Charaktere

Charaktere auf der Couch #2: Azzael

Unsere heutige Therapiesitzung wird – im wahrsten Sinne des Wortes – höllisch gut, denn auf meiner Couch sitzt heute Azzael, gefallener Engel und rechte Hand des Teufels. Er ist fast zwei Meter groß, von stattlicher Statur, hält seit rund 400 Jahren sein Idealgewicht und geht nie ohne schwarze Ray Ban, Cowboystiefel aus Schlangenleder und Ledermantel aus dem Haus. Ich muss zugeben, dass es nicht so einfach wahr, Azzael auf meine Couch zu bringen, aber am Ende hat er sich doch breit schlagen lassen. Zugegeben, er ist keine einfache Persönlichkeit …

Nun, Azzael, Sie wissen ja, warum Sie heute hier sind.

Azzael fischt einen Joint hinter seinem Ohr hervor und lehnt sich in die Couch zurück. Dann schiebt er sich die Tüte in den Mundwinkel und pflanzt gemächlich seine Cowboystiefel aus Schlangenleder auf den Tisch.

Es geht um die Frage, ob Sie … Azzael? Hören Sie mir zu?

Azzael zeigt keine Reaktion, entfacht stattdessen durch Schnippen von Mittelfinger und Daumen eine Flamme aus seinem Zeigefinger, steckt sich den Joint an und bläst Rauchkringel in die Luft.

Ist das Ihr Ernst? Sie kiffen während der Sitzung?

Äh, was soll ich sonst machen, Löcher in die Couchgarnitur brennen?

Seufzt und macht sich Notizen. Wie häufig nehmen Sie Marihuana? Waren Sie in letzter Zeit irgendwann mal clean?

Wen interessiert’s.

Er klemmt sich eine Strähne seines schwarzen, schulterlangen Haars hinter die Ohren.

Ich bin ein gefallener Engel und existiere seit Anbeginn der Zeit, bisher hat das meiner Gesundheit keinen Abbruch getan.

Zieht kräftig am Joint und stößt eine Qualmwolke aus, die einen Elefanten narkotisiert hätte.

Hustet vernehmlich. Na, hervorragend. Ihnen ist schon bewusst, dass dieses Gutachten über Ihre berufliche und persönliche Entwicklung entscheiden wird? Es scheint, als würde Ihr Arbeitgeber Sie nicht länger als tragbar betrachten. Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?

Che cazzo dice? Ich bin die rechte Hand des Teufels, ohne mich wäre Luzifer aufgeschmissen, schließlich bin ich derjenige, der Die Drecksarbeit für ihn erledigt.

Nun, Ihr Arbeitgeber sieht das offenbar anders, also kommen wir zum Protokoll der Sitzung zurück, ja? Und nehmen Sie gefälligst die Stiefel von meinem Tisch. Wenn ich Ihre Personalakte richtig verstanden habe, dann ist es Ihre Aufgabe, Menschen einen Pakt mit dem Teufel aufzuzwingen und säumige Paktierer in die Hölle zu befördern, richtig? Wie empfinden Sie diese Aufgabe?

Azzael macht keine Anstalten, seine Stiefel vom Tisch zu entfernen, sondern fixiert die Therapeutin mit ausdrucksloser Miene über den Rand seiner Ray Ban-Brille hinweg, bis er endlich das Wort ergreift. Diesen lästigen Vertreterjob übernehme ich nur im Notfall. Bin eher der Mann fürs Grobe und vollends mit meinen Aufgaben ausgelastet. Wenn einer der Teufelsbündner aus der Reihe tanzt, bring ich ihn dazu, Selbstmord zu begehen, wodurch seine Chancen gegen Null gehen, in den Himmel zu gelangen. Er versucht sich an einem gewinnendem Lächeln, dass selbst den Hartgesottensten in die Flucht geschlagen hätte.

Das klingt … unschön. Haben Sie gar keine Gewissensbisse? Zumindest ein wenig?

Sehe ich so aus?

Wie wär’s wenn Sie nicht mit Gegenfragen antworten würden? Keine Gewissensbisse also, sehe ich das richtig? Wann haben Sie zuletzt etwas getan, was Sie wirklich bereut haben?

Habe mich vor dreihundert Jahren auf Luzifers Wunsch hin auf eine seiner Huren eingelassen.  Aber in diese Puffs bekommen mich keine zehn Pferde mehr, nachdem ich mir dort Syphilis zugezogen habe, die mir selbst heute noch manchmal zu schaffen machte. Hautausschlag oder stechende Hodenschmerzen plagen mich dann und verhinderten längeres Sitzen. Kratzt sich demonstrativ am Sack.

Seufzt. Bitte, wenn Sie mich zum Narren halten wollen, schön. Ist ja Ihr Gutachten. Sie scheinen ja sehr von sich und Ihrer Wirkung auf andere überzeugt zu sein. Gibt es, abgesehen von Ihnen selbst, irgendjemanden, für den Sie Gefühle haben? Der Ihnen etwas bedeutet?

Sieht kurz auf, drückt dann energisch seinen Joint im Aschenbecher aus und schnaubt kopfschüttelnd vor sich hin.

Ich habe ein Mädchen während eines Auftrags auf einer Halloweenparty kennengelernt . Lillith hat mir die heißeste Nacht meines Daseins auf Erden beschert. Die Erinnerung daran, wie ihre Lippen geschmeckt, wie ihr Körper sich angefühlt hat, brennt in mir noch heute wie ein Kilo Koks kombiniert mit einer Flasche Whiskey auf ex.

Er lehnt sich mit verschränkten Armen zurück und schweigt dann eine ganze Zeit lang, während er trübsinnig ins Leere starrt. Als er wieder zu sprechen bringt, klingt seine Stimme belegt. An ihrer Seite fühlte ich mich lebendig und nicht wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit, ein Fossil göttlichen Ursprungs, mutiert zu einem abgestumpften Handlanger des Teufels. Sie wäre meine Chance gewesen, aus diesem Sumpf auszubrechen … Warum muss sie auch nur der Spezies der Mehlfratzen angehören?

Zieht ein Gesicht das vor Selbstmitleid nur so trieft.

Äh, Mehlfratzen?

Kalkleistenleisten, Blutsauger, Vampire … wie auch immer man sie nennen mag.  Schon einige von ihnen haben meine Aufträge durchkreuzt. Wäre ich nicht vollgepumpt mit Drogen bei der Halloweenparty aufgekreuzt, hätten mich meine Instinkte nicht verlassen, und ich hätte Lillith schon bei ihrer ersten Begegnung als eine von ihnen entlarvt.

Diese Dame scheint Ihnen ja wirklich etwas zu bedeuten, interessant. Wie sehr würden Sie ihr Leben verändern für sie? Würden Sie sich einen neuen Job suchen? Die Drogen aufgeben? Verantwortung für sich und Ihr Leben übernehmen?

Cazzo!

Azzael springt blitzartig auf, beugt sich über den Tisch und kommt bedrohlich nah.

Wie das denn bitteschön? Ein gefallener Engel und eine Vampirin als Liebespaar, diese Konstellation steht unter keinem guten Stern!

Während er imaginären Staub von seinem Ledermantel klopft, gewinnt er wieder die Fassung und lümmelt sich zurück auf die Couch.

Lillith ist auf Luzifers Abschussliste gelandet. Nun hat er ausgerechnet mir den Auftrag erteilt, ihr den Garaus zu machen. Folge ich seinen Anweisungen nicht, würde ich von ihm vertrieben und geächtet werden. Das bedeutete, ich müsste ein Dasein an einem abgelegenen Ort der Erde fristen.

Es überrascht mich, dass Sie das stört. Abgesehen von Drogen und persönlichem Spaß scheint Ihnen die Erde ja nicht viel bieten zu können. Wäre das abgeschiedene Leben gar keine Option für Sie?

