzt. Bitte, wenn Sie mich zum Narren halten wollen, schön. Ist ja Ihr Gutachten. Sie scheinen ja sehr von sich und Ihrer Wirkung auf andere überzeugt zu sein. Gibt es, abgesehen von Ihnen selbst, irgendjemanden, für den Sie Gefühle haben? Der Ihnen etwas bedeutet?

Sieht kurz auf, drückt dann energisch seinen Joint im Aschenbecher aus und schnaubt kopfschüttelnd vor sich hin.

Ich habe ein Mädchen während eines Auftrags auf einer Halloweenparty kennengelernt . Lillith hat mir die heißeste Nacht meines Daseins auf Erden beschert. Die Erinnerung daran, wie ihre Lippen geschmeckt, wie ihr Körper sich angefühlt hat, brennt in mir noch heute wie ein Kilo Koks kombiniert mit einer Flasche Whiskey auf ex.

Er lehnt sich mit verschränkten Armen zurück und schweigt dann eine ganze Zeit lang, während er trübsinnig ins Leere starrt. Als er wieder zu sprechen bringt, klingt seine Stimme belegt. An ihrer Seite fühlte ich mich lebendig und nicht wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit, ein Fossil göttlichen Ursprungs, mutiert zu einem abgestumpften Handlanger des Teufels. Sie wäre meine Chance gewesen, aus diesem Sumpf auszubrechen … Warum muss sie auch nur der Spezies der Mehlfratzen angehören?

Zieht ein Gesicht das vor Selbstmitleid nur so trieft.

Äh, Mehlfratzen?

Kalkleistenleisten, Blutsauger, Vampire … wie auch immer man sie nennen mag.  Schon einige von ihnen haben meine Aufträge durchkreuzt. Wäre ich nicht vollgepumpt mit Drogen bei der Halloweenparty aufgekreuzt, hätten mich meine Instinkte nicht verlassen, und ich hätte Lillith schon bei ihrer ersten Begegnung als eine von ihnen entlarvt.

Diese Dame scheint Ihnen ja wirklich etwas zu bedeuten, interessant. Wie sehr würden Sie ihr Leben verändern für sie? Würden Sie sich einen neuen Job suchen? Die Drogen aufgeben? Verantwortung für sich und Ihr Leben übernehmen?

Cazzo!

Azzael springt blitzartig auf, beugt sich über den Tisch und kommt bedrohlich nah.

Wie das denn bitteschön? Ein gefallener Engel und eine Vampirin als Liebespaar, diese Konstellation steht unter keinem guten Stern!

Während er imaginären Staub von seinem Ledermantel klopft, gewinnt er wieder die Fassung und lümmelt sich zurück auf die Couch.

Lillith ist auf Luzifers Abschussliste gelandet. Nun hat er ausgerechnet mir den Auftrag erteilt, ihr den Garaus zu machen. Folge ich seinen Anweisungen nicht, würde ich von ihm vertrieben und geächtet werden. Das bedeutete, ich müsste ein Dasein an einem abgelegenen Ort der Erde fristen.

Es überrascht mich, dass Sie das stört. Abgesehen von Drogen und persönlichem Spaß scheint Ihnen die Erde ja nicht viel bieten zu können. Wäre das abgeschiedene Leben gar keine Option für Sie?

Persönlicher Spaß? Ich würde es eher als Zeit totschlagen bezeichnen. Ich verlasse ungern mein gewohntes Umfeld, die ewige Stadt ist seit Jahrtausenden meine Heimat, außerdem möchte ich mir den Boss nicht zum Feind machen, er ist sehr kreativ, wenn es um Bestrafung geht.

Er schnaubt verächtlich. Würde mich nicht wundern, wenn er mich angekettet ins Fegefeuer stößt.

Ich sehe schon, das wird ein gutes Stück Arbeit. Ich fürchte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich Ihnen noch keine positive Prognose ausstellen, aber wir arbeiten daran. Zum Abschluss würde ich gerne ein kleines Assoziationsspiel mit Ihnen machen. Ich nenne Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir das Erste, was Ihnen dazu einfällt.

Familie

Nie gehabt.

Sex.

