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Von der Traumtänzerin zur Schriftstellerin: Das war 2018

Es ist mal wieder so weit, das Jahr neigt sich dem Ende zu. 2018 war ein enorm turbulentes, anstrengendes, arbeitsintensives Jahr, und ehrlich gesagt spüre ich das jetzt, nach 12 Monaten, sehr intensiv. Ein guter Grund, es 2018 ein wenig ruhiger angehen zu lassen. Trotzdem möchte ich euch ein wenig von meinem letzten Jahr erzählen und auch ein paar persönliche Worte diesbezüglich loswerden.

Persönliches zu Beginn

Mit meinem Debüt Ende 2017 hat sich einiges verändert. Das Schreiben hat mich viele Jahre begleitet, eigentlich schon seit meiner Kindheit, aber erst seit letztem Jahr ist es für mich zu einer professionellen Tätigkeit herangewachsen. Ich habe intensiv angefangen, mich mit meinen Texten und den Inhalten zu befassen, habe mich deutschlandweit mit anderen Phantastik-Autor*innen vernetzt und mein Marketing über Social-Media ausgebaut. Nun ja, und ganz nebenbei habe ich auch noch zwei Romane veröffentlicht, zwei fertig geschrieben, einen neuen begonnen und ein halbes Dutzend Kurzgeschichten geschrieben. Aus einem charmanten Hobby, das ich aus Spaß an der Freude nebenbei betrieben habe, wurde in den letzten 12 Monaten ein echter (Knochen-)Job, und es dauerte eine ganze Weile, bis ich das realisiert hatte. Da war es dann schon so weit, dass mein Körper nicht mehr mitspielen wollte und ich nur noch gestresst und abgehetzt war.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich liebe es, Autorin zu sein, ich würde sogar sagen, meine Liebe ist im letzten Jahr noch gewachsen. Ich bin in diesem Job angekommen und habe meinen Platz darin gefunden. Aber ich muss auch den Tatsachen ins Auge sehen, dass die Tage des heiteren Sonnenscheins vorbei sind. Dass die Erwartungen gestiegen sind, meine eigenen und die meiner Leser*innen. Dass ich jetzt Verpflichtungen, Deadlines habe, die es einzuhalten gilt. Das alles war im letzten Jahr neu für mich.

Lange Rede, kurzer Sinn: Für 2019 werde ich einen Gang zurückschalten. Ich will wieder mehr Freude am Schreiben haben, mich darin verlieren können und mir auch mal einen Tag oder zwei gönnen dürfen, an denen ich einfach gar nichts tue und nur meine Freizeit genieße. Ehrlich, so was wie Freizeit hatte ich im letzten halben Jahr kaum. Mein Zeitmanagement muss effizienter werden und muss auch Ruhephasen einschließen. Das sind meine guten Vorsätze fürs neue Jahr – mehr an mich und meine psychische bzw. physische Gesundheit denken.

Veröffentlichungen

Im letzten Jahr sind zwei neue Romane aus meiner Feder erschienen: „Unter einem Banner“ im Januar und „Sand & Wind“ im Juni. Insbesondere „Unter einem Banner“ hat eine wirklich tolle Resonanz bekommen, worüber ich mich sehr gefreut habe.  Bisher ist der Roman tatsächlich der erfolgreichste aus meiner Feder (zumindest in Bezug auf die Verkaufszahlen).

Ein dickes Dankeschön an alle Leser*innen, die mich mit dem Kauf eines der Bücher unterstützt haben und auch an alle, die sich die Mühe gemacht haben, eine Rezension zu verfassen. Ihr macht mich wirklich sehr glücklich damit!

Meine Kurzgeschichten möchte ich an dieser Stelle auch nicht unerwähnt lassen. Zur Leipziger Buchmesse sind die „Phantastischen Sportler“ im Verlag Torsten Low erschienen, zu denen ich mit „Teuflische Neun“ eine humorvolle Phantastik-Kurzgeschichte beisteuern durfte. Immer noch eine meine Lieblingsgeschichten, übrigens. Im Machandel-Verlag erschien außerdem die Anthologie „Wer braucht schon einen Dschinn?“ mit modernen Märchen, inspiriert von den Geschichten aus 1001 Nacht. Meine Kurzgeschichte „Der Fischer und die Peri“ ist eine Erzählung aus Zarbahan, wo auch „Sand & Wind“ spielt. Im Herbst ist im Bookspot-Verlag noch die Anthologie „Schattenflammen“ erschienen. Meine darin enthaltene Dark-Fantasy-Kurzgeschichte „Blutzoll“ wurde von den Herausgeber*innen als Siegergeschichte der Ausschreibung prämiert.

Auszeichnungen

Ja, sogar die gab es im vergangenen Jahr. „Opfermond“ wurde im Februar auf Platz 7 der Phantastik-Bestenliste platziert, „Sand & Wind“ erreichte von August bis Oktober sogar drei Platzierungen auf den Plätzen 4 bis 6. Ich bin wahnsinnig stolz auf diese Anerkennung und bedanke mich ganz herzlich bei der Jury. „Opfermond“ wurde zudem für den Deutschen Phantastik nominiert, erreichte dabei aber „nur“ die Longlist. Dafür erreichte der Roman beim Publikumspreis für Eskapismus und Nerdkultur (PEN&P) einen hervorragenden Platz 10. Das kann sich wirklich sehen lassen.

