Charaktere auf der Couch

Charaktere auf der Couch: #7 Zeyn

Die heutige Therapiesitzung wird eine besondere Herausforderung, denn mit Zeyn habe ich heute den ersten extra-terrestrischen Charakter auf meiner Couch. Glücklicherweise kennen wir uns schon und ich weiß, dass er nicht so bedrohlich ist, wie er aussieht, was man bei einem Wesen, das Knochenplatten statt Haut hat nicht vermuten würde. An einigen Stellen sind die Platten gebrochen und haben sich übereinandergeschoben, um als Verwucherungen wieder zusammenzuwachsen. Statt Haaren hat er in sich verdrehte Knochenwirbel auf dem Schädel, statt einer Nase drei Atemschlitze und viele spitze Reißzähne stechen aus seinem Gebiss hervor, das aschfahl ist wie seine Haut.

 

Ein wunderschönen guten Tag, bitte, nehmen Sie doch Platz, Herr … ähm … Sie blättert in ihren Unterlagen und runzelt dann die Stirn. Havrerthokt Gratvar Djan Chet

Lacht. Zeyn. Das ist die einzige dieser vielen Silben, die mir gehört, und sie reicht vollkommen aus, solange hier nicht zufällig ein zweiter Zeyn rumsitzt. Bei uns Ghitanern steht der Name hinten, der Rest ist nur schmückendes Beiwerk: Kolonie, Stamm, meine Großmutter … sowas interessiert höchstens die Steuerbehörde.

Erleichtert. Ah, schön, Zeyn. Ist Ihnen bewusst, weswegen Sie hier sind?

Irgend so ein Arschloch bei Tercharkuhr will eins reinwürgen? Lass mich raten: ein Mensch von Stormcoast? Von denen werden in letzter Zeit eindeutig zu viele angeworben – als ob andere Spezies nicht auch gute Söldner abgeben würden!

Nun, nicht direkt. Ihr Arbeitgeber, Tercharkuhr, erwägt, Sie auf eine längere Mission zu entsenden, aber er wünscht ein ausführliches Gutachten über Ihre psychische Verfassung und Belastungsfähigkeit. Fangen wir doch ganz einfach an. Wie würden Sie selbst ihre aktuelle Befindlichkeit einschätzen?

Genervt. Er wartet ein paar Sekunden ab, ob diese Antwort ausreicht. Ach komm schon! Vor Tercharkuhr war ich 17 Jahre lang Soldat beim ghitanischen Militär, da hab ich monatelang an den Grenzen Patrouille geschoben, ohne einen Raumhafen auch nur von Weiten sehen zu dürfen. Und, bin ich ausgerastet? Also häufiger, als das auf einem ghitanischen Raumschiff normal wäre …

Ich gebe zu, Sie sind der erste Ghitaner, den ich persönlich kennen lerne. Vielleicht könnten Sie mir kurz erzählen, was Ihre Spezies auszeichnet? Was macht Sie besonders kompetent für eine Führungsaufgabe auf dieser Mission?

Also geht es dir jetzt um Ghitaner oder um mich? Ach, ist doch egal, ich bin nicht so anders als der Rest. Wir sind robust und direkt, das macht uns zu idealen Soldaten. Außerdem können wir fast 5 Minuten ohne Schutz im Weltall überleben – mit Sauerstoff sogar 10! Kein Wunder also, dass wir die ersten hier waren, die den Sprung ins All geschafft haben. Und, ist das ein Grund für uns, anzugeben?

Nun ja, wenn Sie so fragen …

Was gibt’s denn da zu grinsen? Lass mich raten: wieder so eine komische Menschengeste, was? Nein, nein, erklär’s mir nicht, muss ich nicht verstehen. Wo war ich? Ach ja, warum ich für eine Führungsposition geeignet bin. Weil ich Erfahrung hab, 17 Jahre Militär und so. Und es gab nie mehr Probleme als die üblichen, die man eben hat, wenn man mit anderen Spezies zusammenarbeitet. Und die, die doch aufkamen, hab ich alle aus der Welt geschafft, sofort und ohne langes Reden. Man hört die ersten Knochenplatten knacken und aneinanderschaben, als Zeyn die Arme anspannt. Auf Ghitanisch. So weiß jeder immer, woran er ist. Ich sag ja, wir Ghitaner sind direkt.

Ähm ja, direkt, ich verstehe. Blättert in Zeyns Akte. Es gibt hier ein paar Hinweise auf Vorfälle, die … Nun ja, etwas aus dem Ruder gelaufen sind. Wir müssen da nicht näher drauf eingehen, aber Ihr Auftraggeber hat wohl ein paar Bedenken, da Sie ein „Einzelner“ sind. Können Sie kurz erläutern, was es damit auf sich hat?

Schnauben. War ja klar, dass das jetzt kommt. Wieder knacken die Knochenplatten, während sich Zeyns Hände zu Fäusten ballen. Ja, ich bin ein Einzelner, also habe ich keine Geschwister. Wir Ghitaner werden eigentlich zu viert geboren, also es sind zumindest immer vier Föten in der Mutter. Aber nicht immer kommen alle durch, weil, nun ja … Zeyn greift nach dem Wasserglas und nimmt einen tiefen Schluck. Natur und so, du weißt schon. Im Tierreich überlebt nur der Stärkste und so ein Mutterleib ist … Ich meine, klar sollte man sein Blut erkennen, aber Babys sind dumm, wie Tiere … und ghitanische Tiere sind nicht so harmlose Schoßhündchen, wie ihr Menschen sie ständig um euch habt. Was ich sagen will … Zeyn schaut auf das Glas in seiner Hand, blickt wieder hoch und zurück zum Glas – um es gegen die nächste Wand zu donnern. Ich hab meine drei Geschwister im Mutterleib aufgefressen, um selbst der Stärkste zu sein! Zufrieden? Und es gibt nun mal Ghitaner, die sagen, es ist genetisch, dass man keine Verantwortung für andere übernehmen kann. Deshalb gibt man Einzelnen für gewöhnlich auch keine.

Es klingt, als würde Sie das sehr belasten. Haben Sie jemanden, mit dem Sie darüber sprechen können?

Wozu? Bin ich ein Mensch? Ich muss nicht alles totreden, was würde das bringen? Ich hab meine Geschwister umgelegt, sie werden nicht wieder lebendig, wenn ich jemanden immer und immer wieder mit dieser Geschichte zuquatsche. Und erst recht werden andere nicht vergessen, was ich bin, wenn ich doch immer wieder von selbst damit anfange.

Also nein, ich rede mit niemandem darüber. Und falls das so eine mal-schauen-ob-er-meine-Gedanken-errät-Menschenart war, zu fragen, ob ich allein lebe: Ja, tu ich. Ich bin seit fast einem Jahr Single, da gibt es also keine Familie, die Tercharkuhr auszahlen muss, wenn ich draufgehe. Du kannst deine Auftraggeber also beruhigen.

Keine Sorge, Sie müssen meine Gedanken nicht lesen, dafür lese ich Ihre auch nicht, ja? Sie haben vorher schon mal angedeutet, dass ihrer Meinung nach zu viele Menschen als Söldner angeheuert werden. Ihnen ist sicher bewusst, dass die Besatzung der Keora vorrangig aus Menschen besteht. Ist das ein Problem für Sie?

Nein, warum sollte es? Die haaren zumindest nicht alles so voll, wie es Junakta tun. Wobei – wir reden hier doch nicht Stormcoast-Menschen, oder? Bitte sag mir, dass Tercharkuhr das Schiff nicht voll mit diesen Idioten packt!

Wieso? Haben Sie schlechte Erfahrungen diesbezüglich gemacht?

Wer hat das denn nicht? Die Stormcoast-Kolonie war jahrzehntelang verschollen, und kaum tauchen sie auf, tun sie so, als würde ihnen die ganze Galaxis gehören! Es geht immer nur um sie, Stormcoast hier, Menschen-Sonderrechte da. Ich meine, versteh das jetzt nicht falsch, aber ihr Menschen seid hier nur eine Minderheit, seit der Invasion damals gibt es von euch höchstens ein paar Millionen. Wir Ghitaner sind Milliarden! Und, spielen wir uns als Führer dieser Galaxis auf?

Das Kommando über die Keora wird ein gewisser Jonas Brand führen. Soweit ich weiß, kennen Sie ihn bereits?

Brand, der sogenannte Held der Menschheit … Zeyn lacht dreckig. Kennen ist da wirklich zu viel gesagt. Das war vor über einem Jahr, noch beim Militär, da war ich mit einem Patrouillenschiff unterwegs. Da bekommen wir einen Notruf rein, reisen hin – und siehe da, eine Piratenflotte. Wie sich herausgestellt hat, sind die zufällig über Stormcoast gestolpert und wollten die Chance auf ein paar einfach zu fangende Menschensklaven nutzen. Und dann gab es an Bord eine kleine Revolte, bei der es Brand irgendwie geschafft hat, beim Wilden auf Knöpfen herumdrücken zufällig einen Notruf abzusetzen – und ist deshalb jetzt der große Held, der die Piraten vernichtete.

Zeyn greift an die Stelle, an der vorhin noch das Wasserglas stand. Als er merkt, dass da nichts mehr steht, greift er sich eben den ganzen Tisch, wirft ihn zu Boden und tritt das erste Tischbein ab. Er schaubt.

Die Therapeutin lässt vor Schreck ihr Klemmbrett fallen und springt auf. Zeyn, beruhigen Sie sich, ich …

Weißt du was? Du wolltest wissen, was uns Ghitaner so besonders macht? Wir scheren uns nicht um Helden, wir leben für die Gemeinschaft. Ob sie uns nun haben will oder nicht. Er tritt auch ein zweites Tischbein ab und sieht dann hoch. Keine Sorge, ich lass dir genug Skifs da, damit du dir einen neuen Tisch vom nächsten Verwerter holen kannst.

Die Therapeutin nickt irritiert. Skifs ähm … Gut. Schön. Bringen wir das hinter uns und reden wir Klartext, Zeyn: Trauen Sie sich diese Mission zu?

