Leseproben

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Kurzgeschichte: Der Fischer und die Peri von Elea Brandt

Wie ein willkommener Gast kam der Abend über die Gassen von Zarbahan. Das  orangerote Licht der untergehenden Sonne brach sich in den Kuppeln des Palastes und tauchte den Basar in angenehme Schatten, die beim Zusehen an Länge gewannen. Kühle Luft vertrieb die schwüle Hitze des Tages, legte sich wie ein Schleier auf die Haut und nahm die Gerüche und Düfte der Gewürzstände und Teestuben mit sich, um sie bis in die entlegensten Viertel der Stadt zu tragen. […]
Auch an diesem Abend hatten sich Dutzende Menschen auf dem zentralen Platz vor dem zweigeteilten Tempel versammelt. Dort saß ein alter Mann, das Gesicht zerfurcht wie trockener Lehmboden. Wenn er lächelte, lächelte jede Falte seines Gesichts, jede Strähne seines grauen Barts schien dabei zu erbeben und seine dichten, struppigen Augenbrauen
tanzten. Manche Menschen sagten, er sei so alt wie die Stadt selbst, sei gebunden
an ihr Schicksal und würde erst vergehen, wenn Zarbahans Mauern fielen. Viele glaubten es. Ich glaubte es auch.
Mit lauter, freundlicher Stimme winkte der Alte die Kinder heran, bat sie, direkt an seiner Seite Platz zu nehmen, während wir Älteren ihn stehend umringten, um ja nichts zu verpassen. Der alte Mann duftete nach Sand und Myrrhe und seine Worte weckten mit Leichtigkeit Bilder, Gefühle und Erinnerungen. Er nannte nie einen Namen, er brauchte keinen Namen. Er war einfach da, wie die Mauern der Stadt, wie der sprudelnde Nisad, der uns nährte, und wie die Rote Wüste, deren Dünen
Zarbahan umhüllten.
Erwartungsvolle Augen musterten den alten Mann, während er genüsslich an seiner Wasserpfeife zog und aromatisch duftende Ringe in die Luft blies. Als Kind war ich überzeugt gewesen, in den Schwaden etwas zu erblicken. Eine Gestalt, ein Ungeheuer gar, etwas, das den Worten des alten Mannes folgte. Man mochte es kindliche Schwärmereien nennen, doch wer die Macht der Magie kannte – so wie ich – der ahnte, dass mehr dahinterstecken mochte als pure Fantasie.
„Mädchen und Knaben“, rief der Mann in die Runde, und obwohl ich so lange Zeit nicht mehr hier gewesen war, kannte ich noch immer jedes Wort seiner Einleitung, „Junge und Alte! Geschichten sind wie wir Menschen. Sie sind einzigartig und besonders, ergreifen und bewegen uns. Sie sind gut oder böse, grausig oder zärtlich, erfrischend oder bedrohlich. Und sie werden erst dann für immer vergehen, wenn die
Menschen aufhören, sich an sie zu erinnern.“ Er sah sich mit bedeutungsschwerem
Blick in der Runde seiner Zuhörer um. „Werdet ihr euch erinnern, Mädchen und Knaben?“

 

Mehr dazu in: „Märchen aus 1001 Nacht Update 1.1. Wer braucht schon einen Dschinn“ von Charlotte Erpenbeck (Hrsg.). Die Anthologie erscheint am 15. März 2018 im Machandel Verlag. Zum Shop der Autorenwelt.


 

Kurzgeschichte: Teuflische Neun von Elea Brandt

Anton starrte unschlüssig auf das Papier, doch dann atmete er tief durch und überflog die eng bedruckten Seiten. Vertragsingress, Erfüllungszeitpunkt, Geheimhaltungspflicht, Konventionalstrafe bei Nichteinhaltung, Zusatzvereinbarung … Er stockte, und sein Herz begann zu rasen. Er las die letzten Zeilen ein zweites Mal und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dieser kleine Absatz konnte ihm den Arsch retten, oder besser gesagt, seine Seele.
Er tippte mit dem Finger auf das Papier. „Was is‘ damit?“
Luzifer pfiff unbeteiligt. „Womit?“
Anton las laut vor: „Zusatzvereinbarung. Der Vertragspartner ist verpflichtet, dem Sterblichen eine Ausweichoption zu ermöglichen, sofern dieser eine konkrete Wette vorschlägt.“ Anton runzelte die Stirn. „Was für eine Wette?“
Luzifer wirkte unzufrieden und straffte die Schultern. „Ach, ja das … Vergiss das. Ich bin verpflichtet, das reinzuschreiben, damit der da oben …“
„Ich weiß eine Wette!“
Luzifer verdrehte die Augen. „Na dann, schieß los.“
„Wir kegeln gegeneinander! Einmal in die Vollen, einmal abräumen. Wenn du gewinnst, kriegst du meine Seele und den ganzen Schmarrn und ein Freibier obendrauf. Wenn du verlierst, dann behalt ich meine Seele und mein Bier und du verzupfst dich.“
Luzifer starrte Anton für einen Moment fassungslos an, dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Toni, Toni«, kicherte er, „du hast Mut, ernsthaft, du bist ein echter … wie sagt man? Schlawiner?“
„Und?“
Luzifer grinste. „Ich bewundere deinen Sportsgeist. Also gut, einverstanden!“

Mehr dazu in: „Phantastische Sportler“ von Markus Heitkamp und Wolfgang Schröder (Hrsg.). Die Anthologie erscheint am 15. März 2018 im Verlag Torsten Low. Zum Shop der Autorenwelt.