Buchwelt

Das 1-Sterne-Desaster

Gute Kritik, schlechte Kritik und wie man damit umgeht

Noch knapp zwei Wochen sind es bis zur Veröffentlichung meines Debüt-Romans – und erwartungsgemäß geht mir der Arsch gerade ein wenig auf Grundeis. Wird den Lesern das Buch gefallen? Wie werden die ersten Bewertungen ausfallen? Was, wenn die ersten Leser den Roman komplett zerreißen?

Solche und ähnliche Gedanken dürften jedem Autor durch den Kopf gehen, vor allem wenn er noch am Beginn seiner Karriere steht. Kritik ist das böse Schreckgespenst, das über allen kunstschaffenden Berufen schwebt und immer die Ahnung von Versagen mit sich bringt. Warum das Unsinn ist, warum (gute!) Kritik nützlicher ist als Lob und wie man lernen kann, mit Kritik umzugehen, möchte ich heute ein bisschen erläutern.

Kritik tut weh

Zu allererst sollten wir alle uns eines bewusst sein: Kritik tut weh. Immer. In jedes Buch sind viele Stunden, Tage, Monate, Jahre der Arbeit geflossen, man hat sich Gedanken gemacht, gegrübelt, umgeschrieben, überarbeitet und war am Ende überzeugt, etwas wirklich Gutes geschaffen zu haben. Wird diese Illusion dann zerrissen, ist das immer ein widerliches Gefühl. Besonders hart trifft Kritik immer dann, wenn man nicht damit rechnet – zumindest geht das mir so. Wenn ich mit einer Szene ohnehin nicht zufrieden war und meine Beta-Leser genau das rückmelden, fühle ich mich höchstens bestätigt. Fand ich eine Szene aber richtig super, atmosphärisch, dynamisch und voller Esprit schlägt die Kritik natürlich besonders hart ein. Im Grunde ist jede unverhoffte Kritik eine Kränkung, denn sie greift unser Selbstbild an einer Stelle an, an der sie bei vielen Künstlern besonders fragil ist.

Angriff ist nicht die beste Verteidigung

Psychologisch gesehen führt eine Kränkung zu einer Schieflage des eigenen Selbstverständnisses. Das, was man bisher stillschweigend angenommen hat – dass man als Autor etwas taugt und ein solides Buch geschrieben hat – gerät ins Wanken. Damit können aus einer Kränkung zwei verschiedene Mechanismen resultieren.

Der erste ist eine kompensatorische Reaktion, um das eigene Selbstbild zu erhalten: „Ich bin gar nicht so gut, wie ich dachte? Kann nicht sein. Der Typ/die Tussi lügt. Der/die erkennt einfach mein Genie nicht oder hat die Geschichte nicht verstanden.“

Der zweite Mechanismus ist eine Abwertung des eigenen Selbstbilds, um auf dem Niveau anzukommen, dass der Kritiker vorgibt: „Mann, der/die hat total recht, ich bin so untalentiert und schlecht, ich höre mit dem Schreiben auf.“

Beide Wege sind für sich allein genommen problematisch.

Natürlich ist es möglich, dass Kritik irrt. Auch Leser oder Lektoren sind nur Menschen, können etwas missverstehen oder fehlinterpretieren. Sofern diese Personen aber zur Zielgruppe des Romans gehören und prinzipiell in der Lage sein sollten, die Handlung zu begreifen, sollte man als Autor hellhörig werden. Vielleicht habe ich die Hinweise wirklich nicht klar genug gestreut? Vielleicht ist das Verhalten der Figur an der Stelle noch nicht gut genug begründet? Kritik von vorneherein abzuschmettern und als Neid, Missgunst oder Unvermögen zu interpretieren, ist sehr gefährlich. Wohin das im Extremfall führt, sieht man derzeit in den USA: Wer auch immer Donald Trump kritisiert, ist ein Lügner oder schlechter Mensch. Alle anderen hingegen sind super und aufrichtig.

Auch der zweite Weg kann und darf nicht der Königsweg sein. Kennt ihr den blöden Spruch, man solle sich wieder aufs Fahrrad setzen, wenn man heruntergefallen ist? Genauso ist es mit dem Schreiben. Wer aufgibt, weil er kritisiert wird oder auf die Nase fällt, tut niemandem einen Gefallen, am wenigstens sich selbst. Ganz knallhart behaupte ich:  Wer nicht bereit ist, Kritik zu seinen Werken anzunehmen, darf sich nicht mit dem Gedanken an eine Veröffentlichung spielen. Das heißt nicht, dass man sich nicht über unberechtigte Kritik aufregen oder mal traurig einen Eisbecher in sich reinlöffeln darf, wenn die Lieblingsszene gnadenlos zerrissen wurde. Aber ganz ehrlich: Wir sind es uns und unseren Geschichten schuldig, weiterzumachen, besser zu werden und sie so gut zu erzählen, wie irgendwie möglich. Diesen Anspruch sollten wir alle im Herzen tragen. Eine Phase der Wut, der Trauer oder der Enttäuschung ist also ganz normal, sie sollte nur irgendwann enden.

Gute und schlechte Kritik

Die primäre Frage, die ich mir als Autor also stellen sollte, ist: Ist die Kritik berechtigt? Das ist sicherlich die schwerste Frage von allen.

Zu allererst sollten wir uns bewusstwerden, dass jeder Mensch das Recht auf seine Meinung hat. Jemand darf mein Buch hassen, lieben, vergöttern oder für Schund halten und er hat jedes Recht, seine Meinung dazu frei zu äußern, ohne dafür angegriffen oder als Neider bzw. Lügner diffamiert zu werden. Beleidigungen oder verbale Angriffe sind natürlich ausgenommen, so etwas muss sich kein Autor gefallen lassen.

Nicht jeder Leser, der eine Amazon-Rezension schreibt, ist psychologisch geschult oder sieht sich in der Pflicht, möglichst freundlich und konstruktiv zu rezensieren. Ich finde, das ist auch nicht seine Aufgabe. Leser/innen sind Konsumenten, die ein Produkt bewerten, und genauso wenig wie ich mir Gedanken darum mache, ob meine schlechte Amazon-Bewertung zum neuesten Samsung Galaxy den Entwickler traurig macht, sollten Leser/innen gezwungen sein, die psychische Verfassung von AutorInnen im Auge zu haben, wenn sie Kritik schreiben. Ehrlichkeit ist wichtig, in die eine oder die andere Richtung.

Trotzdem ist konstruktive Kritik natürlich viel leichter anzunehmen. Konstruktiv bedeutet lösungsorientiert, abwägend, ohne persönliche Verurteilung oder Pauschalisierung. Auch „Ich-Botschaften“ können den Ton einer kritischen Rezension deutlich angenehmer gestalten. Versucht es mal bei euch selbst und vergleicht die beiden Sätze:

  • „Ich empfand das Buch ab der Hälfte als langatmig.“
  • „Das Buch war ab der Hälfte langatmig.“

Derselbe Inhalt, unterschiedlich verpackt. Schon Kleinigkeiten können viel ausmachen und die Annahme von Kritik wesentlich einfacher gestalten.

Wenn ihr also einen kritischen Kommentar erhaltet, atmet einmal tief durch oder auch mehrmals. Ärgert euch im Stillen. Hadert mit euch. Trinkt einen Schnaps oder vernichtet einen Tafel Schokolade. Schlaft drüber. Und dann, wenn ihr wieder fit seid, zerpflückt die Kritik und findet heraus, was euch davon nützt. Das bringt weit mehr als ein unkontrollierter Ausbruch.

Die Art der Verarbeitung

Jetzt wird es ein bisschen psychologisch, aber ich gebe mir Mühe, es anständig zu verpacken. Erfolge und Misserfolge, Fortschritte und Niederlagen können auf ganz unterschiedliche Weise verarbeitet werden. Zum Teil ist diese Art in unserer Persönlichkeit und unserem Wesen verankert, doch einen guten Teil können wir langfristig auch selbst beeinflussen, zumindest mit ein wenig Anstrengung. Zwei Formen der Verarbeitung sind besonders zentral. Bleiben wir bei der vernichtenden Kritik zum eigenen Buch als Beispiel.

Diese negative Erfahrung kann ich entweder internal oder external verarbeiten. Internal bedeutet, ich suche den Grund für die Kritik bei mir, bei einer externalen Verarbeitung schiebe ich die Schuld nach außen. Darüber hinaus kann ich einen stabilen Grund für mein Versagen annehmen oder einen zeitlich variablen Grund. Dadurch ergeben sich vier Muster.

TabAttribution

Es zeigt sich: Manche Kombinationen sind besser für unser Ego als andere, man nennt dieses Muster auch „selbstwertdienliche Attribution“. Am besten geht es uns, wenn wir Misserfolge external/zeitlich variabel attribuieren und Erfolge internal/stabil. Natürlich ist das nicht immer sinnvoll, ein Realitätscheck ist trotzdem wichtig. Nicht immer sind äußere Gründe schuld, manchmal kann es sinnvoll sein, an sich zu arbeiten. Genauso wenig müssen wir aber die Schuld immer bei uns suchen und, vor allem, annehmen, dass wir nichts daran ändern können.