Ja, verdammt! Wieso hätte ich mich denn sonst gemeldet? Ist ja nicht so, als hätte ich nichts Besseres zu tun. – Gut, hab ich im Moment wirklich nicht, aber darum geht es nicht! Er hebt ein abgebrochenes Tischbein und fängt an, es in kleine Stücke zu brechen. Wenn Tercharkuhr Angst hat, dass ich einen ihrer Stormcoast-Neulinge zu hart anfasse, kannst du sie beruhigen: Ich weiß, dass Alien-Ärmchen leichter brechen als Plastik. Zeyn knackt ein weiteres Stück Tischbein ab. Ich werde keinen Ärger machen, solange sie mich nicht provozieren. Und ich werde mehr ghitanisch denken und weniger … einzeln. Ehrlich gesagt sollte Tercharkuhr mir deshalb die Führung überlassen und nicht diesem SC-Emporkömmling: Mir ist es egal, ob ich am Ende als Held dastehe oder nicht, solange ich die Mission nur zu Ende bringe. Kannst du ihnen das sagen?

Gut, ich notiere es im Bericht. Wenn Sie diese Fragebögen hier noch ausfüllen könnten, dann sind wir fertig. Tun Sie mir den Gefallen und machen Sie nichts mehr kaputt, ja? Ich hänge an diesem Büro.

 


Blind_400x600Wenn ihr ein bisschen neugierig geworden sein und wissen wollt, wie sich Zeyn auf seiner kommenden Mission schlägt und welche Konflikte und Abenteuer ihn und seine Begleiter dort erwarten, holt euch Annette Juretzkis Debüt „Blind“, das im Traumtänzer Verlag erschienen ist. Der Folgeband wird Anfang nächsten Jahres erscheinen.

Internetseite der Autorin: annette-juretzki.de

Facebookseite der Autorin: www.facebook.com/annette.juretzki/

 

Habt ihr noch Fragen an mich oder Zeyn? Dann nur raus damit.

Oh, und falls ihr diesen ominösen Jonas auch gerne noch kennen lernen wollt – Annette hat ihn in der #charactersofseptember Challenge näher vorgestellt: Jonas Brand.

 


Einen Überblick über alle bisherigen Sitzungstermine gibt es hier.

Charaktere auf der Couch: #6 Theodora

Heute besucht uns Theodora in der Praxis. Sie ist eine attraktive junge Frau mit dunkelbraunen Locken und rehbraunen Augen, deren Modestil auf den ersten Blick vermuten lässt, sie käme von einem Mittelaltermarkt. Tatsächlich hat Theodora im 12. Jahrhundert gelebt, wo sie als Hofdame der Königin diente, bis sie einige seltsame Vorkommnisse zwangen, in ihre Heimat zurückzukehren. Ihre Familie macht sich große Sorgen. Ist es möglich, dass Theodora von einem Dämon besessen ist?

Theodora, schön, dass Sie gekommen sind. Nehmen Sie doch Platz. Wie fühlen Sie sich heute?

Natürlich gerne. Danke. Wie ich mich fühle? Also … Sie zerknittert den Rock ihres Kleides. Es könnte besser sein. Heute Nacht habe ich nicht gut geschlafen, und es ist noch etwas kalt. Ich bin etwas in Sorge, dass ich mich erkälten könnte. Mit einer Erkältung und Fieber ist nicht zu spaßen, wissen Sie?

Ihr Vater und Ihre Familie machen sich große Sorgen um Sie wegen Ihrer Anfälle. Wie lange ist der letzte Vorfall denn jetzt her?

Vorgestern, glaube ich. Zumindest der letzte, an den ich mich erinnere. Manchmal wird mir kurz schummrig. Ich weiß nicht, ob das auch … Anfälle sind … oder was auch immer …

Können Sie mir beschreiben, was Sie während dieser Anfälle sehen oder erleben? Wie fühlt es sich für Sie an? Keine Sorge, nichts von dem, was Sie hier erzählen, wird nach außen dringen, Sie können mir vertrauen.

Ich kann mich ehrlich gesagt an fast nichts erinnern. Es ist, als würde die Zeit einfach weiterspringen. Danach liege ich meist auf dem Boden, ich bin durstig und müde. Es kostet sehr viel Kraft. Mein Vater hat mir mal beschrieben, wie es aussieht … aber das dürfen Sie wirklich niemandem erzählen! Mit ihnen darüber zu reden, das ist … das ist lebensgefährlich für mich.

Wie ich schon sagte, Sie müssen sich keine Sorgen machen. Alles, was wir hier sprechen, ist streng vertraulich, auch Ihre Familie wird nichts davon erfahren. Sie können sich nicht erinnern, sagen Sie … War denn jemand bei einem dieser Anfälle dabei, der Ihnen erzählt hat, was passiert ist?

Ja, mein Vater hat mir das so beschrieben: mein Körper zuckt und krampft unkontrolliert. An meinen Mundwinkeln ist – sie schluckt trocken – Spuke. Meine Augenlider flattern und ich muss die Augen verdrehen, jedenfalls meint er, er sieht ganz viel Weiß. Und ich lasse mich wohl nicht anfassen. Ich habe ihn einmal sehr heftig von mir weggeschleudert.

Die Therapeutin macht sich einige Notizen auf ihrem Klemmbrett. Und Sie können sich an gar nichts erinnern? Auch nicht an irgendwelche Fetzen oder Bilder, die Sie gesehen haben? An ungewöhnliche Geräusche?

Theodora blickt zu Boden und nestelt nervös an einem losen Faden in einem Couchkissen. Ich weiß auch nicht, vielleicht war das nur ein böser Traum. Ich habe noch nie mit irgendjemandem darüber gesprochen, also … aber gut. Sie atmet tief durch. Vielleicht muss ich einmal mit jemandem darüber reden, und Sie schwören, dass Sie mich nicht dafür verurteilen werden? Ich meine, es kann auch nur ein Albtraum sein …

Nein, ich verspreche es Ihnen. Sie dürfen ganz offen sein.

Ich erinnere mich an ein ganz fürchterliches Bild. Da stand ein Dämon in unserem Hof. Er hat unsere Hühner geschlachtet und mich gezwungen … mich gezwungen … ihr B… Blut zu trinken. Dann habe ich das Dorf in Brand gesehen. Ich habe sie schreien gehört. All die armen Menschen, meine Freunde. Ich weiß wie gesagt nicht einmal, ob das ein Anfall war. Vielleicht war es nur ein böser Traum. Das Dorf steht noch. Und ich bete zu Gott, dass es keine böse Vorahnung war. I… ich meine, das muss keine böse Vorahnung gewesen sein, oder? Glauben Sie an so etwas?

Nun, um ehrlich zu sein, seit ich in dieser Praxis arbeite, habe ich einige ungewöhnliche Dinge erlebt. Sie räuspert sich. Aber ich glaube viel eher, dass dieser Traum, dieses Bild, das Sie gesehen haben, aus Ihren Ängsten entstanden ist. Ich denke nicht, dass Ihre Familie oder Ihr Dorf in Gefahr ist.

Sie reicht Theodora ein Glas Wasser, damit sie etwas zur Ruhe kommen kann.

Es tut mir leid, wenn ich Sie weiter damit belästigen muss, aber können Sie sich erinnern, wann es angefangen hat? Gab es ein besonderes Ereignis, das mit den Anfällen in Verbindung steht?

Ein besonderes Ereignis? Nicht wirklich. Ich hatte diese Gedächtnislücken teilweise schon am Hof der Königin. Johann hat mir das nie so eindrücklich beschrieben wie mein Vater. Vielleicht war es damals auch nicht so schlimm, vielleicht ist es schlimmer geworden, seit Johann verschwunden ist und ich in Lorch bin. Aber ich hatte es schon ansatzweise am Hof. Es hat nicht erst in Lorch angefangen.

Gibt es etwas, das Ihnen hilft, die Anfälle zu kontrollieren oder zu stoppen?

Sie schlägt traurig die Augen nieder. Stoppen kann man sie meines Wissens nach nicht und auch nicht wirklich kontrollieren. Aber als Johann bei mir war, war es nicht so schlimm. Ich hoffe sehr, dass er bald zurückkommt. Ich vermisse ihn …

Johann ist Ihr Geliebte, nicht wahr? Wie gehen er und Ihre Familie mit diesen Ereignissen um? Fühlen Sie sich von Ihnen unterstützt?

Von meiner Familie lebt nur noch mein Vater. Meine Mutter ist im Kindbett gestorben. Ich stand auch meinem Onkel, meiner Tante und meinem Cousin väterlicherseits sehr nahe. Aber sie wurden von Räubern überfallen und niedergestochen. Sie schweift kurz ab und blinzelt, fängt sich aber wieder.

Mein Vater und Johann sind die Einzigen, die überhaupt davon wissen. Sie unterstützen mich beide auf ihre Weise, sie haben halt sehr unterschiedliche Ansichten auf das, was passiert. Johann meint, ich sei unheilbar krank, aber er wäre trotzdem immer für mich da. Mein Vater … er ist vollkommen überzeugt davon, dass ich – sie schluckt – besessen bin. Das macht mir Angst. Ich fürchte, dass er Recht hat. Es passiert so viel Schlimmes in letzter Zeit in Lorch und ich weiß nicht, ob ich nicht dafür verantwortlich bin. Mein Vater meint, ich dürfe nicht zu einem Exorzisten gehen, weil die Lorcher zu viel Angst haben werden. In Ulm haben sie einen Jungen mit ähnlichen Anfällen in der Luft zerrissen … Sie schaudert.

Das klingt ja schrecklich. Gibt es etwas, das Sie tun könnten, um sich besser zu fühlen? Könnten Sie mit jemandem darüber reden?

Ich konnte mit Johann darüber reden. Aber … Sie schluchzt. Ich weiß nicht einmal, ob Johann noch lebt. Ich hoffe so sehr, dass er bald von dieser bewaffneten Pilgerfahrt zurückkommt!