Persönlicher Spaß? Ich würde es eher als Zeit totschlagen bezeichnen. Ich verlasse ungern mein gewohntes Umfeld, die ewige Stadt ist seit Jahrtausenden meine Heimat, außerdem möchte ich mir den Boss nicht zum Feind machen, er ist sehr kreativ, wenn es um Bestrafung geht.

Er schnaubt verächtlich. Würde mich nicht wundern, wenn er mich angekettet ins Fegefeuer stößt.

Ich sehe schon, das wird ein gutes Stück Arbeit. Ich fürchte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich Ihnen noch keine positive Prognose ausstellen, aber wir arbeiten daran. Zum Abschluss würde ich gerne ein kleines Assoziationsspiel mit Ihnen machen. Ich nenne Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir das Erste, was Ihnen dazu einfällt.

Familie

Nie gehabt.

Sex.

Werde vom Boss ab und an auf seinen berüchtigten Bunga-Bunga-Parties dazu verdonnert, damit ich meine dicken Eier loswerde und etwas ausgeglichener bin. Aber richtig Spaß hatte ich nur mit … Lillith. Stößt einen theatralischen Seufzer aus.

Ewigkeit.

Sie liegt noch vor mir, dabei fühle ich mich jetzt schon des Lebens überdrüssig.

Liebe.

Gibt ein grunzendes Geräusch von sich. Verliebte Pärchen im Park, die Hand in Hand bei Sonnenschein umherspazierten. Die öffentliche Zurschaustellung des Glücks anderer ist mir zuwider.

Gut, vielen Dank, ich schätze, das reicht fürs Erste. Wir machen das nächste Mal weiter. Versuchen Sie bis dahin niemanden in den Selbstmord zu treiben, ja?

Azzael stößt eine Litanei italienische Flüche aus, während er sich von der Couch erhebt. Mit wehendem  Haar marschiert er grußlos aus dem Raum.


blue women eye beaming up enchanting from behind a bloomingDie ganze Geschichte von Azzael, Lilith, Gott, dem Teufel und allerlei höllischen Verwicklungen, könnt ihr nachlesen in Höllisches Intermezzo von Bo Leander (erschienen im Verlag Lysandra Books)

Facebook: https://www.facebook.com/boleander.de/

Zum Verlag: http://www.lysandrabooks.de


 

 

Psychopathie

 


Quellen:

Coid, J. W., Yang, M., Ullrich, S., Roberts, A. D.L, Hare, R. D. (2009). Prevalence and correlates of psychopathic traits in the household population of Great Britain. International Journal of Law and Psychiatry, 32, 65-73.

Hare, R.D. (1991). The Hare Psychopathy Checklist Revised [PCL-R]. Toronto: Multi Health Systems.


 

Habt ihr Fragen an mich oder Azzael? Wollt ihr mehr über ihn wissen? Nur zu. Die Visite ist eröffnet.

Der nächste Sitzungstermin findet am 8. Juli statt. Für mich wird das ein besonderer Termin, denn ich darf mich zum ersten Mal mit meinem eigenen verkorksten Protagonisten herumschlagen – und ich weiß jetzt schon, dass Varek es mir nicht leicht machen wird …

 


Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

Charaktere auf der Couch #1: Jonas

Heute heißen wir unseren ersten Patienten auf der Charakter-Couch willkommen: Jonas. Der junge Mann ist 26 Jahre alt, ehemaliger Bundeswehr-Soldat, kräftig gebaut und unauffällig, aber sein unsteter, rastloser Blick verrät, das mehr unter der Fassade schlummert. Was das sein könnte versuchen wir im heutigen Gespräch ein bisschen ans Licht zu bringen ..

Guten Tag, Jonas, bitte nehmen Sie Platz. Wie fühlen Sie sich heute?

Jonas setzt sich auf die Kante des Stuhls. Sein Blick wandert unstet im Raum umher; von Ecke zu Ecke und bleibt schließlich auf dem Schrank ruhen.
Äh, okay.
Er sieht nun hinüber und nestelt unruhig an seinen Fingern.
Den Umständen entsprechend, würde ich sagen.
Er seufzt und sieht auf seine Finger.
Die Albträume kommen wieder öfter. Mittlerweile verbringe ich mehr Zeit im Krieg als im Hier und Jetzt.

Hm, das klingt beunruhigend. Können Sie beschreiben, wie lange das schon so geht?

Dass sie so häufig sind oder generell? Die Albträume habe ich eigentlich, seit ich aus dem Krieg zurückgekehrt bin, wenn man das so nennen kann. Eine Zeitlang habe ich gedacht, dass ich nur ein wenig Zeit brauche und als ich Sophie kennengelernt habe, sind sie auch besser geworden.
Er zuckt mit den Schultern.
Nun, ja, bis sie eben wieder schlechter geworden sind. Silvester wäre ich fast nicht wieder aufgewacht.

Ist es Ihnen schwergefallen, hierher zu kommen? Mit jemandem darüber zu sprechen? Wie geht es Ihnen damit?

Man erwartet nicht, dass man mit sowas heimkommt. Als ich mich zum Bund und dann für die Auslandseinsätze gemeldet habe, war mir klar, dass ich verwundet werden könnte, sogar sterben. Aber nicht, dass ich heimkehre und den Krieg nicht mehr loswerde. Wenn die Leute mich fragen, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Schließlich sind alle so froh, dass ich wieder da bin und dass mir nichts passiert ist. Mein Vater ist sogar stolz. Wie soll ich da die Wahrheit sagen?
Zögernd fährt er leise fort: Manchmal … manchmal wünschte ich mir, ich wäre einfach nie zurückgekehrt.
Er krallt die Finger um die Sitzkante, als müsste er sich daran hindern aufzustehen.

Atmen Sie tief durch, Jonas. Sie sind hier. Sie sind in Sicherheit. Haben Sie jemand anderen in Ihrem Umfeld, mit dem Sie über Ihre Probleme reden können? Familie, Freunde?

Sophie vielleicht, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das versteht. Wahrscheinlich bin ich für sie sowieso nur so ein irrer Wahnsinniger.
Ernst und ungewöhnlich harsch: Außerdem bin ich eine Gefahr für sie. Lassen wir das lieber. Das mit Sophie ist vorbei.

Welche Beziehung verbindet Sie denn mit Sophie? Und wieso halten Sie sich für eine Gefahr?

Genau genommen, gar keine. Wir haben lediglich zusammen gewohnt. Aber von Zeit zu Zeit, als sie noch etwas Tageslicht hatte, haben wir uns unterhalten, unter anderem darüber. Ich konnte es ja auch kaum geheimhalten, nachdem ich gleich in der ersten Nacht ihr Wohnzimmer verwüstet habe.
Er reibt sich die Hände. Das war unangenehm. Danach ging es eigentlich, bis …
Er starrt eine Weile ins Leere, bis er sich wieder abrupt der Therapeutin zuwendet. Wenn ich die Albträume habe, weiß ich nicht, was ich tue. Dann bin ich in Afghanistan und jeder, der sich mir nähert ein potentieller Feind. Es dauert, bis ich wieder richtig zu Sinnen komme.

Haben Sie versucht, mit Ihrem Vater darüber zu sprechen? Sie haben letztes Mal erzählt, dass er selbst bei der Bundeswehr war. Vielleicht hat er ähnliche Erfahrungen gemacht.

Dann wäre er wohl nicht noch immer dabei oder? Ich … nein, ich habe mich bisher nicht getraut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er es versteht. Die Bundeswehr ist doch das Beste auf Erden.

Klingt, als wäre Ihre Beziehung kompliziert. Wie stehen Sie zu Ihrem Vater? Was ist die schönste Erinnerung, die Sie mit ihm verbinden?