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Phantastik-Bestenliste Oktober 2018

Aktionen & Social Media

Anlässlich der diesjährigen Mondfinsternis konnte ich einige wunderbare Blogger*innen motivieren, eine Aktionswoche zu „Opfermond“ zu initiieren. Dabei sind wirklich tolle, tiefsinnige Beiträge entstanden, die es sich lohnt, zu lesen, unter anderem von Janna (KeJas Blog), Buchdrache und Myna Kaltschnee. Philipp von Nerds gegen Stephan hat sogar ein eigenes Rollenspiel-System ausgearbeitet, das wir auf der Manticon anzocken konnten. Vielen Dank für euren Einsatz, das war eine tolle Woche!

Mindestens ebenso viel Spaß hatte ich bei der Release-Woche zu „Sand & Wind“, einer ausgedehnten Verlobungsfeier, in der sich die teilnehmenden Blogger*innen nicht nur einer Schnitzeljagd widmeten, sondern auch die Stadt Zarbahan, den Palast und seine Bewohner näher unter die Lupe nahmen. Auch dabei sind richtig tolle Beiträge entstanden. Vielen lieben Dank dafür. Danke der großartigen Elif Siebenpfeiffer gibt es sogar passende Charakter-Zeichnungen für die Protagonist*innen.

 

 

Ja, und dann gab es ja auch noch die Fantasy-Winterspiele Anfang des Jahres und die Fantasy-Woche im Februar, bei denen ich tolle neue Kontakte knüpfen durfte. „Unter einem Banner“ hat bei den Winderspielen sogar zwei Platzierungen abgeräumt. Das hat mich extrem gefreut.

Lesungen & Messen

Zum ersten Mal war ich dieses Jahr auf der Buchmesse in Leipzig und hatte dort richtig tolle, erfüllte Tage mit vielen Kolleg*innen, Blogger*innen und Büchern. Definitiv eine Veranstaltung, die ich weiter besuchen werde – auch wenn das Schneechaos etwas genervt hat. Ich durfte sogar im Rahmen von „Leipzig liest“ in richtig toller Atmosphäre in der Leipziger Innenstadt aus „Opfermond“ lesen. Das war eine wirklich ganz besondere Erfahrung.

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Lesung aus „Opfermond“ auf der Leipziger Buchmesse

Ein weiteres außergewöhnliches Event war das „Festival Mediaval“, in dessen Lesezelt ich aus „Unter einem Banner“ und „Opfermond“ lesen durfte. Die Opfermond-Mitternachtslesung war besonders spannend – und trotz der Kälte hatten eine ganze Reihe interessierter Zuhörer*innen den Weg ins Zelt gefunden. Dass ich als VIP auch noch die Gelegenheit hatte, hinter die Kulissen zu schnuppern, war besonders aufregend – und ich durfte das tolle Festival ganz umsonst genießen. Was will man mehr? Vielen Dank, liebe Amandara, für deine Einladung. Es war mir ein Fest.

 

Fotosammlung vom Festival Mediaval

Natürlich durfte auch der BuCon in Dreieich dieses Jahr nicht fehlen und war wie immer ein Highlight mit vielen bekannten Gesichtern und lieben Menschen. Hinzu kamen eine ganze Reihe weitere kleiner und großer Conventions, die ich dieses Jahr besucht habe, überwiegend auch mit einem kleinen Autorinnen-Tisch oder einer Lesung: Die RPC in Köln (mit einer überraschend gut besuchten Lesung), die Comic Con in Stuttgart, die Cave Con in Aschaffenburg und das Fantasy-Festival in Schweinfurt. Darüber hinaus hat mich der Drachenzirkel zu einer kleinen, feinen Lesung nach München eingeladen, ich habe erstmals das Branchentreffen von PAN in Köln besucht und natürlich gehörte auch das jährliche Tintenzirkel-Treffen im Schieferpark dazu. Uff, in der Retrospektive war ich da doch ziemlich viel unterwegs …

Lesestatistik für 2018

Ich fürchte, an meiner Vorgabe von 25 Büchern in 2018 werde ich haarscharf scheitern, aber es sind immerhin 24 ½ geworden. Würde ich mein Recherchematerial für „Mutterschoß“ einrechnen, hätte ich die Hürde aber genommen.

Ein Vorsatz für 2018 war ja, mehr zu lesen – und dank Audible habe ich das auch mehr oder weniger gut erfüllt. Rund die Hälfte meiner 2018 konsumierten Bücher waren Hörbücher, denn diese konnte ich sehr gemütlich beim Pendeln in der U-bahn oder bei der Hausarbeit hören. Von meinen 25 (an-)gelesenen Büchern waren 11 von weiblichen und 13 von männlichen Autoren, eines war eine gemischte Anthologie. 13 Bücher sind der Phantastik zuzuordnen, 10 dem Genre Krimi oder Thriller, eines war eine Horror-Anthologie und eines ein Sachbuch.

Meine Lese-Highlights 2018 waren dabei:

  • Der Report der Magd von Margaret Atwood, eine herausragende Dystopie, die noch lange in mir nachgewirkt hat
  • Die Spiegel von Kettlewood Hall von Maja Ilisch, spannende Gaslicht-Mystery mit einer taffen Protagonistin, sehr glaubwürdig in das historische Setting eingebettet
  • Sie von Stephen King, hervorragend konstruierter Spannungsroman, der unter die Haut geht, und nebenbei auch interessante Einblicke in das Schriftstellerleben bietet
  • Der Schatten von Melanie Raabe, atmosphärisch dichter und klug aufgelöster Spannungsroman, ruhig, aber intensiv erzählt mit einer intensiven, morbiden Stimmung
Lieblingsbücher2018

Lieblingsbücher 2018

Auch wenn 25 Bücher für die meisten nicht viel erscheinen mögen, ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe, 2018 die Zeit dafür freizuräumen. Wie eingangs erwähnt, bei meinem straffen To-do-Pile war das harte Arbeit.