Ich hoffe sehr, dass Sie Recht haben und er bald zurückkommt. Sie sagen, Ihr Vater und Johann haben sehr unterschiedliche Ansichten, aber was denken Sie selbst über die Anfälle? Was ist Ihre Vermutung, woher sie kommen?

Ich weiß es nicht genau. Vielleicht ist es wirklich nur eine Krankheit. Vielleicht … vielleicht ist es aber auch ein Dämon. Ich denke aber, ganz egal, was es ist, es ist eine fürchterliche Strafe Gottes. Also werde ich wohl irgendetwas falsch gemacht haben. Vielleicht will der Herr meine Beziehung zu Johann nicht. Er ist immerhin der Bruder der Königin und ich … ich bin nur die Tochter eines unbedeutenden Untervogtes. Aber selbst wenn es das ist … ich hoffe es nicht … ich kann meine Liebe zu Johann nicht einfach begraben.

Ich bin mir sicher, dass Sie sich irren, die Anfälle haben sicher nichts mit dem Zorn Gottes zu tun. Aber sprechen wir auch mal über schönere Dinge. Was bereitet Ihnen denn besondere Freude, wie sieht Ihr perfekter Tag aus?

Sie schließt die Augen. Ich spaziere durch den Wald. Johann ist an meiner Seite und mein Cousin und meine Mutter. Wir begegnen einem Reh. Wir hören die Vögel singen. Wir lachen und scherzen miteinander. Meine Mutter hilft mir bei der Hausarbeit. Wir kochen gemeinsam. Am Abend sitzen wir am Feuer in der Küche beieinander. Und danach schlafe ich an Johanns Seite gekuschelt ein. Das wäre ein perfekter Tag für mich. Aber – sie seufzt schwer – das werde ich vor meinem Tod so nicht mehr erleben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass Johann zurückkommt. Das ist für mich jetzt erst einmal das Wichtigste. Und dann wünsche ich mir natürlich, dass … was auch immer es ist … verschwindet. Oder wenigstens meine Befürchtungen nicht eintreten. Wenn Johann gesund zurückkehrt und den Lorchern nichts passiert, dann … dann würde ich sogar diese Anfälle weiter in Kauf nehmen.


InfokastenEpilepsie


Ocoverb Theodoras Hoffnungen in Erfüllung gehen oder ob sie weiter von den Dämonen in ihrem Kopf heimgesucht wird, erfahrt ihr in Isabella Benz‘ Historienroman „Die Dämonen von Lorch“. Ist die junge Frau tatsächlich von einem Dämon besessen? Könnten ihre Schreckensvisionen wahr werden? Oder treibt jemand ein böses Spiel mit ihr?

Website der Autorin: http://isabella-benz.de/

Facebookseite der Autorin: https://www.facebook.com/AutorinIsabellaBenz/


Quelle:

Neubauer, B. A. & Hahn, A. (2014). Dooses Epilepsien im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer-Verlag.


Unser nächster Patient wird sich am 12. September in der Praxis einfinden und ich ahne, dass Zeyn mich vor ungeahnte Herausforderungen stellen wird. Einen Außerirdischen hatte ich noch nie auf meiner Couch. Ihr dürft gespannt sein.

Eine Übersicht über alle bisherigen Sitzungen findet ihr Teaser: Charaktere auf der Couch

Ansonsten dürft ihr Theodora und mir natürlich auch noch ein paar Fragen stellen, wenn ihr mögt. Nur zu.

Charaktere auf der Couch #5: Horatio

Heute darf ich euch mit Horatio Harthorn einen ganz besonderen englischen Gentleman vorstellen. Horatio ist ein liebevoller Familienvater und ein angesehener Kaufmann mit einer eigenen Flugschiff-Flotte und zahllosen Kontakten in die High Society – zumindest denkt er das von sich selbst. In Wahrheit schlummert unter seiner charmanten Fassade ein zutiefst verdorbener Kern. Aber bildet euch doch selbst eine Meinung über ihn.

Nun, Horatio, Sie wissen ja, warum Sie hier sind. Es geht darum, festzustellen, ob Sie für das von Ihnen begangene Verbrechen in ein Gefängnis oder eine Nervenheilanstalt eingewiesen werden sollen. Ich frage Sie ganz rundheraus: Was wäre Ihnen lieber?

Horatio Harthorn schüttelt den Kopf und wirkt ehrlich empört. Sie missverstehen meine Lage völlig, Mylady. Alle Anschuldigungen beruhen auf Lügen, die sich als solche herausstellen werden. Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen und kann übrigens nachts wunderbar schlafen.

Er lächelt gewinnend und setzt hinzu: Verehrteste sehen blendend aus in diesem Kleid. Ich sehe keinen Ring an Ihrem Finger, was mir völlig unverständlich ist. Er blickt theatralisch um sich. Aber wo ist der Herr Professor, der meinen überaus normalen Geisteszustand beurkunden soll? Er hat doch ganz sicher nicht Sie als Ersatz geschickt, also lassen Sie uns auf ihn warten.
Er lehnt sich im Stuhl zurück und mustert ungerührt den Busen seines Gegenübers.

Sie missverstehen die Situation, Horatio, ICH bin diejenige, die für Ihr Gutachten zuständig ist. Also würde ich vorschlagen, Sie bemühen sich um etwas Respekt. Blättert in der Akte, die mehrere Zentimeter dick ist. Sie wurden des Schmuggels, des Mordes und des mehrfachen Betruges angeklagt, alles keine Kavaliersdelikte. Wie denken Sie über diese Taten?

Das Lächeln weicht aus seinem Gesicht. Selbstverständlich gehören derartige Untaten verfolgt und hart bestraft. Unsere Justiz geht viel zu lasch mit Verbrechern um. Aber wie um alles in der Welt kommen Sie darauf, dass mir solche Taten nachgewiesen werden können? Wie bereits gesagt, ich bin ein Ehrenmann. Alles andere sind Lügen und Darstellungen einer sensationslüsternen Presse, die ehrlich arbeitende Männer verhöhnt.

Ah, die Lügenpresse, ich verstehe …

Sein Blick wird starr und fordernd. Derartige Fragen halte ich übrigens für sehr unpassend. Ich bin hier, um die Wahrheit zu berichten, und ich hatte angenommen, nicht nur von einer unqualifizierten Frau befragt zu werden. Nichts für ungut, meine Liebe, aber Ihrem Geschlecht fehlt bekanntermaßen die Fähigkeit zu logischem Denken.

Ah, ist das so? Nun, wie gesagt, sie werden wohl oder übel mit mir vorliebnehmen müssen. Vergessen Sie also besser nicht, dass mein Urteil über Ihre Zukunft entscheiden wird, ob es Ihnen passt oder nicht.

Horatio zieht stumm die Augenbrauen hoch.

Was war Ihr Antrieb für diese Taten? Geld? Strebt ein Mann wie Sie nicht nach höheren Gütern als schnödem Mammon?

Harthorn lacht böse. Als ob Sie als Weib meine Beweggründe nachvollziehen könnten! Wissen Sie, wie schwer die Verantwortung meines Namens auf mir lastet? Geld ist nur ein Zahlungsmittel, meine Ehre steht stets an erster Stelle. Wie gesagt, nichts, was Sie auch nur ansatzweise verstehen.

Er springt auf. Und nun schicken Sie mir endlich Ihren Vorgesetzten.

Seine Bewacher treten neben ihn. Er setzt sich wieder.

Ach, Horatio, ersparen Sie uns doch diese Unannehmlichkeiten, ja? Ich kann Sie auch gleich in Ihre Zelle zurückschicken lassen, aber ich denke, das wollen Sie nicht. Also reißen Sie sich zusammen.

Blättert erneut in der Akte. Wenn ich mir Ihr Dossier so ansehe, stelle ich fest, dass Sie es tatsächlich geschafft haben, Ihre gesamte Familie zu zerstören. Wie fühlt sich das an, wenn man vollkommen allein auf der Welt ist?

Er spitzt die Lippen, streicht sich über den Backenbart und brütet vor sich hin. Dann starrt er der Therapeutin in die Augen. Seit Millionen von Jahren tilgt der Stärkere das Schwache. Das entspricht der natürlichen Ordnung. Nächste Frage.

Er lächelt, aber nun wirkt es eher wie eine Grimasse. Übrigens, so anmaßend, wie Sie hier auftreten, wundert es mich nicht, dass bisher kein Mann ehrliches Interesse an Ihnen gezeigt hat. Meine Frauen haben schnell gelernt, ihre Position in der Gesellschaft zu erfüllen. Regelmäßige Prügel und ausgedehnte kalte Bäder würden auch Ihnen guttun.

 Die Therapeutin winkt desinteressiert ab. Jaja, zur Kenntnis genommen. Fahren wir fort, damit dieser Unsinn hier endlich vorbei ist. Ihr Sohn, Alan. Was denken Sie über ihn? Ist er Ihnen ähnlich?

Harthorn läuft puterrot an. Er knurrt. Meinen Sie etwa diesen undankbaren Burschen, den ich in meinem Haus aufgenommen habe in meiner Gutmütigkeit? Er ist nicht mehr als eine Küchenschabe, die ich unter dem Absatz zerquetschen werde, wenn diese Farce hier beendet ist. Gemeinsam mit der übrigen Brut, die mich beschuldigt.

Wie, glauben Sie, denkt Alan über Sie? Was sieht er in Ihnen?

Seine Ansichten über mich sind irrelevant.

Och, das finde ich nicht. Aber gut, wie Sie meinen. Was ist mit seiner Mutter? Hatten Sie Gefühle für sie? Gibt es überhaupt jemanden, für den Sie jemals Gefühle entwickelt haben?

