Allgemein

Release „Unter einem Banner“

Ganz ehrlich, die Kleinen werden so schnell erwachsen. Kaum anderthalb Jahre ist es her, dass ich das erste Wort an diesem Manuskript geschrieben habe. Eine erstaunlich kurze Zeit, bedenkt man, welchen Weg meine Jungs seitdem schon hinter sich gebracht haben.

Im Sommer 2016 hatte ich die Schnauze voll von meinem Young-Adult-Mammut-Projekt, ich brauchte etwas Neues, etwas Erfrischendes. Irgendwo im Hinterkopf war da noch eine Idee. Ein Plotbunny, das ursprünglich einmal als Kurzgeschichte für die Helden-WG-Ausschreibung gedacht war. IMG_3450

Ich begann zu plotten, entwickelte die Figuren, die Hintergrundwelt und die Konflikte. Draußen hatte es ungefähr 30 ° C – in meinem Manuskript herrschte eisiger Winter und kühler Herbst. Ich hatte Lust auf ein raues Setting, nördlich gelegen, mit dichten Wäldern, eisigen Nächten und unheimlichen Kreaturen, die durch die Gebirge streifen. Mit kruden Festungen, harten Kerlen und deftigem Essen. Kurzum, ein klassisches Bilderbuch-Low-Fantasy-Szenario. Nur ein Aspekt bricht mit diesen Stereotypen, nämlich die Liebesgeschichte zwischen den beiden männlichen Protagonisten.

Begleitet hat mich auf dieser Reise vor allem meine bezaubernde Buchpatin Anna, die von Anfang an immer mit Rat und Tat zur Seite stand, auch nicht mit Kritik gezögert hat, wenn sie notwendig war, aber vor allem sehr viel Lob im Gepäck hatte. Auch die wunderbaren Damen von der „Magischen Jungs“-Plotgruppe und den Dirrty Stars im Tintenzirkel waren eine große Hilfe. Nur knapp acht Wochen hat es gedauert, bis die Rohfassung fertig war – ein gutes Indiz dafür, dass die Chemie zwischen mir, Reykan und Benrik einfach stimmte.

Deadsoft_VertragMeine beiden großartigen Betaleserinnen Mona und Michaela hatten dann noch den entscheidenden Blick für die Details, die Stringenz der Handlung und die angelegten Konflikte, sodass ich mit gutem Gefühl im März 2017 meine Bewerbung an den Dead Soft Verlag schickte. Kaum acht Wochen später kam die Zusage. Reibungsloser kann es kaum laufen.

Ich hatte das große Glück, mit Rebecca Andel eine unheimlich motivierte und sympathische Lektorin zu bekommen, die sich gemeinsam mit mir in das Manuskript verliebt hat und mit sehr viel Fingerspitzengefühl das letzte bisschen aus der Geschichte herauskitzeln konnte. Na ja, und sie hat geholfen, die zahlreichen kardiovaskulären Vorfälle und Magenverstimmungen meiner Protas zu reduzieren. *hust*


Und ja, jetzt ist das Baby da. Wahnsinn. Das Cover von DaylinArt gefällt mir unheimlich gut und ich bin mir sicher, auf dem Print wird es umwerfend aussehen.

So. Jetzt habe ich genug erzählt. „Unter einem Banner“ ist ab jetzt auf Amazon und im Verlagsshop als Ebook erhältlich. Das Taschenbuch erscheint am 28. Januar.

Wie immer freue ich mich wahnsinnig über euer Feedback. Lasst mich wissen, wie euch die Geschichte gefallen hat, und erzählt es euren Freunden und Bekannten weiter.


