Charaktere

[Characters of Septemer, #1] Celio: Bürokrat, Perfektionist, Kontrollfreak

Der Nanowrimo 2017 steht vor der Tür, also hab ich mich spät aber doch entschieden, an der tollen #charactersofseptember Challenge teilzunehmen.

In der Rubrik Romanprojekte gibt es auch schon eine kurze Zusammenfassung meines geplanten Mantel&Degen-Steam-Punk-Krimis, aus dem ich euch heute den Protagonisten vorstellen möchte.

Also, Vorhang auf für Celio.


Nun, wärt Ihr zu Beginn vielleicht so freundlich, Euch den geneigten Lesern unserer Gazette vorzustellen?

Mein Name ist Celio Farese, ich bin Kronbeamter der Principessa von Farcata und bin sehr beschäftigt. Also, wenn wir dann zum Punkt kommen könnten?

Selbstverständlich. Man hat mich schon informiert, dass man Euch nicht unbedingt als humorvollen Menschen kennt.

So? Nur, weil ich meine Zeit lieber mit Arbeit als mit unnützem Vergnügen fülle? Farcata ist nicht zur reichsten Stadt des Kontinents geworden, weil sich ihre Bürger dem Leichtsinn und dem frivolen Leben hingegeben haben, sondern durch harte        Arbeit.

Das klingt sehr … öde, wenn Ihr mich fragt. Seht Ihr die Dinge immer so negativ?

Negativ? Davon kann doch gar nicht die Rede sein. Ich schätze meine Arbeit und es ist mir eine Ehre, im Dienst unserer ehrenwerten Republik zu stehen. Aber in einem mögt Ihr recht haben, ich bin wohl kein besonders humorvoller Mensch, das sagen mir meine Freunde auch immer. Er lächelt verlegen.

Ihr definiert Euch also vor allem durch Eure Aufgabe?

Celio seufzt und schaut auf seine Füße. Ich tue eben, was ich kann. Wenn Ihr an meiner Stelle wärt, würdet Ihr genauso handeln. Seit dem – er schluckt – Tod meines Vaters bin ich der letzte Nachkomme unserer Familie und es ist an mir, unseren Ruf wiederherzustellen. Von den Schulden ganz zu schweigen. Und ich finde, ich mache meine Sache gut. Ich bin fleißig, zuverlässig und lerne schnell.

Denken das andere auch über Euch?

Nun, ich hoffe es. Vermutlich halten sie mich auch für steif, humorlos, bieder und kontrollsüchtig. Er lächelt. Damit haben sie auch nicht ganz unrecht. Ich schätze, mein Pflichtbewusstsein und alles, was daraus resultiert, ist zugleich meine größte Stärke und meine größte Schwäche.

Eure Mitarbeiter aus der Zollkommission haben durchweg positive Worte über Euch verloren, auch der Senat lobt Eure Arbeit in höchsten Tönen.

Celio macht eine wegwerfende Handbewegung. Das ist doch das Mindeste. Ich erfülle meine Pflicht, ich finde nicht, dass man das überbewerten sollte.

Gibt es denn auch eine Form von Lob, die Euch stolz macht?

Jedes Lob macht mich stolz. Ich ruhe mich nur ungern auf meinen Lorbeeren aus.

Sehen wir uns die andere Seite an, wie steht es um Kritik? Wie geht Ihr damit um, wenn Euch jemand kritisiert?

Celio kaut auf seiner Unterlippe. Ich würde gerne behaupten, dass mir Kritik nichts ausmacht, dass sie mir Anstöße gibt, noch besser zu werden. Aber das stimmt nicht. Die Angst zu scheitern ist jeden Tag so präsent, dass ich sie nie ganz ausblenden kann, und jede Form von Kritik scheint mich diesem Scheitern näher zu bringen.

Ist es das, wovor Ihr Euch am meisten fürchtet? Zu Versagen?

Das auch, ja. Und … Es schaudert ihn und er tupft sich die Stirn mit einem Taschentuch ab. Nun, Ihr wisst sicher, was meinem Vater zugestoßen ist. Er war ein außergewöhnlich tüchtiger Mann, doch plötzlich begann er sich zu verändern. Er wurde misstrauisch, paranoid, begann Dinge zu sehen, die nicht da waren, vernachlässigte seine Aufgaben. Irgendwann war er überhaupt nicht mehr er selbst, der Wahnsinn hatte ihn vollständig vereinnahmt. Die Vorstellung, dass auch mich dieser Wahnsinn eines Tages ereilen könnte … Er schüttelt entsetzt den Kopf. Das ist mehr als ich ertragen kann.

Eine beängstigende Vorstellung, durchaus. Nun, vertiefen wir dieses Kapitel nicht weiter, wir wollen unsere Leser ja nicht verschrecken. Kommen wir zu einem angenehmeren Thema. Die Damen und Herren von Farcata munkeln, Ihr wärt noch immer Junggeselle. Wie kommt’s?

Celio zuckt die Schultern. Ich bin mit meiner Arbeit verheiratet, da bleibt wenig Zeit für Empfänge, Bälle oder andere Festivitäten. Abgesehen davon dürfte ein verarmter, bis über beide Ohren verschuldeter Bürokrat wohl kaum als gute Partie durchgehen.

Nun, das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber lassen wir Geld und Ansehen doch einmal außen vor, welche optischen Vorzüge könnten unsere Leser oder Leserinnen an Euch interessieren?

Celio verdreht die Augen. Als würde mich solcher Firlefanz interessieren. Ich bin zu mager, zu blass, meine Beine sind zu kurz und ich verstehe mich nicht besonders gut auf die Finessen der aktuellen Mode. Gebt Euch also nicht zu viel Mühe, mich verkuppeln zu wollen.

 


Fortsetzung folgt nächste Woche.

Charaktervorstellung Idra, Teil 2

Ein Beitrag zur Opfermond-Release-Woche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

Idra durftet ihr ja gestern schon ein wenig kennen lernen, heute ergänze ich ihren Steckbrief durch eine kleine Szene.

Idra ist ein Kind des Sha-Quai und ist in den staubigen Gassen geboren und aufgewachsen. Sie kennt ihren Teil des Armenviertels nahezu auswendig und manche Ecken bergen alte Erinnerungen.

Aber lest selbst.

Opfermond_Idra_Schnipsel

Hier ist außerdem der Link zur Facebook-Veranstaltung für die Release-Woche.

Charaktervorstellung Idra

Ein Beitrag zur Opfermond-Releasewoche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

Varek habt ihr nun besser kennengelernt, heute möchte ich euch die zweite Hauptfigur aus „Opfermond“ vorstellen: die Straßenhure Idra. Das wundervolle Porträt stammt wieder von der talentierten Guddy Hoffmann-Schönborn (Fried Phoenix Geekblog).

Idra_GuddyPortrait

Idra ist ursprünglich als Rollenspiel-Charakter für „Das schwarze Auge“ entstanden, hat sich dann aber ziemlich schnell in diesen Roman geschlichen. Aus dem Südquartier Gareths ist sie ins Armenviertel von Ghor-el-Chras umgezogen, an ihrem losen Mundwerk und ihren laxen Manieren hat sich dabei nicht viel geändert.

Idra ist neunzehn Jahre alt und mit ihrem flammendroten Haar ist sie eine echte Exotin in den Straßen von Ghor-el-Chras. Angeblich hat sie diese Besonderheit ihrem Vater zu verdanken, doch dem ist sie nie begegnet.

Idra hat ihr ganzes Leben im schlechtesten Viertel der Stadt verbracht und hat nie etwas anderes kennengelernt als den Gestank und das Elend in den Straßen des Sha-Quai. Trotzdem hat sich Idra ihren Stolz bewahrt und beschlossen, vor niemandem zu kriechen, auch nicht vor der Obrigkeit oder ihrem brutalen Zuhälter. So erträgt sie das Leben, zu dem sie verdammt ist, mit so viel Würde wie möglich – und hofft im Stillen, die Stadt irgendwann verlassen zu können, um neu anzufangen.