Er schüttelt den Kopf, als wäre er traurig, so missverstanden zu werden. Mylady, ich bin ein guter Logiker. Er drapiert eine Hand auf den Brustkorb. Mein Herz schlägt für mein Land und mein Volk. Nur gemeinsam können wir mächtig und groß bleiben und jeder von uns muss dazu beitragen und Opfer bringen. Wäre es nicht egoistisch von mir, meine persönlichen Bedürfnisse über die aller anderen zu stellen? Gefühle leisten sich Schwächlinge wie dieser armselige Dienstbote Richard. So ein Jammerlappen, dem ich erst die Härte des Lebens einprügeln lassen musste. Was Alans Mutter angeht. Was erwarten sie von einer Frau, die im Irrenhaus gelandet ist? Ich habe sie nur aus Mitleid geheiratet. Ein Fehler.

Lassen Sie mich das Ganze zusammenfassen. Sie sind gefühllos, kalt, skrupellos und gehen über Leichen. Sie biedern sich an, solange es Ihnen nützt, und lassen jeden über die Klinge springen, der Ihnen im Weg ist, ja? Helfen Sie mir: Gibt es irgendetwas an Ihnen, das man mögen könnte? Irgendetwas? Einen Funken Sympathie?

Sie missverstehen mich nach wie vor völlig. Wie viele heiße Tränen habe ich als Jugendlicher heimlich vergossen, nachdem mein geliebter Bruder in ein Feuer gestürzt ist! Ich weiß nicht, was dem Ärmsten geschehen sein muss, damit er nun behauptet, ich hätte ihn hinein gestoßen, um die Firma übernehmen zu können. Sogar einen faulen Bengel wie Richard habe ich in mein Haus geholt, um ihm eine Ausbildung als Diener zu ermöglichen. Glauben Sie etwa, es hat mir Freude bereitet, ihn so häufig zu bestrafen? Im Gegenteil, mein Herz hat für ihn geblutet, wenn ich den Nichtsnutz schlagen lassen musste.

Äh, ja. Ich verstehe. Wenn Sie morgen sterben würden, was würden Sie der Welt dann hinterlassen?

Meinen guten Namen und die Erinnerung an einen großen Mann, denn alle Anschuldigungen sind nichts als Lügen.

Angenommen, Sie bekämen noch diese eine letzte Chance, Ihr Leben zu ändern. Was würden Sie anders machen? Wie würden Sie leben wollen?

Ganz ehrlich? Ich hätte diese undankbare Frucht meiner Lenden ins Waisenhaus geben sollen. Dort wäre er gestorben, wie neunundneunzig von hundert Kinder dort. Der Welt wäre einiges erspart geblieben, und ich müsste heute nicht meinen tadellosen Ruf verteidigen.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie wirklich bereuen?

Dass mein letzter Geschäftsplan nicht aufgegangen ist. Fast hätte ich einen neuen Handelspartner gefunden, da wirft mir dieser Froschfresser unethisches Verhalten vor. Harthorn winkt ab. Unsere Vorfahren hatten schon Recht, man kann Ausländern nicht trauen.

Gut, ich denke, mehr brauche ich nicht zu wissen. Sie können dann gehen. Auf Sie wartet eine hübsche Zelle.

Harthorn beugt sich vor und flüstert der Therapeutin mit rauer Stimme zu: Ich habe außerhalb der Haftanstalt weiterhin gute Freunde, Püppchen. Wenn dein Bericht über mich nicht zu meinen Gunsten ausfällt, werden diese Herren sich um dich und deine buckelige Familie kümmern. Diese Leute sind höchst erfindungsreich, was Schmerzen und einen langsamen Tod angeht.

Er steht auf und sagt lauter: Diese leidige Sache zur Einschätzung meines Person wäre damit aus der Welt geschafft. Ein Segen für Sie, auf so einen geduldigen Menschen wie mich getroffen zu sein, meine Liebe. Ich erwarte dann, in Kürze freigelassen zu  werden. Hocherhobenen Hauptes verlässt er den Raum, zwei Gefängniswärter an seiner Seite.


ASP_Kasten


HoratioCoverHach, was für ein sympathischer Kerl, findet ihr nicht auch? Wenn ihr herausfinden wollt, wie tief Horatios Lügen reichen und ob sein Sohn Alan der Wahrheit über seinen Vater auf die Schliche kommt, werft doch einen Blick in „Die Lügen des Horatio Harthorn“, ein Steampunk-Roman von Angela Stoll, der letztes Jahr im Verlag „In Farbe und Bunt“ erschienen ist.

Website: www.a-g-stoll.de

Facebook: https://www.facebook.com/Autorin-Angela-Stoll-1544736869177119/


Quellen:

Frädrich, S. & Pfäfflin, F. (2000). Zur Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen bei Strafgefangenen. Recht & Psychiatrie, 18, 95-104.

Möller, H.-J., Laux G. & Deister, A. (2009). Psychiatrie & Psychotherapie. Stuttgart: Thieme.


 

Habt ihr Fragen, wollt ihr Horatio noch ein wenig auf den Zahn fühlen? Dann nur zu, löchert ihn ein wenig – oder mich.

Die nächste Sitzung findet am 21. August statt, da stelle ich euch zum ersten Mal eine historische Persönlichkeit vor: Theodora, die angeblich von einem Dämon besessen ist. Hoffentlich brauchen wir keinen Exorzisten …

Zur Übersicht über alle bisherigen Sitzungstermine: Teaser: Charaktere auf der Couch

Charaktere auf der Couch: #4 Kurt

In der heutigen Sitzung lernen wir Kurt kennen. Er ist ehemaliger Bundeswehrsoldat und mittlerweile viel beschäftigter Privatdetektiv in – nun ja – ganz besonderem Auftrag. Seine Ehefrau Sonja, mit der er einen kleinen Sohn hat, macht sich allerdings Sorgen um ihren Ehemann. Offensichtlich scheint Kurt schön langsam den Verstand zu verlieren. Wir gehen der Sache lieber auf den Grund.

Ah, Sonja, schön, dass Sie da sind. Nehmen Sie doch Platz. Es geht um Ihren Ehemann Kurt, nicht wahr? Schildern Sie mir doch noch mal kurz, warum Sie hier sind.

Ja, ähm, hallo. Danke. Sie setzt sich und streicht mit beiden Händen Ihre roten Locken nach hinten. Kurt, ja, um den geht’s.

Einen Moment starrt sie unschlüssig vor sich hin, dann holt sie tief Luft. Ich sollte wohl erst ein bisschen über uns beide erzählen. Kurt und ich, wir haben uns vor knapp drei Jahren kennengelernt. Über meine Schwester. Siearbeitete damals in so einem Institut in München, das beschäftigt sich mitPolitik- und Gesellschaftsforschung.

Sie stutzt und macht lächelnd eine wegwerfende Handbewegung. Ach, das tut ja nichts zur Sache. Also, Anke – so hieß meine Schwester, sie ist im Sommer darauf gestorben – hatte Kurt zufällig getroffen, als wir beide Eis essen waren. Sie hat ihn zu uns an den Tisch gewunken, und er hat mir einfach sofort gefallen. Fast zwei Meter groß, breit und sportlich, ein markantes Gesicht. Ein paar Narben hat er, aus Afghanistan, aber …

Ich bin mir sicher, das ist eine sehr romantische Geschichte, Sonja, aber wir müssen auch auf die Zeit achten, ja? Also, warum sind Sie hier?

Sie knetet ihre Finger durch. Also, eigentlich macht der Kurt einen vollkommen normalen Eindruck, und als er mir damals erzählt hat, dass er sein Trauma von Afghanistan erfolgreich besiegt hat, da hab ich ihm das geglaubt. Nur fürchte ich jetzt, er hat dieses Trauma durch … ich weiß nicht … naja, eine Wahnvorstellung ersetzt. Die er aber absolut ernst nimmt. Und da sitze ich jetzt mit unserem zwei Monate alten Sohn und muss glauben, dass sein Vater – sie lacht hysterisch auf – irre ist.

Irre? Was meinen Sie damit?

Ähm … Er macht da ja so ein Geheimnis draus. Ich musste ihm schwören, niemandem was zu sagen. Hab ihn auch nur mit Mühe dazu gebracht, hierher zu kommen. Er ist nur bereit, das ganze Thema hier zu besprechen, weil er sich auf Ihre Schweigepflicht verlässt. Und er besteht darauf, Ihnen selbst zu sagen, worum es geht – wenn überhaupt.

Nun gut, dann holen wir ihn dazu. Kurt? Würden Sie sich zu uns setzen?

Kurt kommt herein und setzt sich neben Sonja. Für so einen großen Kerl schaut er ziemlich verschüchtert drein, streicht sich verlegen über seinen Stoppelhaarschnitt.

Grüß Gott dann auch.

Guten Tag Kurt, schön, dass Sie gekommen sind. Ihre Frau sagt, es gäbe da etwas, das Sie mir sagen möchten. Sie macht sich große Sorgen um Sie. Können Sie sich vorstellen, worum es geht?

Na, dass ich es unbedingt sagen will, ist reichlich übertrieben. Ich bin nur hier, weil Sonja darauf besteht. Sie unterliegen auch garantiert der Schweigepflicht, ja? Das ist mir sehr wichtig!

Natürlich. Sie können sich darauf verlassen, dass nichts nach außen dringt.

Na schön. Er setzt ein paar Mal zum Sprechen an, bis er endlich was rausbringt.

Ich verstehe ja, dass Sonja mich für geisteskrank hält, bei dem, was ich ihr eröffnet habe. Ihnen wird das nicht anders gehen, und ich würde genauso reagieren, wenn ich es nicht besser wüsste.

Ach, wenn Sie wüssten, mit wem ich es die letzten Wochen so zu tun hatte … Also, nun raus mit der Sprache!

 Tja … na gut … also ganz direkt: Ich habe beruflich und privat mit … ähm … mit … Leuten zu tun, die man gemeinhin eher in Märchen und alten Sagen verortet, aber nicht in der Realität.

Wollten Sie nicht ganz direkt sein? Ich kann ja schlecht raten, was Sie meinen. Elfen? Die Men in Black? Engel? 

Die auch. Also, die Engel. Wenn auch sehr selten, die beiden haben meistens zu tun.