 

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Jede Nacht durchleidet Reykan erneut die Schrecken des Krieges, in dem er mehr verloren hat als nur eine Schlacht. Reykan sehnt sich nach Frieden, aber sein Pflichtgefühl kettet ihn an den Königshof und zwingt ihn mitten in die Unruhen, welche die Hauptstadt in Atem halten. Als feindliche Truppen die Mauern stürmen und der König vor Reykans Augen stirbt, fällt ihm die undankbare Aufgabe zu, den verwöhnten Kronprinzen Benrik in Sicherheit zu bringen. Gejagt von skrupellosen Gegnern geraten die beiden ungleichen Männer immer wieder aneinander, bis Reykan beginnt, hinter Benriks Fassade zu blicken. Doch ihre Verfolger kommen näher und Reykan muss sich fragen, wie viel er wirklich für Benrik empfindet und was er bereit ist, für ihn zu opfern.

Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 1)

Das kriminelle Genie

„Haben Sie schon mal versucht, ohne Macht verrückt zu werden? Das ist langweilig. Niemand hört einem zu.“
– Russ Cargill in „Simpsons – Der Film“

Psychopathen. Ihre Lebenswelt fasziniert uns ebenso sehr, wie sie uns abstößt. Wir finden sie in Filmen, Büchern, Serien – und bisweilen auch im Alltag. Aber was zeichnet eigentlich einen Psychopathen aus? Wie realistisch sind die Darstellungen in der Literatur? Und was macht einen Psychopathen zum perfekten literarischen Gegenspieler?

Alltag trifft Wissenschaft

Im Alltagsjargon und der täglichen Presse wird der Begriff „Psychopath“ häufig gebraucht, meist für einen Menschen, den wir für eiskalt, berechnend und menschenverachtend halten. Mit der wissenschaftlichen Betrachtungsweise von Psychopathie stimmt diese Alltagsdefinition aber nur partiell überein.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieb der Psychiater Hervey Cleckley in seinem berühmten Werk „Mask of Sanity“ Psychopathie erstmals als Persönlichkeitsstörung, die sich hinter einer Maske der Normalität verbirgt. Fast fünfzig Jahre später führte der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare seine Forschungen weiter.  Jahrzehntelang arbeitete er mit Strafgefangenen und entwickelte daraus eine wissenschaftlich fundierte Checkliste, um Psychopathen erkennen und klassifizieren zu können. Diese „Psychopathy Checklist“, kurz PCL, ist bis heute eines der am meisten verwendeten Diagnoseverfahren in der Begutachtung von Straftätern.


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Hannibal, der (zu) perfekte Psychopath?

Als Prototyp eines Psychopathen in der Literatur wird gerne einer herangezogen: Hannibal Lecter. Psychiater, Musikliebhaber, Menschenfresser. Tatsächlich erfüllt Dr. Lecter eine ganze Reihe von Kriterien, die nach Hares Checkliste einen Psychopathen auszeichnen. Lecter ist charmant, manipulativ und selbstgerecht, er empfindet keine Reue für seine Taten, keine Empathie für seine Opfer und auch keine tieferen Gefühle für andere Menschen. Damit treffen auf ihn tatsächlich einige Punkte zu, die zu einer psychopathischen Persönlichkeit passen, doch die norwegischen Wissenschaftler Aina Sundt Gullhaugen und Jim Aage Nøttestad fanden bei Lecter nur einen PCL-Wert von 24. Als psychopathisch gelten Personen in der Regel erst ab einem Wert von 30. Wie kommt das?

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Hannibal Lecter: Der perfekte Psychopath?

Lecter ist als Psychopath eine Spur zu perfekt. Er ist hochintelligent, planungssicher, macht nie Fehler. Im „Schweigen der Lämmer“ gelingt es ihm nicht nur, der jungen FBI-Agentin Starling relevante Informationen über ihren laufenden Fall und ihre Vergangenheit zu entlocken, sondern entkommt obendrein aus einem Hochsicherheitsgefängnis und nimmt sogar noch Rache am verhassten Gefängnisdirektor. Genau hier liegt der Knackpunkt. Lecter stellt einen Idealbösewicht da, einen Mann, der trotz seines Wahnsinns brillant agiert. Ein Prototyp des criminal masterminds, der in der Realität selten existiert, die Zuschauer oder Leser aber in besonderem Maße fasziniert.