Er seufzt schwer. Wie stehe ich zu ihm? Er ist mein Vater. Er hat Felix und mir schon von kleinauf nahegelegt, wie wichtig der Dienst am Vaterland ist. Sie hätten ihn mal sehen sollen, als man die Wehrpflicht abgeschafft hat!

Eine schöne Erinnerung? Mir hat es immer Spaß gemacht, wenn wir zusammen campen gegangen sind. Nur mein Vater, mein Bruder und ich mit dem Allernötigsten. Den Rest mussten wir uns vor Ort zusammensuchen oder improvisieren. Ich durfte immer die wildesten Unterstände für uns planen, solange sie uns trocken und geschützt hielten.

Und die schlechteste?

Die eben noch dagewesene Fröhlichkeit weicht vollkommen aus seinem Gesicht. Als er mir sagte, dass er stolz auf mich ist.
Jonas sieht zu Boden. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Philipp ist gestorben und da klebte so viel Blut an meinen Händen. Ich war völlig nutzlos gewesen und mein Vater war stolz da drauf. Der Stolz verging ihm ziemlich schnell, als er von meinem Austritt erfahren hat.

Sie haben vorhin von Albträumen gesprochen. Haben Sie Strategien, wie Sie damit umgehen?

Jonas lacht freudlos auf. Wenn Sie meinen, dass ausharren und hoffen, dass es schnell vorbei ist, eine Strategie ist? Ich nehme an, der Alkohol ist eine, aber der sorgt eigentlich nur dafür, dass es irgendwie erträglich ist und ich nicht um mich schlage oder die Inneneinrichtung zertrümmere. Ein wenig beschämt: Nicht, dass das oft vorkommt.

Alkohol ist eine trügerische Hilfe, aber das wissen Sie sicher. Haben Sie jemals andere Drogen genommen?

Ernst und vollkommen aufrecht sitzend. Drogen? Nein. Das hat man ja bei Sophie schon gesehen, was das für Auswirkungen hat. Etwas spöttisch. Obwohl, das sind ja keine Drogen, sondern „Zaubermittel“.
Er schüttelt ernst den Kopf. Nein, der Alkohol ist schlimm genug.

Wenn sie jetzt etwas an Ihrem Leben ändern könnten, was wäre das? Wie würden Sie es angehen?

Ich würde gerne studieren. Etwas, was von Substanz ist. Ingenieurwesen vielleicht oder Architektur. Jonas zuckt mit den Schultern.
Das letzte Mal, dass ich es probiert habe, habe ich kein Semester durchgehalten. Albträume machen sich nicht so gut in WGs oder Vorlesungen. Vielleicht gibt’s ja irgendwo ein Fernstudium, oder so etwas. Muss ich mal drüber nachdenken. Erst mal will ich aber mit mir selbst klarkommen. Das ist glaube ich das Wichtigste im Moment. Aufhören, davon zu laufen und mein Leben wieder in den Griff bekommen.

Das klingt nach einem guten Plan. Zuletzt möchte ich mit Ihnen einen kurzen Test durchführen. Bitte sagen Sie mir, was Sie auf diesem Bild sehen.

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aus: Wiki-Commons, Rorschach Inkplot Test

Rauch. Staub. Seine Hände zittern leicht. Wie die Staubwolken, die aufsteigen, wenn eine Granate in der Stadt einschlägt.

Alles gut, Sie sind immer noch in Sicherheit. Hier, nehmen Sie einen Schluck Wasser. Wenn wir gleich auseinandergehen, was erhoffen Sie sich von unserer nächsten Sitzung?

Dass Sie mir erklären, wie ich mit diesen Albträumen fertig werde. Etwas leiser: Oder einfach, wie ich ein normales Leben leben kann, ohne … all das.

Ich bin mir sicher, wir finden eine Lösung. Ich kann Ihnen ein paar Entspannungstechniken zeigen, vielleicht hilft das fürs Erste. Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Familie auch einmal bitten, mitzukommen. Denken Sie, das würde Ihnen helfen?

Jonas schüttelt den Kopf. Auf keinen Fall mein Vater. Er hält nicht viel von solchen  – er zögert – „Quacksalbern“.
Nach weiterem Zögern. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne meine Mutter mitbringen. Sie macht sich viele Sorgen und vielleicht hilft es ihr, wenn sie es besser versteht. Ich weiß immer nicht, wie ich es erklären soll.

Wenn Sie Ihrer Mutter vertrauen, dann ist das bestimmt eine gute Idee. Es würde Ihnen sicher gut tun, jemanden in ihrer Nähe zu haben, dem Sie sich anvertrauen können. Der Ihre Sorgen nachvollziehen kann. Denken Sie nicht?

Hm, ja, vielleicht … Okay, dann bis zum nächsten Mal. Jonas verlässt mit hängenden Schultern das Sprechzimmer.

 


Cover_ZertanzteschuheWie es mit Jonas weitergeht, ob er sein Trauma überwindet und inwiefern die geheimnisvolle Sophie damit zu tun hat, das erfahrt ihr bald in der Märchenadaption „Im Bann der zertanzten Schuhe“ von Janna Ruth.

Website: http://www.janna-ruth.com/

Facebook: https://www.facebook.com/authorjannaruth

Mehr über die Märchenspinnerei: http://maerchenspinner.layeredmind.de/


 

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Quellen:

Maercker, A., Forstmeier, S., Wagner, B., Glaesmer, H. & Brähler, E. (2008). Posttraumatische Belastungsstörung in Deutschland. Ergebnisse einer gesamtdeutschen epidemiologischen Untersuchung. Nervenarzt, 79, 577-586.

Möller, H.J., Laux, G. & Deister, A. (2009). Psychiatrie und Psychotherapie. Stuttgart: Thieme Verlag.

Wittchen, U. et al (2012). Traumatische Ereignisse und posttraumatische Belastungsstörungen bei im Ausland eingesetzten Soldaten. Wie hoch ist die Dunkelziffer? Deutsches Ärzteblatt, 109,  559-567.


Habt ihr Fragen an mich oder Jonas? Wollt ihr mehr über ihn oder sein Krankheitsbild wissen? Nur zu. Die Visite ist eröffnet.

Der nächste Sitzungstermin findet am 20. Juni statt, und ich darf schon einmal verraten, dass wir es dann mit einem höllischen Patienten zu tun haben. Lasst euch überraschen.

Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

Von Liebe, Rivalität und Vertrauen

Die Rolle der Familie in meiner Fantasy-Literatur

In der #lovewritingchallenge geht es heute um das Thema „Familie“. Bisher ist diese Challenge an mir vorbeigezogen, aber mit diesem Topic musste ich mich einfach befassen. Warum? Nun, Familien, interfamiliäre Beziehungen und Konflikte sind zentrale Themen in allen meinen Geschichten.

Grundlegend sind mir beim Betrachten meiner Werke zwei Dinge ins Auge gestochen:

  1. Jede Geschichte beinhaltet einen Geschwisterkonflikt
  2. Meine Protagonisten kommen fast ausschließlich aus zerrütteten Familien

Wie kommt das? Ich hab mich mal auf Spurensuche begeben.

Der Geschwisterkonflikt

„Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides.“
– Kurt Tucholsky

Wer denkt, Liebesbeziehungen seien die komplexeste Form zwischenmenschlicher Interaktion, der irrt sich. Geschwisterkonflikte ziehen sich durch alle Formen der Literatur und waren mehr als einmal Auslöser für große, heftige Emotionen, vor allem in der Märchen- und Sagenwelt. Kain erschlug aus Neid seinen Bruder Abel. Elektra half ihrem Bruder Orest, aus Rache die eigene Mutter zu ermorden. Aschenputtel muss sich gegen ihre bösen Stiefschwestern wehren. Und Gerda kämpft um das vereiste Herz ihres geliebten Bruders.