IdraCharakter

Auch wenn sie es nie zugeben würde, hat Idra ein gutes Gespür für Schönheit: für die ruhigen Momente bei Sonnenaufgang, für den Duft von Jasminblüten und den Geschmack von frischem Fladenbrot. Außerdem hat sie ein gutes Auge für Wertsachen. Das Wichtigste in ihrem Leben bleibt aber ihr einziger Freund, der Strichjunge Djarid. Denn Freunde sind kostbar im Sha-Quai.

Morgen gibt es noch einen kurzen Textschnipsel zu Idra, der ihr Leben im Armenviertel ein bisschen deutlicher illustriert.

Idra hat sich übrigens vor einer Weile in einem Interview mit zwei weiteren Roman-Figuren aus meiner Feder über Frauenrollen, Vorbilder und ihre Definition von Stärke unterhalten. Den Beitrag findet ihr hier: Ladies‘ talk: Starke weibliche Charaktere

Hier ist außerdem der Link zur Facebook-Veranstaltung für die Release-Woche.

 

 

Charaktervorstellung Varek: Teil 2

Ein Beitrag zur Opfermond-Releasewoche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

Gestern hab ich euch ja schon ein bisschen etwas über Varek erzählt (oder er über sich), heute möchte ich das Ganze mit einer kleinen Textstelle illustrieren.

Varek ist, nicht zuletzt aufgrund seiner Profession als Auftragsmörder, ein klassischer Einzelgänger. Da die Bürger von Ghor-el-Chras ohnehin nur Abschaum in ihm sehen, hält er sich vorrangig an Leute, die man bezahlen kann: Diener, Rauschkrauthändler und Prostituierte.

Glück ist etwas, das sich ein Unbestechlicher nicht leisten kann, doch mit der richtigen Menge Rauschmittel kann Varek zumindest eine Weile in schönen Erinnerungen schwelgen. Aber lest selbst.

Opfermond_Varek_Schnipsel

Morgen widmen wir uns dann der zweiten Hauptfigur aus „Opfermond“ – der Straßenhure Idra.

Hier ist außerdem der Link zur Facebook-Veranstaltung für die Release-Woche.

Charaktervorstellung: Varek

Ein Beitrag zur Opfermond-Release-Woche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

Heute möchte ich euch Varek vorstellen, den (Anti-)Helden aus „Opfermond“. Er war von Anfang an Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, die Figur, mit der alles begonnen hat.

Das wunderschöne Charakter-Porträt stammt von der großartigen Guddy Hoffmann-Schönborn (Fried Phoenix Geekblog).

Varek_GuddyPortrait

Varek gehört den „Unbestechlichen“ an, einem Orden von Spionen und Auftragsmördern. Die Anhänger des Ordens werden hervorragend bezahlt, gleichzeitig ist es ihnen verboten, zu heiraten, politische Ämter zu bekleiden oder in anderer Weise am öffentlichen Leben teilzuhabe. Deswegen gelten sie auch als unbestechlich. Da die Assassinen durch einen blutmagischen Schwur an den Orden gebunden werden, ist es auch keine gute Idee, gegen die Regeln zu verstoßen – Renegaten haben in der Regel eine sehr kurze Lebensdauer.

Eben das ist der Grund, weshalb Varek diesem Orden immer noch dient, denn eigentlich verabscheut er seine Tätigkeit. Was ihn dazu gezwungen hat, den Unbestechlichen beizutreten, will ich an dieser Stelle noch nicht verraten. Und ebenso wenig, warum Varek die Dunkelheit mehr fürchtet als alles andere.

VarekCharakter

Ursprünglich stammt Varek übrigens aus Irhassar, einer Stadt in den Bergen, weit weg vom Trubel der Hauptstadt. Nach Ghor-el-Chras führte ihn der Wunsch nach Ruhm, Ansehen und Ehre für seine Familie – doch am Ende war genau das Gegenteil der Fall.

Leider ist Varek nicht sonderlich gesprächig, ein typischer Einzelgänger eben. Auf meiner Couch hat er sich trotzdem ein paar Informationen aus der Nase ziehen lassen: Varek auf der Couch

Morgen gibt es einen kurzen Textschnipsel zu Varek und noch ein paar Eindrücke von seinem Leben als Unbestechlicher.

Hier ist außerdem der Link zur Facebook-Veranstaltung für die Release-Woche.

 

Charaktere auf der Couch: #6 Theodora

Heute besucht uns Theodora in der Praxis. Sie ist eine attraktive junge Frau mit dunkelbraunen Locken und rehbraunen Augen, deren Modestil auf den ersten Blick vermuten lässt, sie käme von einem Mittelaltermarkt. Tatsächlich hat Theodora im 12. Jahrhundert gelebt, wo sie als Hofdame der Königin diente, bis sie einige seltsame Vorkommnisse zwangen, in ihre Heimat zurückzukehren. Ihre Familie macht sich große Sorgen. Ist es möglich, dass Theodora von einem Dämon besessen ist?

Theodora, schön, dass Sie gekommen sind. Nehmen Sie doch Platz. Wie fühlen Sie sich heute?

Natürlich gerne. Danke. Wie ich mich fühle? Also … Sie zerknittert den Rock ihres Kleides. Es könnte besser sein. Heute Nacht habe ich nicht gut geschlafen, und es ist noch etwas kalt. Ich bin etwas in Sorge, dass ich mich erkälten könnte. Mit einer Erkältung und Fieber ist nicht zu spaßen, wissen Sie?

Ihr Vater und Ihre Familie machen sich große Sorgen um Sie wegen Ihrer Anfälle. Wie lange ist der letzte Vorfall denn jetzt her?

Vorgestern, glaube ich. Zumindest der letzte, an den ich mich erinnere. Manchmal wird mir kurz schummrig. Ich weiß nicht, ob das auch … Anfälle sind … oder was auch immer …

Können Sie mir beschreiben, was Sie während dieser Anfälle sehen oder erleben? Wie fühlt es sich für Sie an? Keine Sorge, nichts von dem, was Sie hier erzählen, wird nach außen dringen, Sie können mir vertrauen.

Ich kann mich ehrlich gesagt an fast nichts erinnern. Es ist, als würde die Zeit einfach weiterspringen. Danach liege ich meist auf dem Boden, ich bin durstig und müde. Es kostet sehr viel Kraft. Mein Vater hat mir mal beschrieben, wie es aussieht … aber das dürfen Sie wirklich niemandem erzählen! Mit ihnen darüber zu reden, das ist … das ist lebensgefährlich für mich.

Wie ich schon sagte, Sie müssen sich keine Sorgen machen. Alles, was wir hier sprechen, ist streng vertraulich, auch Ihre Familie wird nichts davon erfahren. Sie können sich nicht erinnern, sagen Sie … War denn jemand bei einem dieser Anfälle dabei, der Ihnen erzählt hat, was passiert ist?

Ja, mein Vater hat mir das so beschrieben: mein Körper zuckt und krampft unkontrolliert. An meinen Mundwinkeln ist – sie schluckt trocken – Spuke. Meine Augenlider flattern und ich muss die Augen verdrehen, jedenfalls meint er, er sieht ganz viel Weiß. Und ich lasse mich wohl nicht anfassen. Ich habe ihn einmal sehr heftig von mir weggeschleudert.

Die Therapeutin macht sich einige Notizen auf ihrem Klemmbrett. Und Sie können sich an gar nichts erinnern? Auch nicht an irgendwelche Fetzen oder Bilder, die Sie gesehen haben? An ungewöhnliche Geräusche?

Theodora blickt zu Boden und nestelt nervös an einem losen Faden in einem Couchkissen. Ich weiß auch nicht, vielleicht war das nur ein böser Traum. Ich habe noch nie mit irgendjemandem darüber gesprochen, also … aber gut. Sie atmet tief durch. Vielleicht muss ich einmal mit jemandem darüber reden, und Sie schwören, dass Sie mich nicht dafür verurteilen werden? Ich meine, es kann auch nur ein Albtraum sein …

Nein, ich verspreche es Ihnen. Sie dürfen ganz offen sein.