Wie bitte?

 Sonja verschränkt die Arme vor der Brust. Sehen Sie? So hab ich auch reagiert. Ganz zu schweigen von den Göttern.

Macht sich eifrig Notizen. Aha, lassen Sie mich das verstehen, Kurt. Gott und die Engel – sehen Sie die nur oder sprechen Sie auch mit Ihnen? Wie lange geht das denn jetzt schon so, können Sie sich erinnern, wann es angefangen hat?

Klar kann ich das. Das war im Frühjahr 2012, als ich meinen ersten richtig interessanten Fall als Privatdetektiv hatte. Dabei wollte ich den erst gar nicht annehmen. Wenn ich geahnt hätte, was da wirklich auf mich zukommt …

Er schaut zu Sonja neben sich.  Andererseits … ohne diesen Fall damals hätte ich auch Sonja nie kennengelernt, von daher … Ach so, und natürlich sehe ich die nicht nur, sondern spreche auch mit ihnen. Das Sehen ist dazu gar nicht mal unbedingt nötig, zumindest bei den aktiven. Aber das ist dann doch etwas gewöhnungsbedürftig, so eine Stimme im … ähm … Er merkt, was er da sagt, und schweigt lieber.

In Ihrem Kopf, wollten Sie sagen? Kurt, nur so der Vollständigkeit halber: Nehmen Sie eigentlich irgendwelche Medikamente? Oder …

Drogen meinen Sie? Er lacht sarkastisch.
Nein, glauben Sie mir, selbst mein etwas … sagen wir erhöhter Alkoholkonsum damals ist längst passé. Aber ich versteh schon, dass sie den Verdacht haben. Wie gesagt, ich würd’s ja selbst nicht glauben, wenn ich’s nicht besser wüsste.

Sonja schaut die Therapeutin gequält an. Verstehen Sie jetzt, warum ich mir Sorgen mache? Er ist ein toller Vater, auch für meine beiden Großen, aber … Sie schaut nun schüchtern Kurt an. Ich hab schon etwas Bedenken, wie sich solche Wahnvorstellungen auswachsen könnten.

Kurt schnaubt. Ich wollte dich ja mitnehmen und ihnen vorstellen, aber da warst du dann auch nicht einverstanden.

Sie meinen, diese Engel und sogar Gott würden auch mit Sonja sprechen?

Schätze schon, ja.

Wohin müssten sie Sonja dann mitnehmen? In eine Kirche?

Kurt winkt ab. Nein, da würden wir bestenfalls AJ und seine Jungs treffen. Wobei wir dazu auch nicht unbedingt in eine … warten Sie mal.
Er schaut nachdenklich von der Therapeutin zu Sonja und zurück. Schließlich seufzt er. Wissen Sie was? Ich funk ihn grad mal an. Beenden wir diesen Quatsch hier.

Äh, anfunken? Wen? Kurt, ich denke nicht, dass Sie …

Warten Sie’s ab. Wenn er nicht grad wieder irgendwo auf der Welt versucht, ein paar selbsternannte Supermoslems oder so zur Räson zu bringen, ist er vielleicht auf Empfang. Er schließt die Augen und sieht sehr konzentriert aus.

Kurt? Kurt ist alles in Ordnung? Können Sie mich hören?

Sonja zuckt hilflos die Achseln und zeigt mit fragendem Gesichtsausdruck eine Mattscheibe.

Plötzlich ertönt eine weitere Stimme. Aber nicht doch. Sonja, was denkst Du nur von Deinem Mann?

Was? Wie zum …? Wie sind Sie hier reingekommen? Da ist doch … gar keine Tür!

Mitten im Raum steht ein runzliger, kleiner Mann mit dicker Hornbrille und einem verschmitzten Lächeln in den Augen.

Kurt stößt einen Seufzer aus. AJ, da bist Du ja!

Ist doch Ehrensache, mein Junge. Er legt der Therapeutin die Hand auf die Schulter und schaut ihr in die Augen. Sie hat noch nie so viel Wärme und Güte in einem Blick gesehen. Ich denke, ich kann das mit den Beiden regeln. Wärst du so nett, mir mal kurz dein Büro zu überlassen?

 Äh … klar … nur zu. Viel Spaß. Ich brauch jetzt erst mal einen Schluck.


Tja, vKurtCoverielleicht ist Kurt gar nicht so verrückt, wie er auf den ersten Blick scheint. Wenn ihr euch davon überzeugen wollt, „Kurt – in göttlicher Mission“ aus der Feder von Sascha Raubal ist direkt beim Machandel-Verlag und bei den gängigen Online-Händlern erhältlich. Ein weiterer Fall ist bereits in Arbeit und soll noch dieses Jahr erscheinen, haltet also die Augen offen.

Sascha Raubal: fantasy.raubal.de

 


Wenn ihr Kurt, Sonja, AJ oder mich noch mit Fragen löchern wollt, nur zu. Vielleicht habt ihr ja eure ganz eigene Sicht dessen, was real ist und was nicht.

Der nächste Sitzungstermin findet am 7. August statt. Mein Patient ist der englische Gentleman Horatio unter dessen charmanter Fassade eine ziemlich düstere Persönlichkeit lauert. Mal sehen, ob wir seinem wahren Ich auf die Schliche kommen.

Für eine Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

 

Charaktere auf der Couch: #3 Varek

Die heutige Therapiesitzung wird für mich besonders anspruchsvoll, denn auf meiner Couch sitzt heute mein eigener verkorkster Protagonist. Varek ist Mitte dreißig, groß, kräftig gebaut mit markanten, harten Gesichtszügen und dunklen Augen, in denen eine bittere Melancholie liegt. Er gehört den „Unbestechlichen“ an, einem Orden von Auftragsmördern, doch glücklich ist er mit diesem Los nicht. Eigentlich hat Varek nämlich geschworen, Leben zu schützen statt zu beenden.

Varek, schön, Sie wiederzusehen. Sie sind lange nicht mehr hier gewesen.

Varek nimmt auf der Couch Platz. Seine Muskeln sind angespannt und in seinem Blick liegt eine tiefe innere Unruhe. Wozu auch? Mein Leben ist ein verdammter Trümmerhaufen, ich brauche keinen Seelenklempner, der mir das bestätigt. Wie soll mir eine wie Sie schon helfen können?

Wenn Sie ehrlich zu mir gewesen wären, hätte ich auch versuchen können, Ihnen zu helfen. Sie haben mir eine ganze Menge verschwiegen, damals.

schnaubt. Wundert Sie das? Ein Auftragsmörder, der sich im Dunkeln fürchtet – können Sie sich vorstellen, wie demütigend das ist?

Sie wissen, dass ich nicht nur davon spreche.

Sie meinen das Sharak? Er knurrt verächtlich. Ich bin nicht süchtig danach, das habe ich Ihnen schon Dutzende Male gesagt. Versetzen Sie sich mal in meine Lage, dann könnten wir sehen, was Sie für ein paar Minuten Ruhe oder Entspannung alles tun würden. Das bisschen Rauschkraut ist sicher das kleinere Übel.

Hm. Macht sich eine Notiz auf dem Klemmbrett. Wie häufig rauchen Sie es mittlerweile? Täglich?

Er strafft sich erbost. Unsinn. Nur hin und wieder. Manchmal.

Mit Nachdruck. Wie oft, Varek?

Seine Stimme wird lauter. Keine Ahnung, lassen Sie mich damit in Ruhe. Das Sharak lässt mich für eine Weile vergessen, wie verdorben mein Leben ist, wenigstens das könnten Sie mir gönnen.

Ich kann das nachvollziehen, glauben Sie mir, aber Sie wissen, dass dieses Zeug nur ein trügerischer Freund ist. Sie könnten ein paar echte Freunde brauchen.

Was Sie nicht sagen. Schnaubt verächtlich. Und woher soll ich die nehmen? Aus Holz schnitzen? In Ghor-el-Chras bin ich nichts weiter als Abschaum, keiner gibt sich mit mir ab, außer denen, die ich dafür bezahle. Geld schafft keine Freunde.

Wohl wahr. Selbstmitleid übrigens auch nicht.

Er springt auf die Beine, stützt die Arme auf den kleinen Tisch vor der Couch und fixiert die Therapeutin eindringlich. Haben Sie schon einmal einen Menschen getötet? Ihm in den Augen gesehen, während er starb? Wohl kaum. Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, zu töten, was es mit einem Menschen macht. Also tun Sie nicht so erhaben.

Schon gut, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten. Setzen Sie sich wieder, bitte.

Mit grimmiger Miene nimmt Varek Platz, immer noch angespannt, als müsse er sofort zum Sprung ansetzen. Meinetwegen. Aber kein Wort mehr über meine Tätigkeit und das Sharak, verstanden?

Seufzt. Verstanden. Dann sprechen wir über Ihr Problem mit der Dunkelheit. Treten diese Ängste durchgehend auf oder nur manchmal?

Vareks Blick schweift ins Leere, ein leises Zittern überläuft ihn. Unterschiedlich. Es wird schlimmer, wenn ich jemanden getötet habe, wenn mich die Schuld und der ganze Frust zerfrisst. Die Nächte danach sind grauenhaft. Überall dieses Flüstern, die Schatten, die nach mir greifen … Es schaudert ihn. Vor Jahren war es noch weniger heftig, ich habe das Gefühl, mit jedem Opfer wird es schlimmer.

Können Sie die Angst in Worte fassen? Was genau geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Ich weiß nicht. Es ist, als wäre da jemand. Etwas. Unbeschreiblich, aber immer da, immer präsent. Etwas, das auf mich lauert, das nach Rache sinnt, das mir jeden vergossenen Blutstropfen heimzahlen wird. Seine Finger graben sich in die Sofakissen, er presst die Lippen zusammen. Gegen diesen Gegner kann selbst meine Klinge nichts ausrichten. Nur Licht hilft. Ein wenig.

Ich schätze, Ihnen ist klar, dass dort kein echter Gegner auf sie lauert, nicht wahr? Alles, was Sie bedroht, sind Ihre eigenen Gedanken.