Schon an dieser kleinen Auswahl wird klar: Geschwisterbeziehungen bieten unendlichen Raum für Geschichten, angefangen von Konkurrenzdruck über Neid bis hin zu inniger Verbundenheit und gegenseitiger Aufopferung. Geschwister begleiten den Helden von der Kindheit an, sind also neben den Eltern die längste Beziehung, die er jemals pflegt. Sie kennen die Person hinter der Fassade, wissen von Geheimnissen, die der Held mit niemandem teilt. Sie sind seine Verbindung zu einer Zeit, in der er noch ein anderer Mensch war, im positiven oder negativen Sinne.

Auch die psychologische Forschung unterstützt diese These: Geschwister prägen einen Menschen mindestens so stark wie seine Eltern, die Beziehung zu ihnen bieten ein Entwicklungspotenzial, das andere Beziehungen nicht haben. Im Kontakt mit den Geschwistern entwickeln sich früh Empathie, Emotionsregulation und soziale Fähigkeiten, aber auch Spannungen, Konkurrenzdruck und Konflikte, gerade bei geringem Altersunterschied. Ein Bruder oder eine Schwester kann also Vorbild, bester Freund und ärgster Feind in einem werden.

Auch in der Fantasy gibt es einige sehr spannende Geschwister-Konflikte. Da ist zum Beispiel Katniss Everdeen, die für ihre geliebte Schwester Primrose das Los der Hungerspiele auf sich nimmt. Oder Faramir von Gondor, der stets im Schatten seines älteren Bruders Boromir steht und alles tut, um ihren Vater trotzdem zu beeindrucken. Und natürlich die drei Lannisters, Cersei, Tyrion und Jaimie, deren Beziehung so kompliziert ist, dass sie hier den Rahmen sprengen würde. Das Klischee vom einzelgängerischen Fantasy-Helden, der ohne Familie durch die Welt wandert und knallharte Abenteuer erlebt, ist schon lange überholt.

Ein Blick in meine eigenen Werke verrät, dass meine literarischen Geschwister-Pärchen fast alle emotionalen Ebenen abdecken. Es geht um Neid und Konkurrenzdruck (Varek und Askar in „Opfermond“), um Abhängigkeit und Entfremdung (Seri und Jumar in „Flammenkinder“), um Verantwortung und Fürsorge (Benrik und Andrika in „Unter einem Banner“) und um Gemeinsamkeiten und Unterschiede (Quiro und Elis in „Sand & Wind“). Eine faszinierende Bandbreite mit unendlichen Möglichkeiten. Diese nicht auszuschöpfen wäre doch schade, oder?

Die Familie als Ressource und Schwachpunkt

Es ist ja ein weit verbreitetes Klischee, dass der tapfere Fantasy-Held™ schon in jungen Jahren seiner Familie entrissen wird. Er wächst als Waise auf, bei brutalen Zieheltern oder erlebt die Auslöschung seiner Liebsten, woraufhin er überhaupt erst zum Helden wird. Diese Tropen finden sich in zahlreichen Fantasy-Epen wieder: Kvothe, der Protagonist aus „Der Name des Windes“, beobachtet den Mord an seinen Eltern und schwört Rache. Harrys Eltern werden von Voldemort getötet, er selbst wächst bei Tante und Onkel auf. Katniss‘ Vater stirbt bei einem Minenunglück und macht seine Tochter so zum Familienoberhaupt. Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Ich muss zugeben, auch in meinen Geschichten stammen die Helden meistens aus zerrütteten Familien. Sie sind Waisenkinder (Quiro aus „Sand & Wind“), haben früh ein Elternteil verloren (Idra in „Opfermond“), werden von ihrer Familie abgelehnt (Reykan in „Unter einem Banner“) oder erleben den körperlichen bzw. psychischen Verfall ihrer Familienangehörigen (Kalun in „Flammenkinder“). Wie kommt das?

Die Familie ist eine mächtige Ressource. Sie bietet Geborgenheit, Heimat, Sicherheit und Zuneigung.  Nichts prägt uns in jungen Jahren so sehr wie die Familie, unsere Erziehung und die Werte, die uns von den Eltern und Geschwistern vermittelt werden. Und genau hier wird es spannend. Was geschieht, wenn diese Säule wegbricht? Wenn ein Elternteil stirbt, dem Alkoholismus verfällt oder die Familie verlässt? Wie geht ein junger Mensch mit diesem Verlust um? Diese Gedankenspiele sind keine fantastischen Spinnereien, sondern trauriger Alltag für Millionen Menschen weltweit. Psychologisch finde ich es hochspannend, zu erforschen, wie meine Figuren mit diesen Schicksalsschlägen umgehen. Reifen sie daran, werden sie stärker, erwachsener? Zerbrechen sie daran? Verlieren sie Vertrauen oder Selbstbewusstsein im Wissen, auf sich gestellt zu sein, oder beweist es ihnen ihre innere Stärke? Der Umgang mit Schicksalsschlägen sagt unendlich viel über einen Charakter aus. Außerdem liegt es in der Natur meiner Fantasy-Welten, ein ziemlich raues Pflaster zu sein. Vor allem für Familien. 😉

Trotzdem muss ich zugeben, dass mich die Idee reizt, doch mal über einen Charakter mit intakter Familie zu schreiben. Jemand, der sonntags zum Kaffeetrinken seine Eltern besucht, mit ihnen über Beziehungsangelegenheiten streitet oder von seinen neuesten Abenteuern erzählt. Kommt auf die Agenda.

Fazit

Die Familie ist einer unserer zentralen menschlichen Bezugspunkte. Wir können uns entscheiden, den Kontakt aufzugeben, wir können die Verbindung verlieren, aber die Erlebnisse unserer Kindheit und Jugend werden uns trotzdem ein Leben lang prägen. Im Guten ebenso wie im Schlechten. Auch literarische Figuren sind dagegen nicht gefeit. Sie haben Geschwister, die sie lieben oder hassen, Eltern, die sie erzogen haben (oder auch nicht), Bezugspersonen innerhalb oder außerhalb der Kernfamilie, zu denen sie eine Bindung aufgebaut haben. Für authentische Charaktere ist eine gute Hintergrundgeschichte unverzichtbar – dazu gehört auch die Rolle der Familie.

Wie ist es bei euch, lest ihr gern über familiäre Konflikte oder Geschwisterbeziehungen? Welche Rolle spielt die Familie in euren literarischen Werken – ist sie eher Stütze oder Konfliktherd für eure Charaktere? Steht sie im Vordergrund oder ist sie eher schmückendes Beiwerk? Erzählt mir davon.

Ladies‘ talk: Starke weibliche Charaktere

Bücherverschlingen hat zur Blogparade zum Thema „Starke Frauen in der Literatur“ aufgerufen – ein Thema, das sehr gut zu einigen Beiträgen passt, die ich in letzter Zeit gelesen habe (z.B. bei  Nina Hasse oder Frau Schreibseele). Mehrfach haben sich Bloggerinnen zu Wort gemeldet und ihren Unmut darüber kundgetan, dass gerade in Literatur für junge Erwachsene vermehrt missbräuchliche, einseitige Beziehungen romantisiert werden. Meist gerät dabei ein naives, hilfloses junges Mädchen an einen dominanten, reichen, attraktiven Mann und lässt sich von ihm so ziemlich alles gefallen. Ist das Liebe? Wohl kaum.

Um Beziehungen soll es in diesem Beitrag heute nicht gehen, aber sehr wohl um starke Frauen, die weder hilflos noch naiv sind, sondern sehr genau wissen, was sie vom Leben wollen. Anstatt euch aber theoretisch zu erzählen, was ich unter starken Frauenfiguren verstehe, habe ich entschieden, diese selbst zu Wort kommen zu lassen.

