Fantasy

[Characters of Septemer, #1] Celio: Bürokrat, Perfektionist, Kontrollfreak

Der Nanowrimo 2017 steht vor der Tür, also hab ich mich spät aber doch entschieden, an der tollen #charactersofseptember Challenge teilzunehmen.

In der Rubrik Romanprojekte gibt es auch schon eine kurze Zusammenfassung meines geplanten Mantel&Degen-Steam-Punk-Krimis, aus dem ich euch heute den Protagonisten vorstellen möchte.

Also, Vorhang auf für Celio.


Nun, wärt Ihr zu Beginn vielleicht so freundlich, Euch den geneigten Lesern unserer Gazette vorzustellen?

Mein Name ist Celio Farese, ich bin Kronbeamter der Principessa von Farcata und bin sehr beschäftigt. Also, wenn wir dann zum Punkt kommen könnten?

Selbstverständlich. Man hat mich schon informiert, dass man Euch nicht unbedingt als humorvollen Menschen kennt.

So? Nur, weil ich meine Zeit lieber mit Arbeit als mit unnützem Vergnügen fülle? Farcata ist nicht zur reichsten Stadt des Kontinents geworden, weil sich ihre Bürger dem Leichtsinn und dem frivolen Leben hingegeben haben, sondern durch harte        Arbeit.

Das klingt sehr … öde, wenn Ihr mich fragt. Seht Ihr die Dinge immer so negativ?

Negativ? Davon kann doch gar nicht die Rede sein. Ich schätze meine Arbeit und es ist mir eine Ehre, im Dienst unserer ehrenwerten Republik zu stehen. Aber in einem mögt Ihr recht haben, ich bin wohl kein besonders humorvoller Mensch, das sagen mir meine Freunde auch immer. Er lächelt verlegen.

Ihr definiert Euch also vor allem durch Eure Aufgabe?

Celio seufzt und schaut auf seine Füße. Ich tue eben, was ich kann. Wenn Ihr an meiner Stelle wärt, würdet Ihr genauso handeln. Seit dem – er schluckt – Tod meines Vaters bin ich der letzte Nachkomme unserer Familie und es ist an mir, unseren Ruf wiederherzustellen. Von den Schulden ganz zu schweigen. Und ich finde, ich mache meine Sache gut. Ich bin fleißig, zuverlässig und lerne schnell.

Denken das andere auch über Euch?

Nun, ich hoffe es. Vermutlich halten sie mich auch für steif, humorlos, bieder und kontrollsüchtig. Er lächelt. Damit haben sie auch nicht ganz unrecht. Ich schätze, mein Pflichtbewusstsein und alles, was daraus resultiert, ist zugleich meine größte Stärke und meine größte Schwäche.

Eure Mitarbeiter aus der Zollkommission haben durchweg positive Worte über Euch verloren, auch der Senat lobt Eure Arbeit in höchsten Tönen.

Celio macht eine wegwerfende Handbewegung. Das ist doch das Mindeste. Ich erfülle meine Pflicht, ich finde nicht, dass man das überbewerten sollte.

Gibt es denn auch eine Form von Lob, die Euch stolz macht?

Jedes Lob macht mich stolz. Ich ruhe mich nur ungern auf meinen Lorbeeren aus.

Sehen wir uns die andere Seite an, wie steht es um Kritik? Wie geht Ihr damit um, wenn Euch jemand kritisiert?

Celio kaut auf seiner Unterlippe. Ich würde gerne behaupten, dass mir Kritik nichts ausmacht, dass sie mir Anstöße gibt, noch besser zu werden. Aber das stimmt nicht. Die Angst zu scheitern ist jeden Tag so präsent, dass ich sie nie ganz ausblenden kann, und jede Form von Kritik scheint mich diesem Scheitern näher zu bringen.

Ist es das, wovor Ihr Euch am meisten fürchtet? Zu Versagen?

Das auch, ja. Und … Es schaudert ihn und er tupft sich die Stirn mit einem Taschentuch ab. Nun, Ihr wisst sicher, was meinem Vater zugestoßen ist. Er war ein außergewöhnlich tüchtiger Mann, doch plötzlich begann er sich zu verändern. Er wurde misstrauisch, paranoid, begann Dinge zu sehen, die nicht da waren, vernachlässigte seine Aufgaben. Irgendwann war er überhaupt nicht mehr er selbst, der Wahnsinn hatte ihn vollständig vereinnahmt. Die Vorstellung, dass auch mich dieser Wahnsinn eines Tages ereilen könnte … Er schüttelt entsetzt den Kopf. Das ist mehr als ich ertragen kann.

Eine beängstigende Vorstellung, durchaus. Nun, vertiefen wir dieses Kapitel nicht weiter, wir wollen unsere Leser ja nicht verschrecken. Kommen wir zu einem angenehmeren Thema. Die Damen und Herren von Farcata munkeln, Ihr wärt noch immer Junggeselle. Wie kommt’s?

Celio zuckt die Schultern. Ich bin mit meiner Arbeit verheiratet, da bleibt wenig Zeit für Empfänge, Bälle oder andere Festivitäten. Abgesehen davon dürfte ein verarmter, bis über beide Ohren verschuldeter Bürokrat wohl kaum als gute Partie durchgehen.

Nun, das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber lassen wir Geld und Ansehen doch einmal außen vor, welche optischen Vorzüge könnten unsere Leser oder Leserinnen an Euch interessieren?

Celio verdreht die Augen. Als würde mich solcher Firlefanz interessieren. Ich bin zu mager, zu blass, meine Beine sind zu kurz und ich verstehe mich nicht besonders gut auf die Finessen der aktuellen Mode. Gebt Euch also nicht zu viel Mühe, mich verkuppeln zu wollen.

 


Fortsetzung folgt nächste Woche.

Charaktervorstellung Idra, Teil 2

Ein Beitrag zur Opfermond-Release-Woche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

Idra durftet ihr ja gestern schon ein wenig kennen lernen, heute ergänze ich ihren Steckbrief durch eine kleine Szene.

Idra ist ein Kind des Sha-Quai und ist in den staubigen Gassen geboren und aufgewachsen. Sie kennt ihren Teil des Armenviertels nahezu auswendig und manche Ecken bergen alte Erinnerungen.

Aber lest selbst.