Varek zuckt die Schultern. Und wenn schon – ich kann nichts dagegen tun. Die Angst ist einfach da. Ich fürchte den Tod nicht, im Gegenteil, aber diese Panik ist schlimmer als alles andere. Ich kann nicht einmal in Worte fassen, wovor ich mich fürchte. Vor mir selbst, vor der Kirche, vor meinen Gegnern …

Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, Sie haben einfach Angst vor der Angst. Sie wissen, dass die Dunkelheit Beklemmung in Ihnen auslöst, also meiden Sie dunkle Orte, und falls Sie diese nicht meiden können, leben Sie in ständiger Sorge, dass Sie gleich in Panik verfallen könnten. Klingt das logisch für Sie?

Hm. Ja, ein wenig. Es ist aber mehr als das. Es geht … tiefer. Diese Angst. Er winkt ab. Das würden Sie nicht verstehen.

Wie Sie meinen. Sie haben vorhin erwähnt, die Ängste würden schlimmer, wenn Sie einen schlechten Tag haben. Vielleicht könnten wir da ansetzen. Was macht Ihnen denn Freude, wie könnte denn ein guter Tag für Sie aussehen?

Er blickt die Therapeutin mit einem Blick an, der pure Abscheu ausdrückt. Ein guter Tag? Er stößt ein freudloses Lachen aus. Sie machen sich über mich lustig, oder?

Mitnichten. Also, was könnte Ihre Stimmung aufhellen? Und sagen Sie jetzt nicht „gar nichts“, ich bin mir sicher, Ihnen fällt etwas ein.

Er seufzt. Meinetwegen. Ein Tag im Badehaus vielleicht, ein gutes Frühstück, ein Becher Kaffee, ein Besuch bei Bradhu in der „Traumhöhle“ …

Ähm, die Drogen lassen wir weg.

Verdreht die Augen. Meinetwegen. Sein Blick schweift in die Ferne und ein wehmütiger Ausdruck wird darin sichtbar. Wenn ich ehrlich sein soll … am liebsten würde ich die Stadt verlassen, wenigstens für eine Weile. Zurück in die Berge gehen, nach Irhassar, in meine Heimat. Den Wind zwischen den Felsen spüren, die majestätischen Bergkuppen bewundern, im Pirh nach Fischen jagen – wieder als Leibwächter arbeiten und nicht als Mörder. Er seufzt und senkt den Blick. Egal. Das wird immer ein Wunschtraum bleiben.

Wie sieht es mit Sozialkontakten aus? Haben Sie Freunde, mit denen Sie …

Jemand wie ich hat keine Freunde. Wir Unbestechlichen sind gut genug, um schmutzige Aufgaben zu erledigen, aber niemand würde auch nur eine Minute freiwillig in unserer Gegenwart verbringen oder mit mir sprechen.

Was ist mit ihrem Bruder?

Ein Zittern überläuft Varek, seine Mundwinkel zucken. Askar? Wir haben seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Er verachtet mich, genau wie alle anderen Mitglieder unserer Familie. Er ballt die Hand zur Faust. Verdammt, dabei habe ich dieses beschissene Los nur ihretwegen auf mich genommen! Um unsere Familienehre zu bewahren! Er seufzt. Askar hat das nie begriffen.

Sie wurden damals wegen eines Verbrechens verurteilt, nicht wahr? Würden Sie mir erzählen, was geschehen ist?

Nein. Mit Nachdruck stemmt er sich von der Couch auf.

Ich denke, es genügt für heute.

Varek, Sie sollten wirklich …

Vergessen Sie’s. Er tritt an die Tür und wirft noch einen letzten Blick über die Schulter. Sie können mir sowieso nicht helfen.


Opfermond_CoverZugegeben, Varek war nicht so gesprächig wie erhofft. Wenn ihr trotzdem ein bisschen neugierig geworden seid und wissen wollt, was es mit seiner dunklen Vergangenheit oder seiner düsteren Gegenwart auf sich hat, müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden. Opfermond erscheint im September als Ebook und im Oktober als Print im Mantikore Verlag. Auf Amazon könnt ihr das Print aber schon vorbestellen.

Seite des Mantikore-Verlags: http://mantikoreverlag.de/

 


InfokastenPhobie


Quelle:

Hamm, A. O. (2017). Spezifische Phobien, PSYCH up2date, 11, 223-238.
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/s-0043-100487


Dieser Beitrag ist im Rahmen der Geburtstagsaktion von Magische Momente in der kleinen Bücherwelt entstanden und wird auch dort auf dem Blog erscheinen. Es freut mich, dass ich mitmachen durfte.


Wenn ihr Varek oder mich noch mit Fragen löchern wollt, nur zu. Ich freue mich auf eure Fragen, Anregungen oder Spekulationen.

Der nächste Sitzungstermin findet am 20. Juli statt, dort werdet ihr Kurt und seine Ehefrau kennen lernen, die im wahrsten Sinne des Wortes mit göttlichen Problemen zu kämpfen haben. Ihr dürft gespannt sein.

Für eine Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

 

Charaktere auf der Couch #2: Azzael

Unsere heutige Therapiesitzung wird – im wahrsten Sinne des Wortes – höllisch gut, denn auf meiner Couch sitzt heute Azzael, gefallener Engel und rechte Hand des Teufels. Er ist fast zwei Meter groß, von stattlicher Statur, hält seit rund 400 Jahren sein Idealgewicht und geht nie ohne schwarze Ray Ban, Cowboystiefel aus Schlangenleder und Ledermantel aus dem Haus. Ich muss zugeben, dass es nicht so einfach wahr, Azzael auf meine Couch zu bringen, aber am Ende hat er sich doch breit schlagen lassen. Zugegeben, er ist keine einfache Persönlichkeit …

Nun, Azzael, Sie wissen ja, warum Sie heute hier sind.

Azzael fischt einen Joint hinter seinem Ohr hervor und lehnt sich in die Couch zurück. Dann schiebt er sich die Tüte in den Mundwinkel und pflanzt gemächlich seine Cowboystiefel aus Schlangenleder auf den Tisch.

Es geht um die Frage, ob Sie … Azzael? Hören Sie mir zu?

Azzael zeigt keine Reaktion, entfacht stattdessen durch Schnippen von Mittelfinger und Daumen eine Flamme aus seinem Zeigefinger, steckt sich den Joint an und bläst Rauchkringel in die Luft.

Ist das Ihr Ernst? Sie kiffen während der Sitzung?

Äh, was soll ich sonst machen, Löcher in die Couchgarnitur brennen?

Seufzt und macht sich Notizen. Wie häufig nehmen Sie Marihuana? Waren Sie in letzter Zeit irgendwann mal clean?

Wen interessiert’s.

Er klemmt sich eine Strähne seines schwarzen, schulterlangen Haars hinter die Ohren.

Ich bin ein gefallener Engel und existiere seit Anbeginn der Zeit, bisher hat das meiner Gesundheit keinen Abbruch getan.

Zieht kräftig am Joint und stößt eine Qualmwolke aus, die einen Elefanten narkotisiert hätte.

Hustet vernehmlich. Na, hervorragend. Ihnen ist schon bewusst, dass dieses Gutachten über Ihre berufliche und persönliche Entwicklung entscheiden wird? Es scheint, als würde Ihr Arbeitgeber Sie nicht länger als tragbar betrachten. Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?

Che cazzo dice? Ich bin die rechte Hand des Teufels, ohne mich wäre Luzifer aufgeschmissen, schließlich bin ich derjenige, der Die Drecksarbeit für ihn erledigt.

Nun, Ihr Arbeitgeber sieht das offenbar anders, also kommen wir zum Protokoll der Sitzung zurück, ja? Und nehmen Sie gefälligst die Stiefel von meinem Tisch. Wenn ich Ihre Personalakte richtig verstanden habe, dann ist es Ihre Aufgabe, Menschen einen Pakt mit dem Teufel aufzuzwingen und säumige Paktierer in die Hölle zu befördern, richtig? Wie empfinden Sie diese Aufgabe?

Azzael macht keine Anstalten, seine Stiefel vom Tisch zu entfernen, sondern fixiert die Therapeutin mit ausdrucksloser Miene über den Rand seiner Ray Ban-Brille hinweg, bis er endlich das Wort ergreift. Diesen lästigen Vertreterjob übernehme ich nur im Notfall. Bin eher der Mann fürs Grobe und vollends mit meinen Aufgaben ausgelastet. Wenn einer der Teufelsbündner aus der Reihe tanzt, bring ich ihn dazu, Selbstmord zu begehen, wodurch seine Chancen gegen Null gehen, in den Himmel zu gelangen. Er versucht sich an einem gewinnendem Lächeln, dass selbst den Hartgesottensten in die Flucht geschlagen hätte.

Das klingt … unschön. Haben Sie gar keine Gewissensbisse? Zumindest ein wenig?

Sehe ich so aus?

Wie wär’s wenn Sie nicht mit Gegenfragen antworten würden? Keine Gewissensbisse also, sehe ich das richtig? Wann haben Sie zuletzt etwas getan, was Sie wirklich bereut haben?

Habe mich vor dreihundert Jahren auf Luzifers Wunsch hin auf eine seiner Huren eingelassen.  Aber in diese Puffs bekommen mich keine zehn Pferde mehr, nachdem ich mir dort Syphilis zugezogen habe, die mir selbst heute noch manchmal zu schaffen machte. Hautausschlag oder stechende Hodenschmerzen plagen mich dann und verhinderten längeres Sitzen. Kratzt sich demonstrativ am Sack.

Seufzt. Bitte, wenn Sie mich zum Narren halten wollen, schön. Ist ja Ihr Gutachten. Sie scheinen ja sehr von sich und Ihrer Wirkung auf andere überzeugt zu sein. Gibt es, abgesehen von Ihnen selbst, irgendjemanden, für den Sie Gefühle haben? Der Ihnen etwas bedeutet?