Ich möchte euch daher Idra, Seri und Arazin vorstelen, drei Protagonistinnen aus meinen Werken, die – nach meiner Einschätzung – das Prädikat „stark“ alle drei verdienen. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Also, Vorhang auf für eine kleine Gesprächsrunde.

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Meine Damen, herzlich willkommen in unserer Runde. Wie ihr bereits wisst, geht es heute das Thema: „starke Frauenfiguren“. Warum, denkt ihr, hat euch eure Autorin hierhergeschickt? Was macht euch stark?

Idra: Was für eine saublöde Frage. Ich bin hier – reicht das nicht? Da, wo ich herkomme, musst du stark sein, wenn du überleben und nicht komplett kaputt gehen willst an dem ganzen Dreck um dich herum. Du brauchst einen verdammt harten Willen dafür und einen stabilen Verstand, sonst drehst du durch. Ich lass den ganzen Scheiß schon lange nicht mehr an mich heran und ich hab immer noch meinen Stolz. Obwohl ich nur eine billige Straßendirne bin. Reicht das als Antwort?

Arazin: Sie hat recht, Stolz ist wichtig. Sich selbst treu zu bleiben, die eigenen Pflichten und Ideale niemals zu verraten, egal, was passiert. Das macht doch Stärke aus, oder nicht? Sich durchzusetzen, zielstrebig zu bleiben, auch, wenn es schwierig wird – und vor niemandem zu kriechen! Sie wirft demonstrativ ihre Dreadlocks in den Nacken. Das tue ich nämlich nie!

Seri nachdenklich: Ja, ich denke, die beiden haben recht. Stark sind die, die um das, was ihnen wichtig ist, kämpfen. Um ihre Ziele, ihre Wünsche, ihre Ideale. Nicht unbedingt mit dem Schwert in der Hand, vielleicht auch mit ganz anderen Waffen. Und egal, welche Hindernisse auftreten, welche Steinen ihnen in den Weg gelegt werden, sie verlieren ihr Ziel nie aus den Augen. Sie seufzt. Ich wünschte, ich könnte das jetzt schon von mir behaupten, aber ich arbeite an mir.

 

Ihr habt von Hindernissen gesprochen – welche musstet ihr denn im Leben schon überwinden? Welche haben euch stärker gemacht?

Arazin: Klingt vielleicht blöd, aber ich denke, das war meine Verlobung. Ich musste fort von zuhause, an einen Ort, der mir fremd war, wo ich niemanden kannte und wo mich die Menschen angesehen haben wie eine Wilde, eine Barbarin. Zuhause, in Ylas, war ich die Königstochter, die Wüstenkriegerin, der alle Respekt entgegenbrachten und denen die Männer die Welt zu Füßen gelegt hätten. In Zarbahan dagegen … nun ja, da war ich gar nichts. Nur eine Fremde. Das war eine echt heftige Erfahrung für mich. Aber ich hab’s überstanden – und dabei nicht nur meine große Liebe gefunden, sondern auch eine Menge gelernt. Über mich und über andere.

Seri: Hm, bei mir war es eine Entscheidung, die ich treffen musste. Ich hatte die Wahl, mich weiter im Palast zu sonnen, dem Weg zu folgen, den anderen für mich ausgewählt hatten – oder mich dagegen zu wehren und meinen eigenen Weg zu finden, selbst zu entscheiden, wie ich mein Leben führen will. Es war eine harte Lektion, aber ich bin daran gereift. Mehr als ich je für möglich gehalten hätte.

Idra: Ganz ehrlich – war einer von euch schon mal im Sha-Quai, wo ich aufgewachsen bin? Da ist jeder Tag ein verdammtes Hindernis. Jeden beschissenen Tag kämpfst du ums Überleben, darum, dass du nicht dem Falschen ans Bein pisst oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort bist. Vom Hunger ganz zu schweigen. Aber gut, zugegeben, es gab auch für mich einschneidende Punkte im Leben, die härter waren als andere. Der Tod meiner Mutter, zum Beispiel. Oder die Sache mit dem Kult. Aber das führt jetzt zu weit.

 

Ja, das denke ich auch, wir wollen ja nicht zu viel verraten. Kommen wir lieber zur nächsten Frage. Gab es in eurem Leben starke Frauen, die euch geprägt haben? Vorbilder, wenn ihr so wollt?

Idra: Meine Mutter, ganz klar. Sie war niemand Besonderes, eine einfache Wäscherin im Armenviertel, aber gerade deshalb bewundere ich sie. Sie wollte mich nie, sie kannte nicht einmal den Namen des Kerls, der mich gezeugt hat, und hätte mich einfach im Kanal ertränken können wie eine räudige Ratte. Stattdessen ist sie immer für mich da gewesen, hat sich ein Bein ausgerissen, damit es mir an nichts fehlte. Sie hat mich in den Schlaf gesungen, auf Essen verzichtet, damit ich satt wurde … Sie hat sich aufgeopfert, nur für mich. Ihre Stimme zittert. Echt, ich hab nie jemanden getroffen, der mich mehr beeindruckt hat als sie.

Arazin tätschelt Idra mitfühlend den Arm: Ich weiß, was du meinst. Meine Mutter war auch so ein Mensch. Sie war zwar auch eine Kriegerin, mit dem Bogen konnte sie umgehen wie kein Zweiter, aber in erster Linie war sie Heilerin. Wenn sich mir bei üblen Verletzungen der Magen umgedreht hat, blieb sie ruhig, gelassen, hat ohne Zögern ihre Aufgabe erledigt und selbst Sterbenden Trost geschenkt. Außerdem konnte sie sich immer durchsetzen, auf ihr Wort hat jeder gehört, sogar mein sturer Vater. Sie musste dafür nicht einmal laut werden, es war einfach ihre immense Ausstrahlung, die die Menschen beeindruckt hat.

Seri: Hm, ich fürchte, ich würde meine Mutter nicht als Vorbild bezeichnen. Sie war ein lieber Mensch, aber am Tod meines Vaters ist sie zerbrochen. Sie hat es nie geschafft, sich aus diesem Loch heraus zu kämpfen, und ich machte ihr deswegen keinen Vorwurf. Sie hatte ja niemanden an ihrer Seite, der sie unterstützte, von uns Kindern abgesehen. Ich schätze, mein Idol ist meine Lehrmeisterin, bei der ich eine Weile lebte. Sie unterrichtet als Alchemistin an der Universität, ist unglaublich gebildet und weltgewandt. Sie hat es allein mit ihrem Geschick und ihrem Wissen geschafft, ihren Posten zu ergattern, ganz ohne sich dafür verkaufen oder ihre Ideale verraten zu müssen. Das finde ich wirklich bewundernswert.

 

Das heißt, Stärke hat für euch nichts mit körperlicher Kraft zu tun?

Seri: Nein definitiv nicht. Ich bewundere Frauen, die das Kämpfen meistern, aber Stärke hat viele Facetten: Intelligenz, Zielstrebigkeit, Menschlichkeit, Aufopferung für andere. Ich könnte eine Kriegerin nie respektieren, wenn sie zwar mit der Klinge umzugehen versteht, sich aber nie für andere einsetzt oder ihre Ideale bei den kleinsten Widrigkeiten verrät.

Arazin: Genau. Ylas hat viele große Kriegerinnen hervorgebracht – ich bin auch nicht schlecht mit dem Scimitar und dem Bogen. Aber das erfordert nur Disziplin und Übung. Wahre Stärke kommt aus dem Charakter einer Person, und so was kann man nicht einfach trainieren wie Liegestützen oder Klimmzüge. Zugegeben, das musste ich auch erst lernen. Früher hab ich selber gedacht, wenn ich mich wehren kann, wenn ich anderen Paroli biete, dann bin ich stark. Stimmt aber nicht. Es gehört schon mehr dazu.