Opfermond_Idra_Schnipsel

Hier ist außerdem der Link zur Facebook-Veranstaltung für die Release-Woche.

Charaktervorstellung Idra

Ein Beitrag zur Opfermond-Releasewoche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

Varek habt ihr nun besser kennengelernt, heute möchte ich euch die zweite Hauptfigur aus „Opfermond“ vorstellen: die Straßenhure Idra. Das wundervolle Porträt stammt wieder von der talentierten Guddy Hoffmann-Schönborn (Fried Phoenix Geekblog).

Idra_GuddyPortrait

Idra ist ursprünglich als Rollenspiel-Charakter für „Das schwarze Auge“ entstanden, hat sich dann aber ziemlich schnell in diesen Roman geschlichen. Aus dem Südquartier Gareths ist sie ins Armenviertel von Ghor-el-Chras umgezogen, an ihrem losen Mundwerk und ihren laxen Manieren hat sich dabei nicht viel geändert.

Idra ist neunzehn Jahre alt und mit ihrem flammendroten Haar ist sie eine echte Exotin in den Straßen von Ghor-el-Chras. Angeblich hat sie diese Besonderheit ihrem Vater zu verdanken, doch dem ist sie nie begegnet.

Idra hat ihr ganzes Leben im schlechtesten Viertel der Stadt verbracht und hat nie etwas anderes kennengelernt als den Gestank und das Elend in den Straßen des Sha-Quai. Trotzdem hat sich Idra ihren Stolz bewahrt und beschlossen, vor niemandem zu kriechen, auch nicht vor der Obrigkeit oder ihrem brutalen Zuhälter. So erträgt sie das Leben, zu dem sie verdammt ist, mit so viel Würde wie möglich – und hofft im Stillen, die Stadt irgendwann verlassen zu können, um neu anzufangen.

IdraCharakter

Auch wenn sie es nie zugeben würde, hat Idra ein gutes Gespür für Schönheit: für die ruhigen Momente bei Sonnenaufgang, für den Duft von Jasminblüten und den Geschmack von frischem Fladenbrot. Außerdem hat sie ein gutes Auge für Wertsachen. Das Wichtigste in ihrem Leben bleibt aber ihr einziger Freund, der Strichjunge Djarid. Denn Freunde sind kostbar im Sha-Quai.

Morgen gibt es noch einen kurzen Textschnipsel zu Idra, der ihr Leben im Armenviertel ein bisschen deutlicher illustriert.

Idra hat sich übrigens vor einer Weile in einem Interview mit zwei weiteren Roman-Figuren aus meiner Feder über Frauenrollen, Vorbilder und ihre Definition von Stärke unterhalten. Den Beitrag findet ihr hier: Ladies‘ talk: Starke weibliche Charaktere

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Charaktervorstellung Varek: Teil 2

Ein Beitrag zur Opfermond-Releasewoche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

Gestern hab ich euch ja schon ein bisschen etwas über Varek erzählt (oder er über sich), heute möchte ich das Ganze mit einer kleinen Textstelle illustrieren.

Varek ist, nicht zuletzt aufgrund seiner Profession als Auftragsmörder, ein klassischer Einzelgänger. Da die Bürger von Ghor-el-Chras ohnehin nur Abschaum in ihm sehen, hält er sich vorrangig an Leute, die man bezahlen kann: Diener, Rauschkrauthändler und Prostituierte.

Glück ist etwas, das sich ein Unbestechlicher nicht leisten kann, doch mit der richtigen Menge Rauschmittel kann Varek zumindest eine Weile in schönen Erinnerungen schwelgen. Aber lest selbst.

Opfermond_Varek_Schnipsel

Morgen widmen wir uns dann der zweiten Hauptfigur aus „Opfermond“ – der Straßenhure Idra.

Hier ist außerdem der Link zur Facebook-Veranstaltung für die Release-Woche.

Charaktervorstellung: Varek

Ein Beitrag zur Opfermond-Release-Woche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

Heute möchte ich euch Varek vorstellen, den (Anti-)Helden aus „Opfermond“. Er war von Anfang an Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, die Figur, mit der alles begonnen hat.

Das wunderschöne Charakter-Porträt stammt von der großartigen Guddy Hoffmann-Schönborn (Fried Phoenix Geekblog).

Varek_GuddyPortrait

Varek gehört den „Unbestechlichen“ an, einem Orden von Spionen und Auftragsmördern. Die Anhänger des Ordens werden hervorragend bezahlt, gleichzeitig ist es ihnen verboten, zu heiraten, politische Ämter zu bekleiden oder in anderer Weise am öffentlichen Leben teilzuhabe. Deswegen gelten sie auch als unbestechlich. Da die Assassinen durch einen blutmagischen Schwur an den Orden gebunden werden, ist es auch keine gute Idee, gegen die Regeln zu verstoßen – Renegaten haben in der Regel eine sehr kurze Lebensdauer.

Eben das ist der Grund, weshalb Varek diesem Orden immer noch dient, denn eigentlich verabscheut er seine Tätigkeit. Was ihn dazu gezwungen hat, den Unbestechlichen beizutreten, will ich an dieser Stelle noch nicht verraten. Und ebenso wenig, warum Varek die Dunkelheit mehr fürchtet als alles andere.

VarekCharakter

Ursprünglich stammt Varek übrigens aus Irhassar, einer Stadt in den Bergen, weit weg vom Trubel der Hauptstadt. Nach Ghor-el-Chras führte ihn der Wunsch nach Ruhm, Ansehen und Ehre für seine Familie – doch am Ende war genau das Gegenteil der Fall.

Leider ist Varek nicht sonderlich gesprächig, ein typischer Einzelgänger eben. Auf meiner Couch hat er sich trotzdem ein paar Informationen aus der Nase ziehen lassen: Varek auf der Couch

Morgen gibt es einen kurzen Textschnipsel zu Varek und noch ein paar Eindrücke von seinem Leben als Unbestechlicher.

Hier ist außerdem der Link zur Facebook-Veranstaltung für die Release-Woche.