Deswegen, ihr Lieben: Kritik heißt nicht, dass ihr schlecht seid, nicht schreiben könnt oder keinen Wert als Autor besitzt. Kritik ist vielfältig, kann unzählige Gründe und Ursachen haben. Lasst nicht zu, dass euch die Selbstzweifel auffressen, sondern denkt gut darüber nach: Woran liegt es hier? Hakt es bei mir, muss ich noch an mir arbeiten? Oder war einfach die Passung mit dem Leser problematisch?  Was kann ich tun, um das Problem zu lösen, oder gibt es überhaupt ein relevantes Problem? Manchmal kann man auch einfach mit der Schulter zucken und die Dinge hinnehmen, wie sie sind.

Dasselbe gilt übrigens auch für Lob. Wer positives Feedback immer nur nach außen schiebt, nicht annehmen kann oder in Frage stellt, tut sich und seinem Selbstwertgefühl keinen Gefallen damit. Doch wer Lob verabsolutiert und sich auf den eigenen Lorbeeren ausruht, ebenso wenig.

Kritik im Sandwich

Tatsächlich habe ich für mich gelernt, dass ich Lob vor allem dann gut annehmen kann, wenn es nicht alleinsteht. Wenn ein Testleser alles, was ich schreibe, in den Himmel lobt, tut das erstmal gut, hinterlässt aber irgendwann einen faden Nachgeschmack.

Deswegen finde ich die Sandwich-Taktik immer noch die Beste, wenn es um Feedback geht. Kritik in zwei Schichten Lob verpackt lässt sich gut annehmen und weckt zugleich nicht den Eindruck einer unreflektierten Beweihräucherung. Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, etwas mehr Kritik zwischen die zwei Scheiben zu quetschen, das ist auch zulässig. Niemand sollte sich gezwungen fühlen, Dinge zu beschönigen. Aber wie weiter oben schon angekündigt: Der Ton macht die Musik. Oder das Sandwich.

Fazit

Kritik gehört zum Autorenleben dazu. Wer veröffentlicht, muss sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass jemand sein Buch kritisieren wird, und wir alle sollten uns klarmachen, ob wir dafür bereit sind. Kritik anzunehmen kann man lernen, das habe ich selbst bemerkt. Manchmal fühle ich mich immer noch niedergeschlagen und mies, wenn eine Szene kritisiert wird, die ich besonders liebe, aber die Phasen, in denen ich deprimiert in der Ecke sitzen und nichts tue, werden kürzer. Vielleicht verschwinden sie irgendwann ganz.

Habt ihr eine bestimmte Strategie, wie ihr mit Kritik umgeht? Was tut euch gut? Was hilft euch? Ich bin gespannt.

Dein Manuskript in guten Händen

Wie finde ich einen seriösen Verlag?

Betrügen und betrogen werden, nichts ist gewöhnlicher auf Erden
– Johann Gottfried Seume

Nur noch zwei Monate, dann öffnet in Frankfurt die größte deutsche Buchmesse ihre Pforten. Während viele Leser einfach darauf hoffen, gute Bücher zu finden oder ihre/n Lieblingsautoren/in persönlich zu treffen, sind Buchmessen auch eine gute Gelegenheit, professionelle Kontakte zu knüpfen: zu LektorInnen, zu Verlagen und zu Agenturen.

Auch wenn die Selfpublishing-Branche mittlerweile boomt, ist der Weg über einen Verlag für die meisten AutorInnen immer noch der bevorzugte. Die Veröffentlichung über einen Verlag schafft eine gewisse Sicherheit, vermittelt den Eindruck von Seriosität und Professionalität. Genau da liegt aber das Problem. In der Verlagsbranche ist längst nicht alles Gold, was glänzt, und gerade unerfahrene Neu-AutorInnen sehen sich oft der Versuchung ausgesetzt, schnell zuzusagen, wenn ein Verlag ihr Manuskript veröffentlichen will.

Heute möchte ich euch ein paar Tipps an die Hand geben, wie ihr einen seriösen Verlag erkennen könnt. Seriös heißt dabei im Übrigen noch lange nicht „gut“, das möchte ich betonen. Nur, weil sich ein Verlag an die Regeln hält, heißt das noch nicht, dass er zu euch, zu euren Wünschen, Zielen und Vorstellungen passt und euer Buch angemessen verkauft und bewirbt. Trotzdem hoffe ich, dass die folgenden Tipps euch zumindest dabei helfen, die ganz schwarzen Schafe auszusortieren.

Ein seriöser Verlag verlangt kein Geld von dir – niemals!

In den sozialen Medien finden sich immer wieder vielversprechend klingende Aufrufe von Verlagen, die händeringend Manuskripte suchen. Finger weg von solchen Lockangeboten, denn dahinter stecken in der Regel so genannte Druckkostenzuschuss-Verlage (DKZV). Bevor der Verlag das Buch des Autors druckt, wird eine Geldsumme fällig, in der Regel ein solider 4-stelliger Betrag. Auflage, Druckqualität und alle anderen Parameter werden vom Verlag bestimmt, d.h. der Autor bezahlt, hat aber keine Kontrolle über das Ergebnis. Zielgruppe dieser DKVZ sind in der Regel unbedarfte Autoren, die aufgrund zahlloser Absagen oder schierer Unkenntnis des Literaturbetriebs eine Chance wittern, doch noch erfolgreich zu werden. Ein Trugschluss, denn der Einzige, der hier verdient, ist in der Regel der Verlag. Der Autor bleibt auf den horrenden Kosten sitzen.

Im Gegensatz zum Selfpublishing musst du also nicht nur tief in die Tasche greifen, sondern auch noch einen guten Anteil deiner Erträge an den Verlag abführen, der sich in der Regel für alle weiteren Maßnahmen (Lektorat, Korrektorat, Werbung, Vertrieb) ebenfalls bezahlen lässt. Am Ende hast du also nur eine Menge Geld ausgegeben und dich und dein Buch weit unter Wert verkauft. Das „V“ in DKZV ist also allerhöchstens ein Euphemismus, denn mit Verlagswesen haben diese Unternehmen wenig gemein. Eigentlich sind sie nichts weiter als verdammt teure Druckereien, die die Autoren, die sie nutzen, mit ungefiltertem Lob überhäufen und dann tief in ihre Taschen greifen. Wie sinnfrei dieses Lob ist, kann man in diesem Spiegel-Artikel nachlesen. Hier haben Autoren bewusst Unfug verzapft und abgewartet, wie die Bezahl-Verlage darauf reagieren.

Ein seriöser Verlag trägt das Risiko deiner Veröffentlichung und wird kein Geld von dir verlangen, weder für den Druck noch für ein Lektorat oder andere „optionale Zusatzleistungen“. Er wird auch nicht von dir verlangen, eine Kaution zu hinterlegen, falls sich dein Buch nicht verkauft, und er wird dich nicht nötigen, eine gewisse Anzahl von Vorbestellungen aufzuweisen, damit dein Buch überhaupt in den Druck geht. Und er wird dir niemals deine Tantiemen vorenthalten oder dich in Büchern aus dem Verlagssortiment auszahlen. Der Verlag ist dein Partner, dein Schirmherr, wenn du so willst. Er wird gemeinsam mit dir versuchen, dein Buch so gut wie möglich zu verkaufen und zu vermarkten und wird dich nicht als billige Cashcow melken, bis nichts mehr geht.

Ganz ehrlich, ihr Lieben, bitte fallt nicht auf solche Maschen herein! Selbst wenn es Absagen regnet, selbst wenn ihr an euch zweifelt, es gibt immer bessere Optionen. Eine Veröffentlichung in einem DKZV ist nicht nur ein Minusgeschäft für euch, sondern verbaut euch künftig auch viele Chancen in besseren Verlagen, denn das Image der DKZV-Autoren ist aus oben genannten Gründen reichlich mies. Wenn ihr das Gefühl habt, keinen Platz in der Verlagswelt zu finden, macht euch schlau über Selfpublishing, seid euer eigener Herr und lasst euch nicht auf schäbige Weise ausbeuten.

 

Ein seriöser Verlag schließt mit dir einen Vertrag

Du hast die Zusage eines Verlags? Herzlichen Glückwunsch! Der erste Schritt nach dieser Zusage sollte nun die gemeinsame Vereinbarung eines Autorenvertrags sein. Jeder seriöse Verlag wird mit dir einen solchen Vertrag schließen, ganz egal, ob Kurzgeschichte[1], Novelle oder Romanreihe. Dieser Vertrag ist die Basis eurer Zusammenarbeit, und selbst wenn du die/den Verleger/in persönlich kennst, sollte ein Vertrag absolut selbstverständlich sein. Kein seriöser Verlag wird dir diese Option verweigern.