Ich erinnere mich an ein ganz fürchterliches Bild. Da stand ein Dämon in unserem Hof. Er hat unsere Hühner geschlachtet und mich gezwungen … mich gezwungen … ihr B… Blut zu trinken. Dann habe ich das Dorf in Brand gesehen. Ich habe sie schreien gehört. All die armen Menschen, meine Freunde. Ich weiß wie gesagt nicht einmal, ob das ein Anfall war. Vielleicht war es nur ein böser Traum. Das Dorf steht noch. Und ich bete zu Gott, dass es keine böse Vorahnung war. I… ich meine, das muss keine böse Vorahnung gewesen sein, oder? Glauben Sie an so etwas?

Nun, um ehrlich zu sein, seit ich in dieser Praxis arbeite, habe ich einige ungewöhnliche Dinge erlebt. Sie räuspert sich. Aber ich glaube viel eher, dass dieser Traum, dieses Bild, das Sie gesehen haben, aus Ihren Ängsten entstanden ist. Ich denke nicht, dass Ihre Familie oder Ihr Dorf in Gefahr ist.

Sie reicht Theodora ein Glas Wasser, damit sie etwas zur Ruhe kommen kann.

Es tut mir leid, wenn ich Sie weiter damit belästigen muss, aber können Sie sich erinnern, wann es angefangen hat? Gab es ein besonderes Ereignis, das mit den Anfällen in Verbindung steht?

Ein besonderes Ereignis? Nicht wirklich. Ich hatte diese Gedächtnislücken teilweise schon am Hof der Königin. Johann hat mir das nie so eindrücklich beschrieben wie mein Vater. Vielleicht war es damals auch nicht so schlimm, vielleicht ist es schlimmer geworden, seit Johann verschwunden ist und ich in Lorch bin. Aber ich hatte es schon ansatzweise am Hof. Es hat nicht erst in Lorch angefangen.

Gibt es etwas, das Ihnen hilft, die Anfälle zu kontrollieren oder zu stoppen?

Sie schlägt traurig die Augen nieder. Stoppen kann man sie meines Wissens nach nicht und auch nicht wirklich kontrollieren. Aber als Johann bei mir war, war es nicht so schlimm. Ich hoffe sehr, dass er bald zurückkommt. Ich vermisse ihn …

Johann ist Ihr Geliebte, nicht wahr? Wie gehen er und Ihre Familie mit diesen Ereignissen um? Fühlen Sie sich von Ihnen unterstützt?

Von meiner Familie lebt nur noch mein Vater. Meine Mutter ist im Kindbett gestorben. Ich stand auch meinem Onkel, meiner Tante und meinem Cousin väterlicherseits sehr nahe. Aber sie wurden von Räubern überfallen und niedergestochen. Sie schweift kurz ab und blinzelt, fängt sich aber wieder.

Mein Vater und Johann sind die Einzigen, die überhaupt davon wissen. Sie unterstützen mich beide auf ihre Weise, sie haben halt sehr unterschiedliche Ansichten auf das, was passiert. Johann meint, ich sei unheilbar krank, aber er wäre trotzdem immer für mich da. Mein Vater … er ist vollkommen überzeugt davon, dass ich – sie schluckt – besessen bin. Das macht mir Angst. Ich fürchte, dass er Recht hat. Es passiert so viel Schlimmes in letzter Zeit in Lorch und ich weiß nicht, ob ich nicht dafür verantwortlich bin. Mein Vater meint, ich dürfe nicht zu einem Exorzisten gehen, weil die Lorcher zu viel Angst haben werden. In Ulm haben sie einen Jungen mit ähnlichen Anfällen in der Luft zerrissen … Sie schaudert.

Das klingt ja schrecklich. Gibt es etwas, das Sie tun könnten, um sich besser zu fühlen? Könnten Sie mit jemandem darüber reden?

Ich konnte mit Johann darüber reden. Aber … Sie schluchzt. Ich weiß nicht einmal, ob Johann noch lebt. Ich hoffe so sehr, dass er bald von dieser bewaffneten Pilgerfahrt zurückkommt!

Ich hoffe sehr, dass Sie Recht haben und er bald zurückkommt. Sie sagen, Ihr Vater und Johann haben sehr unterschiedliche Ansichten, aber was denken Sie selbst über die Anfälle? Was ist Ihre Vermutung, woher sie kommen?

Ich weiß es nicht genau. Vielleicht ist es wirklich nur eine Krankheit. Vielleicht … vielleicht ist es aber auch ein Dämon. Ich denke aber, ganz egal, was es ist, es ist eine fürchterliche Strafe Gottes. Also werde ich wohl irgendetwas falsch gemacht haben. Vielleicht will der Herr meine Beziehung zu Johann nicht. Er ist immerhin der Bruder der Königin und ich … ich bin nur die Tochter eines unbedeutenden Untervogtes. Aber selbst wenn es das ist … ich hoffe es nicht … ich kann meine Liebe zu Johann nicht einfach begraben.

Ich bin mir sicher, dass Sie sich irren, die Anfälle haben sicher nichts mit dem Zorn Gottes zu tun. Aber sprechen wir auch mal über schönere Dinge. Was bereitet Ihnen denn besondere Freude, wie sieht Ihr perfekter Tag aus?

Sie schließt die Augen. Ich spaziere durch den Wald. Johann ist an meiner Seite und mein Cousin und meine Mutter. Wir begegnen einem Reh. Wir hören die Vögel singen. Wir lachen und scherzen miteinander. Meine Mutter hilft mir bei der Hausarbeit. Wir kochen gemeinsam. Am Abend sitzen wir am Feuer in der Küche beieinander. Und danach schlafe ich an Johanns Seite gekuschelt ein. Das wäre ein perfekter Tag für mich. Aber – sie seufzt schwer – das werde ich vor meinem Tod so nicht mehr erleben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass Johann zurückkommt. Das ist für mich jetzt erst einmal das Wichtigste. Und dann wünsche ich mir natürlich, dass … was auch immer es ist … verschwindet. Oder wenigstens meine Befürchtungen nicht eintreten. Wenn Johann gesund zurückkehrt und den Lorchern nichts passiert, dann … dann würde ich sogar diese Anfälle weiter in Kauf nehmen.


InfokastenEpilepsie


Ocoverb Theodoras Hoffnungen in Erfüllung gehen oder ob sie weiter von den Dämonen in ihrem Kopf heimgesucht wird, erfahrt ihr in Isabella Benz‘ Historienroman „Die Dämonen von Lorch“. Ist die junge Frau tatsächlich von einem Dämon besessen? Könnten ihre Schreckensvisionen wahr werden? Oder treibt jemand ein böses Spiel mit ihr?

Website der Autorin: http://isabella-benz.de/

Facebookseite der Autorin: https://www.facebook.com/AutorinIsabellaBenz/


Quelle:

Neubauer, B. A. & Hahn, A. (2014). Dooses Epilepsien im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer-Verlag.


Unser nächster Patient wird sich am 12. September in der Praxis einfinden und ich ahne, dass Zeyn mich vor ungeahnte Herausforderungen stellen wird. Einen Außerirdischen hatte ich noch nie auf meiner Couch. Ihr dürft gespannt sein.

Eine Übersicht über alle bisherigen Sitzungen findet ihr Teaser: Charaktere auf der Couch

Ansonsten dürft ihr Theodora und mir natürlich auch noch ein paar Fragen stellen, wenn ihr mögt. Nur zu.

Charaktere auf der Couch #5: Horatio

Heute darf ich euch mit Horatio Harthorn einen ganz besonderen englischen Gentleman vorstellen. Horatio ist ein liebevoller Familienvater und ein angesehener Kaufmann mit einer eigenen Flugschiff-Flotte und zahllosen Kontakten in die High Society – zumindest denkt er das von sich selbst. In Wahrheit schlummert unter seiner charmanten Fassade ein zutiefst verdorbener Kern. Aber bildet euch doch selbst eine Meinung über ihn.

Nun, Horatio, Sie wissen ja, warum Sie hier sind. Es geht darum, festzustellen, ob Sie für das von Ihnen begangene Verbrechen in ein Gefängnis oder eine Nervenheilanstalt eingewiesen werden sollen. Ich frage Sie ganz rundheraus: Was wäre Ihnen lieber?