 

Intrigen, Korruption & Gewalt – Politik in Ghor-el-Chras

Ein Beitrag zur „Opfermond“-Release-Woche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

In drei Wochen stehen die Bundestagswahlen an und viele Menschen in Deutschland tragen sich mit dem Gedanken, nicht zu wählen. Sie fühlen sich von den herrschenden Parteien nicht repräsentiert, interessieren sich nach eigener Aussage nicht für Politik oder haben den Eindruck, mit ihrer Stimme ohnehin nichts bewegen zu können. Freie, demokratische Wahlen sind ein derart fester Bestandteil unseres politischen Systems geworden, dass viele deren große Bedeutung gar nicht mehr wirklich erfassen können oder zu schätzen wissen.

Politik & Fantasy

Fantasy-Romanen wird oft vorgeworfen, sie würden sich nicht mit realen Problemen befassen, doch im Grunde ist genau das Gegenteil der Fall. Fantasy kann sehr politisch sein, manchmal mehr, manchmal weniger.

Für „Opfermond“ habe ich mir ganz bewusst die Frage gestellt: Was wäre, wenn es in einer Gesellschaft so etwas wie freie Wahlen niemals gegeben hätte? Wenn es keine unabhängige Justiz gäbe, keine gerechten Gesetze, an denen Menschen sich orientieren? Wenn sich das System nicht nach den freiheitlich-demokratischen Regeln des Zusammenlebens richtet, sondern gnadenlos jeden unterdrückt, der nicht ins Raster passt? Traurigerweise gibt es solche Zustände auch in unserer Welt nach wie vor, für „Opfermond“ habe ich diese Verhältnisse aber noch einmal bewusst überzeichnet.

Falls euch das Thema „Fantasy & Politik“ übrigens grundlegend interessiert, vor einem halben Jahr gab es eine spannende Blogreihe mit einigen Beiträgen zum Thema. Eine Übersicht findet ihr hier.

Im Zeichen des Blutigen Gottes

Werfen wir einen genaueren Blick auf die politischen Verhältnisse in „Opfermond“. Das Shai und dessen Hauptstadt, Ghor-el-Chras, sind durch und durch feindselig. Es gibt kein Sozialwesen, keine Hilfe für Bedürftige, keine ehrliche Rechtsprechung.

Das System ist theokratisch, das heißt an der Spitze steht der Hohepriester des Gottes Chras, dessen Kirche und Religion das Leben der Menschen extrem beeinflusst. Chras ist ein Blut- und Kriegsgott, dargestellt als muskulöser Mann mit dem Kopf eines Stieres, seine Insignien sind Schwert und Geißel. Wer Chras anbetet, glaubt an die uneingeschränkte Macht des Stärkeren. Der Starke darf den Schwachen unterdrücken, ausbeuten oder bekriegen, solange dieser sich nicht zu wehren weiß. Damit rechtfertigt die Gesellschaft nicht nur Sklaverei, sondern auch die Unterdrückung der Frau, der Kranken und Bedürftigen. Es ist ein brutales und zugleich erschreckend einfaches System. Es erfordert kein Mitgefühl, kein Verständnis und keine Barmherzigkeit, sondern fördert Egoismus und Einzelgängertum.

Ehre und Familie

Das Einzige, das neben der persönlichen Stärke zählt, ist die Familienehre. Der Status einer Familie lässt sich bereits an der Art des Namens erkennen. Wer aus einfachem Hause stammt, setzt ein „ther“ vor den Familiennamen, gut betuchte Familien ein „sin“ und die acht einflussreichsten Familien der Stadt ein „dai“. Für die meisten Menschen in der Stadt zählt die Ehre der Familie mehr als ihr persönliches Wohl, denn wo zwischen einzelnen Parteien Missgunst, Hass und Gewalt schwelt, halten die Familien in der Regel zusammen. Neid, Missgunst und Verleumdung greifen aber trotzdem überall um sich, wo es um Macht und Einfluss geht.

Der Rat der Acht

Apropos Einfluss. Während der Hohepriester als nominelles Oberhaupt der Stadt Ghor-el-Chras gilt, liegt die wahre Macht beim Rat der Acht, einem Gremium aus den Patriarchen (oder Matriarchinnen) der acht wichtigen Familien. Da diese Familien zudem ein Gewerbe unter sich vereinen, gelten die Vertreter im Rat der Acht nicht nur als Familienoberhaupt, sondern auch als Kopf der acht großen Gilden.

RatDerAcht

Zusammensetzung im Rat der Acht

Im Rat der Acht werden die wichtigen Entscheidungen für die Stadt getroffen und natürlich versucht jede Partei, das Beste für sich herauszuschlagen. Intrigen, Sabotage und Attentate sind demnach an der Tagesordnung, denn wenn es eines gibt, das mächtige Menschen immer wollen, dann ist es noch mehr Macht.

Die Viertel

Unter dem Rat der Acht stehen die drei Verwalter der großen Viertel, die Bari. Ghor-el-Chras besteht aus drei Ringen, die nach innen schmäler werden. Auf dem höchsten, innersten Punkt der Stadt thront der Tempel des Chras, daran schließt sich das Sha-Amin an, das Viertel der Reichen, in dem nur die acht großen Familien leben. Das Sha-Nuri beherbergt die normalen Bürger, Handwerker und  Händler und gilt als wirtschaftliches Zentrum der Stadt. Hier liegen der Basar, die Arena und die großen, wichtigen Märkte. Der äußerste Ring ist das Sha-Quai, das Armenviertel der Stadt, in der das Leben beileibe kein Zuckerschlecken ist. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft also weit auseinander: Wo die Vermögenden in ihrem eigenen, abgeschotteten Viertel in Luxus schwelgen, kämpfen die Armen jeden Tag ums Überleben und sehen sich obendrein der Willkür der Reichen ausgesetzt. Ein Aufstieg ist nur schwer möglich – ein Abstieg dagegen geht schnell.

Karte Opfermond

(c) Hauke Kock

Das Leben in Ghor-el-Chras

Wie lebt es sich nun in einer Stadt, in der soziale Gerechtigkeit ein Fremdwort ist? Die meisten Menschen dort leben nach der Devise „Leben oder Leben lassen“. Sie umgeben sich mit ihresgleichen, blicken selten über den Tellerrand hinaus und lernen, ihre eigenen Interessen über die der anderen zu stellen. Liebe, Freundschaft oder Empathie sind Luxus, den sich viele Menschen nicht leisten können, und machen Kalkül und Konkurrenzkampf Platz.