Einen Verlagsvertrag zu lesen ist nicht ganz einfach und häufig findet man Stolperstricke nur dann, wenn man selbst schon ein bisschen Ahnung vom Business hat. Deswegen mein Rat: Lass den Vertrag lieber noch einmal von jemandem anschauen, der sich mit dem Thema auskennt. Das muss kein Jurist sein – im Gegenteil –, aber vielleicht ein/e erfahrene/r Autor/in, Verleger/in, Lektor/in, der/die dir helfen kann, Probleme im Vertrag zu finden und auszumerzen.

Ich möchte nicht im Detail auf Verlagsklauseln eingehen, das würde hier zu weit führen und um ehrlich zu sein bin ich selbst auch noch weit davon entfernt, Expertin zu sein. Folgende Punkte sollten in deinem Verlagsvertrag aber auf jeden Fall geregelt sein.

  • Die Vertrags-Laufzeit, d.h. wie lange trittst du die Rechte an der Geschichte an den Verlag ab. Manche Verlage pokern immer noch darauf, die Rechte für die Gesamtdauer des gesetzlichen Urheberrechts zu erhalten, d.h. bis zu 70 Jahre nach deinem Tod. Dieser Klausel würde ich unter keinen Umständen unterschreiben. Meistens kann man sich ohnehin gütlich einigen, denn ein Buch verkauft sich nicht ewig, aber wenn nicht, ist deine Geschichte unter Umständen bis auf Weiteres weg vom Markt. Du kannst sie nicht an einen weiteren Verlag verkaufen und sie nicht ein zweites Mal herausbringen, selbst wenn sich deine Karriere in dieser Zeit in eine ganz andere Richtung entwickelt hat. Stell dir vor, du bist nach einigen Jahren plötzlich bei einem großen Verlag unter Vertrag, der deinen Erstling groß rausbringen will, das aber nicht kann, weil du immer noch in diesem alten Knebelvertrag hängt. Schön blöd. Gängige Laufzeiten sind nach meiner Erfahrung 5 bis 7 Jahre.
  • Tantiemen: Für viele Autoren das Kernstück eines Vertrags: Wie viel bekomme ich als Autor pro Buch? Hier verbindliche Zahlen zu nennen ist sehr schwierig, denn die Tantiemen variieren je nach Größe und Ausrichtung des Verlags. Wenn du 8 bis 10 % für dein Print-Buch erhältst, ist das eine sehr gute Ausbeute. Im Kleinverlags-Wesen dürften eher 6 bis 8 % die Regel sein. Für Ebooks wird in der Regel etwa 30 % des Nettoverkaufserlöses veranschlagt. Wichtig ist hierbei natürlich, in welchem Format das Buch erscheint. Reine Ebook-Verlage sollten bessere Konditionen für Ebooks bieten, Verlage mit Hardcover-Formaten ebenfalls. In der Regel gelten übrigens für höhere Auflagen auch höhere Tantiemen, das sollte ebenfalls vertraglich geregelt sein.
  • Nebenrechte: Auch das ist ein wichtiger Punkt. Sobald du dem Verlag gestattest, Nebenrechte auszuüben (z.B. das Buch zu übersetzen, ein Hörbuch zu produzieren etc.), sollte genau geregelt sein, wie lange der Verlag solche Lizenzen vergeben darf und welchen Anteil du daran erhältst. Mindestens 50 bis 60 % sind hier gängig. Bei reinen Ebook-Verlagen solltest du außerdem klar vereinbaren, was mit den Print-Rechten an dem Buch passiert und ob du das Buch z.B. selbst als Taschenbuch herausgeben darfst.
  • Veröffentlichungsdatum: Klingt kleinlich, ist aber wichtig: Sorge dafür, dass vertraglich genau geregelt ist, wann dein Buch erscheint, wann du das fertige Manuskript abgeben musst und in welchem Rahmen der VÖ-Termin höchstens abweichen darf. Ansonsten lässt du einem unseriösen Verlag allen Spielraum, deine Geschichte ewig auf Halde zu haben und dich zappeln zu lassen, obwohl du das Manuskript in der Zwischenzeit fünf anderen Verlage hättest anbieten können.

Das sind jetzt nur wenige Punkte, ein Verlagsvertrag sollte noch sehr viel mehr Aspekte regeln. Was passiert z.B. wenn dein Buch nicht mehr verfügbar ist, weil die erste Auflage komplett verkauft wurde? Wie schnell muss der Verlag nachdrucken? Ab wann darf der Verlag dein Buch „verramschen“ und den Verkaufspreis heruntersetzen? Wer bestimmt den Titel bzw. die Aufmachung des Buches? Wie viel Mitspracherecht hast du als AutorIn? Wie häufig werden Tantiemen ausgeschüttet (järhlich, halbjährlich)? Wie gesagt, ein verdammt komplexes Thema.

Wichtig ist auf jeden Fall: Fehlt einer der oben genannten Punkte im Vertrag oder bietet dir der Verlag überhaupt keinen Vertrag an, ist das ein deutliches Indiz für eine unseriöse Arbeitsweise.

Ein seriöser Verlag kümmert sich um Cover, Buchsatz, Lektorat & Korrektorat

Wie unter Punkt 1 schon dargestellt: dein Verlag ist dein Partner im Literaturbusiness. Er ist zuständig dafür, dein Buch zu lektorieren und zu korrigieren, er kümmert sich um das Layout, um ein Cover und um den Druck des Buches. Hier gibt es keine Kompromisse. Gar keine! Der Verlag erhält einen guten Anteil der Einnahmen, dafür ist er auch verpflichtet, diese Leistungen zu erbringen.

Vielleicht ein Beispiel an dieser Stelle: Du gehst in ein gutes Restaurant und bestellst ein Getränk und ein Mittagessen. Im Preis, den du bezahlst, ist das Kochen, das Anrichten und das Servieren der Speisen inklusive, niemand würde erwarten, dass der Gast selbst in die Küche laufen muss, um die Nudeln aus dem Topf zu holen und die Soße anzurühren. Anders ist es in einem Selbstbedienungs-Laden, aber auch hier sollte es selbstverständlich sein, dass man Geschirr oder Verpackung nicht selbst mitbringen oder den Burger selbst vom Grill holen muss.

Sollte ein Verlag also von dir verlangen, dich allein (schlimmstenfalls auf eigene Kosten) um das Lektorat oder das Cover zu kümmern  oder sollte er dir eine dieser Leistungen vorenthalten – Finger weg! Kein seriöser Verlag würde so etwas tun.

Ein seriöser Verlag ist vernetzt und präsent

Ungefragt flattert dir ein Verlagsangebot ins Haus, doch bei näherer Betrachtung stellst du fest: Der Verlag hat weder eine ordentliche Homepage, noch einen Social-Media-Kanal und du musst erst eine Weile suchen, bis du rausgefunden hast, wo du seine Bücher überhaupt kaufen kannst. Spätestens da sollten deine Alarmglocken schrillen.

Jeder seriöse Verlag sollte eine ordentliche Homepage besitzen, einen Webshop und ggf. auch eine Facebook-Seite oder einen Twitter-Account. Außerdem sollten die dort verlegten Bücher über alle gängigen Plattformen wie Amazon, Thalia oder Weltbild erhältlich sein. Auch die Präsenz auf Buchmessen oder Conventions ist ein gutes Zeichen, ebenso wie die enge Vernetzung mit anderen Verlagen (vor allem im Kleinverlags-Wesen).

Weist ein Verlag keines dieser Merkmale auf, wäre ich sehr, sehr vorsichtig und würde im Zweifel mehr Informationen einholen, ehe ich mich darauf einlasse.

Ein seriöser Verlag ist erreichbar

So was, du möchtest deinem künftigen Verlagspartner eine Mail schreiben, findest aber keine öffentliche Email-Adresse? Keine Telefonnummer? Keine Kontaktdaten? Dann mach dich lieber ganz schnell vom Acker.

Rechtlich betrachtet muss jede kommerzielle Internetseite ein Impressum beinhalten, in welchem du die Anschrift, eine Telefonnummer und ggf. auch eine Email-Adresse oder ein Kontaktformular findest. Ist das nicht der Fall, ist das nicht nur ein fieses Versäumnis, sondern sogar ein Grund zu einer rechtlichen Abmahnung.

Zudem sollte ein seriöser Verlag auch in angemessenem Zeitraum auf deine Anfragen reagieren und antworten. Ihr seid Partner, ihr arbeitet zusammen – Kommunikation ist alles. Lass dich hier nicht abspeisen.

Fazit

Wie zu Beginn angedeutet, kann ich in diesem Beitrag nur einen ersten Überblick geben, ein paar Tipps, die dir vielleicht auf der Suche helfen und deine Entscheidung erleichtern. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bin mir sicher, dass es noch viele andere Punkte gibt, die es zu berücksichtigen gilt. Zumal, wie eingangs erwähnt, ein seriöser Verlag noch lange kein guter Verlag sein muss. Die obigen Punkte sollten dir aber zumindest dabei helfen, die ganz fiesen Maschen zu erkennen und nicht eine üble Kostenfalle zu tappen.