Sieht kurz auf, drückt dann energisch seinen Joint im Aschenbecher aus und schnaubt kopfschüttelnd vor sich hin.

Ich habe ein Mädchen während eines Auftrags auf einer Halloweenparty kennengelernt . Lillith hat mir die heißeste Nacht meines Daseins auf Erden beschert. Die Erinnerung daran, wie ihre Lippen geschmeckt, wie ihr Körper sich angefühlt hat, brennt in mir noch heute wie ein Kilo Koks kombiniert mit einer Flasche Whiskey auf ex.

Er lehnt sich mit verschränkten Armen zurück und schweigt dann eine ganze Zeit lang, während er trübsinnig ins Leere starrt. Als er wieder zu sprechen bringt, klingt seine Stimme belegt. An ihrer Seite fühlte ich mich lebendig und nicht wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit, ein Fossil göttlichen Ursprungs, mutiert zu einem abgestumpften Handlanger des Teufels. Sie wäre meine Chance gewesen, aus diesem Sumpf auszubrechen … Warum muss sie auch nur der Spezies der Mehlfratzen angehören?

Zieht ein Gesicht das vor Selbstmitleid nur so trieft.

Äh, Mehlfratzen?

Kalkleistenleisten, Blutsauger, Vampire … wie auch immer man sie nennen mag.  Schon einige von ihnen haben meine Aufträge durchkreuzt. Wäre ich nicht vollgepumpt mit Drogen bei der Halloweenparty aufgekreuzt, hätten mich meine Instinkte nicht verlassen, und ich hätte Lillith schon bei ihrer ersten Begegnung als eine von ihnen entlarvt.

Diese Dame scheint Ihnen ja wirklich etwas zu bedeuten, interessant. Wie sehr würden Sie ihr Leben verändern für sie? Würden Sie sich einen neuen Job suchen? Die Drogen aufgeben? Verantwortung für sich und Ihr Leben übernehmen?

Cazzo!

Azzael springt blitzartig auf, beugt sich über den Tisch und kommt bedrohlich nah.

Wie das denn bitteschön? Ein gefallener Engel und eine Vampirin als Liebespaar, diese Konstellation steht unter keinem guten Stern!

Während er imaginären Staub von seinem Ledermantel klopft, gewinnt er wieder die Fassung und lümmelt sich zurück auf die Couch.

Lillith ist auf Luzifers Abschussliste gelandet. Nun hat er ausgerechnet mir den Auftrag erteilt, ihr den Garaus zu machen. Folge ich seinen Anweisungen nicht, würde ich von ihm vertrieben und geächtet werden. Das bedeutete, ich müsste ein Dasein an einem abgelegenen Ort der Erde fristen.

Es überrascht mich, dass Sie das stört. Abgesehen von Drogen und persönlichem Spaß scheint Ihnen die Erde ja nicht viel bieten zu können. Wäre das abgeschiedene Leben gar keine Option für Sie?

Persönlicher Spaß? Ich würde es eher als Zeit totschlagen bezeichnen. Ich verlasse ungern mein gewohntes Umfeld, die ewige Stadt ist seit Jahrtausenden meine Heimat, außerdem möchte ich mir den Boss nicht zum Feind machen, er ist sehr kreativ, wenn es um Bestrafung geht.

Er schnaubt verächtlich. Würde mich nicht wundern, wenn er mich angekettet ins Fegefeuer stößt.

Ich sehe schon, das wird ein gutes Stück Arbeit. Ich fürchte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich Ihnen noch keine positive Prognose ausstellen, aber wir arbeiten daran. Zum Abschluss würde ich gerne ein kleines Assoziationsspiel mit Ihnen machen. Ich nenne Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir das Erste, was Ihnen dazu einfällt.

Familie

Nie gehabt.

Sex.

Werde vom Boss ab und an auf seinen berüchtigten Bunga-Bunga-Parties dazu verdonnert, damit ich meine dicken Eier loswerde und etwas ausgeglichener bin. Aber richtig Spaß hatte ich nur mit … Lillith. Stößt einen theatralischen Seufzer aus.

Ewigkeit.

Sie liegt noch vor mir, dabei fühle ich mich jetzt schon des Lebens überdrüssig.

Liebe.

Gibt ein grunzendes Geräusch von sich. Verliebte Pärchen im Park, die Hand in Hand bei Sonnenschein umherspazierten. Die öffentliche Zurschaustellung des Glücks anderer ist mir zuwider.

Gut, vielen Dank, ich schätze, das reicht fürs Erste. Wir machen das nächste Mal weiter. Versuchen Sie bis dahin niemanden in den Selbstmord zu treiben, ja?

Azzael stößt eine Litanei italienische Flüche aus, während er sich von der Couch erhebt. Mit wehendem  Haar marschiert er grußlos aus dem Raum.


blue women eye beaming up enchanting from behind a bloomingDie ganze Geschichte von Azzael, Lilith, Gott, dem Teufel und allerlei höllischen Verwicklungen, könnt ihr nachlesen in Höllisches Intermezzo von Bo Leander (erschienen im Verlag Lysandra Books)

Facebook: https://www.facebook.com/boleander.de/

Zum Verlag: http://www.lysandrabooks.de


 

 

Psychopathie

 


Quellen:

Coid, J. W., Yang, M., Ullrich, S., Roberts, A. D.L, Hare, R. D. (2009). Prevalence and correlates of psychopathic traits in the household population of Great Britain. International Journal of Law and Psychiatry, 32, 65-73.

Hare, R.D. (1991). The Hare Psychopathy Checklist Revised [PCL-R]. Toronto: Multi Health Systems.


 

Habt ihr Fragen an mich oder Azzael? Wollt ihr mehr über ihn wissen? Nur zu. Die Visite ist eröffnet.

Der nächste Sitzungstermin findet am 8. Juli statt. Für mich wird das ein besonderer Termin, denn ich darf mich zum ersten Mal mit meinem eigenen verkorksten Protagonisten herumschlagen – und ich weiß jetzt schon, dass Varek es mir nicht leicht machen wird …

 


Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

Charaktere auf der Couch #1: Jonas

Heute heißen wir unseren ersten Patienten auf der Charakter-Couch willkommen: Jonas. Der junge Mann ist 26 Jahre alt, ehemaliger Bundeswehr-Soldat, kräftig gebaut und unauffällig, aber sein unsteter, rastloser Blick verrät, das mehr unter der Fassade schlummert. Was das sein könnte versuchen wir im heutigen Gespräch ein bisschen ans Licht zu bringen ..

Guten Tag, Jonas, bitte nehmen Sie Platz. Wie fühlen Sie sich heute?

Jonas setzt sich auf die Kante des Stuhls. Sein Blick wandert unstet im Raum umher; von Ecke zu Ecke und bleibt schließlich auf dem Schrank ruhen.
Äh, okay.
Er sieht nun hinüber und nestelt unruhig an seinen Fingern.
Den Umständen entsprechend, würde ich sagen.
Er seufzt und sieht auf seine Finger.
Die Albträume kommen wieder öfter. Mittlerweile verbringe ich mehr Zeit im Krieg als im Hier und Jetzt.

Hm, das klingt beunruhigend. Können Sie beschreiben, wie lange das schon so geht?

Dass sie so häufig sind oder generell? Die Albträume habe ich eigentlich, seit ich aus dem Krieg zurückgekehrt bin, wenn man das so nennen kann. Eine Zeitlang habe ich gedacht, dass ich nur ein wenig Zeit brauche und als ich Sophie kennengelernt habe, sind sie auch besser geworden.
Er zuckt mit den Schultern.
Nun, ja, bis sie eben wieder schlechter geworden sind. Silvester wäre ich fast nicht wieder aufgewacht.

Ist es Ihnen schwergefallen, hierher zu kommen? Mit jemandem darüber zu sprechen? Wie geht es Ihnen damit?

Man erwartet nicht, dass man mit sowas heimkommt. Als ich mich zum Bund und dann für die Auslandseinsätze gemeldet habe, war mir klar, dass ich verwundet werden könnte, sogar sterben. Aber nicht, dass ich heimkehre und den Krieg nicht mehr loswerde. Wenn die Leute mich fragen, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Schließlich sind alle so froh, dass ich wieder da bin und dass mir nichts passiert ist. Mein Vater ist sogar stolz. Wie soll ich da die Wahrheit sagen?
Zögernd fährt er leise fort: Manchmal … manchmal wünschte ich mir, ich wäre einfach nie zurückgekehrt.
Er krallt die Finger um die Sitzkante, als müsste er sich daran hindern aufzustehen.

Atmen Sie tief durch, Jonas. Sie sind hier. Sie sind in Sicherheit. Haben Sie jemand anderen in Ihrem Umfeld, mit dem Sie über Ihre Probleme reden können? Familie, Freunde?

Sophie vielleicht, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das versteht. Wahrscheinlich bin ich für sie sowieso nur so ein irrer Wahnsinniger.
Ernst und ungewöhnlich harsch: Außerdem bin ich eine Gefahr für sie. Lassen wir das lieber. Das mit Sophie ist vorbei.

Welche Beziehung verbindet Sie denn mit Sophie? Und wieso halten Sie sich für eine Gefahr?

Genau genommen, gar keine. Wir haben lediglich zusammen gewohnt. Aber von Zeit zu Zeit, als sie noch etwas Tageslicht hatte, haben wir uns unterhalten, unter anderem darüber. Ich konnte es ja auch kaum geheimhalten, nachdem ich gleich in der ersten Nacht ihr Wohnzimmer verwüstet habe.
Er reibt sich die Hände. Das war unangenehm. Danach ging es eigentlich, bis …
Er starrt eine Weile ins Leere, bis er sich wieder abrupt der Therapeutin zuwendet. Wenn ich die Albträume habe, weiß ich nicht, was ich tue. Dann bin ich in Afghanistan und jeder, der sich mir nähert ein potentieller Feind. Es dauert, bis ich wieder richtig zu Sinnen komme.