„Varek kannte beides: das Sha-Quai, in dem die Menschen jeden Tag um ihr Leben kämpften, und das Sha-Amin, in dem sie verlernt hatten, für irgendetwas zu kämpfen, von ihrem eigenen Ego abgesehen. Er konnte sich nicht entscheiden, was er abstoßender fand.“
– aus „Opfermond“

Lichtblicke

Trotz dieser feindseligen, düsteren Umgebung ist aber nicht alles schlecht in der Stadt des blutigen Gottes. Auch hier gibt es Menschen mit Herz und Verstand, starke Frauen, die sich ihren Weg an die Spitze kämpfen, oder einfache Leute, die lieber geben statt zu nehmen.

Im Laufe der Woche werde ich euch Varek und Idra vorstellen, die Protagonisten aus „Opfermond“. Beide sind auf ihre Weise Opfer des politischen Systems in Ghor-el-Chras geworden und haben ihren eigenen Weg gefunden, mit ihrem Los umzugehen. Teils auf konstruktive, teils auf eher zerstörerische Art.

Oh, und übrigens: Wir haben das große Glück, in einem freiheitlich-demokratischen Land zu leben, in dem wir uns über solche Probleme keine Gedanken machen müssen. Helft mit, das zu erhalten, und geht am 24. September zur Wahl, damit solche Parteien, die Feindseligkeit, Hass und Neid schüren, keine Chance bekommen, ihre Parolen zu verbreiten.


 

Habt ihr zuletzt Fantasy-Romane gelesen, deren politisches System euch fasziniert hat? Was daran fandet ihr spannend? Schreibt ihr vielleicht selbst und habt euch schon Gedanken über politische Systeme und gesellschaftliche Ideologien gemacht? Erzählt mir gern davon, ich bin gespannt.

Hier ist außerdem der Link zur Facebook-Veranstaltung für die Release-Woche.

Charaktere auf der Couch: #4 Kurt

In der heutigen Sitzung lernen wir Kurt kennen. Er ist ehemaliger Bundeswehrsoldat und mittlerweile viel beschäftigter Privatdetektiv in – nun ja – ganz besonderem Auftrag. Seine Ehefrau Sonja, mit der er einen kleinen Sohn hat, macht sich allerdings Sorgen um ihren Ehemann. Offensichtlich scheint Kurt schön langsam den Verstand zu verlieren. Wir gehen der Sache lieber auf den Grund.

Ah, Sonja, schön, dass Sie da sind. Nehmen Sie doch Platz. Es geht um Ihren Ehemann Kurt, nicht wahr? Schildern Sie mir doch noch mal kurz, warum Sie hier sind.

Ja, ähm, hallo. Danke. Sie setzt sich und streicht mit beiden Händen Ihre roten Locken nach hinten. Kurt, ja, um den geht’s.

Einen Moment starrt sie unschlüssig vor sich hin, dann holt sie tief Luft. Ich sollte wohl erst ein bisschen über uns beide erzählen. Kurt und ich, wir haben uns vor knapp drei Jahren kennengelernt. Über meine Schwester. Siearbeitete damals in so einem Institut in München, das beschäftigt sich mitPolitik- und Gesellschaftsforschung.

Sie stutzt und macht lächelnd eine wegwerfende Handbewegung. Ach, das tut ja nichts zur Sache. Also, Anke – so hieß meine Schwester, sie ist im Sommer darauf gestorben – hatte Kurt zufällig getroffen, als wir beide Eis essen waren. Sie hat ihn zu uns an den Tisch gewunken, und er hat mir einfach sofort gefallen. Fast zwei Meter groß, breit und sportlich, ein markantes Gesicht. Ein paar Narben hat er, aus Afghanistan, aber …

Ich bin mir sicher, das ist eine sehr romantische Geschichte, Sonja, aber wir müssen auch auf die Zeit achten, ja? Also, warum sind Sie hier?

Sie knetet ihre Finger durch. Also, eigentlich macht der Kurt einen vollkommen normalen Eindruck, und als er mir damals erzählt hat, dass er sein Trauma von Afghanistan erfolgreich besiegt hat, da hab ich ihm das geglaubt. Nur fürchte ich jetzt, er hat dieses Trauma durch … ich weiß nicht … naja, eine Wahnvorstellung ersetzt. Die er aber absolut ernst nimmt. Und da sitze ich jetzt mit unserem zwei Monate alten Sohn und muss glauben, dass sein Vater – sie lacht hysterisch auf – irre ist.

Irre? Was meinen Sie damit?

Ähm … Er macht da ja so ein Geheimnis draus. Ich musste ihm schwören, niemandem was zu sagen. Hab ihn auch nur mit Mühe dazu gebracht, hierher zu kommen. Er ist nur bereit, das ganze Thema hier zu besprechen, weil er sich auf Ihre Schweigepflicht verlässt. Und er besteht darauf, Ihnen selbst zu sagen, worum es geht – wenn überhaupt.

Nun gut, dann holen wir ihn dazu. Kurt? Würden Sie sich zu uns setzen?

Kurt kommt herein und setzt sich neben Sonja. Für so einen großen Kerl schaut er ziemlich verschüchtert drein, streicht sich verlegen über seinen Stoppelhaarschnitt.

Grüß Gott dann auch.

Guten Tag Kurt, schön, dass Sie gekommen sind. Ihre Frau sagt, es gäbe da etwas, das Sie mir sagen möchten. Sie macht sich große Sorgen um Sie. Können Sie sich vorstellen, worum es geht?

Na, dass ich es unbedingt sagen will, ist reichlich übertrieben. Ich bin nur hier, weil Sonja darauf besteht. Sie unterliegen auch garantiert der Schweigepflicht, ja? Das ist mir sehr wichtig!

Natürlich. Sie können sich darauf verlassen, dass nichts nach außen dringt.

Na schön. Er setzt ein paar Mal zum Sprechen an, bis er endlich was rausbringt.

Ich verstehe ja, dass Sonja mich für geisteskrank hält, bei dem, was ich ihr eröffnet habe. Ihnen wird das nicht anders gehen, und ich würde genauso reagieren, wenn ich es nicht besser wüsste.

Ach, wenn Sie wüssten, mit wem ich es die letzten Wochen so zu tun hatte … Also, nun raus mit der Sprache!