Wie steht es mit euch, habt ihr schon Erfahrungen mit schwarzen Schafen in der Verlagswelt gemacht? Gibt es Punkte, die euch besonders wichtig sind und die an dieser Stelle noch fehlen? Schreibt es mir gerne in den Kommentaren.

 

 

[1] Bei Kurzgeschichten-Anthologien gibt es bisweilen Ausnahmen, die ohne Vertrag arbeiten. Meistens handelt es sich dabei um Anthologien ohne Gewinnerzielungsabsicht, die auch keine Honorare an Autoren ausschütten. Hier sollte man immer selbst entscheiden, ob man Lust hat, sich trotzdem zu beteiligen. Der Verlust ist sicher gering, der Zugewinn aber auch.

Die Kurzgeschichte – Lust oder Laster?

„Eine Kurzgeschichte ist eine Geschichte, an der man sehr lange arbeiten muss, bis sie kurz ist.“
– Vicente Aleixandre

Das Tolle an der Autoren-Community ist ja, es gibt immer spannende Diskussionen. Letzte Woche hat der Kollege Marcus Johanus – dem einen oder anderen vielleicht von den Schreibdilettanten bekannt (wenn nicht, guckt euch die Videos an, sie sind super hilfreich!) – in einem Blogartikel dazu aufgerufen, als Autor Abstand von Kurzgeschichten zu nehmen, und die Twitter-Gemeinde hat intensiv darüber diskutiert.

Vier Argumente stehen für Marcus Johanus im Vordergrund:

  1. Kurzgeschichten rauben wertvolle (Schreib-)Zeit, die besser in Romane investiert wäre.
  2. Kurzgeschichten haben nichts mit Romanen zu tun und schaden sogar einem guten Romanstil, da in Kurzgeschichten bewusst Dinge verschwiegen, weggelassen oder verschleiert werden.
  3. Kurzgeschichten haben eine eingeschränkte Zielgruppe und verkaufen sich nicht gut.
  4. Mit Kurzgeschichten verbrennt man den eigenen Namen und schreckt Verlage eher ab.

So nachvollziehbar Marcus‘ Argumentation in diesen Punkten ist, ich will ihnen trotzdem widersprechen. Nicht, weil ich den Kollegen diskreditieren oder ihm seine Meinung absprechen will, sondern schlichtweg deswegen, weil sich unsere Perspektiven auf dieses Thema stark unterscheiden. Das mag auch am bevorzugten Genre oder der Größenordnung liegen, in der wir denken. Einige Ideen hat auch Frau Schreibseele auf ihrem Blog bereits gut auf den Punkt gebracht.

Zeitfresser Kurzgeschichte?

Schon das erste Argument kann ich persönlich nicht wirklich nachfühlen. Ich empfinde Kurzgeschichten als wesentlich anspruchsvoller als Romane – und wenn ich die Wahl hätte, ich würde immer das Romanschreiben vorziehen. Insofern, keine Gefahr, dass ich mit dem Schreiben einer Kurzgeschichte prokrastiniere. Eher läuft es umgekehrt.

Kurzgeschichten sind für mich Intermezzi, die ich einschiebe, wenn ich eine schöne Ausschreibung finde, wenn ich etwas ausprobieren oder ein lästiges Plotbunny möglichst kurz und knackig loswerden will. Denn mal ehrlich, es mangelt nie an Ideen – aber wenn aus jeder Idee ein Roman würde, dann wäre meine Liste zu schreibender Bücher noch länger, als sie sowieso schon ist. Abgesehen davon kann eine Kurzgeschichte ein toller Auftakt zu einem Roman werden – meine Gay Fantasy „Unter einem Banner“ ist genauso entstanden.

Kurzgeschichte und Roman müssen sich also nicht ausschließen, im Gegenteil. Sie können voneinander profitieren. Zudem kann die Vorstellung, einen ganzen Roman zu schreiben, gerade für Anfänger extrem erdrückend sein. Warum nicht klein anfangen und sich „hoch arbeiten“?

You fail only if you stop writing

Sicherlich sollte man dabei Schreibregeln nie aus den Augen lassen. Kurzgeschichten folgen anderen Strukturen als Romane. Aber mal ehrlich – das tun unterschiedliche Genres auch. Ein Liebesroman schreibt sich anders als ein Thriller oder eine Romanze, trotzdem sind viele Autoren in verschiedenen Genres unterwegs, ohne, dass es ihrem Stil schadet. Warum sollte das also eine Kurzgeschichte tun?

Alle Schriftsteller, die je nach Schreibtipps gefragt wurden, waren sich in einem Punkt einig: Man lernt nur durch das Schreiben. Und ehe man gar nichts schreibt, warum keine Kurzgeschichte, um sich ausprobieren, um zu experimentieren, um neue Perspektiven oder Stile zu testen? Für mich funktioniert das hervorragend. Gerade das Hineinspringen in ein Setting oder in Figurenkonstellationen empfinde ich als tolle Übung, um Szenen zu gestalten, Infodump zu umgehen und nur das Notwendigste zu erzählen. Dinge konkret und zügig auf den Punkt zu bringen, intelligente Konflikte auf kleinem Raum zu gestalten, Settings mit wenigen Worten lebendig werden zu lassen – das alles sind Dinge, die einen Kurzgeschichten lehren.

Brotlose Kunst

Was man sicherlich nicht abstreiten kann, ist die Tatsache, dass sich Kurzgeschichten schlechter verkaufen als Romane. Das ist allerdings auch ein rein deutsches Phänomen, in Amerika haben Short Stories einen wesentlich besseren Stellenwert. Hier beißt sich der Hund also in den Schwanz – lesen die Deutschen keine Kurzgeschichten, weil es keine gibt, oder gibt es keine, weil sie nicht gelesen werden? Diese Frage kann niemand abschließend beantworten.

Fakt ist: In Großverlagen sind Kurzgeschichten und Anthologien kein Thema, im Indie-Bereich hingegen haben sie einen festen Stellenwert. Kleine, feine (Fantastik-)Verlage wie der Verlag Ohneohren, der Art Skript Phantastik Verlag oder auch der Verlag Torsten Low bestechen seit Jahren durch tolle, vielseitige Anthologien, die regelmäßig für den Deutschen Phantastik Preis nominiert werden. Auch im Horror-Genre begegnet man immer wieder tollen Anthologien, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, man denke nur an Stephen King oder die Altmeister H.P. Lovecraft oder Edgar Allan Poe. Es zeigt sich also: Es gibt einen Markt für Kurzgeschichten, sie machen allerdings nicht (mehr) reich.

Schade ist in dem Zusammenhang auch, dass einige Verlage gar keine Honorare für Kurzgeschichten-Beiträge in Anthologien anbieten. Auch wenn wenige Cents pro Exemplar sicher nicht reich machen, es ist eine Wertschätzung der Arbeit, die dahinter steckt. Und Sätze wie „das ist doch tolle Werbung für dich“ hat u.a. Nina George in ihrem offenen Brief an Audible und Lufthansa effizient entkräftet.

Sackgasse oder Tor in die Verlagswelt?

Was ich persönlich nicht glauben kann (auch wenn mir hier die Erfahrung fehlt), ist, dass veröffentlichte Kurzgeschichten einen negativen Effekt bei der Verlagssuche haben. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Verlag einen Autor eher ablehnt, wenn er Kurzgeschichten veröffentlicht hat, als wenn er noch gar keine Veröffentlichung vorweisen kann. Denn, wer in einer Anthologie erscheint, hat sich durch einen Auswahlprozess geboxt, eine Deadline eingehalten, eine Geschichte zu einem vordefinierten Thema geschrieben und an seinem Stil gearbeitet. Wirklich, ihr lieben Verlage und Agenten da draußen, ist das nichts wert? Gar nichts? Ich glaube das nicht.

Tatsächlich kenne ich mehr Beispiele, die für das Gegenteil sprechen: Autoren, die mit Kurzgeschichten gestartet sind und sich im Zuge dessen einen festen Platz erarbeitet haben. Das gilt zum Beispiel für Fabian Dombrowski, der sowohl als Verleger, als auch als Autor im Kurzgeschichten-Bereich unterwegs ist, aber auch für Tanja Rast, Robert von Cube, Markus Cremer und – last but not least – auch für mich selbst. Verlegerin Ingrid Pointecker vom Verlag Ohneohren hat ein paar dieser Karrieren in einem Blogartikel zusammengefasst.

Unabhängig von ihrem Erfolg können Kurzgeschichten also durchaus ein Tor in die (Indie-)Verlagswelt sein. Man lernt Kollegen kennen, Verleger und Verlegerinnen, bekommt die Chance auf Lesungen, auf Messepräsenz oder Online-Leserunden. Auch wenn sich Leser also nicht konkret an den Autorennamen in einer Anthologie erinnern, die persönliche Reichweite und die eigene Erfahrung steigen enorm.