Idra: Allerdings, dieses blöde „Recht des Stärkeren“-Gequatsche geht mir sowieso auf die Nerven. Genau diesen Kamelmist predigt auch die Kirche des blutigen Gottes, die behaupten auch, du wärst nur stark und würdig, wenn du andere unterdrückst und bluten lässt. Totaler Dreck, wenn ihr mich fragt. Damit rechtfertigen sie nur Willkür und Gewalt in der Stadt, mit Stärke hat das nichts zu tun. Wirklich stark sind nur die, die sich davon nicht kleinkriegen lassen.

 

Ich finde, das ist ein sehr schönes Schlusswort. Die drei Damen sind noch eine Weile hier, wenn jemand also Lust hat, ihnen noch ein paar Fragen zu stellen oder mit ihnen diskutieren, nur zu. Die Bühne gehört euch.

Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 2)

Der nette Psychopath von nebenan

„Ich verlange von den Leuten nicht, daß sie mir angenehm sind, weil es mich vor dem Problem bewahrt, sie zu mögen.“
– Jane Austen

Im Blogartikel von letzter Woche habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wieso Psychopathen hervorragende literarische Gegenspieler abgeben und was sie auszeichnet. Heute möchte ich mich einer etwa diffizileren Frage widmen, nämlich: Kann ein Psychopath auch Sympathieträger sein? Und wenn ja, wie soll das funktionieren?

Sie sind unter uns!

Nicht alle Psychopathen sind skrupellose Killer, Kannibalen oder sadistische Massenmörder. Es gibt eine Gruppe von Psychopathen, die sich beinahe lautlos in unserer Mitte bewegt, ohne, dass es uns auf den ersten Blick auffallen würde. Typen, die hinter Bankschaltern lauern, an Börsen spekulieren oder in Aufsichtsräten sitzen. Der Kriminalpsychologe Robert Hare bezeichnet diese Menschen als „corporate psychopaths“: Unternehmenspsychopathen.

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Menschenschinder oder Manager?

Im Gegensatz zu den im letzten Beitrag zitierten literarischen Psychopathen begehen diese Leute keine blutrünstigen Morde oder lassen Leute die Köpfe abschlagen (höchstens im übertragenen Sinn). Sie agieren als clevere Puppenspieler, manipulieren, intrigieren, spielen andere gegeneinander aus. Vordergründig sympathisch und charmant gewinnen sie schnell alle Herzen, bleiben aber in ihren Emotionen immer oberflächlich und kühl.

Auf der Suche nach Beispielen fällt der Blick mal wieder einmal nach Westeros. Während sich Psychopathen wie Joffrey Baratheon oder Ramsey Bolton durch ihre extremen Verhaltensweisen, ihr mangelndes Mitgefühl und ihr brutales Vorgehen zunehmend selbst ins Abseits drängen, haben wir in Tywin Lannister durchaus einen „corporate psychopath“. Tywin ist gefühllos, ehrgeizig und skrupellos, aber trotzdem ausgesprochen erfolgreich. Er zieht im Hintergrund die Fäden, weiß genau, wann er zuschlagen muss, um den bestmöglichen Profit zu erreichen. Anderer Leute Gefühle – selbst die seiner eigenen Kinder – sind ihm dabei höchstens lästig. Damit wird Tywin sicherlich nicht zu Mr.-Nice-Guy gewählt, aber im Vergleich zu seinem Enkel Joffrey ist er in der Lage, sein Verhalten zu steuern, sich sozialadäquat zu verhalten und rationale Entscheidungen zu treffen. Auf der Psychopathie-Checkliste von Robert Hare würde er vermutlich deutlich unter der Grenze für klinisch auffällige Psychopathen landen.

Mein Freund der Psychopath

Nun ja, wie ihr sicher merkt sind wir unserer Ausgangsfrage noch nicht wirklich näher gekommen, denn machtgierige Puppenspieler sind nicht unbedingt wesentlich sympathischer als Kannibalen. Nur etwas weniger blutrünstig und etwas weniger verhaltensauffällig.

Es bleibt also die Frage: Kann ein Psychopath zum Held einer Geschichte taugen? Kann sich ein Leser mit einer solchen Person irgendwie identifizieren? Ja. Das geht. Als Beispiel möchte ich diesmal keine literarische Figur heranziehen, sondern den Protagonisten der Netflix-Serie „House of Cards“, den fiktiven US-Politiker Frank Underwood.1

Auf den ersten Blick ist Frank ein typischer „corporate psychopath“. Er stammt aus widrigen familiären Verhältnissen, hat sich mit viel Ehrgeiz und wenig moralischen Schranken an die politische Spitze manövriert und intrigiert was das Zeug hält. Er spielt politische Parteien gegeneinander aus, schmeichelt sich ein, macht haltlose Versprechen, kramt schonungslos schmutzige Wäsche hervor und schubst auch mal Leute vor die U-Bahn, wenn sie ihm gefährlich werden. Klingt nicht gerade wie ein Vorzeige-Held? Nein, wirklich nicht.

Trotzdem ertappt man sich beim Ansehen der Serie immer wieder dabei, wie man sich auf Franks Seite stellt, seinem Gegner ein Scheitern wünscht, sein Verhalten schönredet, denn trotz all seiner Intrigen bleibt Frank irgendwie sympathisch. Wie macht der Kerl das?

Sympathien erzeugen

Im Laufe der Serie erfährt der Leser viel Persönliches über Frank, über seine Kindheit, seine Jugend, seine Ehe. Wir lernen ihn auf einer menschlichen Ebene kennen, sehen nicht nur den skrupellosen Politiker, sondern auch den Mann hinter der Maske und dessen kleine Fehler und Unzulänglichkeiten. Unterstützt wird diese emotionale Beteiligung durch Franks direkte Kommunikation mit dem Publikum. Durch das Durchbrechen der vierten Wand fühlt sich der Zuschauer persönlich angesprochen, wird zu Franks exklusivem Vertrauten, dem er sogar Geheimnisse anvertraut. Ganz klar, dass diese Nähe Sympathie schafft.

„Moments like this require someone who will act. Who will do the unpleasant thing, the necessary thing.“
– Frank Underwood,
House of Cards (2013)

Darüber hinaus verfügt Frank über einige Eigenschaften, die von uns grundlegend als sympathisch oder positiv angesehen werden. Er ist ein Self-made-man, ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der sich an die Spitze gearbeitet hat. Eine Vorbildfigur. Er ist ehrgeizig, intelligent, zielstrebig und beweist Humor. Seine moralisch verwerflichen Handlungen dienen nie einem niederen Zweck, sondern fügen sich in ein geschickt gesponnenes Gesamtbild ein, dessen Raffinesse uns immer wieder zum Staunen bringt. Kurzum: Er wickelt den Zuschauer mit seinem zynischen Humor und seinem Charme genauso um den Finger, wie seine politischen Gegner. Außerdem spielt er Videospiele. Wie kann ein Gamer nicht sympathisch sein? 😉

Von Frank können also auch Autoren einiges lernen. Selbst ein gewissenloser Machtmensch wie er haben das Zeug zum Sympathieträger, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Intelligenz, Zielstrebigkeit, Humor und kleine menschliche Unzulänglichkeiten können über moralische Aussetzer hinwegtäuschen, vor allem dann, wenn sich der Leser mit den Zielen und Ideen der Figur prinzipiell identifizieren kann.

Und mal ehrlich, Hand aufs Herz: Haben wir nicht alle eine kleine Schwäche für die „Bad Boys“ und „Bad Girls“?

Das Spiel mit dem Bad Boy

Trotzdem sollte man auch als Autor ein gewisses Fingerspitzengefühl beweisen, wenn man den Leser mit einem Psychopathen sympathisieren lassen möchte – der Schuss kann nämlich auch nach hinten losgehen.