 Tja … na gut … also ganz direkt: Ich habe beruflich und privat mit … ähm … mit … Leuten zu tun, die man gemeinhin eher in Märchen und alten Sagen verortet, aber nicht in der Realität.

Wollten Sie nicht ganz direkt sein? Ich kann ja schlecht raten, was Sie meinen. Elfen? Die Men in Black? Engel? 

Die auch. Also, die Engel. Wenn auch sehr selten, die beiden haben meistens zu tun.

Wie bitte?

 Sonja verschränkt die Arme vor der Brust. Sehen Sie? So hab ich auch reagiert. Ganz zu schweigen von den Göttern.

Macht sich eifrig Notizen. Aha, lassen Sie mich das verstehen, Kurt. Gott und die Engel – sehen Sie die nur oder sprechen Sie auch mit Ihnen? Wie lange geht das denn jetzt schon so, können Sie sich erinnern, wann es angefangen hat?

Klar kann ich das. Das war im Frühjahr 2012, als ich meinen ersten richtig interessanten Fall als Privatdetektiv hatte. Dabei wollte ich den erst gar nicht annehmen. Wenn ich geahnt hätte, was da wirklich auf mich zukommt …

Er schaut zu Sonja neben sich.  Andererseits … ohne diesen Fall damals hätte ich auch Sonja nie kennengelernt, von daher … Ach so, und natürlich sehe ich die nicht nur, sondern spreche auch mit ihnen. Das Sehen ist dazu gar nicht mal unbedingt nötig, zumindest bei den aktiven. Aber das ist dann doch etwas gewöhnungsbedürftig, so eine Stimme im … ähm … Er merkt, was er da sagt, und schweigt lieber.

In Ihrem Kopf, wollten Sie sagen? Kurt, nur so der Vollständigkeit halber: Nehmen Sie eigentlich irgendwelche Medikamente? Oder …

Drogen meinen Sie? Er lacht sarkastisch.
Nein, glauben Sie mir, selbst mein etwas … sagen wir erhöhter Alkoholkonsum damals ist längst passé. Aber ich versteh schon, dass sie den Verdacht haben. Wie gesagt, ich würd’s ja selbst nicht glauben, wenn ich’s nicht besser wüsste.

Sonja schaut die Therapeutin gequält an. Verstehen Sie jetzt, warum ich mir Sorgen mache? Er ist ein toller Vater, auch für meine beiden Großen, aber … Sie schaut nun schüchtern Kurt an. Ich hab schon etwas Bedenken, wie sich solche Wahnvorstellungen auswachsen könnten.

Kurt schnaubt. Ich wollte dich ja mitnehmen und ihnen vorstellen, aber da warst du dann auch nicht einverstanden.

Sie meinen, diese Engel und sogar Gott würden auch mit Sonja sprechen?

Schätze schon, ja.

Wohin müssten sie Sonja dann mitnehmen? In eine Kirche?

Kurt winkt ab. Nein, da würden wir bestenfalls AJ und seine Jungs treffen. Wobei wir dazu auch nicht unbedingt in eine … warten Sie mal.
Er schaut nachdenklich von der Therapeutin zu Sonja und zurück. Schließlich seufzt er. Wissen Sie was? Ich funk ihn grad mal an. Beenden wir diesen Quatsch hier.

Äh, anfunken? Wen? Kurt, ich denke nicht, dass Sie …

Warten Sie’s ab. Wenn er nicht grad wieder irgendwo auf der Welt versucht, ein paar selbsternannte Supermoslems oder so zur Räson zu bringen, ist er vielleicht auf Empfang. Er schließt die Augen und sieht sehr konzentriert aus.

Kurt? Kurt ist alles in Ordnung? Können Sie mich hören?

Sonja zuckt hilflos die Achseln und zeigt mit fragendem Gesichtsausdruck eine Mattscheibe.

Plötzlich ertönt eine weitere Stimme. Aber nicht doch. Sonja, was denkst Du nur von Deinem Mann?

Was? Wie zum …? Wie sind Sie hier reingekommen? Da ist doch … gar keine Tür!

Mitten im Raum steht ein runzliger, kleiner Mann mit dicker Hornbrille und einem verschmitzten Lächeln in den Augen.

Kurt stößt einen Seufzer aus. AJ, da bist Du ja!

Ist doch Ehrensache, mein Junge. Er legt der Therapeutin die Hand auf die Schulter und schaut ihr in die Augen. Sie hat noch nie so viel Wärme und Güte in einem Blick gesehen. Ich denke, ich kann das mit den Beiden regeln. Wärst du so nett, mir mal kurz dein Büro zu überlassen?

 Äh … klar … nur zu. Viel Spaß. Ich brauch jetzt erst mal einen Schluck.


Tja, vKurtCoverielleicht ist Kurt gar nicht so verrückt, wie er auf den ersten Blick scheint. Wenn ihr euch davon überzeugen wollt, „Kurt – in göttlicher Mission“ aus der Feder von Sascha Raubal ist direkt beim Machandel-Verlag und bei den gängigen Online-Händlern erhältlich. Ein weiterer Fall ist bereits in Arbeit und soll noch dieses Jahr erscheinen, haltet also die Augen offen.

Sascha Raubal: fantasy.raubal.de

 


Wenn ihr Kurt, Sonja, AJ oder mich noch mit Fragen löchern wollt, nur zu. Vielleicht habt ihr ja eure ganz eigene Sicht dessen, was real ist und was nicht.

Der nächste Sitzungstermin findet am 7. August statt. Mein Patient ist der englische Gentleman Horatio unter dessen charmanter Fassade eine ziemlich düstere Persönlichkeit lauert. Mal sehen, ob wir seinem wahren Ich auf die Schliche kommen.

Für eine Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

 

Charaktere auf der Couch: #3 Varek

Die heutige Therapiesitzung wird für mich besonders anspruchsvoll, denn auf meiner Couch sitzt heute mein eigener verkorkster Protagonist. Varek ist Mitte dreißig, groß, kräftig gebaut mit markanten, harten Gesichtszügen und dunklen Augen, in denen eine bittere Melancholie liegt. Er gehört den „Unbestechlichen“ an, einem Orden von Auftragsmördern, doch glücklich ist er mit diesem Los nicht. Eigentlich hat Varek nämlich geschworen, Leben zu schützen statt zu beenden.