Horatio Harthorn schüttelt den Kopf und wirkt ehrlich empört. Sie missverstehen meine Lage völlig, Mylady. Alle Anschuldigungen beruhen auf Lügen, die sich als solche herausstellen werden. Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen und kann übrigens nachts wunderbar schlafen.

Er lächelt gewinnend und setzt hinzu: Verehrteste sehen blendend aus in diesem Kleid. Ich sehe keinen Ring an Ihrem Finger, was mir völlig unverständlich ist. Er blickt theatralisch um sich. Aber wo ist der Herr Professor, der meinen überaus normalen Geisteszustand beurkunden soll? Er hat doch ganz sicher nicht Sie als Ersatz geschickt, also lassen Sie uns auf ihn warten.
Er lehnt sich im Stuhl zurück und mustert ungerührt den Busen seines Gegenübers.

Sie missverstehen die Situation, Horatio, ICH bin diejenige, die für Ihr Gutachten zuständig ist. Also würde ich vorschlagen, Sie bemühen sich um etwas Respekt. Blättert in der Akte, die mehrere Zentimeter dick ist. Sie wurden des Schmuggels, des Mordes und des mehrfachen Betruges angeklagt, alles keine Kavaliersdelikte. Wie denken Sie über diese Taten?

Das Lächeln weicht aus seinem Gesicht. Selbstverständlich gehören derartige Untaten verfolgt und hart bestraft. Unsere Justiz geht viel zu lasch mit Verbrechern um. Aber wie um alles in der Welt kommen Sie darauf, dass mir solche Taten nachgewiesen werden können? Wie bereits gesagt, ich bin ein Ehrenmann. Alles andere sind Lügen und Darstellungen einer sensationslüsternen Presse, die ehrlich arbeitende Männer verhöhnt.

Ah, die Lügenpresse, ich verstehe …

Sein Blick wird starr und fordernd. Derartige Fragen halte ich übrigens für sehr unpassend. Ich bin hier, um die Wahrheit zu berichten, und ich hatte angenommen, nicht nur von einer unqualifizierten Frau befragt zu werden. Nichts für ungut, meine Liebe, aber Ihrem Geschlecht fehlt bekanntermaßen die Fähigkeit zu logischem Denken.

Ah, ist das so? Nun, wie gesagt, sie werden wohl oder übel mit mir vorliebnehmen müssen. Vergessen Sie also besser nicht, dass mein Urteil über Ihre Zukunft entscheiden wird, ob es Ihnen passt oder nicht.

Horatio zieht stumm die Augenbrauen hoch.

Was war Ihr Antrieb für diese Taten? Geld? Strebt ein Mann wie Sie nicht nach höheren Gütern als schnödem Mammon?

Harthorn lacht böse. Als ob Sie als Weib meine Beweggründe nachvollziehen könnten! Wissen Sie, wie schwer die Verantwortung meines Namens auf mir lastet? Geld ist nur ein Zahlungsmittel, meine Ehre steht stets an erster Stelle. Wie gesagt, nichts, was Sie auch nur ansatzweise verstehen.

Er springt auf. Und nun schicken Sie mir endlich Ihren Vorgesetzten.

Seine Bewacher treten neben ihn. Er setzt sich wieder.

Ach, Horatio, ersparen Sie uns doch diese Unannehmlichkeiten, ja? Ich kann Sie auch gleich in Ihre Zelle zurückschicken lassen, aber ich denke, das wollen Sie nicht. Also reißen Sie sich zusammen.

Blättert erneut in der Akte. Wenn ich mir Ihr Dossier so ansehe, stelle ich fest, dass Sie es tatsächlich geschafft haben, Ihre gesamte Familie zu zerstören. Wie fühlt sich das an, wenn man vollkommen allein auf der Welt ist?

Er spitzt die Lippen, streicht sich über den Backenbart und brütet vor sich hin. Dann starrt er der Therapeutin in die Augen. Seit Millionen von Jahren tilgt der Stärkere das Schwache. Das entspricht der natürlichen Ordnung. Nächste Frage.

Er lächelt, aber nun wirkt es eher wie eine Grimasse. Übrigens, so anmaßend, wie Sie hier auftreten, wundert es mich nicht, dass bisher kein Mann ehrliches Interesse an Ihnen gezeigt hat. Meine Frauen haben schnell gelernt, ihre Position in der Gesellschaft zu erfüllen. Regelmäßige Prügel und ausgedehnte kalte Bäder würden auch Ihnen guttun.

 Die Therapeutin winkt desinteressiert ab. Jaja, zur Kenntnis genommen. Fahren wir fort, damit dieser Unsinn hier endlich vorbei ist. Ihr Sohn, Alan. Was denken Sie über ihn? Ist er Ihnen ähnlich?

Harthorn läuft puterrot an. Er knurrt. Meinen Sie etwa diesen undankbaren Burschen, den ich in meinem Haus aufgenommen habe in meiner Gutmütigkeit? Er ist nicht mehr als eine Küchenschabe, die ich unter dem Absatz zerquetschen werde, wenn diese Farce hier beendet ist. Gemeinsam mit der übrigen Brut, die mich beschuldigt.

Wie, glauben Sie, denkt Alan über Sie? Was sieht er in Ihnen?

Seine Ansichten über mich sind irrelevant.

Och, das finde ich nicht. Aber gut, wie Sie meinen. Was ist mit seiner Mutter? Hatten Sie Gefühle für sie? Gibt es überhaupt jemanden, für den Sie jemals Gefühle entwickelt haben?

Er schüttelt den Kopf, als wäre er traurig, so missverstanden zu werden. Mylady, ich bin ein guter Logiker. Er drapiert eine Hand auf den Brustkorb. Mein Herz schlägt für mein Land und mein Volk. Nur gemeinsam können wir mächtig und groß bleiben und jeder von uns muss dazu beitragen und Opfer bringen. Wäre es nicht egoistisch von mir, meine persönlichen Bedürfnisse über die aller anderen zu stellen? Gefühle leisten sich Schwächlinge wie dieser armselige Dienstbote Richard. So ein Jammerlappen, dem ich erst die Härte des Lebens einprügeln lassen musste. Was Alans Mutter angeht. Was erwarten sie von einer Frau, die im Irrenhaus gelandet ist? Ich habe sie nur aus Mitleid geheiratet. Ein Fehler.

Lassen Sie mich das Ganze zusammenfassen. Sie sind gefühllos, kalt, skrupellos und gehen über Leichen. Sie biedern sich an, solange es Ihnen nützt, und lassen jeden über die Klinge springen, der Ihnen im Weg ist, ja? Helfen Sie mir: Gibt es irgendetwas an Ihnen, das man mögen könnte? Irgendetwas? Einen Funken Sympathie?

Sie missverstehen mich nach wie vor völlig. Wie viele heiße Tränen habe ich als Jugendlicher heimlich vergossen, nachdem mein geliebter Bruder in ein Feuer gestürzt ist! Ich weiß nicht, was dem Ärmsten geschehen sein muss, damit er nun behauptet, ich hätte ihn hinein gestoßen, um die Firma übernehmen zu können. Sogar einen faulen Bengel wie Richard habe ich in mein Haus geholt, um ihm eine Ausbildung als Diener zu ermöglichen. Glauben Sie etwa, es hat mir Freude bereitet, ihn so häufig zu bestrafen? Im Gegenteil, mein Herz hat für ihn geblutet, wenn ich den Nichtsnutz schlagen lassen musste.

Äh, ja. Ich verstehe. Wenn Sie morgen sterben würden, was würden Sie der Welt dann hinterlassen?

Meinen guten Namen und die Erinnerung an einen großen Mann, denn alle Anschuldigungen sind nichts als Lügen.

Angenommen, Sie bekämen noch diese eine letzte Chance, Ihr Leben zu ändern. Was würden Sie anders machen? Wie würden Sie leben wollen?

Ganz ehrlich? Ich hätte diese undankbare Frucht meiner Lenden ins Waisenhaus geben sollen. Dort wäre er gestorben, wie neunundneunzig von hundert Kinder dort. Der Welt wäre einiges erspart geblieben, und ich müsste heute nicht meinen tadellosen Ruf verteidigen.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie wirklich bereuen?