Haben Sie versucht, mit Ihrem Vater darüber zu sprechen? Sie haben letztes Mal erzählt, dass er selbst bei der Bundeswehr war. Vielleicht hat er ähnliche Erfahrungen gemacht.

Dann wäre er wohl nicht noch immer dabei oder? Ich … nein, ich habe mich bisher nicht getraut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er es versteht. Die Bundeswehr ist doch das Beste auf Erden.

Klingt, als wäre Ihre Beziehung kompliziert. Wie stehen Sie zu Ihrem Vater? Was ist die schönste Erinnerung, die Sie mit ihm verbinden?

Er seufzt schwer. Wie stehe ich zu ihm? Er ist mein Vater. Er hat Felix und mir schon von kleinauf nahegelegt, wie wichtig der Dienst am Vaterland ist. Sie hätten ihn mal sehen sollen, als man die Wehrpflicht abgeschafft hat!

Eine schöne Erinnerung? Mir hat es immer Spaß gemacht, wenn wir zusammen campen gegangen sind. Nur mein Vater, mein Bruder und ich mit dem Allernötigsten. Den Rest mussten wir uns vor Ort zusammensuchen oder improvisieren. Ich durfte immer die wildesten Unterstände für uns planen, solange sie uns trocken und geschützt hielten.

Und die schlechteste?

Die eben noch dagewesene Fröhlichkeit weicht vollkommen aus seinem Gesicht. Als er mir sagte, dass er stolz auf mich ist.
Jonas sieht zu Boden. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Philipp ist gestorben und da klebte so viel Blut an meinen Händen. Ich war völlig nutzlos gewesen und mein Vater war stolz da drauf. Der Stolz verging ihm ziemlich schnell, als er von meinem Austritt erfahren hat.

Sie haben vorhin von Albträumen gesprochen. Haben Sie Strategien, wie Sie damit umgehen?

Jonas lacht freudlos auf. Wenn Sie meinen, dass ausharren und hoffen, dass es schnell vorbei ist, eine Strategie ist? Ich nehme an, der Alkohol ist eine, aber der sorgt eigentlich nur dafür, dass es irgendwie erträglich ist und ich nicht um mich schlage oder die Inneneinrichtung zertrümmere. Ein wenig beschämt: Nicht, dass das oft vorkommt.

Alkohol ist eine trügerische Hilfe, aber das wissen Sie sicher. Haben Sie jemals andere Drogen genommen?

Ernst und vollkommen aufrecht sitzend. Drogen? Nein. Das hat man ja bei Sophie schon gesehen, was das für Auswirkungen hat. Etwas spöttisch. Obwohl, das sind ja keine Drogen, sondern „Zaubermittel“.
Er schüttelt ernst den Kopf. Nein, der Alkohol ist schlimm genug.

Wenn sie jetzt etwas an Ihrem Leben ändern könnten, was wäre das? Wie würden Sie es angehen?

Ich würde gerne studieren. Etwas, was von Substanz ist. Ingenieurwesen vielleicht oder Architektur. Jonas zuckt mit den Schultern.
Das letzte Mal, dass ich es probiert habe, habe ich kein Semester durchgehalten. Albträume machen sich nicht so gut in WGs oder Vorlesungen. Vielleicht gibt’s ja irgendwo ein Fernstudium, oder so etwas. Muss ich mal drüber nachdenken. Erst mal will ich aber mit mir selbst klarkommen. Das ist glaube ich das Wichtigste im Moment. Aufhören, davon zu laufen und mein Leben wieder in den Griff bekommen.

Das klingt nach einem guten Plan. Zuletzt möchte ich mit Ihnen einen kurzen Test durchführen. Bitte sagen Sie mir, was Sie auf diesem Bild sehen.

Normalized_Rorschach_blot_07

aus: Wiki-Commons, Rorschach Inkplot Test

Rauch. Staub. Seine Hände zittern leicht. Wie die Staubwolken, die aufsteigen, wenn eine Granate in der Stadt einschlägt.

Alles gut, Sie sind immer noch in Sicherheit. Hier, nehmen Sie einen Schluck Wasser. Wenn wir gleich auseinandergehen, was erhoffen Sie sich von unserer nächsten Sitzung?

Dass Sie mir erklären, wie ich mit diesen Albträumen fertig werde. Etwas leiser: Oder einfach, wie ich ein normales Leben leben kann, ohne … all das.

Ich bin mir sicher, wir finden eine Lösung. Ich kann Ihnen ein paar Entspannungstechniken zeigen, vielleicht hilft das fürs Erste. Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Familie auch einmal bitten, mitzukommen. Denken Sie, das würde Ihnen helfen?

Jonas schüttelt den Kopf. Auf keinen Fall mein Vater. Er hält nicht viel von solchen  – er zögert – „Quacksalbern“.
Nach weiterem Zögern. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne meine Mutter mitbringen. Sie macht sich viele Sorgen und vielleicht hilft es ihr, wenn sie es besser versteht. Ich weiß immer nicht, wie ich es erklären soll.

Wenn Sie Ihrer Mutter vertrauen, dann ist das bestimmt eine gute Idee. Es würde Ihnen sicher gut tun, jemanden in ihrer Nähe zu haben, dem Sie sich anvertrauen können. Der Ihre Sorgen nachvollziehen kann. Denken Sie nicht?

Hm, ja, vielleicht … Okay, dann bis zum nächsten Mal. Jonas verlässt mit hängenden Schultern das Sprechzimmer.

 


Cover_ZertanzteschuheWie es mit Jonas weitergeht, ob er sein Trauma überwindet und inwiefern die geheimnisvolle Sophie damit zu tun hat, das erfahrt ihr bald in der Märchenadaption „Im Bann der zertanzten Schuhe“ von Janna Ruth.

Website: http://www.janna-ruth.com/

Facebook: https://www.facebook.com/authorjannaruth

Mehr über die Märchenspinnerei: http://maerchenspinner.layeredmind.de/


 

Infokasten_PTBS


Quellen:

Maercker, A., Forstmeier, S., Wagner, B., Glaesmer, H. & Brähler, E. (2008). Posttraumatische Belastungsstörung in Deutschland. Ergebnisse einer gesamtdeutschen epidemiologischen Untersuchung. Nervenarzt, 79, 577-586.

Möller, H.J., Laux, G. & Deister, A. (2009). Psychiatrie und Psychotherapie. Stuttgart: Thieme Verlag.

Wittchen, U. et al (2012). Traumatische Ereignisse und posttraumatische Belastungsstörungen bei im Ausland eingesetzten Soldaten. Wie hoch ist die Dunkelziffer? Deutsches Ärzteblatt, 109,  559-567.


Habt ihr Fragen an mich oder Jonas? Wollt ihr mehr über ihn oder sein Krankheitsbild wissen? Nur zu. Die Visite ist eröffnet.

Der nächste Sitzungstermin findet am 20. Juni statt, und ich darf schon einmal verraten, dass wir es dann mit einem höllischen Patienten zu tun haben. Lasst euch überraschen.

Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

Teaser: Charaktere auf der Couch

„Die Schöpferkraft eines Autors folgt leider nicht immer seinem Willen; das Werk gerät, wie es kann, und stellt sich dem Verfasser oft wie unabhängig, ja wie fremd, gegenüber.“
– Sigmund Freud

Wenn wir ehrlich sind, dann steckt in jedem Autor auch gleichzeitig ein Psychologe. Beide forschen nach Charakterzügen, nach Stärken und Schwächen, nach persönlichen Entwicklungen und Beziehungen. Beide versuchen, menschliches Verhalten zu verstehen, zu erklären und vorauszusagen. Zugegeben, als Autor neigt man dazu, seinen Figuren eher Probleme zu machen als diese zu lösen, aber am Ende bietet man ihnen doch immer die Chance, über sich hinau zu wachsen. Nun, meistens, zumindest.

Wie manche von euch wissen, habe ich selbst Psychologie studiert und das Erforschen von besonderen Charakterzügen und -entwicklungen ist für mich mit der spannendste Teil des Schriftsteller-Daseins. Nun bin ich aber sicherlich nicht die Einzige, die sich intensiv Gedanken über die psychologischen Hintergründe ihrer Charaktere macht – deswegen habe ich diese Blogreihe ins Leben gerufen.

Auf meiner Blog-Couch werden ein- bis zweimal pro Monat unterschiedliche Roman-Figuren über ihre Sorgen, Ängste und selischen Abgründe plaudern und euch ein bisschen mehr über sich verraten. Teils auf ernste, teils auf eher humorvolle Art. Spannend wird es aber mit Sicherheit.

Als Disclaimer möchte ich vorwegschicken: Ich bin keine ausgebildete Psychotherapeutin, und im Vordergrund dieser fiktiven Therapie-Gespräche sollen die Charaktere und ihre Geschichte stehen. Ich möchte mir Mühe geben, euch die Hintergründe so fundiert wie möglich nahe zu bringen, deswegen wird es auch immer eine kurze Information zu Störungsbildern oder Behandlungsmöglichkeiten geben, sofern sie zur Sprache kommen. Trotzdem dienen diese Blog-Beiträge in erster Linie der Unterhaltung. Wenn ihr also Fragen habt,  fragt mich gerne. Ich versuche sie nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten.

Seid ihr neugierig geworden? Dann schaut doch vorbei. Die erste Sitzung findet nächsten Dienstag statt. Wer dann bei mir auf der Couch sitzen wird? Lasst euch überraschen.


Bisherige Patienten:

06. Juni: Jonas von Janna Ruth („Im Bann der zertanzten Schuhe“)
19. Juni: Azzael von Bo Leander („Höllisches Intermezzo“)
08. Juli: Varek von Elea Brandt („Opfermond“)
20. Juli: Kurt von Sascha Raubal („Kurt – In göttlicher Mission“)
07. August: Horatio von Angela Stoll („Die Lügen des Horatio Harthorne“)
21. August: Theodora von Isabella Benz („Die Dämonen von Lorch“)
12. September: Zeyn von Annette Juretzki („Blind – Sternenbrand, Teil 1“)