Varek, schön, Sie wiederzusehen. Sie sind lange nicht mehr hier gewesen.

Varek nimmt auf der Couch Platz. Seine Muskeln sind angespannt und in seinem Blick liegt eine tiefe innere Unruhe. Wozu auch? Mein Leben ist ein verdammter Trümmerhaufen, ich brauche keinen Seelenklempner, der mir das bestätigt. Wie soll mir eine wie Sie schon helfen können?

Wenn Sie ehrlich zu mir gewesen wären, hätte ich auch versuchen können, Ihnen zu helfen. Sie haben mir eine ganze Menge verschwiegen, damals.

schnaubt. Wundert Sie das? Ein Auftragsmörder, der sich im Dunkeln fürchtet – können Sie sich vorstellen, wie demütigend das ist?

Sie wissen, dass ich nicht nur davon spreche.

Sie meinen das Sharak? Er knurrt verächtlich. Ich bin nicht süchtig danach, das habe ich Ihnen schon Dutzende Male gesagt. Versetzen Sie sich mal in meine Lage, dann könnten wir sehen, was Sie für ein paar Minuten Ruhe oder Entspannung alles tun würden. Das bisschen Rauschkraut ist sicher das kleinere Übel.

Hm. Macht sich eine Notiz auf dem Klemmbrett. Wie häufig rauchen Sie es mittlerweile? Täglich?

Er strafft sich erbost. Unsinn. Nur hin und wieder. Manchmal.

Mit Nachdruck. Wie oft, Varek?

Seine Stimme wird lauter. Keine Ahnung, lassen Sie mich damit in Ruhe. Das Sharak lässt mich für eine Weile vergessen, wie verdorben mein Leben ist, wenigstens das könnten Sie mir gönnen.

Ich kann das nachvollziehen, glauben Sie mir, aber Sie wissen, dass dieses Zeug nur ein trügerischer Freund ist. Sie könnten ein paar echte Freunde brauchen.

Was Sie nicht sagen. Schnaubt verächtlich. Und woher soll ich die nehmen? Aus Holz schnitzen? In Ghor-el-Chras bin ich nichts weiter als Abschaum, keiner gibt sich mit mir ab, außer denen, die ich dafür bezahle. Geld schafft keine Freunde.

Wohl wahr. Selbstmitleid übrigens auch nicht.

Er springt auf die Beine, stützt die Arme auf den kleinen Tisch vor der Couch und fixiert die Therapeutin eindringlich. Haben Sie schon einmal einen Menschen getötet? Ihm in den Augen gesehen, während er starb? Wohl kaum. Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, zu töten, was es mit einem Menschen macht. Also tun Sie nicht so erhaben.

Schon gut, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten. Setzen Sie sich wieder, bitte.

Mit grimmiger Miene nimmt Varek Platz, immer noch angespannt, als müsse er sofort zum Sprung ansetzen. Meinetwegen. Aber kein Wort mehr über meine Tätigkeit und das Sharak, verstanden?

Seufzt. Verstanden. Dann sprechen wir über Ihr Problem mit der Dunkelheit. Treten diese Ängste durchgehend auf oder nur manchmal?

Vareks Blick schweift ins Leere, ein leises Zittern überläuft ihn. Unterschiedlich. Es wird schlimmer, wenn ich jemanden getötet habe, wenn mich die Schuld und der ganze Frust zerfrisst. Die Nächte danach sind grauenhaft. Überall dieses Flüstern, die Schatten, die nach mir greifen … Es schaudert ihn. Vor Jahren war es noch weniger heftig, ich habe das Gefühl, mit jedem Opfer wird es schlimmer.

Können Sie die Angst in Worte fassen? Was genau geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Ich weiß nicht. Es ist, als wäre da jemand. Etwas. Unbeschreiblich, aber immer da, immer präsent. Etwas, das auf mich lauert, das nach Rache sinnt, das mir jeden vergossenen Blutstropfen heimzahlen wird. Seine Finger graben sich in die Sofakissen, er presst die Lippen zusammen. Gegen diesen Gegner kann selbst meine Klinge nichts ausrichten. Nur Licht hilft. Ein wenig.

Ich schätze, Ihnen ist klar, dass dort kein echter Gegner auf sie lauert, nicht wahr? Alles, was Sie bedroht, sind Ihre eigenen Gedanken.

Varek zuckt die Schultern. Und wenn schon – ich kann nichts dagegen tun. Die Angst ist einfach da. Ich fürchte den Tod nicht, im Gegenteil, aber diese Panik ist schlimmer als alles andere. Ich kann nicht einmal in Worte fassen, wovor ich mich fürchte. Vor mir selbst, vor der Kirche, vor meinen Gegnern …

Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, Sie haben einfach Angst vor der Angst. Sie wissen, dass die Dunkelheit Beklemmung in Ihnen auslöst, also meiden Sie dunkle Orte, und falls Sie diese nicht meiden können, leben Sie in ständiger Sorge, dass Sie gleich in Panik verfallen könnten. Klingt das logisch für Sie?

Hm. Ja, ein wenig. Es ist aber mehr als das. Es geht … tiefer. Diese Angst. Er winkt ab. Das würden Sie nicht verstehen.

Wie Sie meinen. Sie haben vorhin erwähnt, die Ängste würden schlimmer, wenn Sie einen schlechten Tag haben. Vielleicht könnten wir da ansetzen. Was macht Ihnen denn Freude, wie könnte denn ein guter Tag für Sie aussehen?

Er blickt die Therapeutin mit einem Blick an, der pure Abscheu ausdrückt. Ein guter Tag? Er stößt ein freudloses Lachen aus. Sie machen sich über mich lustig, oder?

Mitnichten. Also, was könnte Ihre Stimmung aufhellen? Und sagen Sie jetzt nicht „gar nichts“, ich bin mir sicher, Ihnen fällt etwas ein.

Er seufzt. Meinetwegen. Ein Tag im Badehaus vielleicht, ein gutes Frühstück, ein Becher Kaffee, ein Besuch bei Bradhu in der „Traumhöhle“ …

Ähm, die Drogen lassen wir weg.