Werde vom Boss ab und an auf seinen berüchtigten Bunga-Bunga-Parties dazu verdonnert, damit ich meine dicken Eier loswerde und etwas ausgeglichener bin. Aber richtig Spaß hatte ich nur mit … Lillith. Stößt einen theatralischen Seufzer aus.

Ewigkeit.

Sie liegt noch vor mir, dabei fühle ich mich jetzt schon des Lebens überdrüssig.

Liebe.

Gibt ein grunzendes Geräusch von sich. Verliebte Pärchen im Park, die Hand in Hand bei Sonnenschein umherspazierten. Die öffentliche Zurschaustellung des Glücks anderer ist mir zuwider.

Gut, vielen Dank, ich schätze, das reicht fürs Erste. Wir machen das nächste Mal weiter. Versuchen Sie bis dahin niemanden in den Selbstmord zu treiben, ja?

Azzael stößt eine Litanei italienische Flüche aus, während er sich von der Couch erhebt. Mit wehendem  Haar marschiert er grußlos aus dem Raum.


blue women eye beaming up enchanting from behind a bloomingDie ganze Geschichte von Azzael, Lilith, Gott, dem Teufel und allerlei höllischen Verwicklungen, könnt ihr nachlesen in Höllisches Intermezzo von Bo Leander (erschienen im Verlag Lysandra Books)

Facebook: https://www.facebook.com/boleander.de/

Zum Verlag: http://www.lysandrabooks.de


 

 

Psychopathie

 


Quellen:

Coid, J. W., Yang, M., Ullrich, S., Roberts, A. D.L, Hare, R. D. (2009). Prevalence and correlates of psychopathic traits in the household population of Great Britain. International Journal of Law and Psychiatry, 32, 65-73.

Hare, R.D. (1991). The Hare Psychopathy Checklist Revised [PCL-R]. Toronto: Multi Health Systems.


 

Habt ihr Fragen an mich oder Azzael? Wollt ihr mehr über ihn wissen? Nur zu. Die Visite ist eröffnet.

Der nächste Sitzungstermin findet am 8. Juli statt. Für mich wird das ein besonderer Termin, denn ich darf mich zum ersten Mal mit meinem eigenen verkorksten Protagonisten herumschlagen – und ich weiß jetzt schon, dass Varek es mir nicht leicht machen wird …

 


Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

Die Schubladen-Problematik

Über Genre-Verwirrungen, Klischees und Gewohnheiten

Die Fantastik und IKEA

Manchmal habe ich das Gefühl, die Belletristik ist schlimmer als ein PAX-Schrank von IKEA: voll von Schubladen, Fächern, Ordnungs- und Sortierungssystemen (und die Beschreibung ist verdammt kompliziert). Das fieseste Schubladen-Problem scheint die Fantastik zu haben, zumindest nehme ich es so wahr.

Fantasy, Fantastik, Low Fantasy, High Fantasy, Science-Fiction, Science Fantasy, Urban Fantasy, Paranormal Fantasy, Romantasy … die Liste ist endlos erweiterbar. Für jede Unterform scheint es weitere Unterformen zu geben, sodass teilweise echte Begriffsmonster entstehen, wenn man einen Roman ganz spezifisch einer Kategorie zuordnen will. Eine sehr spannende und gleichzeitig auch erschreckende Übersicht über sämtliche Subgenres der Fantastik bietet übrigens diese Seite hier.

Was das Chaos perfekt macht, ist die Tatsache, dass sich Definitionen, je nach Sprachraum und Community, unterscheiden können. Schon der Versuch, Fantasy und Fantastik auseinander zu halten,  ist knifflig Fantastik umfasst in der Regel alle Werke, die in der Realität angesiedelt sind, aber übersinnliche, nicht-menschliche oder außerirdische Erlebnisse einschließen. Darunter fallen klassische Schauerromane á la H. P. Lovecraft ebenso wie die moderne Science Fiction oder Dystopien. Unter Fantasy werden hingegen eher die Werke zusammengefasst, die in fantastischen Welten angesiedelt sind (z.B. „Der Herr der Ringe“) oder eine fantastische Parallelwelt innerhalb unserer Welt postulieren (z.B. „Harry Potter“). Gerade Letzterer sträubt sich aber schon wieder ein bisschen gegen diese klare Zweiteilung.