Ausblick ins Neue Jahr

Um den Blick nicht nur in die Vergangenheit schweifen zu lassen, will ich euch am Ende noch einen kleinen Ausblick ins neue Jahr geben. Was steht denn 2019 alles so an?

Zwei Fortsetzungen zu den 2018 erschienen Romanen sind bereits in Planung. „Sand & Klinge“ wird im Sommer nächsten Jahres erscheinen, für „Unter einer Krone“ gibt es noch keinen Release-Termin, das möchte ich aber auf jeden Fall fertig schreiben. Ende 2019 geht es im Mantikore-Verlag zurück nach Ghor-el-Chras, da erscheint nämlich „Mutterschoß“, ein weiterer Dark-Fantasy-Roman im Setting von „Opfermond“. Wer bis dahin nicht mehr warten möchte, der sollte die Augen offenhalten: Noch davor wird – ebenfalls bei Mantikore – eine Kurzgeschichten-Anthologie erscheinen, die sich mit einer Nebenfigur aus „Opfermond“ etwas detaillierter auseinandersetzt.

Apropos Kurzgeschichten: Da gibt es noch mehr schöne Neuigkeiten. Schon in wenigen Wochen könnt ihr über den Münchener Drachenzirkel die Fantasy-Anthologie „Drachenmär“ erstehen, in der eine etwas augenzwinkernde Kurzgeschichte von mir enthalten sein wird (wer die Helden-WG aus dem Verlag Ohneohren kennt, entdeckt vielleicht alte Bekannte wieder). Zur Leipziger Buchmesse gibt Juliane Seidel vom queeren Blog „Like a dream“ eine Benefiz-Anthologie heraus, deren Erlös queeren Flüchtlingen zugutekommt. Darin findet ihr auch eine schwule Cyberpunk-Geschichte aus meiner Feder. Im Sommer gibt es dann voraussichtlich die Hafermann-Anthologie zum Gruseln, in der ich mich mit dem fränkischen Nachtgieger beschäftigt habe. Auch da sind viele tolle Autorenkolleg*innen beteiligt.

Oh, eine wichtige Neuerung gibt es noch zum Schluss. Dieser Blog ist im letzten Jahr ziemlich eingeschlafen, das will ich 2019 wieder ändern. Meine Website wird umziehen, ich möchte sie künftig selber hosten und damit auch den Anforderungen der DSGVO gerecht werden (das war auf dieser Plattform z.B. nur durch das Abschalten der Kommentar-Funktion möglich). Wundert euch also nicht, wenn diese Seite Anfang des Jahres für eine Weile nicht erreichbar ist. Sie kommt wieder.


Ich hoffe, ihr bleibt mir als Leser*innen auch 2019 gewogen und habt Lust, mich und meine Charaktere durch das kommende Jahr zu begleiten. Ich wünsche euch noch ein paar möglichst ruhige Tage bis zum Jahreswechsel, einen tollen Start ins neue Jahr und dass eure Wünsche 2019 so gut wie möglich erfüllt werden. Achtet gut auf euch und verliert den Spaß und die Freude nicht aus den Augen!

Eure Elea

Release „Unter einem Banner“

Ganz ehrlich, die Kleinen werden so schnell erwachsen. Kaum anderthalb Jahre ist es her, dass ich das erste Wort an diesem Manuskript geschrieben habe. Eine erstaunlich kurze Zeit, bedenkt man, welchen Weg meine Jungs seitdem schon hinter sich gebracht haben.

Im Sommer 2016 hatte ich die Schnauze voll von meinem Young-Adult-Mammut-Projekt, ich brauchte etwas Neues, etwas Erfrischendes. Irgendwo im Hinterkopf war da noch eine Idee. Ein Plotbunny, das ursprünglich einmal als Kurzgeschichte für die Helden-WG-Ausschreibung gedacht war. IMG_3450

Ich begann zu plotten, entwickelte die Figuren, die Hintergrundwelt und die Konflikte. Draußen hatte es ungefähr 30 ° C – in meinem Manuskript herrschte eisiger Winter und kühler Herbst. Ich hatte Lust auf ein raues Setting, nördlich gelegen, mit dichten Wäldern, eisigen Nächten und unheimlichen Kreaturen, die durch die Gebirge streifen. Mit kruden Festungen, harten Kerlen und deftigem Essen. Kurzum, ein klassisches Bilderbuch-Low-Fantasy-Szenario. Nur ein Aspekt bricht mit diesen Stereotypen, nämlich die Liebesgeschichte zwischen den beiden männlichen Protagonisten.

Begleitet hat mich auf dieser Reise vor allem meine bezaubernde Buchpatin Anna, die von Anfang an immer mit Rat und Tat zur Seite stand, auch nicht mit Kritik gezögert hat, wenn sie notwendig war, aber vor allem sehr viel Lob im Gepäck hatte. Auch die wunderbaren Damen von der „Magischen Jungs“-Plotgruppe und den Dirrty Stars im Tintenzirkel waren eine große Hilfe. Nur knapp acht Wochen hat es gedauert, bis die Rohfassung fertig war – ein gutes Indiz dafür, dass die Chemie zwischen mir, Reykan und Benrik einfach stimmte.

Deadsoft_VertragMeine beiden großartigen Betaleserinnen Mona und Michaela hatten dann noch den entscheidenden Blick für die Details, die Stringenz der Handlung und die angelegten Konflikte, sodass ich mit gutem Gefühl im März 2017 meine Bewerbung an den Dead Soft Verlag schickte. Kaum acht Wochen später kam die Zusage. Reibungsloser kann es kaum laufen.