Reale Serienmörder wie der nie gefasste Zodiac Killer oder Ted Bundy boten das Vorbild für diese Form der „Elite-Psychopathen“ und formten die implizite Annahme, Psychopathen müssten neben ihrer Skrupellosigkeit, ihrer Gefühlskälte und ihrer Empathielosigkeit weltgewandte, gebildete und hochintelligente Personen sein, die jeden ihrer Schritte genau bedenken (s. Zitat). Dies trifft aber nur teilweise zu.

„Psychopathen sind nicht verrückt. Sie sind sich dessen, was sie tun und der Konsequenzen ihres Handelns vollkommen bewusst.“
– Mads Mikkelsen als Hannibal Lecter in „Hannibal“ (TV-Serie)

Neben einer antisozialen, kaltherzigen und skrupellosen Persönlichkeit zeichnen sich Psychopathen nämlich meistens auch durch einen sozial inadäquaten Lebensstil aus. Sie empfinden schnell Langeweile, suchen den Kick (z.B. in Drogen oder Kriminalität), leben auf Kosten anderer, sind impulsiv, unbeherrscht und schwer dazu fähig, sich langfristige Ziele zu stecken. Sie pendeln von einer Station im Leben zur anderen, wechseln die Partner genauso oft wie die Jobs und weisen oft auch eine problematische Kindheit und Jugend auf, in der es bereits zu Verhaltensauffälligkeiten kam. Abgesehen vom letzten Punkt trifft keines dieser Kriterien auf Hannibal Lecter zu.

Ab mit ihrem Kopf!

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Joffrey Baratheon, ein Psychopath auf dem Königsthron

Ein literarisches Beispiel für diese Aspekte der Psychopathie stellt zum Beispiel Joffey Baratheon dar, der unsympathische Zwischendurch-mal-König aus G. R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“. Joffrey ist kalt, skrupellos und machthungrig, er stellt sein Ego über alles, hat kein Mitleid mit anderen, agiert aber bisweilen in Konversationen durchaus charmant (z.B. mit seiner Verlobten Sansa). Bis dahin ist er Dr. Lecter noch recht ähnlich. Aber: Joffrey steht sich mit seiner selbstgerechten, impulsiven Art selbst im Weg, schafft sich Feinde. Seine Suche nach dem besonderen Kick lebt er aus, indem er andere quält und misshandelt, während er vor echter Verantwortung zurückschreckt und lieber andere für sich in den Kampf ziehen lässt. In Bezug auf die wissenschaftliche Definition erfüllt Joffrey damit mehr Kriterien der Psychopathie als Hannibal Lecter (aufgrund seines jungen Alters und der spezifischen Lebensumstände sollte man hier aber vorsichtig mit einer Diagnose sein).

Der Psychopath als Antagonist

Neben Joffrey und Lecter ließen sich bestimmt noch zahlreiche andere Beispiele von Psychopathen finden, die als Gegenspieler in einem literarischen Werk auftauchen (allein Westeros scheint voll von diesen Typen!). Der Grund dafür liegt auf der Hand: kaltherzige, skrupellose Machtmenschen ohne Empathie mit einem übergroßen Ego geben hervorragende Antagonisten ab. Sie vereinen in sich so viele negative Eigenschaften, dass es dem Leser leicht fällt, sie zu verachten, ihnen ein Scheitern zu wünschen. Zugleich üben diese Menschen aber auch eine morbide Faszination aus, die es dem Leser schwer macht, sich emotional so von ihnen zu distanzieren, wie es vielleicht bei einem dunklen Herrscher Sauron oder einem Lord Voldemort möglich ist. Diese Balance zwischen Verachtung und emotionaler Beteiligung funktionierte im Fall von George Martins Epos so gut, dass Jack Gleeson, der in der Serienverfilmung die Rolle des Joffrey Baratheon gab, sogar private Drohbriefe und Hassbotschaften aufgebrachter Zuschauer erhielt. Obwohl diesen bewusst gewesen sein dürfte, dass es sich nur um einen Schauspieler handelte, war die Entrüstung über das Verhalten des von ihm gespielten Charakters so immens, dass die Distanz zusammenbrach.