Dass mein letzter Geschäftsplan nicht aufgegangen ist. Fast hätte ich einen neuen Handelspartner gefunden, da wirft mir dieser Froschfresser unethisches Verhalten vor. Harthorn winkt ab. Unsere Vorfahren hatten schon Recht, man kann Ausländern nicht trauen.

Gut, ich denke, mehr brauche ich nicht zu wissen. Sie können dann gehen. Auf Sie wartet eine hübsche Zelle.

Harthorn beugt sich vor und flüstert der Therapeutin mit rauer Stimme zu: Ich habe außerhalb der Haftanstalt weiterhin gute Freunde, Püppchen. Wenn dein Bericht über mich nicht zu meinen Gunsten ausfällt, werden diese Herren sich um dich und deine buckelige Familie kümmern. Diese Leute sind höchst erfindungsreich, was Schmerzen und einen langsamen Tod angeht.

Er steht auf und sagt lauter: Diese leidige Sache zur Einschätzung meines Person wäre damit aus der Welt geschafft. Ein Segen für Sie, auf so einen geduldigen Menschen wie mich getroffen zu sein, meine Liebe. Ich erwarte dann, in Kürze freigelassen zu  werden. Hocherhobenen Hauptes verlässt er den Raum, zwei Gefängniswärter an seiner Seite.


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HoratioCoverHach, was für ein sympathischer Kerl, findet ihr nicht auch? Wenn ihr herausfinden wollt, wie tief Horatios Lügen reichen und ob sein Sohn Alan der Wahrheit über seinen Vater auf die Schliche kommt, werft doch einen Blick in „Die Lügen des Horatio Harthorn“, ein Steampunk-Roman von Angela Stoll, der letztes Jahr im Verlag „In Farbe und Bunt“ erschienen ist.

Website: www.a-g-stoll.de

Facebook: https://www.facebook.com/Autorin-Angela-Stoll-1544736869177119/


Quellen:

Frädrich, S. & Pfäfflin, F. (2000). Zur Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen bei Strafgefangenen. Recht & Psychiatrie, 18, 95-104.

Möller, H.-J., Laux G. & Deister, A. (2009). Psychiatrie & Psychotherapie. Stuttgart: Thieme.


 

Habt ihr Fragen, wollt ihr Horatio noch ein wenig auf den Zahn fühlen? Dann nur zu, löchert ihn ein wenig – oder mich.

Die nächste Sitzung findet am 21. August statt, da stelle ich euch zum ersten Mal eine historische Persönlichkeit vor: Theodora, die angeblich von einem Dämon besessen ist. Hoffentlich brauchen wir keinen Exorzisten …

Zur Übersicht über alle bisherigen Sitzungstermine: Teaser: Charaktere auf der Couch

Charaktere auf der Couch #2: Azzael

Unsere heutige Therapiesitzung wird – im wahrsten Sinne des Wortes – höllisch gut, denn auf meiner Couch sitzt heute Azzael, gefallener Engel und rechte Hand des Teufels. Er ist fast zwei Meter groß, von stattlicher Statur, hält seit rund 400 Jahren sein Idealgewicht und geht nie ohne schwarze Ray Ban, Cowboystiefel aus Schlangenleder und Ledermantel aus dem Haus. Ich muss zugeben, dass es nicht so einfach wahr, Azzael auf meine Couch zu bringen, aber am Ende hat er sich doch breit schlagen lassen. Zugegeben, er ist keine einfache Persönlichkeit …

Nun, Azzael, Sie wissen ja, warum Sie heute hier sind.

Azzael fischt einen Joint hinter seinem Ohr hervor und lehnt sich in die Couch zurück. Dann schiebt er sich die Tüte in den Mundwinkel und pflanzt gemächlich seine Cowboystiefel aus Schlangenleder auf den Tisch.

Es geht um die Frage, ob Sie … Azzael? Hören Sie mir zu?

Azzael zeigt keine Reaktion, entfacht stattdessen durch Schnippen von Mittelfinger und Daumen eine Flamme aus seinem Zeigefinger, steckt sich den Joint an und bläst Rauchkringel in die Luft.

Ist das Ihr Ernst? Sie kiffen während der Sitzung?

Äh, was soll ich sonst machen, Löcher in die Couchgarnitur brennen?

Seufzt und macht sich Notizen. Wie häufig nehmen Sie Marihuana? Waren Sie in letzter Zeit irgendwann mal clean?

Wen interessiert’s.

Er klemmt sich eine Strähne seines schwarzen, schulterlangen Haars hinter die Ohren.

Ich bin ein gefallener Engel und existiere seit Anbeginn der Zeit, bisher hat das meiner Gesundheit keinen Abbruch getan.

Zieht kräftig am Joint und stößt eine Qualmwolke aus, die einen Elefanten narkotisiert hätte.

Hustet vernehmlich. Na, hervorragend. Ihnen ist schon bewusst, dass dieses Gutachten über Ihre berufliche und persönliche Entwicklung entscheiden wird? Es scheint, als würde Ihr Arbeitgeber Sie nicht länger als tragbar betrachten. Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?

Che cazzo dice? Ich bin die rechte Hand des Teufels, ohne mich wäre Luzifer aufgeschmissen, schließlich bin ich derjenige, der Die Drecksarbeit für ihn erledigt.

Nun, Ihr Arbeitgeber sieht das offenbar anders, also kommen wir zum Protokoll der Sitzung zurück, ja? Und nehmen Sie gefälligst die Stiefel von meinem Tisch. Wenn ich Ihre Personalakte richtig verstanden habe, dann ist es Ihre Aufgabe, Menschen einen Pakt mit dem Teufel aufzuzwingen und säumige Paktierer in die Hölle zu befördern, richtig? Wie empfinden Sie diese Aufgabe?

Azzael macht keine Anstalten, seine Stiefel vom Tisch zu entfernen, sondern fixiert die Therapeutin mit ausdrucksloser Miene über den Rand seiner Ray Ban-Brille hinweg, bis er endlich das Wort ergreift. Diesen lästigen Vertreterjob übernehme ich nur im Notfall. Bin eher der Mann fürs Grobe und vollends mit meinen Aufgaben ausgelastet. Wenn einer der Teufelsbündner aus der Reihe tanzt, bring ich ihn dazu, Selbstmord zu begehen, wodurch seine Chancen gegen Null gehen, in den Himmel zu gelangen. Er versucht sich an einem gewinnendem Lächeln, dass selbst den Hartgesottensten in die Flucht geschlagen hätte.

Das klingt … unschön. Haben Sie gar keine Gewissensbisse? Zumindest ein wenig?

Sehe ich so aus?

Wie wär’s wenn Sie nicht mit Gegenfragen antworten würden? Keine Gewissensbisse also, sehe ich das richtig? Wann haben Sie zuletzt etwas getan, was Sie wirklich bereut haben?

Habe mich vor dreihundert Jahren auf Luzifers Wunsch hin auf eine seiner Huren eingelassen.  Aber in diese Puffs bekommen mich keine zehn Pferde mehr, nachdem ich mir dort Syphilis zugezogen habe, die mir selbst heute noch manchmal zu schaffen machte. Hautausschlag oder stechende Hodenschmerzen plagen mich dann und verhinderten längeres Sitzen. Kratzt sich demonstrativ am Sack.

Seufzt. Bitte, wenn Sie mich zum Narren halten wollen, schön. Ist ja Ihr Gutachten. Sie scheinen ja sehr von sich und Ihrer Wirkung auf andere überzeugt zu sein. Gibt es, abgesehen von Ihnen selbst, irgendjemanden, für den Sie Gefühle haben? Der Ihnen etwas bedeutet?

Sieht kurz auf, drückt dann energisch seinen Joint im Aschenbecher aus und schnaubt kopfschüttelnd vor sich hin.

Ich habe ein Mädchen während eines Auftrags auf einer Halloweenparty kennengelernt . Lillith hat mir die heißeste Nacht meines Daseins auf Erden beschert. Die Erinnerung daran, wie ihre Lippen geschmeckt, wie ihr Körper sich angefühlt hat, brennt in mir noch heute wie ein Kilo Koks kombiniert mit einer Flasche Whiskey auf ex.