Ich hatte das große Glück, mit Rebecca Andel eine unheimlich motivierte und sympathische Lektorin zu bekommen, die sich gemeinsam mit mir in das Manuskript verliebt hat und mit sehr viel Fingerspitzengefühl das letzte bisschen aus der Geschichte herauskitzeln konnte. Na ja, und sie hat geholfen, die zahlreichen kardiovaskulären Vorfälle und Magenverstimmungen meiner Protas zu reduzieren. *hust*


Und ja, jetzt ist das Baby da. Wahnsinn. Das Cover von DaylinArt gefällt mir unheimlich gut und ich bin mir sicher, auf dem Print wird es umwerfend aussehen.

So. Jetzt habe ich genug erzählt. „Unter einem Banner“ ist ab jetzt auf Amazon und im Verlagsshop als Ebook erhältlich. Das Taschenbuch erscheint am 28. Januar.

Wie immer freue ich mich wahnsinnig über euer Feedback. Lasst mich wissen, wie euch die Geschichte gefallen hat, und erzählt es euren Freunden und Bekannten weiter.


 

1400

Jede Nacht durchleidet Reykan erneut die Schrecken des Krieges, in dem er mehr verloren hat als nur eine Schlacht. Reykan sehnt sich nach Frieden, aber sein Pflichtgefühl kettet ihn an den Königshof und zwingt ihn mitten in die Unruhen, welche die Hauptstadt in Atem halten. Als feindliche Truppen die Mauern stürmen und der König vor Reykans Augen stirbt, fällt ihm die undankbare Aufgabe zu, den verwöhnten Kronprinzen Benrik in Sicherheit zu bringen. Gejagt von skrupellosen Gegnern geraten die beiden ungleichen Männer immer wieder aneinander, bis Reykan beginnt, hinter Benriks Fassade zu blicken. Doch ihre Verfolger kommen näher und Reykan muss sich fragen, wie viel er wirklich für Benrik empfindet und was er bereit ist, für ihn zu opfern.

Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 1)

Das kriminelle Genie

„Haben Sie schon mal versucht, ohne Macht verrückt zu werden? Das ist langweilig. Niemand hört einem zu.“
– Russ Cargill in „Simpsons – Der Film“

Psychopathen. Ihre Lebenswelt fasziniert uns ebenso sehr, wie sie uns abstößt. Wir finden sie in Filmen, Büchern, Serien – und bisweilen auch im Alltag. Aber was zeichnet eigentlich einen Psychopathen aus? Wie realistisch sind die Darstellungen in der Literatur? Und was macht einen Psychopathen zum perfekten literarischen Gegenspieler?

Alltag trifft Wissenschaft

Im Alltagsjargon und der täglichen Presse wird der Begriff „Psychopath“ häufig gebraucht, meist für einen Menschen, den wir für eiskalt, berechnend und menschenverachtend halten. Mit der wissenschaftlichen Betrachtungsweise von Psychopathie stimmt diese Alltagsdefinition aber nur partiell überein.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieb der Psychiater Hervey Cleckley in seinem berühmten Werk „Mask of Sanity“ Psychopathie erstmals als Persönlichkeitsstörung, die sich hinter einer Maske der Normalität verbirgt. Fast fünfzig Jahre später führte der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare seine Forschungen weiter.  Jahrzehntelang arbeitete er mit Strafgefangenen und entwickelte daraus eine wissenschaftlich fundierte Checkliste, um Psychopathen erkennen und klassifizieren zu können. Diese „Psychopathy Checklist“, kurz PCL, ist bis heute eines der am meisten verwendeten Diagnoseverfahren in der Begutachtung von Straftätern.


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Hannibal, der (zu) perfekte Psychopath?

Als Prototyp eines Psychopathen in der Literatur wird gerne einer herangezogen: Hannibal Lecter. Psychiater, Musikliebhaber, Menschenfresser. Tatsächlich erfüllt Dr. Lecter eine ganze Reihe von Kriterien, die nach Hares Checkliste einen Psychopathen auszeichnen. Lecter ist charmant, manipulativ und selbstgerecht, er empfindet keine Reue für seine Taten, keine Empathie für seine Opfer und auch keine tieferen Gefühle für andere Menschen. Damit treffen auf ihn tatsächlich einige Punkte zu, die zu einer psychopathischen Persönlichkeit passen, doch die norwegischen Wissenschaftler Aina Sundt Gullhaugen und Jim Aage Nøttestad fanden bei Lecter nur einen PCL-Wert von 24. Als psychopathisch gelten Personen in der Regel erst ab einem Wert von 30. Wie kommt das?

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Hannibal Lecter: Der perfekte Psychopath?

Lecter ist als Psychopath eine Spur zu perfekt. Er ist hochintelligent, planungssicher, macht nie Fehler. Im „Schweigen der Lämmer“ gelingt es ihm nicht nur, der jungen FBI-Agentin Starling relevante Informationen über ihren laufenden Fall und ihre Vergangenheit zu entlocken, sondern entkommt obendrein aus einem Hochsicherheitsgefängnis und nimmt sogar noch Rache am verhassten Gefängnisdirektor. Genau hier liegt der Knackpunkt. Lecter stellt einen Idealbösewicht da, einen Mann, der trotz seines Wahnsinns brillant agiert. Ein Prototyp des criminal masterminds, der in der Realität selten existiert, die Zuschauer oder Leser aber in besonderem Maße fasziniert.

Reale Serienmörder wie der nie gefasste Zodiac Killer oder Ted Bundy boten das Vorbild für diese Form der „Elite-Psychopathen“ und formten die implizite Annahme, Psychopathen müssten neben ihrer Skrupellosigkeit, ihrer Gefühlskälte und ihrer Empathielosigkeit weltgewandte, gebildete und hochintelligente Personen sein, die jeden ihrer Schritte genau bedenken (s. Zitat). Dies trifft aber nur teilweise zu.