Darüber hinaus haben Psychopathen als literarische Gegenspieler noch einen zweiten Vorteil für den Autor: sie sind in der Regel nicht perfekt. So faszinierend die Vorstellung eines hoch-intelligenten kriminellen Genies à la Hannibal Lecter ist, nicht jeder psychopathische Antagonist muss in dieses Schema passen – im Gegenteil. Die meisten realen Psychopathen sind impulsive Personen mit einem unsteten Lebensstil, die sich mit ihrem Ego und ihrer Unfähigkeit, auf andere Menschen einzugehen oder deren Emotionen nachzufühlen, irgendwann so sehr selbst im Weg stehen, dass ihre Pläne scheitern. Sie mögen intrigieren, manipulieren, andere für ihre Zwecke benutzen – irgendwann kommt vielleicht der Moment, an dem sie sich einen Feind zu viel geschaffen haben, an dem sie zu weit gehen, an dem sie vor lauter Selbstbezogenheit oder aus einer impulsiven Laune heraus nicht mehr fähig sind, rationale Entscheidungen zu treffen.

Die Wissenschaft bestätigt diesen Eindruck. In ihrem Werk „Snakes in Suites“  (auf Deutsch „Menschenschinder oder Manager“) erklären Robert Hare und der Arbeitspsychologie Paul Babiak, dass Psychopathen aufgrund ihrer Gefühlskälte und ihrer Ellbogenmentalität zwar eine gute Aussicht darauf haben, in Führungspositionen zu gelangen, durch ihre Unfähigkeit zur Kooperation, ihr fehlendes Verständnis für andere und ihre mangelnde Bereitschaft, Fehler einzusehen, aber selten erfolgreich dabei sind. Wer dafür ein gutes, reales Beispiel sucht, muss nur ins Weiße Haus schauen.

Im Übrigen – das nur als Fußnote – ist Psychopathie nicht auf Männer begrenzt, allerdings liegt das Geschlechterverhältnis etwa bei 20:1. Trotzdem gibt es auch sehr überzeugende Darstellungen weiblicher Psychopathen in der Literatur, z.B. im Thriller „Gone Girl“ oder in Stephen Kings „Mysery“ (nicht zu vergessen Cersei Lannister, wie gesagt, Westeros ist ein Tummelplatz von Psychopathen).

Die Take-Home-Message

Letzten Endes erweisen sich Psychopathen also als hervorragende literarische Gegenspieler. Sie vereinen in sich zahlreiche Eigenschaften, die es dem Leser erleichtern, sie zu hassen, faszinieren aber genug, um ihren Werdegang (oder ihr Scheitern) hautnah miterleben zu wollen. Sie haben mit ihrer vordergründig charmanten, manipulativen Art gute Chancen darauf, politisch oder wirtschaftlich aufzusteigen, ihre Selbstbezogenheit und die Unfähigkeit, auf andere einzugehen oder langfristig Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, machen sie wiederum angreifbar.

Wie sieht es bei euch aus, seid ihr kürzlich – literarisch! – einem Psychopathen begegnet? Wie gefiel euch die Umsetzung? Oder gibt es heimliche Psychopathen in euren eigenen Büchern? Habt ihr sonst noch Fragen zum Thema? Ich freu mich über euer Feedback.