Verdreht die Augen. Meinetwegen. Sein Blick schweift in die Ferne und ein wehmütiger Ausdruck wird darin sichtbar. Wenn ich ehrlich sein soll … am liebsten würde ich die Stadt verlassen, wenigstens für eine Weile. Zurück in die Berge gehen, nach Irhassar, in meine Heimat. Den Wind zwischen den Felsen spüren, die majestätischen Bergkuppen bewundern, im Pirh nach Fischen jagen – wieder als Leibwächter arbeiten und nicht als Mörder. Er seufzt und senkt den Blick. Egal. Das wird immer ein Wunschtraum bleiben.

Wie sieht es mit Sozialkontakten aus? Haben Sie Freunde, mit denen Sie …

Jemand wie ich hat keine Freunde. Wir Unbestechlichen sind gut genug, um schmutzige Aufgaben zu erledigen, aber niemand würde auch nur eine Minute freiwillig in unserer Gegenwart verbringen oder mit mir sprechen.

Was ist mit ihrem Bruder?

Ein Zittern überläuft Varek, seine Mundwinkel zucken. Askar? Wir haben seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Er verachtet mich, genau wie alle anderen Mitglieder unserer Familie. Er ballt die Hand zur Faust. Verdammt, dabei habe ich dieses beschissene Los nur ihretwegen auf mich genommen! Um unsere Familienehre zu bewahren! Er seufzt. Askar hat das nie begriffen.

Sie wurden damals wegen eines Verbrechens verurteilt, nicht wahr? Würden Sie mir erzählen, was geschehen ist?

Nein. Mit Nachdruck stemmt er sich von der Couch auf.

Ich denke, es genügt für heute.

Varek, Sie sollten wirklich …

Vergessen Sie’s. Er tritt an die Tür und wirft noch einen letzten Blick über die Schulter. Sie können mir sowieso nicht helfen.


Opfermond_CoverZugegeben, Varek war nicht so gesprächig wie erhofft. Wenn ihr trotzdem ein bisschen neugierig geworden seid und wissen wollt, was es mit seiner dunklen Vergangenheit oder seiner düsteren Gegenwart auf sich hat, müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden. Opfermond erscheint im September als Ebook und im Oktober als Print im Mantikore Verlag. Auf Amazon könnt ihr das Print aber schon vorbestellen.

Seite des Mantikore-Verlags: http://mantikoreverlag.de/

 


InfokastenPhobie


Quelle:

Hamm, A. O. (2017). Spezifische Phobien, PSYCH up2date, 11, 223-238.
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/s-0043-100487


Dieser Beitrag ist im Rahmen der Geburtstagsaktion von Magische Momente in der kleinen Bücherwelt entstanden und wird auch dort auf dem Blog erscheinen. Es freut mich, dass ich mitmachen durfte.


Wenn ihr Varek oder mich noch mit Fragen löchern wollt, nur zu. Ich freue mich auf eure Fragen, Anregungen oder Spekulationen.

Der nächste Sitzungstermin findet am 20. Juli statt, dort werdet ihr Kurt und seine Ehefrau kennen lernen, die im wahrsten Sinne des Wortes mit göttlichen Problemen zu kämpfen haben. Ihr dürft gespannt sein.

Für eine Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

 

Frühstück in Ghor-el-Chras

Eine kulinarische Leseprobe aus „Opfermond“

Ja, ich gebe es zu – ich liebe Food Porn. Kulinarik spielt in all meinen Geschichten eine zentrale Rolle, denn mit Essen lässt sich eine ganze Menge ausdrücken: Charaktereigenschaften, gesellschaftlicher Status, kulturelle Besonderheiten, individuelle bzw. soziale Unterschiede und geographische Gegebenheiten.

Aus diesem Grund präsentiere ich euch heute auch eine ganz besondere erste Leseprobe von meinem Fantasy-Debüt „Opfermond“: eine Frühstücks-Szene zum Nachkochen.


 

Aus: „Opfermond“ von Elea Brandt

Als Varek nach einem ausgiebigen Bad auf den Balkon hinaustrat, sehnte er sich nach einer kräftigen Portion Kaffee. Das Gewitter hatte dampfige, schwülwarme Luft hinterlassen, die sich schwer auf Vareks Haut legte.

»Morn«, erscholl es unvermittelt. Idra grinste ihm entgegen und spuckte eine Mischung aus Fladenbrot und Honig über den Frühstückstisch. »Essen is verdammt gut.«

Varek hob eine Augenbraue, während er Platz nahm, und betrachtete seinen Gast. Idras Gesicht wirkte weniger geschunden, ihr Haar hing feucht auf ihre Schultern herunter und auch sonst machte sie einen ausgeruhten und entspannten Eindruck. Mehr als er selbst auf jeden Fall.

»Freut mich, wenn es dir schmeckt«, entgegnete er, während ihm Amysha Kaffee einschenkte.

»Was’n das da?« Idra deutete auf eine der Schalen. »Das is voll gut!«

»Hummus«, erwiderte Varek. »Kichererbsenbrei mit Olivenöl und Knoblauch.«

»Is der Wahnsinn!« Mit bloßen Händen fasste Idra in die Schale und nahm sich einen ganzen Batzen heraus.

»Nimm einen Löffel, verdammt!«

»Hm?« Sie hatte sich schon wieder ein Stück Fladenbrot in den Mund gesteckt und kaute intensiv.

»Du sollst die Sachen nicht mit den Fingern anfassen. Nimm einen Löffel dafür.«

»Hm.« Sie hatte Vareks Glas bemerkt und schnupperte interessiert daran. »Was is das?«

»Kaffee.«

»Darf ich?« Sie wartete Vareks Antwort nicht ab, sondern griff nach dem Glas – und verzog beim ersten Schluck angewidert das Gesicht. »Bah, das schmeckt ja eklig!«

Varek grinste. Nichts anderes hatte er erwartet. »Ist eben nichts für jeden.« Er selbst trank einen tiefen Schluck Kaffee und nahm sich eine gebackene Grießschnitte. Trotz Idras mieser Tischmanieren war es ein schönes Gefühl, einmal nicht allein auf diesem Balkon zu sitzen und wortlos seinen Kaffee zu trinken. »Hast du gut geschlafen?«

»Und wie!«, antwortete Idra. »So gut wie noch nie.«

»Wie geht’s deinem Rücken?«

»Hm, so lala. Hab was von der Salbe drauf getan, die mir dein Diener gestern noch gegeben hat, das hilft ganz gut. Gib mir das da mal!«

»Das?« Er tippte die Schale mit Rührei und Weißkäse an.