Psychopathie ist kein Schalter, den der Charakter ein und wieder ausknipsen kann, wie es ihm gerade gefällt. So nützlich Ehrgeiz, Willensstärke und Furchtlosigkeit in manchen Situationen sein mögen, in anderen kann fehlende Empathie durchaus zum Hindernis werden. Auch Frank steckt immer wieder Niederlagen ein, weil seine Gegner sein falsches Spiel und seine Manipulation durchschauen. Gerade solche Momente von Nicht-Perfektion machen einen authentischen Charakter aus.

Auch in Beziehungen sollte man als Autor sehr genau darauf achten, wie weit man bereit ist, zu gehen. Sicherlich mag der aalglatte, zynische Psychopath einen heißen Love Interest abgeben, doch als liebevoller Partner taugt er in der Regel wenig. Egozentrik, übermäßige Dominanz und eine Unfähigkeit zu tieferen Gefühlen lassen den Traumtypen schnell zum Alptraum werden, zumindest wenn es um Liebe oder Romantik geht und nicht um Matratzenaction.

Manche Genre-Konventionen mögen durchaus zulassen, dass der böse Bube durch die Liebe seiner Auserwählten von seiner Arschlochhaftigkeit kuriert wird – ja, ich weiß, solche Tropes haben ihren Reiz! –, aber wir alle wissen, dass die Realität nicht so aussieht.  Die Medienwissenschaftlerin Debra Merskin kritisiert, dass Beziehungs-Konstellationen à la „Twilight“- ein kontrollsüchtiger, gefährlicher Typ und eine emotional beeinflussbare junge Frau, die gerettet werden muss  –  eine höchst zweifelhafte Botschaft über Beziehungen senden. Psychopathen sind schwierige Typen, gerade in Beziehungen. Auch Franks Ehe in „House of Cards“ funktioniert primär deswegen, weil seine Frau mindestens genauso psychopathisch ist wie er selbst. Deswegen: Augen auf bei der (literarischen) Partnerwahl!

Der Psychopath als (Anti-)Held

Kommen wir zu einem abschließenden Fazit. Während Psychopathen ausgesprochen dankbare literarische Gegenspieler abgeben, sind sie als Sympathieträger wesentlich anspruchsvoller. Es gilt, eine gemeinsame Basis zu schaffen, auf der sich der Leser mit der Figur identifizieren kann, seien es ein nachvollziehbares Ziel oder kleine Moment der Menschlichkeit, die exklusiv nur dem Leser vorbehalten sind. Auch positive Charaktereigenschaften wie Zielstrebigkeit, Intelligenz und Humor können über moralische Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen. Eine „Romantisierung“ von Psychopathen sollte jedoch mit Vorsicht erfolgen, denn hier können schnell falsche Signale gesendet werden. Mit der Gleichberechtigung in Beziehungen haben es solche Jungs nämlich nicht so wirklich.

Wie steht es um euch, kennt ihr literarische oder filmische Beispiele moralisch fragwürdiger Psychopathen, die ihr trotzdem irgendwie ins Herz geschlossen habt? Oder macht ihr um solche Typen lieber gleich einen großen Bogen? Wie weit dürfen böse Jungs als Love Interests gehen, ehe es fragwürdig wird? Wo liegt eure Grenze?

Freue mich über Feedback!


Literatur

Babiak, P. & Hare, R. (2007). Snakes in Suites. When psychopaths go to work. HarperBusiness.

Irwin, W. & Hackett, J.E. (2016). House of Cards and philosophy. Underwood’s republic. Chichester: Wiley .

Merskin, D. (2011). A boyfriend to die for. Edward Cullen as Compensated psychopath in Stephanie Meyer’s Twilight. Journal of communication inquiry, 35, 157-178.


1 Zugegeben, ursprünglich stammt die Figur aus dem Roman „House of Cards“ von Michael Dobbs, der allerdings in England angesiedelt ist und in der Charakterzeichnung einige Unterschiede zur Netflix-Adaption aufweist. Ich beziehe mich also durchgehend auf die US-Serie.

Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 1)

Das kriminelle Genie

„Haben Sie schon mal versucht, ohne Macht verrückt zu werden? Das ist langweilig. Niemand hört einem zu.“
– Russ Cargill in „Simpsons – Der Film“

Psychopathen. Ihre Lebenswelt fasziniert uns ebenso sehr, wie sie uns abstößt. Wir finden sie in Filmen, Büchern, Serien – und bisweilen auch im Alltag. Aber was zeichnet eigentlich einen Psychopathen aus? Wie realistisch sind die Darstellungen in der Literatur? Und was macht einen Psychopathen zum perfekten literarischen Gegenspieler?

Alltag trifft Wissenschaft

Im Alltagsjargon und der täglichen Presse wird der Begriff „Psychopath“ häufig gebraucht, meist für einen Menschen, den wir für eiskalt, berechnend und menschenverachtend halten. Mit der wissenschaftlichen Betrachtungsweise von Psychopathie stimmt diese Alltagsdefinition aber nur partiell überein.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieb der Psychiater Hervey Cleckley in seinem berühmten Werk „Mask of Sanity“ Psychopathie erstmals als Persönlichkeitsstörung, die sich hinter einer Maske der Normalität verbirgt. Fast fünfzig Jahre später führte der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare seine Forschungen weiter.  Jahrzehntelang arbeitete er mit Strafgefangenen und entwickelte daraus eine wissenschaftlich fundierte Checkliste, um Psychopathen erkennen und klassifizieren zu können. Diese „Psychopathy Checklist“, kurz PCL, ist bis heute eines der am meisten verwendeten Diagnoseverfahren in der Begutachtung von Straftätern.


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Hannibal, der (zu) perfekte Psychopath?

Als Prototyp eines Psychopathen in der Literatur wird gerne einer herangezogen: Hannibal Lecter. Psychiater, Musikliebhaber, Menschenfresser. Tatsächlich erfüllt Dr. Lecter eine ganze Reihe von Kriterien, die nach Hares Checkliste einen Psychopathen auszeichnen. Lecter ist charmant, manipulativ und selbstgerecht, er empfindet keine Reue für seine Taten, keine Empathie für seine Opfer und auch keine tieferen Gefühle für andere Menschen. Damit treffen auf ihn tatsächlich einige Punkte zu, die zu einer psychopathischen Persönlichkeit passen, doch die norwegischen Wissenschaftler Aina Sundt Gullhaugen und Jim Aage Nøttestad fanden bei Lecter nur einen PCL-Wert von 24. Als psychopathisch gelten Personen in der Regel erst ab einem Wert von 30. Wie kommt das?

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Hannibal Lecter: Der perfekte Psychopath?

Lecter ist als Psychopath eine Spur zu perfekt. Er ist hochintelligent, planungssicher, macht nie Fehler. Im „Schweigen der Lämmer“ gelingt es ihm nicht nur, der jungen FBI-Agentin Starling relevante Informationen über ihren laufenden Fall und ihre Vergangenheit zu entlocken, sondern entkommt obendrein aus einem Hochsicherheitsgefängnis und nimmt sogar noch Rache am verhassten Gefängnisdirektor. Genau hier liegt der Knackpunkt. Lecter stellt einen Idealbösewicht da, einen Mann, der trotz seines Wahnsinns brillant agiert. Ein Prototyp des criminal masterminds, der in der Realität selten existiert, die Zuschauer oder Leser aber in besonderem Maße fasziniert.

Reale Serienmörder wie der nie gefasste Zodiac Killer oder Ted Bundy boten das Vorbild für diese Form der „Elite-Psychopathen“ und formten die implizite Annahme, Psychopathen müssten neben ihrer Skrupellosigkeit, ihrer Gefühlskälte und ihrer Empathielosigkeit weltgewandte, gebildete und hochintelligente Personen sein, die jeden ihrer Schritte genau bedenken (s. Zitat). Dies trifft aber nur teilweise zu.