Nächste Woche widme ich mich übrigens im zweiten Teil dieses Themas der Frage, ob Psychopathen auch zum Helden einer Geschichte taugen. Wenn ihr neugierig seid, hier geht’s zum zweiten Teil: Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 2)


Literatur

Babiak, P. & Hare, R. (2007). Snakes in Suites. When psychopaths go to work. HarperBusiness.

Swart, Joan (2016). Psychopaths in films: Are portrayals realistic and does it matter? In: M.Arntfield & M. Danesi (Hrsg.). The criminal humanities (S. 73-98). Peter Lang International Academic Publishers.

Gullhaugen, A.S. & Nøttestad, J.A. (2010). Looking for the Hannibal Behind the Cannibal: Current Status of Case Research. International Journal of Offender Therapy and Comparative Criminology, 55, S. 350-369.

Depressive Drachentöter

Psychische Störungen in der phantastischen Literatur

Artikel aus der Blogreihe „Phantastische Realität“ (Artikel-Übersicht)

In einer Welt, die verrückt spielt, ist nur ein Irrsinniger wahrhaft geisteskrank.
– Homer J. Simpson

Die Auseinandersetzung mit psychischen Störungen ist in vielen Bereichen der Literatur verbreitet.  Goethe schrieb über den depressiven „Werther“, E.T.A. Hoffmann über den zerstörerischen Wahnsinn im „Sandmann“. Auch in zeitgenössischer Literatur  haben die Protagonisten immer wieder mit schweren Schicksalsschlägen und ihren eigenen inneren Dämonen zu kämpfen, z.B. mit Drogenabhängigkeit („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“), Anorexie („Dann bin ich eben weg“) oder Depression/Suizidalität („A long way down“).

Depressive Drachentöter und zwanghafte Zauberer

Doch in der Fantasy? Ein Drachentöter mit Depression? Ein Zauberer mit Zwangsstörung? Ein Krieger mit Kleptomanie? Schwer vorstellbar. Der stereotype Fantasy-Held ist ein strahlender Saubermann, ein tapferer Streiter für das Gute, der selbst den schlimmsten Verlockungen widersteht und jedem noch so gefährlichen Gegner tapfer die Stirn bietet. Er (oder sie) metzelt sich unerschrocken durch feindliche Horden, hält den sterbenden Kameraden die Hand und erzählt am Ende mit grimmigem Stolz in der Stimme von seinen legendären Heldentaten.

Trotz allem Sarkasmus bleibt im Kern aber doch etwas Wahres übrig. Die Fantasy, selbst in ihrer düstersten, blutrünstigsten Ausformung, lebt von Helden. Von Figuren, die eine Entwicklung durchleben, die Stärke beweisen, die sich gegen Widrigkeiten zur Wehr setzen. Wird dieses Bild erschüttert, bleiben viele Leser ernüchtert zurück. Ein prominentes Beispiel ist Katniss Everdeen, die Heldin aus der Dystopie „Die Tribute von Panem“. Zu Beginn noch die mutige, aufopferungsvolle Kämpferin für das Gute, zerbricht die junge Frau zunehmend am Grauen des Krieges. Naheliegend, betrachtet man die schrecklichen Erlebnisse, deren Zeuge sie wurde. Trotzdem bedauerten viele Leser den Verfall ihrer Heldin, kritisierten das „nervliche Wrack“ (Amazon-Rezension), zu dem die Autorin ihre Protagonistin hat verkommen lassen. Es erscheint naheliegend, dass sich manche Leser lieber mit einer starken, ehrgeizigen und leidensfähigen Katniss identifizieren wollen, als mit einer, die an die Grenzen des Menschenmöglichen gelangt ist. Bedauerlich ist es dennoch, dass die realistische Darstellung psychischer Leidenszustände in diesem Kontext als unangenehme Charakterschwäche wahrgenommen wird.