„Psychopathen sind nicht verrückt. Sie sind sich dessen, was sie tun und der Konsequenzen ihres Handelns vollkommen bewusst.“
– Mads Mikkelsen als Hannibal Lecter in „Hannibal“ (TV-Serie)

Neben einer antisozialen, kaltherzigen und skrupellosen Persönlichkeit zeichnen sich Psychopathen nämlich meistens auch durch einen sozial inadäquaten Lebensstil aus. Sie empfinden schnell Langeweile, suchen den Kick (z.B. in Drogen oder Kriminalität), leben auf Kosten anderer, sind impulsiv, unbeherrscht und schwer dazu fähig, sich langfristige Ziele zu stecken. Sie pendeln von einer Station im Leben zur anderen, wechseln die Partner genauso oft wie die Jobs und weisen oft auch eine problematische Kindheit und Jugend auf, in der es bereits zu Verhaltensauffälligkeiten kam. Abgesehen vom letzten Punkt trifft keines dieser Kriterien auf Hannibal Lecter zu.

Ab mit ihrem Kopf!

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Joffrey Baratheon, ein Psychopath auf dem Königsthron

Ein literarisches Beispiel für diese Aspekte der Psychopathie stellt zum Beispiel Joffey Baratheon dar, der unsympathische Zwischendurch-mal-König aus G. R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“. Joffrey ist kalt, skrupellos und machthungrig, er stellt sein Ego über alles, hat kein Mitleid mit anderen, agiert aber bisweilen in Konversationen durchaus charmant (z.B. mit seiner Verlobten Sansa). Bis dahin ist er Dr. Lecter noch recht ähnlich. Aber: Joffrey steht sich mit seiner selbstgerechten, impulsiven Art selbst im Weg, schafft sich Feinde. Seine Suche nach dem besonderen Kick lebt er aus, indem er andere quält und misshandelt, während er vor echter Verantwortung zurückschreckt und lieber andere für sich in den Kampf ziehen lässt. In Bezug auf die wissenschaftliche Definition erfüllt Joffrey damit mehr Kriterien der Psychopathie als Hannibal Lecter (aufgrund seines jungen Alters und der spezifischen Lebensumstände sollte man hier aber vorsichtig mit einer Diagnose sein).

Der Psychopath als Antagonist

Neben Joffrey und Lecter ließen sich bestimmt noch zahlreiche andere Beispiele von Psychopathen finden, die als Gegenspieler in einem literarischen Werk auftauchen (allein Westeros scheint voll von diesen Typen!). Der Grund dafür liegt auf der Hand: kaltherzige, skrupellose Machtmenschen ohne Empathie mit einem übergroßen Ego geben hervorragende Antagonisten ab. Sie vereinen in sich so viele negative Eigenschaften, dass es dem Leser leicht fällt, sie zu verachten, ihnen ein Scheitern zu wünschen. Zugleich üben diese Menschen aber auch eine morbide Faszination aus, die es dem Leser schwer macht, sich emotional so von ihnen zu distanzieren, wie es vielleicht bei einem dunklen Herrscher Sauron oder einem Lord Voldemort möglich ist. Diese Balance zwischen Verachtung und emotionaler Beteiligung funktionierte im Fall von George Martins Epos so gut, dass Jack Gleeson, der in der Serienverfilmung die Rolle des Joffrey Baratheon gab, sogar private Drohbriefe und Hassbotschaften aufgebrachter Zuschauer erhielt. Obwohl diesen bewusst gewesen sein dürfte, dass es sich nur um einen Schauspieler handelte, war die Entrüstung über das Verhalten des von ihm gespielten Charakters so immens, dass die Distanz zusammenbrach.

Darüber hinaus haben Psychopathen als literarische Gegenspieler noch einen zweiten Vorteil für den Autor: sie sind in der Regel nicht perfekt. So faszinierend die Vorstellung eines hoch-intelligenten kriminellen Genies à la Hannibal Lecter ist, nicht jeder psychopathische Antagonist muss in dieses Schema passen – im Gegenteil. Die meisten realen Psychopathen sind impulsive Personen mit einem unsteten Lebensstil, die sich mit ihrem Ego und ihrer Unfähigkeit, auf andere Menschen einzugehen oder deren Emotionen nachzufühlen, irgendwann so sehr selbst im Weg stehen, dass ihre Pläne scheitern. Sie mögen intrigieren, manipulieren, andere für ihre Zwecke benutzen – irgendwann kommt vielleicht der Moment, an dem sie sich einen Feind zu viel geschaffen haben, an dem sie zu weit gehen, an dem sie vor lauter Selbstbezogenheit oder aus einer impulsiven Laune heraus nicht mehr fähig sind, rationale Entscheidungen zu treffen.

Die Wissenschaft bestätigt diesen Eindruck. In ihrem Werk „Snakes in Suites“  (auf Deutsch „Menschenschinder oder Manager“) erklären Robert Hare und der Arbeitspsychologie Paul Babiak, dass Psychopathen aufgrund ihrer Gefühlskälte und ihrer Ellbogenmentalität zwar eine gute Aussicht darauf haben, in Führungspositionen zu gelangen, durch ihre Unfähigkeit zur Kooperation, ihr fehlendes Verständnis für andere und ihre mangelnde Bereitschaft, Fehler einzusehen, aber selten erfolgreich dabei sind. Wer dafür ein gutes, reales Beispiel sucht, muss nur ins Weiße Haus schauen.