Wir sehen also, dass die Fantastik als Genre extrem weit gefasst ist. Während wir in jedem Krimi erwarten, dass es um einen Kriminalfall, eine/n Ermittler/in und eine/n Täter/in (oder mehrere) geht, ist die einzige Gemeinsamkeit in der Fantastik das fantastische Element. Das Erzählen über fantastische, nicht-irdische oder historische Begebenheiten in all ihren Facetten. Die Bandbreite ist also enorm.

Dagegen birgt jedes Subgenre, so schwer sie teilweise auseinanderzuhalten sind, eigene Konventionen und Settings. In einem Steampunk-Roman erwartet man andere Prämissen und Themen als in einem Science-Fiction-Roman. Und ein High-Fantasy-Epos wird andere Konflikte aufbringen als eine Romantasy-Geschichte. Allein die Verortung in einem bestimmten Genre erzeugt also eine gewisse Leser-Erwartung. Doch wie gelingt es, diese Lesererwartung in die richtige Richtung zu lenken?

Drin ist, was draufsteht

Als Verbraucher sind wir gewohnt, dass auf jeder Verpackung genau steht, was wir darin vorfinden. Erst diese Woche hat der EuGH in einem Gerichtsurteil festgelegt, dass die Bezeichnung „Käse“ nur für tierische Milchprodukte zulässig ist – denn der Verbraucher soll nicht über den Inhalt der Packung  getäuscht werden. Analog dazu war der Aufschrei groß, als vor einigen Jahren in der Tiefkühllasagne Pferdefleisch nachgewiesen wurde, wo doch „Rind“ auf dem Etikett stand.

Mit Büchern verhält es sich ähnlich, allerdings finden wir auf dem Cover eines Romans selten ganz konkrete Hinweise auf das Genre. Teilweise behelfen sich Verlage durch einen Genre-Schriftzug wie „Thriller“ oder „ein Fantasy-Roman“, doch das ist eher die Ausnahme. Meistens sind es Cover, Titel und Klappentext, die dem Leser den richtigen Eindruck vom Inhalt vermitteln und die passende Zielgruppe ansprechen sollen. Das funktioniert meistens, aber nicht immer.

Allzu häufig liest man in Amazon-Rezensionen negative Reviews, bei denen die Passung aus Erwartung und Produkt nicht funktioniert hat. Der (potentielle) Leser formt sich eine gewisse Erwartung über ein Buch, die sich aus der Gestaltung des Covers, dem Klappentext und der Platzierung im Bücherregal (auch im virtuellen) speist, und wird diese nicht erfüllt, ist die Enttäuschung oft groß. Der Leser ist bestenfalls irritiert, schlimmstenfalls fühlt er sich betrogen. Genau wie der Kunde bei der Pferde-Lasagne.

Don’t judge a book by its Cover – oder doch?

In einer Umfrage der Uni Karlsruhe gaben 57 % der Leser an, beim Kauf eines Buches in erster Linie auf das Cover zu achten. Zugegeben, auch ich gehöre zu diesen Leuten. Gerade im Buchhandel ist es häufig ein herausstechendes Cover, das mich dazu bringt, das Buch in die Hand zu nehmen und den Klappentext zu lesen. Letzterer entscheidet allerdings primär über den Kauf.


 

 

Was wir sehen: Eng-umschlungenes halbnacktes Pärchen vor Rosamunde-Pilcher-Kulisse
Was wir erwarten: Romanze mit ein bisschen Sex, aber hausfrauentauglich. Groschenheft, eher was für Wartezimmer oder Krankenhaus-Cafeterien

 

 

 

 

 

Was wir sehen: Silhouette einer Figur mit Stab und Robe vor Fantasy-Kulisse
Was wir erwarten: High-Fantasy-Epos über den epischen Kampf Gut gegen Böse, Stoff für Nerds und Realitätsverweigerer

 

 

 

 

Was wir sehen: Abstraktes Cover in rot-schwarz mit ikonischer Schrift und einem Spritzer Blut

Was wir erwarten: knallharter Thriller mit fiesem Serienmörder und nervenzerfetzender Spannung

 

 

 

 

 

Was wir sehen: Weicher, märchenhafter Hintergrund mit zentraler Frauenfigur und schnörkeliger Schrift

Was wir erwarten: romantische Fantasy à la Twilight und so, Mädchenkram

 

 

 


Natürlich sind diese Interpretationen sehr klischee- und vorurteilsbeladen, aber Hand aufs Herz: Ist es euch nicht auch schon mal so gegangen, dass euch genau diese Gedanken beim Betrachten eines Covers durch den Kopf geschossen sind? Da seid ihr nicht allein.