Er lehnt sich mit verschränkten Armen zurück und schweigt dann eine ganze Zeit lang, während er trübsinnig ins Leere starrt. Als er wieder zu sprechen bringt, klingt seine Stimme belegt. An ihrer Seite fühlte ich mich lebendig und nicht wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit, ein Fossil göttlichen Ursprungs, mutiert zu einem abgestumpften Handlanger des Teufels. Sie wäre meine Chance gewesen, aus diesem Sumpf auszubrechen … Warum muss sie auch nur der Spezies der Mehlfratzen angehören?

Zieht ein Gesicht das vor Selbstmitleid nur so trieft.

Äh, Mehlfratzen?

Kalkleistenleisten, Blutsauger, Vampire … wie auch immer man sie nennen mag.  Schon einige von ihnen haben meine Aufträge durchkreuzt. Wäre ich nicht vollgepumpt mit Drogen bei der Halloweenparty aufgekreuzt, hätten mich meine Instinkte nicht verlassen, und ich hätte Lillith schon bei ihrer ersten Begegnung als eine von ihnen entlarvt.

Diese Dame scheint Ihnen ja wirklich etwas zu bedeuten, interessant. Wie sehr würden Sie ihr Leben verändern für sie? Würden Sie sich einen neuen Job suchen? Die Drogen aufgeben? Verantwortung für sich und Ihr Leben übernehmen?

Cazzo!

Azzael springt blitzartig auf, beugt sich über den Tisch und kommt bedrohlich nah.

Wie das denn bitteschön? Ein gefallener Engel und eine Vampirin als Liebespaar, diese Konstellation steht unter keinem guten Stern!

Während er imaginären Staub von seinem Ledermantel klopft, gewinnt er wieder die Fassung und lümmelt sich zurück auf die Couch.

Lillith ist auf Luzifers Abschussliste gelandet. Nun hat er ausgerechnet mir den Auftrag erteilt, ihr den Garaus zu machen. Folge ich seinen Anweisungen nicht, würde ich von ihm vertrieben und geächtet werden. Das bedeutete, ich müsste ein Dasein an einem abgelegenen Ort der Erde fristen.

Es überrascht mich, dass Sie das stört. Abgesehen von Drogen und persönlichem Spaß scheint Ihnen die Erde ja nicht viel bieten zu können. Wäre das abgeschiedene Leben gar keine Option für Sie?

Persönlicher Spaß? Ich würde es eher als Zeit totschlagen bezeichnen. Ich verlasse ungern mein gewohntes Umfeld, die ewige Stadt ist seit Jahrtausenden meine Heimat, außerdem möchte ich mir den Boss nicht zum Feind machen, er ist sehr kreativ, wenn es um Bestrafung geht.

Er schnaubt verächtlich. Würde mich nicht wundern, wenn er mich angekettet ins Fegefeuer stößt.

Ich sehe schon, das wird ein gutes Stück Arbeit. Ich fürchte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich Ihnen noch keine positive Prognose ausstellen, aber wir arbeiten daran. Zum Abschluss würde ich gerne ein kleines Assoziationsspiel mit Ihnen machen. Ich nenne Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir das Erste, was Ihnen dazu einfällt.

Familie

Nie gehabt.

Sex.

Werde vom Boss ab und an auf seinen berüchtigten Bunga-Bunga-Parties dazu verdonnert, damit ich meine dicken Eier loswerde und etwas ausgeglichener bin. Aber richtig Spaß hatte ich nur mit … Lillith. Stößt einen theatralischen Seufzer aus.

Ewigkeit.

Sie liegt noch vor mir, dabei fühle ich mich jetzt schon des Lebens überdrüssig.

Liebe.

Gibt ein grunzendes Geräusch von sich. Verliebte Pärchen im Park, die Hand in Hand bei Sonnenschein umherspazierten. Die öffentliche Zurschaustellung des Glücks anderer ist mir zuwider.

Gut, vielen Dank, ich schätze, das reicht fürs Erste. Wir machen das nächste Mal weiter. Versuchen Sie bis dahin niemanden in den Selbstmord zu treiben, ja?

Azzael stößt eine Litanei italienische Flüche aus, während er sich von der Couch erhebt. Mit wehendem  Haar marschiert er grußlos aus dem Raum.


blue women eye beaming up enchanting from behind a bloomingDie ganze Geschichte von Azzael, Lilith, Gott, dem Teufel und allerlei höllischen Verwicklungen, könnt ihr nachlesen in Höllisches Intermezzo von Bo Leander (erschienen im Verlag Lysandra Books)

Facebook: https://www.facebook.com/boleander.de/

Zum Verlag: http://www.lysandrabooks.de


 

 

Psychopathie

 


Quellen:

Coid, J. W., Yang, M., Ullrich, S., Roberts, A. D.L, Hare, R. D. (2009). Prevalence and correlates of psychopathic traits in the household population of Great Britain. International Journal of Law and Psychiatry, 32, 65-73.

Hare, R.D. (1991). The Hare Psychopathy Checklist Revised [PCL-R]. Toronto: Multi Health Systems.


 

Habt ihr Fragen an mich oder Azzael? Wollt ihr mehr über ihn wissen? Nur zu. Die Visite ist eröffnet.

Der nächste Sitzungstermin findet am 8. Juli statt. Für mich wird das ein besonderer Termin, denn ich darf mich zum ersten Mal mit meinem eigenen verkorksten Protagonisten herumschlagen – und ich weiß jetzt schon, dass Varek es mir nicht leicht machen wird …

 


Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

Charaktere auf der Couch #1: Jonas

Heute heißen wir unseren ersten Patienten auf der Charakter-Couch willkommen: Jonas. Der junge Mann ist 26 Jahre alt, ehemaliger Bundeswehr-Soldat, kräftig gebaut und unauffällig, aber sein unsteter, rastloser Blick verrät, das mehr unter der Fassade schlummert. Was das sein könnte versuchen wir im heutigen Gespräch ein bisschen ans Licht zu bringen ..

Guten Tag, Jonas, bitte nehmen Sie Platz. Wie fühlen Sie sich heute?

Jonas setzt sich auf die Kante des Stuhls. Sein Blick wandert unstet im Raum umher; von Ecke zu Ecke und bleibt schließlich auf dem Schrank ruhen.
Äh, okay.
Er sieht nun hinüber und nestelt unruhig an seinen Fingern.
Den Umständen entsprechend, würde ich sagen.
Er seufzt und sieht auf seine Finger.
Die Albträume kommen wieder öfter. Mittlerweile verbringe ich mehr Zeit im Krieg als im Hier und Jetzt.

Hm, das klingt beunruhigend. Können Sie beschreiben, wie lange das schon so geht?

Dass sie so häufig sind oder generell? Die Albträume habe ich eigentlich, seit ich aus dem Krieg zurückgekehrt bin, wenn man das so nennen kann. Eine Zeitlang habe ich gedacht, dass ich nur ein wenig Zeit brauche und als ich Sophie kennengelernt habe, sind sie auch besser geworden.
Er zuckt mit den Schultern.
Nun, ja, bis sie eben wieder schlechter geworden sind. Silvester wäre ich fast nicht wieder aufgewacht.

Ist es Ihnen schwergefallen, hierher zu kommen? Mit jemandem darüber zu sprechen? Wie geht es Ihnen damit?

Man erwartet nicht, dass man mit sowas heimkommt. Als ich mich zum Bund und dann für die Auslandseinsätze gemeldet habe, war mir klar, dass ich verwundet werden könnte, sogar sterben. Aber nicht, dass ich heimkehre und den Krieg nicht mehr loswerde. Wenn die Leute mich fragen, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Schließlich sind alle so froh, dass ich wieder da bin und dass mir nichts passiert ist. Mein Vater ist sogar stolz. Wie soll ich da die Wahrheit sagen?
Zögernd fährt er leise fort: Manchmal … manchmal wünschte ich mir, ich wäre einfach nie zurückgekehrt.
Er krallt die Finger um die Sitzkante, als müsste er sich daran hindern aufzustehen.

Atmen Sie tief durch, Jonas. Sie sind hier. Sie sind in Sicherheit. Haben Sie jemand anderen in Ihrem Umfeld, mit dem Sie über Ihre Probleme reden können? Familie, Freunde?