Jede Seite wirkt 

Also, ihr Lieben da draußen: Lasst euch nicht abschrecken. Wenn ihr Lust auf eine Kurzgeschichten-Ausschreibung habt, wenn ihr etwas Abwechslung braucht, wenn ihr euch ausprobieren, experimentieren und Neues wagen wollt, dann ergreift die Chance. Vielleicht wird es nicht euer großer literarischer Durchbruch. Vielleicht werdet ihr nicht reich daran. Vielleicht klappt es nicht einmal mit der Veröffentlichung. Aber mit jeder Seite, die ihr schreibt, sammelt ihr Erfahrung, und mit jeder veröffentlichten Geschichte wächst euer Selbstbewusstsein und eure persönliche Reichweite. Wenn ihr mit Kurzgeschichten dagegen gar nichts anfangen könnt oder euch lieber auf eure Romane konzentriert – nur zu. Hauptsache, ihr hört nicht auf zu schreiben.

Wenn ihr übrigens ein paar tolle, fantastische Kurzgeschichten lesen wollt, schaut doch mal bei den oben erwähnten Verlagen vorbei. Ich bin mir sicher, ihr werdet fündig.

Wie steht es um euch, lest ihr Kurzgeschichten? Schreibt ihr sie gerne oder eher selten? Was fällt euch leichter – lange Erzählungen oder knackige Kurzgeschichten? Lasst es mich wissen.

Hilfe, ich bin langweilig!?

Oder: Man muss nicht in der Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben

Schreibe über das, was du kennst. Diesen Tipp hat sicher jeder schon mal irgendwo gelesen und er hat definitiv seine Berechtigung. Als Profi oder wenigstens Amateur in einem Gebiet tut man sicher leichter, Themen korrekt und umfassend darzustellen und einen guten Zugang dazu zu finden. Trotzdem werden die wenigstens Krimis von Polizisten, Anwälten oder Kommissaren geschrieben, sondern von AutorInnen, die sich in die Materie einarbeiten müssen.

Daran findet niemand etwas Verwerfliches – zurecht. Wie Maxim Gorkij einmal sagte: „Man muss nicht in einer Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ Als Leser schätzt man Fachkompetenz, aber zu viel Insiderwissen kann der Dramatik einer Story sogar abträglich sein. Immerhin wissen wir alle, dass Polizeiarbeit wesentlich trockener ist als in Krimis dargestellt, aber wir sind froh, dass nicht der Großteil der Kriminalromane davon handelt, wie der Kommissar interne Berichte verfasst. Und wir sind dann doch eher erleichtert, dass Krimiautoren nicht erst einen Mord begehen müssen, um aus der Perspektive eines Mörders zu erzählen.

Diversität und ihre Grenzen?

Heikler wird es dagegen bei Charaktereigenschaften, Persönlichkeit, sexueller Orientierung. Im Netz finden sich immer wieder kritische Kommentare, so wie dieser.

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Der Wunsch dahinter ist nachvollziehbar. Leser wollen durch Figuren angemessen repräsentiert werden und fühlen sich wohler in dem Wissen, dass der Autor/die Autorin weiß, worüber er/sie schreibt, vornehmlich aufgrund eigener Erfahrung. Sie wollen sich nicht von einem „Outsider“ erklären lassen, wie ihre Welt funktioniert, wie ihre Probleme aussehen oder wie sie damit umzugehen haben. Sie wünschen sich Authentizität.

Hier stoßen wir allerdings auf ein Problem: Würden Autoren nur noch über Protagonisten ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Lebenserfahrung schreiben, wäre die Buchwelt ziemlich eintönig. Sieht man sich den deutschen Buchmarkt an, wäre der durchschnittliche Roman-Protagonist vermutlich ein verheirateter Mittelschicht-Mann in den Dreißigern mit einem Studienabschluss. Vielleicht auch eine Mittelschicht-Frau mit Familie und Teilzeitjob. Sicherlich lässt sich auch daraus eine interessante Geschichte stricken – aber so ganz ohne Diversität wäre der Buchmarkt verdammt langweilig. Am Ende beißt sich der Hund also in den Schwanz, denn gerade Menschen abseits der Norm verdienen es, in Büchern repräsentiert zu werden – das könnte unter dieser Prämisse aber nicht funktionieren.

Als AutorInnen ist es unsere Aufgabe, über den Tellerrand hinauszusehen, uns mit anderen Kulturen und Lebenseinstellungen zu beschäftigen und darüber zu schreiben, doch leider führen Aussagen wie die obere eher dazu, dass Autoren den Mut verlieren und sich doch wieder den üblichen Standards zuwenden. Nach dem Motto: „Ich will niemandem auf den Schlips treten.“

Recherche, Sensibilität und Empathie

Ich denke, ich muss nicht erwähnen, dass (gute) AutorInnen recherchieren. Nicht nur Fakten, sondern auch Erfahrungsberichte, Lebensgeschichten und Einstellungen. Wenn wir über einen Biologielaboranten schreiben, informieren wir uns über seine Arbeit. Wenn wir über einen Menschen mit Depression schreiben, informieren wir uns über seine psychische Störung. Und wenn wir über einen POC-Menschen schreiben, informieren wir uns über Erfahrungen, die er vielleicht gemacht haben könnte. Nichts ersetzt diese Arbeit – sie gehört zum Handwerk wie das Schreiben selbst.

Trotzdem bleiben auch Erfahrungsberichte nur das, was sie sind: individuelle Lebensgeschichten, keine absoluten Wahrheiten. Jeder Mensch ist einzigartig und besonders, die Erfahrungen des einen sind nicht automatisch die Erfahrungen des anderen, ebenso wenig Gefühle oder Vorlieben. Jede Roman-Figur ist ein Individuum und wir sollten uns immer Mühe geben, genau das zu transportieren. Ein guter Roman braucht keine Abziehbilder, sondern echte, authentische Charaktere.

Neben Recherche lautet das Zauberwort also: Empathie und Sensibilität. Ich gebe zu, ich bin in Bezug auf meine Lebensgeschichte ein ausgesprochen langweiliger Mensch. Ich bin weiß, stamme aus einer Akademiker-Familie, hatte nie ein Alkohol- oder Drogenproblem, lebe seit 10 Jahren in einer stabilen, heterosexuellen Beziehung und hatte nie mit dem Tod eines nahen Angehörigen, einer Scheidung oder einer psychischen Krankheit zu kämpfen. Für dieses Glück bin ich verdammt dankbar. Trotzdem gebe ich mir Mühe, diese Themen in meinen Büchern angemessen umsetzen. Ich versuche, authentische Figuren zu entwickeln, mich in sie hinein zu versetzen, mir zu überlegen, wie sie mit Erfahrungen in ihrem Leben umgegangen sind, wie diese sie geprägt haben. Ich kann nicht versprechen, dass mir das immer gelingt, das wäre vermessen. Aber ich tue mein Möglichstes.

Macht Mut, keine Angst!

Deswegen möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für alle AutorInnen brechen, die sich Mühe geben, Diversität in ihren Romanen einen Platz einzuräumen, auch – oder gerade weil! – sie selbst keine eigenen Erfahrungen mit Rassismus, Homophobie oder Sexismus gemacht haben. Seid mutig, stellt euch der Herausforderung – es lohnt sich!

Außerdem möchte alle LeserInnen ermutigen, AutorInnen nicht durch Aussagen wie die oben genannte zu demotivieren, damit schadet ihr letztlich nur euch selbst. Setzt Impulse, sagt, welche Klischees euch stören, gebt AutorInnen Tipps, wie sie sich informieren können. Nur so schaffen wir gemeinsam spannende, tiefgehende Geschichten ohne Klischees, die genauso bunt und vielfältig sind wie das Leben selbst.

Von Hybridautoren und dem Sterben der Midlist

Impressionen vom #Litcamp17

Was waren das noch für schöne Zeiten, als die Klischee-Schubladen noch klar definiert waren! Es gab die arroganten (Groß-)Verlagsautoren, die hochwertige Literatur schrieben, erfolgreich waren und Buchläden füllten. Und dann gab es die Self-Publisher, die selbstverliebten Traumtänzer, die kein Verlag haben wollte. Zum Glück sind diese Vorurteile – auch dank der Verbreitung von Book-on-demand-Anbietern – weitgehend passé. In manchen Köpfen mögen solche Klischees noch verankert sein, doch sie weichen zunehmend auf. Immer mehr Autoren entscheiden sich bewusst dafür, ihr Buch selbst zu verlegen, oder als Hybrid-Autor (Vorsicht, nicht Hybrid-Auto, das ist was anderes!) sowohl im Verlag als auch im Self-Publishing zu veröffentlichen. Der Selbstverlag hat sein Schmuddelimage verloren.