Dabei ist die Ätiologie psychischer Krankheiten nicht ausschließlich auf die Eigenschaften der betroffenen Person zurückzuführen, sondern wesentlich vielfältiger und komplexer.  Die genetische Disposition kann dabei genauso eine Rolle spielen wie die psychosoziale Entwicklung, die Persönlichkeit und verschiedene Umwelteinflüsse. Die Entstehung einer psychischen Störung als „charakterliche Schwäche“ auszulegen, ist demnach stark vereinfacht bis schlichtweg falsch. Viel eher zeugt es, meiner Ansicht nach, von persönlicher Stärke, offen mit seinen Problemen umzugehen und sich den eigenen psychischen Handicaps zu stellen. Hier ergeben sich auch für die Fantasy spannende Spielräume mit vielfältigen Optionen. Dazu aber später mehr.

Joffrey, Gollum und die Pathologisierung des Bösen

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Gollum: Dissoziative Identitätsstörung

Wie eingangs bereits erwähnt, sind Helden in der Fantasy nur selten von psychischen Störungen betroffen  – die Bösewichte hingegen sehr wohl. Das Spektrum reicht von zwanghafter Persönlichkeitsstörung (Dolores Umbridge, „Harry Potter“) über Psychopathie (Joffrey Baratheon, „Lied von Eis und Feuer“) bis hin zu dissoziativer Identitätsstörung (Gollum, „Herr der Ringe“).  Sollte man daraus schlussfolgern, dass psychisch kranke Menschen per se böse sind? Wohl kaum.

Symptome psychischer Störungen – vor allem solche, die primär Leiden bei den Mitmenschen und weniger beim Betroffenen selbst hervorrufen – wirken schon deswegen schnell antagonistisch, weil sie gängigen Regeln unseres Zusammenlebens widersprechen. Personen, die gegen moralische Standards und soziale Mechanismen verstoßen, damit sogar noch anderen schaden, finden sich schnell auf der dunklen Seite der Macht wieder. Teils sicher zu recht. Einen zwanghaften, sadistischen Narzissten als Identifikationsfigur oder Love Interest zu verkaufen, könnte schwierig werden (außer, der Kerl ist Millionär, versteht sich *ironie aus*), doch jede Figur mit einer psychischen Störung in die Gegenspieler-Ecke zu drängen, ist nicht nur banalisierend, sondern befeuert obendrein die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen.

Raus aus dem Symptom-Korsett

Natürlich muss ich an dieser Stelle einräumen, dass die diagnostische Einordnung der genannten Figuren primär meiner eigenen Einschätzung entspricht. Die meisten Fantasy-Welten sehen eine Diagnostik oder gar Therapie psychischer Störungen nicht vor, vor allem dann nicht, wenn sie an frühere irdische Epochen (z.B. Mittelalter oder Antike) angelehnt sind. Bekanntermaßen wurden psychische Störungen lange Zeit gar nicht als solche erkannt oder – schlimmstenfalls – als dämonische Besessenheit interpretiert. Die angewandten Behandlungsmethoden können dabei bestenfalls als barbarisch bezeichnet werden, die ersten Ansätze pharmakologischer oder verhaltenstherapeutischer Behandlung finden sich erst Mitte des 20. Jahrhundert.

Schlechte Voraussetzungen also für den depressiven Drachentöter – zugleich aber auch eine Chance für den Autor. Weder besteht die Notwendigkeit, eine Störung konkret beim Namen zu nennen, noch den Charakter in ein Korsett vorgegebener Symptome zu zwängen. Psychische Störungen sind ebenso vielfältig und vielgestaltig wie diejenigen, die an ihnen leiden, den Prototypen einer Depression, einer Schizophrenie oder einer Angststörung gibt es nicht und selbst Symptomlisten beschreiben das faktische Fühlen oder Erleben der Betroffenen oft nur unzureichend. Wichtig ist also: Auch Figuren mit psychischen Krankheiten sind Individuen, Charaktere, keine Personifikation ihrer Störung.