Sophie vielleicht, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das versteht. Wahrscheinlich bin ich für sie sowieso nur so ein irrer Wahnsinniger.
Ernst und ungewöhnlich harsch: Außerdem bin ich eine Gefahr für sie. Lassen wir das lieber. Das mit Sophie ist vorbei.

Welche Beziehung verbindet Sie denn mit Sophie? Und wieso halten Sie sich für eine Gefahr?

Genau genommen, gar keine. Wir haben lediglich zusammen gewohnt. Aber von Zeit zu Zeit, als sie noch etwas Tageslicht hatte, haben wir uns unterhalten, unter anderem darüber. Ich konnte es ja auch kaum geheimhalten, nachdem ich gleich in der ersten Nacht ihr Wohnzimmer verwüstet habe.
Er reibt sich die Hände. Das war unangenehm. Danach ging es eigentlich, bis …
Er starrt eine Weile ins Leere, bis er sich wieder abrupt der Therapeutin zuwendet. Wenn ich die Albträume habe, weiß ich nicht, was ich tue. Dann bin ich in Afghanistan und jeder, der sich mir nähert ein potentieller Feind. Es dauert, bis ich wieder richtig zu Sinnen komme.

Haben Sie versucht, mit Ihrem Vater darüber zu sprechen? Sie haben letztes Mal erzählt, dass er selbst bei der Bundeswehr war. Vielleicht hat er ähnliche Erfahrungen gemacht.

Dann wäre er wohl nicht noch immer dabei oder? Ich … nein, ich habe mich bisher nicht getraut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er es versteht. Die Bundeswehr ist doch das Beste auf Erden.

Klingt, als wäre Ihre Beziehung kompliziert. Wie stehen Sie zu Ihrem Vater? Was ist die schönste Erinnerung, die Sie mit ihm verbinden?

Er seufzt schwer. Wie stehe ich zu ihm? Er ist mein Vater. Er hat Felix und mir schon von kleinauf nahegelegt, wie wichtig der Dienst am Vaterland ist. Sie hätten ihn mal sehen sollen, als man die Wehrpflicht abgeschafft hat!

Eine schöne Erinnerung? Mir hat es immer Spaß gemacht, wenn wir zusammen campen gegangen sind. Nur mein Vater, mein Bruder und ich mit dem Allernötigsten. Den Rest mussten wir uns vor Ort zusammensuchen oder improvisieren. Ich durfte immer die wildesten Unterstände für uns planen, solange sie uns trocken und geschützt hielten.

Und die schlechteste?

Die eben noch dagewesene Fröhlichkeit weicht vollkommen aus seinem Gesicht. Als er mir sagte, dass er stolz auf mich ist.
Jonas sieht zu Boden. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Philipp ist gestorben und da klebte so viel Blut an meinen Händen. Ich war völlig nutzlos gewesen und mein Vater war stolz da drauf. Der Stolz verging ihm ziemlich schnell, als er von meinem Austritt erfahren hat.

Sie haben vorhin von Albträumen gesprochen. Haben Sie Strategien, wie Sie damit umgehen?

Jonas lacht freudlos auf. Wenn Sie meinen, dass ausharren und hoffen, dass es schnell vorbei ist, eine Strategie ist? Ich nehme an, der Alkohol ist eine, aber der sorgt eigentlich nur dafür, dass es irgendwie erträglich ist und ich nicht um mich schlage oder die Inneneinrichtung zertrümmere. Ein wenig beschämt: Nicht, dass das oft vorkommt.

Alkohol ist eine trügerische Hilfe, aber das wissen Sie sicher. Haben Sie jemals andere Drogen genommen?

Ernst und vollkommen aufrecht sitzend. Drogen? Nein. Das hat man ja bei Sophie schon gesehen, was das für Auswirkungen hat. Etwas spöttisch. Obwohl, das sind ja keine Drogen, sondern „Zaubermittel“.
Er schüttelt ernst den Kopf. Nein, der Alkohol ist schlimm genug.

Wenn sie jetzt etwas an Ihrem Leben ändern könnten, was wäre das? Wie würden Sie es angehen?

Ich würde gerne studieren. Etwas, was von Substanz ist. Ingenieurwesen vielleicht oder Architektur. Jonas zuckt mit den Schultern.
Das letzte Mal, dass ich es probiert habe, habe ich kein Semester durchgehalten. Albträume machen sich nicht so gut in WGs oder Vorlesungen. Vielleicht gibt’s ja irgendwo ein Fernstudium, oder so etwas. Muss ich mal drüber nachdenken. Erst mal will ich aber mit mir selbst klarkommen. Das ist glaube ich das Wichtigste im Moment. Aufhören, davon zu laufen und mein Leben wieder in den Griff bekommen.

Das klingt nach einem guten Plan. Zuletzt möchte ich mit Ihnen einen kurzen Test durchführen. Bitte sagen Sie mir, was Sie auf diesem Bild sehen.

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aus: Wiki-Commons, Rorschach Inkplot Test

Rauch. Staub. Seine Hände zittern leicht. Wie die Staubwolken, die aufsteigen, wenn eine Granate in der Stadt einschlägt.

Alles gut, Sie sind immer noch in Sicherheit. Hier, nehmen Sie einen Schluck Wasser. Wenn wir gleich auseinandergehen, was erhoffen Sie sich von unserer nächsten Sitzung?

Dass Sie mir erklären, wie ich mit diesen Albträumen fertig werde. Etwas leiser: Oder einfach, wie ich ein normales Leben leben kann, ohne … all das.

Ich bin mir sicher, wir finden eine Lösung. Ich kann Ihnen ein paar Entspannungstechniken zeigen, vielleicht hilft das fürs Erste. Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Familie auch einmal bitten, mitzukommen. Denken Sie, das würde Ihnen helfen?

Jonas schüttelt den Kopf. Auf keinen Fall mein Vater. Er hält nicht viel von solchen  – er zögert – „Quacksalbern“.
Nach weiterem Zögern. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne meine Mutter mitbringen. Sie macht sich viele Sorgen und vielleicht hilft es ihr, wenn sie es besser versteht. Ich weiß immer nicht, wie ich es erklären soll.

Wenn Sie Ihrer Mutter vertrauen, dann ist das bestimmt eine gute Idee. Es würde Ihnen sicher gut tun, jemanden in ihrer Nähe zu haben, dem Sie sich anvertrauen können. Der Ihre Sorgen nachvollziehen kann. Denken Sie nicht?

Hm, ja, vielleicht … Okay, dann bis zum nächsten Mal. Jonas verlässt mit hängenden Schultern das Sprechzimmer.

 


Cover_ZertanzteschuheWie es mit Jonas weitergeht, ob er sein Trauma überwindet und inwiefern die geheimnisvolle Sophie damit zu tun hat, das erfahrt ihr bald in der Märchenadaption „Im Bann der zertanzten Schuhe“ von Janna Ruth.

Website: http://www.janna-ruth.com/

Facebook: https://www.facebook.com/authorjannaruth

Mehr über die Märchenspinnerei: http://maerchenspinner.layeredmind.de/


 

Infokasten_PTBS


Quellen:

Maercker, A., Forstmeier, S., Wagner, B., Glaesmer, H. & Brähler, E. (2008). Posttraumatische Belastungsstörung in Deutschland. Ergebnisse einer gesamtdeutschen epidemiologischen Untersuchung. Nervenarzt, 79, 577-586.

Möller, H.J., Laux, G. & Deister, A. (2009). Psychiatrie und Psychotherapie. Stuttgart: Thieme Verlag.

Wittchen, U. et al (2012). Traumatische Ereignisse und posttraumatische Belastungsstörungen bei im Ausland eingesetzten Soldaten. Wie hoch ist die Dunkelziffer? Deutsches Ärzteblatt, 109,  559-567.


Habt ihr Fragen an mich oder Jonas? Wollt ihr mehr über ihn oder sein Krankheitsbild wissen? Nur zu. Die Visite ist eröffnet.