Auf dem Literaturcamp 2017 in Heidelberg fanden sich gleich zwei ehemalige Großverlags-Autoren, die umfangreich von ihrem Ausstieg aus der Verlagswelt berichtet haben und von den Gründen, die sie dazu bewogen haben, zum Self-Publishing zu wechseln. Für mich, die ich immer noch auf der Suche nach der optimalen Veröffentlichungs-Strategie bin, ein echter Augenöffner.

„Verlage wagen nichts Neues!“

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„Wie mutig sind Verlage noch?“ Session von Martin Krist auf dem Litcamp2017

Martin Krist schreibt seit rund 20 Jahren Bücher, veröffentlich Biographien, Thriller und Erotik. In seiner Session auf dem LitCamp, die im Livestream übertragen wird, findet er klare Worte dafür, warum ihn seine Arbeit als Verlagsautor frustriert. „Publikumsverlage wollen keine Experimente“, sagt er sinngemäß. Sie wollen den Mainstream bedienen. Sie wollen lieber den sechsten Dan Brown oder den vierten Joe Katzenbach, als einen neuen, ungewöhnlichen Autor mit frischen Ideen. Sie trauen sich nicht, Risiken einzugehen, etwas zu wagen, neue Wege zu beschreiten. Die ultimative Bestätigung kommt dabei von Nika Sachs. Ihr Manuskript wurde von einer Agentur abgelehnt, weil es „zu clever“ und zu „persönlich authentisch“ sei. Aber, so die Agentur, sie könne es ja mal mit der Veröffentlichung versuchen. Manchmal würde das funktionieren.

Von Autorenseite kommen überwiegend klare Worte: Wenn die Verlage nicht anfangen würden, Risiken einzugehen, auch innovative, neue Literatur zu fördern, würden sie sich langfristig selbst abschaffen. Zu verlockend sei die Option, im Self-Publishing eigene Ideen direkt und unmittelbar umzusetzen. Auch als Leser scheint es doch attraktiver, unter den erfolgreichen Self-Publishern oder engagierten Kleinverlagen die Perlen heruszupicken, statt den dritten Aufguss bekannter Plots und Charakterkonstellationen zu lesen. „Den trinkenden Ermittler kann ich nicht mehr sehen“, bestätigt Martin Krist.

Ein provokanter Einwand erreicht die Diskussion jedoch von außerhalb des Litcamps: „Wie können Autoren vom Markt leben, aber nicht für ihn schreiben wollen?“ Ein guter Punkt. Wie lässt sich diese Diskrepanz vereinbaren?

Der Markt, das unbekannte Wesen

Zu allererst sollten wir uns im Klaren darüber werden: Was ist überhaupt „der Buchmarkt“? Eine schwierige Frage. Der Markt speist sich aus vielen Größen. Aus Leserinteressen, aus Verlagsmarketing und aus den Präferenzen der Buchhändler, die die Produkte platzieren und bewerben.

Klar ist auf jeden Fall, er ist keine statische Größe. Vor Harry Potter gab es keinen Markt für Romane über Zauberer. Vor Twilight keinen Markt für Vampir-Romantasy. Es braucht einen Vorreiter, eine Ikone, die den Weg bereitet. Nun ist es sicherlich vermessen zu glauben, dass in jedem Autor eine J.K. Rowling oder eine Stefanie Meyer steckt, aber Hand aufs Herz: wissen können wir es nicht. Und hätte vor 20 Jahren nicht ein englischer Kleinverlag das Experiment gewagt, einen Zauberschüler in Mini-Auflage von 500 Stück zu drucken, wäre die Fantasy um einiges ärmer.

Dennoch ist es schwer, den großen Verlagen diesbezüglich einen Vorwurf zu machen. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, sie müssen verkaufen. Geld wird nicht mit der verhältnismäßig kleinen Gruppe der Intensiv- und Vielleser gemacht, die exzessiv über ihre Lektüre nachdenken und innovative Inhalte suchen, sondern mit der riesigen Gruppe an Gelegenheitslesern. Den Urlaubs-, Bahnfahr-, „Ich brauch jetzt was Seichtes für zwischendurch“-Lesern. Mal ehrlich – wir alle nehmen uns regelmäßig vor, anspruchsvolle Literatur zu lesen, Netflix mal auszuschalten und ein gutes Buch in die Hand zu nehmen. Aber allzu oft werden wir diesen Ansprüchen auch nicht gerecht.

Wir halten fest: Gerade im Großverlags-Kontext sinkt die Bereitschaft für Experimente, für Risiken, für Neues. Eine Entwicklung, die viele Autoren frustriert, denn egal wie handwerklich präzise und professionell ein Autor arbeitet, der Wunsch nach Innovation und Weiterentwicklung bleibt immer präsent. Nun kann man es Verlagen nicht zum Vorwurf machen, wirtschaftlich zu denken. Martin Krist hat eine andere Empfehlung: „Die Verlage sollten sich wieder mehr auf ihre Kernkompetenzen besinnen: neue Autoren finden, fördern und behalten.“

Das Sterben der Midlist

Eine andere negative Entwicklung prangert sowohl Martin Krist als auch Lilith van Doorn an, die ebenfalls in großen Verlagen veröffentlicht hat, sich jetzt aber in Richtung Self-Publishing orientiert. „Das meiste Geld“, erklärt Martin Krist, „fließt in die Bestsellerautoren. Die Midlist-Autoren gehen dabei unter.“ Werbung wird für die Megaseller gemacht, die Importe, die großen Namen. Nicht für die Neulinge, von denen man sich nur mittlere Verkaufszahlen erhofft. Demnach ein weiterer Faktor, der zum Frust bei Verlagsautoren führt. Wer nicht zu den ganz großen Megasellern gehört, geht schnell in der Masse unter und unterliegt der Gefahr, als Flop abgestempelt zu werden. „Viele Autoren vermissen die Wertschätzung“, erklärt Lilith van Doorn. Autoren erleben sich im Großverlag als Content-Maschinen, sogar das Wort „Fußabtreter“ fällt.

Wer davon ausgeht, als Autor im Großverlag durch die verkauften Bücher automatisch ein Vermögen zu verdienen, der irrt. Die meisten Autoren leben vom Garantiehonorar („Vorschuss“), das sich allerdings selten in einem Rahmen bewegt, der finanzielle Sorglosigkeit ermöglicht. Die einzige Chance besteht darin, wieder und wieder zu veröffentlichen, viel zu schaffen – und erfolgreich zu sein. „Flopt das Buch eines Autors“, erklärt Lilith van Doorn, „ist sein Name oft verbrannt. Dann besteht die einzige Chance in einem neuen Pseudonym.“ Oder im Weg ins Self-Publishing.

Letzter Ausweg Self-Publishing?

In ihrer Session trägt Lilith van Doorn eine ganze Reihe Pro- und Kontra-Argumente zusammen, die für bzw. gegen Verlag oder Selfpublishing sprechen. Ich hab sie euch in folgender Übersicht einmal zusammen gestellt.

TabelleSPVerlagGrundlegend lässt sich zusammenfassen: Sowohl Self-Publishing als auch die Arbeit als Verlagsautor bieten Vor- und Nachteile gleichermaßen. Sie sollten nicht als konkurrierende Pfade betrachtet werden, sondern viel eher als unterschiedliche Wege, um zum selben Ergebnis zu kommen, nämlich das eigene Buch zu verkaufen und die eigenen Geschichten zu verbreiten. Welcher Weg dabei der Beste ist, muss jeder Autor für sich selbst entscheiden.  Persönlichen Vorlieben, finanzielle Gesichtspunkte und literarische Wunschthemen können bei der Entscheidungsfindung helfen.


Wer noch tiefer in die Materie eintauchen will, kann sich die gesamte Diskussion mit Martin Krist auch in einem Video der Session anschauen. Außerdem gibt es auf Tapsis Bücherblog noch eine weitere sehr gute Zusammenfassung.

Mehr von mir über das LitCamp:

Gott würfelt nicht, Autoren schon

Die Schubladen-Problematik

Über Genre-Verwirrungen, Klischees und Gewohnheiten

Die Fantastik und IKEA

Manchmal habe ich das Gefühl, die Belletristik ist schlimmer als ein PAX-Schrank von IKEA: voll von Schubladen, Fächern, Ordnungs- und Sortierungssystemen (und die Beschreibung ist verdammt kompliziert). Das fieseste Schubladen-Problem scheint die Fantastik zu haben, zumindest nehme ich es so wahr.

Fantasy, Fantastik, Low Fantasy, High Fantasy, Science-Fiction, Science Fantasy, Urban Fantasy, Paranormal Fantasy, Romantasy … die Liste ist endlos erweiterbar. Für jede Unterform scheint es weitere Unterformen zu geben, sodass teilweise echte Begriffsmonster entstehen, wenn man einen Roman ganz spezifisch einer Kategorie zuordnen will. Eine sehr spannende und gleichzeitig auch erschreckende Übersicht über sämtliche Subgenres der Fantastik bietet übrigens diese Seite hier.