Im Übrigen – das nur als Fußnote – ist Psychopathie nicht auf Männer begrenzt, allerdings liegt das Geschlechterverhältnis etwa bei 20:1. Trotzdem gibt es auch sehr überzeugende Darstellungen weiblicher Psychopathen in der Literatur, z.B. im Thriller „Gone Girl“ oder in Stephen Kings „Mysery“ (nicht zu vergessen Cersei Lannister, wie gesagt, Westeros ist ein Tummelplatz von Psychopathen).

Die Take-Home-Message

Letzten Endes erweisen sich Psychopathen also als hervorragende literarische Gegenspieler. Sie vereinen in sich zahlreiche Eigenschaften, die es dem Leser erleichtern, sie zu hassen, faszinieren aber genug, um ihren Werdegang (oder ihr Scheitern) hautnah miterleben zu wollen. Sie haben mit ihrer vordergründig charmanten, manipulativen Art gute Chancen darauf, politisch oder wirtschaftlich aufzusteigen, ihre Selbstbezogenheit und die Unfähigkeit, auf andere einzugehen oder langfristig Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, machen sie wiederum angreifbar.

Wie sieht es bei euch aus, seid ihr kürzlich – literarisch! – einem Psychopathen begegnet? Wie gefiel euch die Umsetzung? Oder gibt es heimliche Psychopathen in euren eigenen Büchern? Habt ihr sonst noch Fragen zum Thema? Ich freu mich über euer Feedback.

Nächste Woche widme ich mich übrigens im zweiten Teil dieses Themas der Frage, ob Psychopathen auch zum Helden einer Geschichte taugen. Wenn ihr neugierig seid, hier geht’s zum zweiten Teil: Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 2)


Literatur

Babiak, P. & Hare, R. (2007). Snakes in Suites. When psychopaths go to work. HarperBusiness.

Swart, Joan (2016). Psychopaths in films: Are portrayals realistic and does it matter? In: M.Arntfield & M. Danesi (Hrsg.). The criminal humanities (S. 73-98). Peter Lang International Academic Publishers.

Gullhaugen, A.S. & Nøttestad, J.A. (2010). Looking for the Hannibal Behind the Cannibal: Current Status of Case Research. International Journal of Offender Therapy and Comparative Criminology, 55, S. 350-369.

Depressive Drachentöter

Psychische Störungen in der phantastischen Literatur

Artikel aus der Blogreihe „Phantastische Realität“ (Artikel-Übersicht)

In einer Welt, die verrückt spielt, ist nur ein Irrsinniger wahrhaft geisteskrank.
– Homer J. Simpson

Die Auseinandersetzung mit psychischen Störungen ist in vielen Bereichen der Literatur verbreitet.  Goethe schrieb über den depressiven „Werther“, E.T.A. Hoffmann über den zerstörerischen Wahnsinn im „Sandmann“. Auch in zeitgenössischer Literatur  haben die Protagonisten immer wieder mit schweren Schicksalsschlägen und ihren eigenen inneren Dämonen zu kämpfen, z.B. mit Drogenabhängigkeit („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“), Anorexie („Dann bin ich eben weg“) oder Depression/Suizidalität („A long way down“).

Depressive Drachentöter und zwanghafte Zauberer

Doch in der Fantasy? Ein Drachentöter mit Depression? Ein Zauberer mit Zwangsstörung? Ein Krieger mit Kleptomanie? Schwer vorstellbar. Der stereotype Fantasy-Held ist ein strahlender Saubermann, ein tapferer Streiter für das Gute, der selbst den schlimmsten Verlockungen widersteht und jedem noch so gefährlichen Gegner tapfer die Stirn bietet. Er (oder sie) metzelt sich unerschrocken durch feindliche Horden, hält den sterbenden Kameraden die Hand und erzählt am Ende mit grimmigem Stolz in der Stimme von seinen legendären Heldentaten.

Trotz allem Sarkasmus bleibt im Kern aber doch etwas Wahres übrig. Die Fantasy, selbst in ihrer düstersten, blutrünstigsten Ausformung, lebt von Helden. Von Figuren, die eine Entwicklung durchleben, die Stärke beweisen, die sich gegen Widrigkeiten zur Wehr setzen. Wird dieses Bild erschüttert, bleiben viele Leser ernüchtert zurück. Ein prominentes Beispiel ist Katniss Everdeen, die Heldin aus der Dystopie „Die Tribute von Panem“. Zu Beginn noch die mutige, aufopferungsvolle Kämpferin für das Gute, zerbricht die junge Frau zunehmend am Grauen des Krieges. Naheliegend, betrachtet man die schrecklichen Erlebnisse, deren Zeuge sie wurde. Trotzdem bedauerten viele Leser den Verfall ihrer Heldin, kritisierten das „nervliche Wrack“ (Amazon-Rezension), zu dem die Autorin ihre Protagonistin hat verkommen lassen. Es erscheint naheliegend, dass sich manche Leser lieber mit einer starken, ehrgeizigen und leidensfähigen Katniss identifizieren wollen, als mit einer, die an die Grenzen des Menschenmöglichen gelangt ist. Bedauerlich ist es dennoch, dass die realistische Darstellung psychischer Leidenszustände in diesem Kontext als unangenehme Charakterschwäche wahrgenommen wird.