Die Figur und ihre Psyche

Diese Maxime beschreibt auch ganz gut mein eigenes Vorgehen. Zu Beginn der Überlegung steht immer eine Figur, eine Idee. Daraus entwickelt sich dann ein Konzept und daraus wiederum ein individueller Charakter. Meistens stelle ich erst am Ende dieses Prozesses fest, dass die Figur bestimmte Symptome aufweist oder dass ihre Lebensgeschichte und ihre persönlichen Erfahrungen nicht spurlos an ihr vorübergegangen sein können. Da meldet sich natürlich auch die Psychologin in mir, die mit großem

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Facetten psychischer Gesundheit

Interesse die Entwicklung einer Figur bzw. ihre spezifische Lebensgeschichte verfolgt und sich schon allein aus fachlicher Neugier die Frage stellt: Wie geht die Person mit dieser Erfahrung um? Wie wirken sich die Lebensumstände auf ihre Persönlichkeit aus, auf ihre soziale Interaktion oder auf ihre individuellen Stärken und Schwächen?

Natürlich kann das Ziel eines Plots nicht darin bestehen, die Figur komplett von ihren Symptomen zu heilen (außer, sie ist Millionär und … ja, ich hör schon auf). Das Stichwort lautet hier „Coping-Strategien“: Fähigkeiten, die der Figur dabei helfen, mit ihrem psychischen Handicap zurecht zu kommen, ihre Schwierigkeiten zu kompensieren oder Hilfe und Verständnis bei anderen zu finden. Genau diese Strategien sind der Schlüssel zur Entwicklung einer Figur und zur realistischen Auseinandersetzung mit der psychologischen Thematik.

Zwei eigene Ideen

Zuletzt möchte ich euch, als kreativen Abschluss dieser ganzen Textwand, zwei meiner Charaktere vorstellen, die mit psychischen Handicaps zu kämpfen haben. Sicherlich sind die beiden nicht der Weisheit letzter Schluss und ob es mir gelungen ist, meine oben genannten Maßstäbe hier zu erfüllen, sei dahingestellt. Versteht meine Beispiele bitte nicht als Lösungsvorschlag oder Handlungsempfehlung, sondern als kleine Illustration dessen, was ich im Laufe dieses Artikels von mir gegeben habe. Meine persönliche Baustelle, sozusagen.


FARAL, Auftragsmörderin

Diagnose: Autismus

Ihre Geschichte: Von ihrer Familie verstoßen und in Armut aufgewachsen, wurde Faral schon als junges Mädchen von einem Jünger der „Bruderschaft“, einer Assassinen-Gilde, gefunden und ausgebildet. Sie erweist sich als ausgesprochen ehrgeizig und effizient, bis es ihr zum ersten Mal nicht gelingt, einen Mordauftrag zu Ende zu führen. Plötzlich sieht sich die Einzelgängerin gezwungen, Bündnisse zu schließen, und sich auf Beziehungen zu anderen Menschen einzulassen, um zu überleben. Eine Erfahrung, die sie an ihre Grenzen bringt.

Symptome: wenig Verständnis für Gefühle oder zwischenmenschliche Beziehungen, Schwierigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, Bestehen auf festen Routinen oder Denk- bzw. Handlungsmustern, vermindertes Schmerzempfinden, Lichtempfindlichkeit, stereotypes Wiederholen von Regeln und Kodizes, wenig Gespür für Humor, Sarkasmus oder soziale Regeln

Wie sie damit umgeht: Faral hat eine hervorragende Nische für sich gefunden. Als Assassine arbeitet sie allein, Gefühle sind ihr dabei eher im Weg und sie kann sich an ihren eigenen Regeln und Routinen orientieren. Schwierig wird es, sobald sie gezwungen ist, Verhaltensweisen anderer Menschen zu begreifen oder vorherzusehen. Hier konzentriert sie sich auf Beobachtungen, versucht Gesetzmäßigkeiten in den Handlungen anderer zu finden und ist meistens irritiert, wenn ihre üblichen Routinen nicht funktionieren. Trotzdem lernt sie stetig, entwickelt ihre persönlichen Regeln weiter und erstellt sie so ihr ganz eigenes Bild von der Welt.