Was das Chaos perfekt macht, ist die Tatsache, dass sich Definitionen, je nach Sprachraum und Community, unterscheiden können. Schon der Versuch, Fantasy und Fantastik auseinander zu halten,  ist knifflig Fantastik umfasst in der Regel alle Werke, die in der Realität angesiedelt sind, aber übersinnliche, nicht-menschliche oder außerirdische Erlebnisse einschließen. Darunter fallen klassische Schauerromane á la H. P. Lovecraft ebenso wie die moderne Science Fiction oder Dystopien. Unter Fantasy werden hingegen eher die Werke zusammengefasst, die in fantastischen Welten angesiedelt sind (z.B. „Der Herr der Ringe“) oder eine fantastische Parallelwelt innerhalb unserer Welt postulieren (z.B. „Harry Potter“). Gerade Letzterer sträubt sich aber schon wieder ein bisschen gegen diese klare Zweiteilung.

Wir sehen also, dass die Fantastik als Genre extrem weit gefasst ist. Während wir in jedem Krimi erwarten, dass es um einen Kriminalfall, eine/n Ermittler/in und eine/n Täter/in (oder mehrere) geht, ist die einzige Gemeinsamkeit in der Fantastik das fantastische Element. Das Erzählen über fantastische, nicht-irdische oder historische Begebenheiten in all ihren Facetten. Die Bandbreite ist also enorm.

Dagegen birgt jedes Subgenre, so schwer sie teilweise auseinanderzuhalten sind, eigene Konventionen und Settings. In einem Steampunk-Roman erwartet man andere Prämissen und Themen als in einem Science-Fiction-Roman. Und ein High-Fantasy-Epos wird andere Konflikte aufbringen als eine Romantasy-Geschichte. Allein die Verortung in einem bestimmten Genre erzeugt also eine gewisse Leser-Erwartung. Doch wie gelingt es, diese Lesererwartung in die richtige Richtung zu lenken?

Drin ist, was draufsteht

Als Verbraucher sind wir gewohnt, dass auf jeder Verpackung genau steht, was wir darin vorfinden. Erst diese Woche hat der EuGH in einem Gerichtsurteil festgelegt, dass die Bezeichnung „Käse“ nur für tierische Milchprodukte zulässig ist – denn der Verbraucher soll nicht über den Inhalt der Packung  getäuscht werden. Analog dazu war der Aufschrei groß, als vor einigen Jahren in der Tiefkühllasagne Pferdefleisch nachgewiesen wurde, wo doch „Rind“ auf dem Etikett stand.

Mit Büchern verhält es sich ähnlich, allerdings finden wir auf dem Cover eines Romans selten ganz konkrete Hinweise auf das Genre. Teilweise behelfen sich Verlage durch einen Genre-Schriftzug wie „Thriller“ oder „ein Fantasy-Roman“, doch das ist eher die Ausnahme. Meistens sind es Cover, Titel und Klappentext, die dem Leser den richtigen Eindruck vom Inhalt vermitteln und die passende Zielgruppe ansprechen sollen. Das funktioniert meistens, aber nicht immer.

Allzu häufig liest man in Amazon-Rezensionen negative Reviews, bei denen die Passung aus Erwartung und Produkt nicht funktioniert hat. Der (potentielle) Leser formt sich eine gewisse Erwartung über ein Buch, die sich aus der Gestaltung des Covers, dem Klappentext und der Platzierung im Bücherregal (auch im virtuellen) speist, und wird diese nicht erfüllt, ist die Enttäuschung oft groß. Der Leser ist bestenfalls irritiert, schlimmstenfalls fühlt er sich betrogen. Genau wie der Kunde bei der Pferde-Lasagne.

Don’t judge a book by its Cover – oder doch?

In einer Umfrage der Uni Karlsruhe gaben 57 % der Leser an, beim Kauf eines Buches in erster Linie auf das Cover zu achten. Zugegeben, auch ich gehöre zu diesen Leuten. Gerade im Buchhandel ist es häufig ein herausstechendes Cover, das mich dazu bringt, das Buch in die Hand zu nehmen und den Klappentext zu lesen. Letzterer entscheidet allerdings primär über den Kauf.


 

 

Was wir sehen: Eng-umschlungenes halbnacktes Pärchen vor Rosamunde-Pilcher-Kulisse
Was wir erwarten: Romanze mit ein bisschen Sex, aber hausfrauentauglich. Groschenheft, eher was für Wartezimmer oder Krankenhaus-Cafeterien

 

 

 

 

 

Was wir sehen: Silhouette einer Figur mit Stab und Robe vor Fantasy-Kulisse
Was wir erwarten: High-Fantasy-Epos über den epischen Kampf Gut gegen Böse, Stoff für Nerds und Realitätsverweigerer

 

 

 

 

Was wir sehen: Abstraktes Cover in rot-schwarz mit ikonischer Schrift und einem Spritzer Blut

Was wir erwarten: knallharter Thriller mit fiesem Serienmörder und nervenzerfetzender Spannung

 

 

 

 

 

Was wir sehen: Weicher, märchenhafter Hintergrund mit zentraler Frauenfigur und schnörkeliger Schrift

Was wir erwarten: romantische Fantasy à la Twilight und so, Mädchenkram

 

 

 


Natürlich sind diese Interpretationen sehr klischee- und vorurteilsbeladen, aber Hand aufs Herz: Ist es euch nicht auch schon mal so gegangen, dass euch genau diese Gedanken beim Betrachten eines Covers durch den Kopf geschossen sind? Da seid ihr nicht allein.

Die kognitive Abkürzung

Schuld daran, dass wir bestimmte Dinge in vorgefertigte Schubladen packen, ist unser Gehirn. Jeden Tag wird es mit Milliarden Informationen überhäuft und muss daraus einen Konsens bilden – das ist nicht so einfach und kostet jede Menge Kapazitäten. Deswegen benutzt unser Gehirn so genannte Heuristiken, kognitive Abkürzungen.

Aus früheren Erfahrungen lernt unser Gehirn, bestimmte Dinge miteinander zu verknüpfen und dadurch logische Zusammenhänge herzustellen. Wenn ein bestimmtes Cover-Motiv also in ein, zwei, drei Fällen mit einem gewissen Inhalt einherging, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es auch im vierten, fünften, sechsten Mal so sein wird. Genau diese Abkürzungen merkt sich unser Gehirn. Das kommt den Verlagen und auch den Self-Publishern natürlich zugute, denn auf diese Weise kann die richtige Zielgruppe sehr effizient über bestimmte, stereotype Cover-Motive erreicht werden. Es braucht dann keinen Hinweis „Romanze inside“ mehr, um klar zu machen, dass dieser Roman eine Liebesgeschichte beinhaltet – das sieht man auf den ersten Blick am schmusenden Pärchen.

Auch die Ähnlichkeit zu bekannten Vertretern des Genres wird gerne ausgenutzt, um Leser anzulocken. Patrick Rothfuss‘ „Name des Windes“ hat zahlreiche Cover-Zwillinge erzeugt, genau wie „50 shades of grey“ oder die Romane von Jojo Moyes. Die Überlegung ist klar: Sieht das Cover ähnlich aus, ist auch der Inhalt ähnlich.

Fazit

Lesererwartungen, bedingt durch Genre-Konventionen, Cover und Klappentext, dürfen nicht unterschätzt werden. Sie beeinflussen nicht nur die Kaufentscheidung, sondern auch die Bewertung des Buches, und müssen daher sorgfältig abgewogen werden. Für Autoren und Verlage ergeben sich daraus drei klare Botschaften.

  • Erstens: Seid euch bewusst, was ihr schreibt. Es ist nach meinem Ermessen nicht notwendig, den Roman in eine ganz klare Schublade einzuordnen, aber eine grobe Orientierung ist hilfreich.
  • Zweitens: Kennt eure Zielgruppe. Wen soll das Cover und der Klappentext ansprechen? Welchen Inhalt wollt ihr vermitteln? Welche Elemente sollen besonders hervorstechen? Was könnte bei den Lesern falsche Erwartungen wecken?
  • Und drittens: Titel, Cover und Klappentext entscheiden darüber, wer euer Buch in die Hand nimmt oder kauft – also widmet ihnen alle erforderliche Aufmerksamkeit.

Aber auch Leser sollten gut darauf achten, von ihrem Gehirn nicht an der Nase herumgeführt zu werden. Werft auch mal einen Blick über Klischees oder Genregrenzen hinaus, seid neugierig und experimentierfreudig. Vielleicht erlebt ihr ja eine Überraschung. Beispiele gefällig? Dieser Überblick listet eine Reihe Fantasy-Bücher auf, deren Inhalt mit den gewöhnungsbedürftigen Covern nicht harmoniert.

Wie ist das bei euch, wie wichtig ist euch die Covergestaltung, wenn ihr ein Buch kauft oder verlegt? Seid ihr schon mal von Titel und Aufmachung arg getäuscht worden? Sind euch Genregrenzen wichtig?