Die kognitive Abkürzung

Schuld daran, dass wir bestimmte Dinge in vorgefertigte Schubladen packen, ist unser Gehirn. Jeden Tag wird es mit Milliarden Informationen überhäuft und muss daraus einen Konsens bilden – das ist nicht so einfach und kostet jede Menge Kapazitäten. Deswegen benutzt unser Gehirn so genannte Heuristiken, kognitive Abkürzungen.

Aus früheren Erfahrungen lernt unser Gehirn, bestimmte Dinge miteinander zu verknüpfen und dadurch logische Zusammenhänge herzustellen. Wenn ein bestimmtes Cover-Motiv also in ein, zwei, drei Fällen mit einem gewissen Inhalt einherging, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es auch im vierten, fünften, sechsten Mal so sein wird. Genau diese Abkürzungen merkt sich unser Gehirn. Das kommt den Verlagen und auch den Self-Publishern natürlich zugute, denn auf diese Weise kann die richtige Zielgruppe sehr effizient über bestimmte, stereotype Cover-Motive erreicht werden. Es braucht dann keinen Hinweis „Romanze inside“ mehr, um klar zu machen, dass dieser Roman eine Liebesgeschichte beinhaltet – das sieht man auf den ersten Blick am schmusenden Pärchen.

Auch die Ähnlichkeit zu bekannten Vertretern des Genres wird gerne ausgenutzt, um Leser anzulocken. Patrick Rothfuss‘ „Name des Windes“ hat zahlreiche Cover-Zwillinge erzeugt, genau wie „50 shades of grey“ oder die Romane von Jojo Moyes. Die Überlegung ist klar: Sieht das Cover ähnlich aus, ist auch der Inhalt ähnlich.

Fazit

Lesererwartungen, bedingt durch Genre-Konventionen, Cover und Klappentext, dürfen nicht unterschätzt werden. Sie beeinflussen nicht nur die Kaufentscheidung, sondern auch die Bewertung des Buches, und müssen daher sorgfältig abgewogen werden. Für Autoren und Verlage ergeben sich daraus drei klare Botschaften.

  • Erstens: Seid euch bewusst, was ihr schreibt. Es ist nach meinem Ermessen nicht notwendig, den Roman in eine ganz klare Schublade einzuordnen, aber eine grobe Orientierung ist hilfreich.
  • Zweitens: Kennt eure Zielgruppe. Wen soll das Cover und der Klappentext ansprechen? Welchen Inhalt wollt ihr vermitteln? Welche Elemente sollen besonders hervorstechen? Was könnte bei den Lesern falsche Erwartungen wecken?
  • Und drittens: Titel, Cover und Klappentext entscheiden darüber, wer euer Buch in die Hand nimmt oder kauft – also widmet ihnen alle erforderliche Aufmerksamkeit.

Aber auch Leser sollten gut darauf achten, von ihrem Gehirn nicht an der Nase herumgeführt zu werden. Werft auch mal einen Blick über Klischees oder Genregrenzen hinaus, seid neugierig und experimentierfreudig. Vielleicht erlebt ihr ja eine Überraschung. Beispiele gefällig? Dieser Überblick listet eine Reihe Fantasy-Bücher auf, deren Inhalt mit den gewöhnungsbedürftigen Covern nicht harmoniert.

Wie ist das bei euch, wie wichtig ist euch die Covergestaltung, wenn ihr ein Buch kauft oder verlegt? Seid ihr schon mal von Titel und Aufmachung arg getäuscht worden? Sind euch Genregrenzen wichtig?

Lasst es mich wissen.