„Psychopathen sind nicht verrückt. Sie sind sich dessen, was sie tun und der Konsequenzen ihres Handelns vollkommen bewusst.“
– Mads Mikkelsen als Hannibal Lecter in „Hannibal“ (TV-Serie)

Neben einer antisozialen, kaltherzigen und skrupellosen Persönlichkeit zeichnen sich Psychopathen nämlich meistens auch durch einen sozial inadäquaten Lebensstil aus. Sie empfinden schnell Langeweile, suchen den Kick (z.B. in Drogen oder Kriminalität), leben auf Kosten anderer, sind impulsiv, unbeherrscht und schwer dazu fähig, sich langfristige Ziele zu stecken. Sie pendeln von einer Station im Leben zur anderen, wechseln die Partner genauso oft wie die Jobs und weisen oft auch eine problematische Kindheit und Jugend auf, in der es bereits zu Verhaltensauffälligkeiten kam. Abgesehen vom letzten Punkt trifft keines dieser Kriterien auf Hannibal Lecter zu.

Ab mit ihrem Kopf!

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Joffrey Baratheon, ein Psychopath auf dem Königsthron

Ein literarisches Beispiel für diese Aspekte der Psychopathie stellt zum Beispiel Joffey Baratheon dar, der unsympathische Zwischendurch-mal-König aus G. R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“. Joffrey ist kalt, skrupellos und machthungrig, er stellt sein Ego über alles, hat kein Mitleid mit anderen, agiert aber bisweilen in Konversationen durchaus charmant (z.B. mit seiner Verlobten Sansa). Bis dahin ist er Dr. Lecter noch recht ähnlich. Aber: Joffrey steht sich mit seiner selbstgerechten, impulsiven Art selbst im Weg, schafft sich Feinde. Seine Suche nach dem besonderen Kick lebt er aus, indem er andere quält und misshandelt, während er vor echter Verantwortung zurückschreckt und lieber andere für sich in den Kampf ziehen lässt. In Bezug auf die wissenschaftliche Definition erfüllt Joffrey damit mehr Kriterien der Psychopathie als Hannibal Lecter (aufgrund seines jungen Alters und der spezifischen Lebensumstände sollte man hier aber vorsichtig mit einer Diagnose sein).

Der Psychopath als Antagonist

Neben Joffrey und Lecter ließen sich bestimmt noch zahlreiche andere Beispiele von Psychopathen finden, die als Gegenspieler in einem literarischen Werk auftauchen (allein Westeros scheint voll von diesen Typen!). Der Grund dafür liegt auf der Hand: kaltherzige, skrupellose Machtmenschen ohne Empathie mit einem übergroßen Ego geben hervorragende Antagonisten ab. Sie vereinen in sich so viele negative Eigenschaften, dass es dem Leser leicht fällt, sie zu verachten, ihnen ein Scheitern zu wünschen. Zugleich üben diese Menschen aber auch eine morbide Faszination aus, die es dem Leser schwer macht, sich emotional so von ihnen zu distanzieren, wie es vielleicht bei einem dunklen Herrscher Sauron oder einem Lord Voldemort möglich ist. Diese Balance zwischen Verachtung und emotionaler Beteiligung funktionierte im Fall von George Martins Epos so gut, dass Jack Gleeson, der in der Serienverfilmung die Rolle des Joffrey Baratheon gab, sogar private Drohbriefe und Hassbotschaften aufgebrachter Zuschauer erhielt. Obwohl diesen bewusst gewesen sein dürfte, dass es sich nur um einen Schauspieler handelte, war die Entrüstung über das Verhalten des von ihm gespielten Charakters so immens, dass die Distanz zusammenbrach.

Darüber hinaus haben Psychopathen als literarische Gegenspieler noch einen zweiten Vorteil für den Autor: sie sind in der Regel nicht perfekt. So faszinierend die Vorstellung eines hoch-intelligenten kriminellen Genies à la Hannibal Lecter ist, nicht jeder psychopathische Antagonist muss in dieses Schema passen – im Gegenteil. Die meisten realen Psychopathen sind impulsive Personen mit einem unsteten Lebensstil, die sich mit ihrem Ego und ihrer Unfähigkeit, auf andere Menschen einzugehen oder deren Emotionen nachzufühlen, irgendwann so sehr selbst im Weg stehen, dass ihre Pläne scheitern. Sie mögen intrigieren, manipulieren, andere für ihre Zwecke benutzen – irgendwann kommt vielleicht der Moment, an dem sie sich einen Feind zu viel geschaffen haben, an dem sie zu weit gehen, an dem sie vor lauter Selbstbezogenheit oder aus einer impulsiven Laune heraus nicht mehr fähig sind, rationale Entscheidungen zu treffen.

Die Wissenschaft bestätigt diesen Eindruck. In ihrem Werk „Snakes in Suites“  (auf Deutsch „Menschenschinder oder Manager“) erklären Robert Hare und der Arbeitspsychologie Paul Babiak, dass Psychopathen aufgrund ihrer Gefühlskälte und ihrer Ellbogenmentalität zwar eine gute Aussicht darauf haben, in Führungspositionen zu gelangen, durch ihre Unfähigkeit zur Kooperation, ihr fehlendes Verständnis für andere und ihre mangelnde Bereitschaft, Fehler einzusehen, aber selten erfolgreich dabei sind. Wer dafür ein gutes, reales Beispiel sucht, muss nur ins Weiße Haus schauen.

Im Übrigen – das nur als Fußnote – ist Psychopathie nicht auf Männer begrenzt, allerdings liegt das Geschlechterverhältnis etwa bei 20:1. Trotzdem gibt es auch sehr überzeugende Darstellungen weiblicher Psychopathen in der Literatur, z.B. im Thriller „Gone Girl“ oder in Stephen Kings „Mysery“ (nicht zu vergessen Cersei Lannister, wie gesagt, Westeros ist ein Tummelplatz von Psychopathen).

Die Take-Home-Message

Letzten Endes erweisen sich Psychopathen also als hervorragende literarische Gegenspieler. Sie vereinen in sich zahlreiche Eigenschaften, die es dem Leser erleichtern, sie zu hassen, faszinieren aber genug, um ihren Werdegang (oder ihr Scheitern) hautnah miterleben zu wollen. Sie haben mit ihrer vordergründig charmanten, manipulativen Art gute Chancen darauf, politisch oder wirtschaftlich aufzusteigen, ihre Selbstbezogenheit und die Unfähigkeit, auf andere einzugehen oder langfristig Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, machen sie wiederum angreifbar.

Wie sieht es bei euch aus, seid ihr kürzlich – literarisch! – einem Psychopathen begegnet? Wie gefiel euch die Umsetzung? Oder gibt es heimliche Psychopathen in euren eigenen Büchern? Habt ihr sonst noch Fragen zum Thema? Ich freu mich über euer Feedback.

Nächste Woche widme ich mich übrigens im zweiten Teil dieses Themas der Frage, ob Psychopathen auch zum Helden einer Geschichte taugen. Wenn ihr neugierig seid, hier geht’s zum zweiten Teil: Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 2)


Literatur

Babiak, P. & Hare, R. (2007). Snakes in Suites. When psychopaths go to work. HarperBusiness.

Swart, Joan (2016). Psychopaths in films: Are portrayals realistic and does it matter? In: M.Arntfield & M. Danesi (Hrsg.). The criminal humanities (S. 73-98). Peter Lang International Academic Publishers.

Gullhaugen, A.S. & Nøttestad, J.A. (2010). Looking for the Hannibal Behind the Cannibal: Current Status of Case Research. International Journal of Offender Therapy and Comparative Criminology, 55, S. 350-369.