Szene: Nachdenklich betrachtete sie ihren Schützling, der tief und fest schlief. Veränderungen hatten Faral immer Angst gemacht, hatten ihr das Gefühl gegeben, die Kontrolle zu verlieren. Diese Veränderung jedoch fühlte sich richtig an. Sie würde die Jagd vermissen, die Energie, das Pulsieren in ihren Adern, und es würde Zeit brauchen, um die neuen Regeln zu lernen. Seris Regeln. Doch dafür hatte sie wieder ein Ziel, eine Aufgabe, eine Bestimmung. Etwas, das ihrem Dasein einen Sinn verlieh, und das über bloßes Überleben hinausging.

[aus: „Aschekrieger“, unv. Manuskript]


REYKAN, Soldat des Königs

Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung

Seine Geschichte: Reykan ist Soldat mit Leib und Seele: loyal, strebsam und pflichtbewusst. Ein gescheiterter Kriegszug lässt ihn jedoch an seinen Idealen und seiner Treue zum König zweifeln und der Tod seiner Kameraden, vor allem seines Geliebten, zerbricht ihn endgültig. Reykan hadert mit sich, mit seiner Schuld, mit seiner Rolle als Soldat und sucht verzweifelt nach einer neuen Lebensaufgabe. Nicht so einfach, wenn die Schatten der Vergangenheit nicht loslassen wollen.

Symptome: nachhallende Erinnerungen an das Ereignis (Flashbacks), Alpträume, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Schuldgefühle, Alkoholmissbrauch zur Selbstmedikation, sozialer Rückzug

Wie er damit umgeht: Reykan versucht die unangenehmen Erinnerungen zunächst mit Alkohol zu betäuben (wenig erfolgreich), bis er gezwungen wird, sich seinen inneren Dämonen auf konstruktive Weise zu stellen. Es gelingt ihm, eine neue Aufgabe im Leben zu finden und sich über diese Aufgabe – und eine neue Liebe – neu zu definieren. Er kann mit seiner Vergangenheit abschließen und beginnt, auch seine Schuldgefühle aufzuarbeiten und nach vorne zu blicken. Ein langwieriger Prozess, der mit dem Ende er Geschichte nicht vorbei ist.

Szene: Kein Traum. Es war real. Das Lager brannte. Er durfte nicht die Nerven verlieren, er musste …
Blutiger Schnee. Tote Leiber. Bleiche Gesichter. Reykan schüttelte sich, presste die Hände auf die Schläfen. Das Blut rauschte in seinen Ohren, toste durch seine Adern. Hilflosigkeit, Schuld, Zorn, alles prasselte plötzlich mit der Gewalt einer Lawine auf ihn ein. Er stieß einen gequälten Laut aus. Nein! Nicht jetzt, verdammt!
Ruhe bewahren. Einatmen. Ausatmen.
»Reykan?« Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter, jemand hielt ihn fest. »He, sieh mich an!«

[aus: „Unter einem Banner“, unv. Manuskript]


Kommen wir zu einem Fazit. Auch die phantastische Literatur bietet spannende Optionen, psychische Störungen zu thematisieren, und aufzuzeigen, welche Wege Menschen finden, damit umzugehen. Dabei erscheint es wichtig, ein psychisches Handicap nicht als unüberwindbare Schwäche oder amüsanten Tic darzustellen, sondern dem Helden nach und nach Strategien an die Hand zu geben, die ihm helfen, mit seinen Symptomen konstruktiv umzugehen. Natürlich erfordert dieses Vorgehen ein gewisses Fingerspitzengefühl und Recherche – aber die Mühe lohnt sich.