Dabei ist die Ätiologie psychischer Krankheiten nicht ausschließlich auf die Eigenschaften der betroffenen Person zurückzuführen, sondern wesentlich vielfältiger und komplexer.  Die genetische Disposition kann dabei genauso eine Rolle spielen wie die psychosoziale Entwicklung, die Persönlichkeit und verschiedene Umwelteinflüsse. Die Entstehung einer psychischen Störung als „charakterliche Schwäche“ auszulegen, ist demnach stark vereinfacht bis schlichtweg falsch. Viel eher zeugt es, meiner Ansicht nach, von persönlicher Stärke, offen mit seinen Problemen umzugehen und sich den eigenen psychischen Handicaps zu stellen. Hier ergeben sich auch für die Fantasy spannende Spielräume mit vielfältigen Optionen. Dazu aber später mehr.

Joffrey, Gollum und die Pathologisierung des Bösen

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Gollum: Dissoziative Identitätsstörung

Wie eingangs bereits erwähnt, sind Helden in der Fantasy nur selten von psychischen Störungen betroffen  – die Bösewichte hingegen sehr wohl. Das Spektrum reicht von zwanghafter Persönlichkeitsstörung (Dolores Umbridge, „Harry Potter“) über Psychopathie (Joffrey Baratheon, „Lied von Eis und Feuer“) bis hin zu dissoziativer Identitätsstörung (Gollum, „Herr der Ringe“).  Sollte man daraus schlussfolgern, dass psychisch kranke Menschen per se böse sind? Wohl kaum.

Symptome psychischer Störungen – vor allem solche, die primär Leiden bei den Mitmenschen und weniger beim Betroffenen selbst hervorrufen – wirken schon deswegen schnell antagonistisch, weil sie gängigen Regeln unseres Zusammenlebens widersprechen. Personen, die gegen moralische Standards und soziale Mechanismen verstoßen, damit sogar noch anderen schaden, finden sich schnell auf der dunklen Seite der Macht wieder. Teils sicher zu recht. Einen zwanghaften, sadistischen Narzissten als Identifikationsfigur oder Love Interest zu verkaufen, könnte schwierig werden (außer, der Kerl ist Millionär, versteht sich *ironie aus*), doch jede Figur mit einer psychischen Störung in die Gegenspieler-Ecke zu drängen, ist nicht nur banalisierend, sondern befeuert obendrein die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen.

Raus aus dem Symptom-Korsett

Natürlich muss ich an dieser Stelle einräumen, dass die diagnostische Einordnung der genannten Figuren primär meiner eigenen Einschätzung entspricht. Die meisten Fantasy-Welten sehen eine Diagnostik oder gar Therapie psychischer Störungen nicht vor, vor allem dann nicht, wenn sie an frühere irdische Epochen (z.B. Mittelalter oder Antike) angelehnt sind. Bekanntermaßen wurden psychische Störungen lange Zeit gar nicht als solche erkannt oder – schlimmstenfalls – als dämonische Besessenheit interpretiert. Die angewandten Behandlungsmethoden können dabei bestenfalls als barbarisch bezeichnet werden, die ersten Ansätze pharmakologischer oder verhaltenstherapeutischer Behandlung finden sich erst Mitte des 20. Jahrhundert.

Schlechte Voraussetzungen also für den depressiven Drachentöter – zugleich aber auch eine Chance für den Autor. Weder besteht die Notwendigkeit, eine Störung konkret beim Namen zu nennen, noch den Charakter in ein Korsett vorgegebener Symptome zu zwängen. Psychische Störungen sind ebenso vielfältig und vielgestaltig wie diejenigen, die an ihnen leiden, den Prototypen einer Depression, einer Schizophrenie oder einer Angststörung gibt es nicht und selbst Symptomlisten beschreiben das faktische Fühlen oder Erleben der Betroffenen oft nur unzureichend. Wichtig ist also: Auch Figuren mit psychischen Krankheiten sind Individuen, Charaktere, keine Personifikation ihrer Störung.

Die Figur und ihre Psyche

Diese Maxime beschreibt auch ganz gut mein eigenes Vorgehen. Zu Beginn der Überlegung steht immer eine Figur, eine Idee. Daraus entwickelt sich dann ein Konzept und daraus wiederum ein individueller Charakter. Meistens stelle ich erst am Ende dieses Prozesses fest, dass die Figur bestimmte Symptome aufweist oder dass ihre Lebensgeschichte und ihre persönlichen Erfahrungen nicht spurlos an ihr vorübergegangen sein können. Da meldet sich natürlich auch die Psychologin in mir, die mit großem

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Facetten psychischer Gesundheit

Interesse die Entwicklung einer Figur bzw. ihre spezifische Lebensgeschichte verfolgt und sich schon allein aus fachlicher Neugier die Frage stellt: Wie geht die Person mit dieser Erfahrung um? Wie wirken sich die Lebensumstände auf ihre Persönlichkeit aus, auf ihre soziale Interaktion oder auf ihre individuellen Stärken und Schwächen?

Natürlich kann das Ziel eines Plots nicht darin bestehen, die Figur komplett von ihren Symptomen zu heilen (außer, sie ist Millionär und … ja, ich hör schon auf). Das Stichwort lautet hier „Coping-Strategien“: Fähigkeiten, die der Figur dabei helfen, mit ihrem psychischen Handicap zurecht zu kommen, ihre Schwierigkeiten zu kompensieren oder Hilfe und Verständnis bei anderen zu finden. Genau diese Strategien sind der Schlüssel zur Entwicklung einer Figur und zur realistischen Auseinandersetzung mit der psychologischen Thematik.

Zwei eigene Ideen

Zuletzt möchte ich euch, als kreativen Abschluss dieser ganzen Textwand, zwei meiner Charaktere vorstellen, die mit psychischen Handicaps zu kämpfen haben. Sicherlich sind die beiden nicht der Weisheit letzter Schluss und ob es mir gelungen ist, meine oben genannten Maßstäbe hier zu erfüllen, sei dahingestellt. Versteht meine Beispiele bitte nicht als Lösungsvorschlag oder Handlungsempfehlung, sondern als kleine Illustration dessen, was ich im Laufe dieses Artikels von mir gegeben habe. Meine persönliche Baustelle, sozusagen.