Der nächste Sitzungstermin findet am 20. Juni statt, und ich darf schon einmal verraten, dass wir es dann mit einem höllischen Patienten zu tun haben. Lasst euch überraschen.

Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

Von Liebe, Rivalität und Vertrauen

Die Rolle der Familie in meiner Fantasy-Literatur

In der #lovewritingchallenge geht es heute um das Thema „Familie“. Bisher ist diese Challenge an mir vorbeigezogen, aber mit diesem Topic musste ich mich einfach befassen. Warum? Nun, Familien, interfamiliäre Beziehungen und Konflikte sind zentrale Themen in allen meinen Geschichten.

Grundlegend sind mir beim Betrachten meiner Werke zwei Dinge ins Auge gestochen:

  1. Jede Geschichte beinhaltet einen Geschwisterkonflikt
  2. Meine Protagonisten kommen fast ausschließlich aus zerrütteten Familien

Wie kommt das? Ich hab mich mal auf Spurensuche begeben.

Der Geschwisterkonflikt

„Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides.“
– Kurt Tucholsky

Wer denkt, Liebesbeziehungen seien die komplexeste Form zwischenmenschlicher Interaktion, der irrt sich. Geschwisterkonflikte ziehen sich durch alle Formen der Literatur und waren mehr als einmal Auslöser für große, heftige Emotionen, vor allem in der Märchen- und Sagenwelt. Kain erschlug aus Neid seinen Bruder Abel. Elektra half ihrem Bruder Orest, aus Rache die eigene Mutter zu ermorden. Aschenputtel muss sich gegen ihre bösen Stiefschwestern wehren. Und Gerda kämpft um das vereiste Herz ihres geliebten Bruders.

Schon an dieser kleinen Auswahl wird klar: Geschwisterbeziehungen bieten unendlichen Raum für Geschichten, angefangen von Konkurrenzdruck über Neid bis hin zu inniger Verbundenheit und gegenseitiger Aufopferung. Geschwister begleiten den Helden von der Kindheit an, sind also neben den Eltern die längste Beziehung, die er jemals pflegt. Sie kennen die Person hinter der Fassade, wissen von Geheimnissen, die der Held mit niemandem teilt. Sie sind seine Verbindung zu einer Zeit, in der er noch ein anderer Mensch war, im positiven oder negativen Sinne.

Auch die psychologische Forschung unterstützt diese These: Geschwister prägen einen Menschen mindestens so stark wie seine Eltern, die Beziehung zu ihnen bieten ein Entwicklungspotenzial, das andere Beziehungen nicht haben. Im Kontakt mit den Geschwistern entwickeln sich früh Empathie, Emotionsregulation und soziale Fähigkeiten, aber auch Spannungen, Konkurrenzdruck und Konflikte, gerade bei geringem Altersunterschied. Ein Bruder oder eine Schwester kann also Vorbild, bester Freund und ärgster Feind in einem werden.

Auch in der Fantasy gibt es einige sehr spannende Geschwister-Konflikte. Da ist zum Beispiel Katniss Everdeen, die für ihre geliebte Schwester Primrose das Los der Hungerspiele auf sich nimmt. Oder Faramir von Gondor, der stets im Schatten seines älteren Bruders Boromir steht und alles tut, um ihren Vater trotzdem zu beeindrucken. Und natürlich die drei Lannisters, Cersei, Tyrion und Jaimie, deren Beziehung so kompliziert ist, dass sie hier den Rahmen sprengen würde. Das Klischee vom einzelgängerischen Fantasy-Helden, der ohne Familie durch die Welt wandert und knallharte Abenteuer erlebt, ist schon lange überholt.

Ein Blick in meine eigenen Werke verrät, dass meine literarischen Geschwister-Pärchen fast alle emotionalen Ebenen abdecken. Es geht um Neid und Konkurrenzdruck (Varek und Askar in „Opfermond“), um Abhängigkeit und Entfremdung (Seri und Jumar in „Flammenkinder“), um Verantwortung und Fürsorge (Benrik und Andrika in „Unter einem Banner“) und um Gemeinsamkeiten und Unterschiede (Quiro und Elis in „Sand & Wind“). Eine faszinierende Bandbreite mit unendlichen Möglichkeiten. Diese nicht auszuschöpfen wäre doch schade, oder?

Die Familie als Ressource und Schwachpunkt

Es ist ja ein weit verbreitetes Klischee, dass der tapfere Fantasy-Held™ schon in jungen Jahren seiner Familie entrissen wird. Er wächst als Waise auf, bei brutalen Zieheltern oder erlebt die Auslöschung seiner Liebsten, woraufhin er überhaupt erst zum Helden wird. Diese Tropen finden sich in zahlreichen Fantasy-Epen wieder: Kvothe, der Protagonist aus „Der Name des Windes“, beobachtet den Mord an seinen Eltern und schwört Rache. Harrys Eltern werden von Voldemort getötet, er selbst wächst bei Tante und Onkel auf. Katniss‘ Vater stirbt bei einem Minenunglück und macht seine Tochter so zum Familienoberhaupt. Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Ich muss zugeben, auch in meinen Geschichten stammen die Helden meistens aus zerrütteten Familien. Sie sind Waisenkinder (Quiro aus „Sand & Wind“), haben früh ein Elternteil verloren (Idra in „Opfermond“), werden von ihrer Familie abgelehnt (Reykan in „Unter einem Banner“) oder erleben den körperlichen bzw. psychischen Verfall ihrer Familienangehörigen (Kalun in „Flammenkinder“). Wie kommt das?

Die Familie ist eine mächtige Ressource. Sie bietet Geborgenheit, Heimat, Sicherheit und Zuneigung.  Nichts prägt uns in jungen Jahren so sehr wie die Familie, unsere Erziehung und die Werte, die uns von den Eltern und Geschwistern vermittelt werden. Und genau hier wird es spannend. Was geschieht, wenn diese Säule wegbricht? Wenn ein Elternteil stirbt, dem Alkoholismus verfällt oder die Familie verlässt? Wie geht ein junger Mensch mit diesem Verlust um? Diese Gedankenspiele sind keine fantastischen Spinnereien, sondern trauriger Alltag für Millionen Menschen weltweit. Psychologisch finde ich es hochspannend, zu erforschen, wie meine Figuren mit diesen Schicksalsschlägen umgehen. Reifen sie daran, werden sie stärker, erwachsener? Zerbrechen sie daran? Verlieren sie Vertrauen oder Selbstbewusstsein im Wissen, auf sich gestellt zu sein, oder beweist es ihnen ihre innere Stärke? Der Umgang mit Schicksalsschlägen sagt unendlich viel über einen Charakter aus. Außerdem liegt es in der Natur meiner Fantasy-Welten, ein ziemlich raues Pflaster zu sein. Vor allem für Familien. 😉

Trotzdem muss ich zugeben, dass mich die Idee reizt, doch mal über einen Charakter mit intakter Familie zu schreiben. Jemand, der sonntags zum Kaffeetrinken seine Eltern besucht, mit ihnen über Beziehungsangelegenheiten streitet oder von seinen neuesten Abenteuern erzählt. Kommt auf die Agenda.

Fazit

Die Familie ist einer unserer zentralen menschlichen Bezugspunkte. Wir können uns entscheiden, den Kontakt aufzugeben, wir können die Verbindung verlieren, aber die Erlebnisse unserer Kindheit und Jugend werden uns trotzdem ein Leben lang prägen. Im Guten ebenso wie im Schlechten. Auch literarische Figuren sind dagegen nicht gefeit. Sie haben Geschwister, die sie lieben oder hassen, Eltern, die sie erzogen haben (oder auch nicht), Bezugspersonen innerhalb oder außerhalb der Kernfamilie, zu denen sie eine Bindung aufgebaut haben. Für authentische Charaktere ist eine gute Hintergrundgeschichte unverzichtbar – dazu gehört auch die Rolle der Familie.

Wie ist es bei euch, lest ihr gern über familiäre Konflikte oder Geschwisterbeziehungen? Welche Rolle spielt die Familie in euren literarischen Werken – ist sie eher Stütze oder Konfliktherd für eure Charaktere? Steht sie im Vordergrund oder ist sie eher schmückendes Beiwerk? Erzählt mir davon.