Lasst es mich wissen.

Autorinnen sind von der Venus?

Ein Beitrag zum Aktionsmonat #autorinnenzeit

„Wer eine Frau einmal unterschätzt hat, wird das nie wieder tun.“
– Sir Alex Guiness

Der Autor Sven Hensel hat den Mai zum Aktionsmonat für weibliche Autoren ausgerufen, und die Reaktionen auf Twitter waren heterogen. Während sich viele für die Idee bedankten, kam von anderer Seite Kritik: Noch so ein Aktionsmonat für Frauen? Brauchen wir so was überhaupt? Ich hab mich mal hingesetzt und versucht, mir meine eigene Antwort auf diese Frage zu bilden.

Musen, Geliebte, Managerinnen

Die Werke von Currer, Ellis und Acton Bells aus dem 19. Jahrhundert könnten moderne Psychothriller sein. Es geht um Wahnsinn, Trunksucht, Sex und Crime, um Ausgrenzung, Einsamkeit und die Unterdrückung der Frau. Gerade der letzte Punkt dürfte den Autoren besonders am Herzen gelegen haben, denn in Wahrheit verbargen sich hinter dem Pseudonym die drei Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë. Eine Frau als Schriftsteller? Undenkbar in der damaligen Zeit. Als Musen, Geliebte oder Managerinnen ihrer schreibenden Gatten fanden sie durchaus Anklang in der literarischen Welt, doch um selbst zu publizieren mussten die Damen zu allerlei Tricks greifen. Selbst Bettina von Arnim bediente sich am Namen ihres Bruders oder am Dichterfürsten Goethe, um ihre Werke bekannt zu machen.

Glücklicherweise gehören diese Zeiten der Vergangenheit an. Heute bedarf es keines Pseudonyms mehr, um als Frau auf dem literarischen Parkett erfolgreich zu sein. Heute ist der Buchmarkt emanzipiert. Oder?

„My novel wasn’t the problem“

Die Autorin Catherine Nichols hat die Gleichberechtigung auf dem (amerikanischen!) Buchmarkt 2015 effektiv in Frage gestellt. Sie schickte ihr Roman-Manuskript an rund 50 Verlage und Agenturen. Einmal unter ihrem eigenen Namen, einmal unter dem Pseudonym George Leyer. Das Ergebnis war frappierend. Während sich nur zwei von fünfzig Adressaten bei Catherine meldeten, erhielt George binnen 24 Stunden bereits fünf positive Antworten, siebzehn insgesamt. Etwa ein Drittel der Agenten wollte damit Georges Gesamtmanuskript sehen, das von Catherine hingegen weniger als fünf Prozent – bei identischem Wortlaut. Frustriert kommt die Autorin zu dem Ergebnis: „My novel wasn’t the problem, it was me.“ (Link zum Original).

Gesucht: Frauenquote

Als Beweis für den geringen Anteil weiblicher Autoren auf dem Buchmarkt wird häufig der Literaturnobelpreis herangezogen. Über 80 % der Preisträger sind männlich, nur 12,6 % weiblich. Aber mal ehrlich – der Nobelpreis als Repräsentant des Buchmarktes? Ziemlich problematisch. Abgesehen davon wissen wir alle, wie sehr sich die Rolle der Frau in den letzten 100 Jahren verändert hat. Insofern ist der Nobelpreis wirklich ein schlechter Indikator für die aktuelle Situation. Besser geeignet scheint eine Inspektion der Bestsellerlisten. Der Spiegel listet in einer Fotoreihe die vierzig erfolgreichsten Bücher von 2005 bis 2015 auf und es stellt sich heraus: etwa ein Drittel der Autoren sind Frauen, also bereits deutlich mehr als beim Nobelpreis, aber immer noch weit unter 50 %. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Blick auf die Forbes-Liste der reichsten Schriftsteller. Unter den Top 12 befinden sich fünf Männer und sieben Frauen.

Alles in allem tun wir uns hier also schwer mit einem abschließenden Fazit, aber eines scheint zumindest klar: Weibliche Autoren sind nicht per se weniger erfolgreich als ihre männlichen Konterparts. Ob sie hingegen größere Hürden in Angriff nehmen müssen, um mit dem Schreiben erfolgreich zu werden, lässt sich aus solchen Statistiken nicht entnehmen. Ebenso wenig, ob sie seltener Anerkennung oder Preise für ihre Werke erhalten. Die Erfahrungen von Catherine Nichols sprechen allerdings dafür. Auch die Bestseller-Autorin Nina Georoge äußert sich in einem Artikel über die Rolle der Frau im Literaturbetrieb ähnlich: „Der deutsche Literaturbetrieb hat’s nicht so mit Frauen.“

Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus

Sehen wir uns die Bücherregale etwas genauer an, kommen wir zwangsweise zu dem Schluss, dass die Geschlechterverteilung stark zwischen einzelnen Genres schwankt. Liebesromane, Jugendliteratur und sogenannte „Frauenunterhaltung“[1] stammen in erster Linie aus weiblicher Hand, Thriller, Horrorromane und Fantasy sind dagegen Männerdomäne. Wie kommt das? Wo liegt der Fehler im System? Und gibt es überhaupt einen Fehler?

„Männer nehmen von Frauen geschriebene Bücher als Bücher für Frauen wahr.“
– Elena Ferrante

Dass sich Männer und Frauen unterscheiden ist, denke ich, kein Geheimnis. Ich bin kein Freund von Gender-Mainstreaming, ebenso wenig wie von der Bevorzugung eines Geschlechts gegenüber dem anderen. Unterschiede sind schön, sie führen zu Diversität und Vielfalt. Insofern würde es mich nicht überraschen, wenn Männer anders schreiben, anders lesen als Frauen, zumindest wenn man das große Ganze betrachtet, den Durchschnitt sozusagen. Und genau da kommen wir an den kritischen Punkt.

Der Buchmarkt in seiner Gesamtheit ist ein riesiges Konglomerat aus Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren, Verlagen, Agenten und so weiter. Über dieses riesige Gesamtbild hinweg mag es durchaus Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Autoren geben. Vielleicht konzentrieren sich Frauen im Durchschnitt tatsächlich mehr auf Konflikte, Emotionen und Beziehungen, während sich die Männer lieber mit Action, Spannung oder Dramatik beschäftigen. Möglich. Doch wenn wir ein einzelnes Buch aus dem Regal ziehen, dann haben wir ein hoch individuelles Werk vor uns, ein kreatives Einzelstück, das von hundert verschiedenen Einflüssen geprägt ist. Grundlegend anzunehmen, es gäbe einen „männlichen“  und einen „weiblichen“ Schreibstil, ist also sehr weit hergeholt und basiert, wenn überhaupt, auf einem relativ aussagelosen Mittelwert. Zu behaupten, Frauen könnten keine düstere Fantasy oder Science Fiction schreiben, ist genauso absurd wie zu sagen, Männer beherrschten keine Romantik. Bücher werden von Menschen geschrieben, von Individuen, nicht von einer breiten Masse. Das Geschlecht des Autors – sein soziales oder biologisches – ist allerhöchstens ein Rädchen im Gesamtkunstwerk. Und ganz bestimmt sagt es nichts über die Qualität des Schreibens aus.

Blick über den Tellerrand

Zum Schluss möchte ich noch ein paar persönliche Worte loswerden. Wenn mich ein Buch anspricht, dann achte ich nicht darauf, ob es ein Mann oder eine Frau geschrieben hat. Ich lasse die Sprache auf  mich wirken, entscheide, ob ich die Figuren mag, die Handlung, die Welt, die Art, wie die Geschichte erzählt wird. In meinem Regal stehen Michael Ende, Joanne K. Rowling, Joe Abercrombie, Cornelia Funke, Simon Beckett und Diana Gabaldon glücklich nebeneinander und keines ihrer Werke möchte ich missen.

“But there is no male or female language, only the truthful or fake, the precise or vague, the inspired or the pedestrian. […] The only distinction that will matter will be between good and bad writing.”
Francine Prose

Natürlich sind wir alle nicht gefeit vor Stereotypen, auch ich nicht, und gerade Covergestaltung und Titelauswahl tun ihr Übriges, um bekannte Klischees zu bedienen. Man will ja schließlich die richtige Zielgruppe ansprechen. Aber je mehr wir lesen, je mehr wir uns mit dem Schreiben auseinandersetzen, desto eher können wir diese Schranken im Kopf überwinden, und darauf kommt es schließlich an.

Deswegen möchte ich euch folgenden Rat ans Herz legen: Kauft Bücher nicht, weil sie eine Frau geschrieben hat oder ein Mann. Kauft Bücher, weil sie euch berühren, weil sie euch verzaubern, euch atemlos zurücklassen. Kauft Bücher, weil sie gut sind.

[1] Schon der Begriff ist ein einziges Stigma, wenn wir mal ehrlich sind!