FARAL, Auftragsmörderin

Diagnose: Autismus

Ihre Geschichte: Von ihrer Familie verstoßen und in Armut aufgewachsen, wurde Faral schon als junges Mädchen von einem Jünger der „Bruderschaft“, einer Assassinen-Gilde, gefunden und ausgebildet. Sie erweist sich als ausgesprochen ehrgeizig und effizient, bis es ihr zum ersten Mal nicht gelingt, einen Mordauftrag zu Ende zu führen. Plötzlich sieht sich die Einzelgängerin gezwungen, Bündnisse zu schließen, und sich auf Beziehungen zu anderen Menschen einzulassen, um zu überleben. Eine Erfahrung, die sie an ihre Grenzen bringt.

Symptome: wenig Verständnis für Gefühle oder zwischenmenschliche Beziehungen, Schwierigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, Bestehen auf festen Routinen oder Denk- bzw. Handlungsmustern, vermindertes Schmerzempfinden, Lichtempfindlichkeit, stereotypes Wiederholen von Regeln und Kodizes, wenig Gespür für Humor, Sarkasmus oder soziale Regeln

Wie sie damit umgeht: Faral hat eine hervorragende Nische für sich gefunden. Als Assassine arbeitet sie allein, Gefühle sind ihr dabei eher im Weg und sie kann sich an ihren eigenen Regeln und Routinen orientieren. Schwierig wird es, sobald sie gezwungen ist, Verhaltensweisen anderer Menschen zu begreifen oder vorherzusehen. Hier konzentriert sie sich auf Beobachtungen, versucht Gesetzmäßigkeiten in den Handlungen anderer zu finden und ist meistens irritiert, wenn ihre üblichen Routinen nicht funktionieren. Trotzdem lernt sie stetig, entwickelt ihre persönlichen Regeln weiter und erstellt sie so ihr ganz eigenes Bild von der Welt.

Szene: Nachdenklich betrachtete sie ihren Schützling, der tief und fest schlief. Veränderungen hatten Faral immer Angst gemacht, hatten ihr das Gefühl gegeben, die Kontrolle zu verlieren. Diese Veränderung jedoch fühlte sich richtig an. Sie würde die Jagd vermissen, die Energie, das Pulsieren in ihren Adern, und es würde Zeit brauchen, um die neuen Regeln zu lernen. Seris Regeln. Doch dafür hatte sie wieder ein Ziel, eine Aufgabe, eine Bestimmung. Etwas, das ihrem Dasein einen Sinn verlieh, und das über bloßes Überleben hinausging.

[aus: „Aschekrieger“, unv. Manuskript]


REYKAN, Soldat des Königs

Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung

Seine Geschichte: Reykan ist Soldat mit Leib und Seele: loyal, strebsam und pflichtbewusst. Ein gescheiterter Kriegszug lässt ihn jedoch an seinen Idealen und seiner Treue zum König zweifeln und der Tod seiner Kameraden, vor allem seines Geliebten, zerbricht ihn endgültig. Reykan hadert mit sich, mit seiner Schuld, mit seiner Rolle als Soldat und sucht verzweifelt nach einer neuen Lebensaufgabe. Nicht so einfach, wenn die Schatten der Vergangenheit nicht loslassen wollen.

Symptome: nachhallende Erinnerungen an das Ereignis (Flashbacks), Alpträume, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Schuldgefühle, Alkoholmissbrauch zur Selbstmedikation, sozialer Rückzug

Wie er damit umgeht: Reykan versucht die unangenehmen Erinnerungen zunächst mit Alkohol zu betäuben (wenig erfolgreich), bis er gezwungen wird, sich seinen inneren Dämonen auf konstruktive Weise zu stellen. Es gelingt ihm, eine neue Aufgabe im Leben zu finden und sich über diese Aufgabe – und eine neue Liebe – neu zu definieren. Er kann mit seiner Vergangenheit abschließen und beginnt, auch seine Schuldgefühle aufzuarbeiten und nach vorne zu blicken. Ein langwieriger Prozess, der mit dem Ende er Geschichte nicht vorbei ist.

Szene: Kein Traum. Es war real. Das Lager brannte. Er durfte nicht die Nerven verlieren, er musste …
Blutiger Schnee. Tote Leiber. Bleiche Gesichter. Reykan schüttelte sich, presste die Hände auf die Schläfen. Das Blut rauschte in seinen Ohren, toste durch seine Adern. Hilflosigkeit, Schuld, Zorn, alles prasselte plötzlich mit der Gewalt einer Lawine auf ihn ein. Er stieß einen gequälten Laut aus. Nein! Nicht jetzt, verdammt!
Ruhe bewahren. Einatmen. Ausatmen.
»Reykan?« Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter, jemand hielt ihn fest. »He, sieh mich an!«

[aus: „Unter einem Banner“, unv. Manuskript]


Kommen wir zu einem Fazit. Auch die phantastische Literatur bietet spannende Optionen, psychische Störungen zu thematisieren, und aufzuzeigen, welche Wege Menschen finden, damit umzugehen. Dabei erscheint es wichtig, ein psychisches Handicap nicht als unüberwindbare Schwäche oder amüsanten Tic darzustellen, sondern dem Helden nach und nach Strategien an die Hand zu geben, die ihm helfen, mit seinen Symptomen konstruktiv umzugehen. Natürlich erfordert dieses Vorgehen ein gewisses Fingerspitzengefühl und Recherche – aber die Mühe lohnt sich.