Idra nickte eifrig. »Ja!« Versonnen schaufelte sie sich einen Berg Ei auf den Teller und begann ihn gierig in sich hineinzuschlingen. Kaum zu glauben, was in eine so magere Person alles hineinpasst.

»Wenn wir gegessen haben«, meinte Varek, während er sich eine Dattel angelte, »müssen wir uns unterhalten. Du bist schließlich nicht zum Vergnügen hier.«

Idra grinste und offenbarte die Kräuterreste zwischen ihren Zähnen. »Ach was, bisschen Gesellschaft tut dir sicher ganz gut. Oder hast du irgendwo ne Frau und nen Haufen Kinder versteckt?«

Varek atmete tief durch und versuchte, das unangenehme Herzklopfen zu ignorieren. Das fehlte ihm nach dieser Nacht gerade noch. »Nein, habe ich nicht. Unbestechliche schwören Ehelosigkeit.«

»So’n Scheiß«, war Idras einziger Kommentar dazu. »Wieso?«

»Sie dürfen sich niemandem verpflichtet fühlen, auch einem Ehepartner nicht. Nur ihrem Auftrag – und dem Blutigen.«

»Na gut«, meinte Idra schulterzuckend. »Wenn man dafür so’n Haus und Sklaven und solches Essen bekommt, ist es das wert.«

Varek lachte bitter. »Wohl kaum.«

»Wieso?«

»Es geht nicht immer nur um Geld.«

»Das sagt nur jemand, der genug davon hat.«

Varek antwortete nicht. Er nahm nicht an, dass die Hure ihn verstehen würde.

Doch Idra ließ nicht locker. »Echt, ich kapier nicht, warum du so mies drauf bist. Bei dem Bett und dem Essen wär ich überhaupt nie mies drauf! Und dann das Bad!« Sie verdrehte genüsslich die Augen. »Und die Öle und das alles und die Sklaven …«

Varek umklammerte den Löffel in seiner Hand fester und schluckte die Wut mit Not hinunter. »Sei still.«

Idra verzog das Gesicht. »Was is denn jetz los?«

Varek atmete tief durch. Das dumme Gör hatte gut reden! Er würde jede Goldmünze, jeden Sklaven und vermutlich sogar jedes Frühstück eintauschen, um wieder ein freier Mann zu sein.


Na, hat euch die Textstelle ein bisschen neugierig gemacht? Der gesamte Roman wird im Oktober als Taschenbuch und etwa einen Monat vorher als Ebook erscheinen. Auf Amazon könnt ihr „Opfermond“ auch schon vorbestellen. Heute Nachmittag wird Varek auch noch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern, da packe ich ihn nämlich auf meine Charakter-Couch.

Anschließend findet ihr übrigens die passenden Rezepte für euer eigenes orientalisches Frühstück – für alle, denen jetzt schon das Wasser im Mund zusammenläuft.

 



Hummus (3-4 Portionen)

1 große Dose Kichererbsen (800 g)
1 EL Sesampaste (Tahin)
Mind. 5 Knoblauchzehen
2 EL Knoblauchöl
2 EL Olivenöl
1 Messerspitze Sambal Oleg
Salz und Paprikapulver

Kirchererbsen abgießen, Flüssigkeit aber aufheben. Zutaten vermengen (inklusive einem Teil der Flüssigkeit) und im Mixer fein pürieren. Anschließend mit Salz und Paprikapulver abschmecken. Einige Kichererbsen zum garnieren aufheben.



Scharfes Rührei mit Weichkäse
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4 Eier
Kurkuma, scharfe Paprika, Kreuzkümmel, Salz
2 kleine Zwiebeln
1 Chilischote (entkernt)
100 g Fetakäse

Eier aufschlagen, vermengen und mit den Gewürzen verrühren. Zwiebeln klein hacken und in einer Pfanne mit ausreichend Öl anbraten, bis sie glasig sind. Chilischote entkernen, fein hacken und hinzugeben. Anschließend das Ei in die Pfanne geben und anbraten. Wenn das Ei zu stocken beginnt, Fetakäse in kleinen Würfeln hinzugeben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.



IMG_20170611_144120_131Griesschnitten (2 Portionen)

125 g Weichweizengries
110 g Naturjoghurt
50 g Zucker
60 ml Pflanzenöl
2 EL geriebene Mandeln
1 Ei
Rosenwasser

Gries mit Joghurt, Zucker, Öl und Mandeln verrühren, dann 30-45 min stehen lassen, bis der Gries durchgezogen ist. Öl in einer Pfanne erhitzen und ein Ei in die Griesmasse schlagen und verrühren. Wenn die Pfanne heiß ist, Griesmasse in die Pfanne geben, anbraten, bis sie fest wird, und dann wenden. Die fertig gebratenen Griesschnitten mit Rosenwasser beträufeln und warm servieren.


Dieser Beitrag ist im Rahmen der Geburtstagsaktion von Magische Momente in der kleinen Bücherwelt entstanden und wird auch dort auf dem Blog erscheinen. Es freut mich, dass ich mitmachen durfte.

 

Gott würfelt nicht, Autoren schon

Do’s, Dont’s und Fallstricke beim Weltenbau

„Ich mach mir meine Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“
– ein anonymer Fantasy-Autor

Fragt man Autoren, warum sie sich dafür entschieden haben, Fantasy zu schreiben, dann ist eine sehr häufige Antwort die Faszination für fremde Welten. Der Reiz des Unbekannten. Die Chance, etwas völlig Neues, Anderes, Einzigartiges zu kreieren. Gleichzeitig sehen sich Fantasy-Autoren auch oft dem impliziten oder expliziten Vorwurf ausgesetzt, ihre Arbeit sei so viel einfacher als die anderer Autoren, schließlich brauchten sie nicht zu recherchieren. Sie könnten sich ja alles mal eben so ausdenken. Spoiler-Alarm: So einfach ist das nicht.

Auf dem Literaturcamp in Heidelberg am letzten Wochenende habe ich zum Thema Weltenbau eine kleine Session für Interessierte gehalten und möchte die Ergebnisse hier kurz zusammentragen. Ergänzungen sind gerne gesehen.

Was braucht eine Welt?

Steht man als Autor vor der Herausforderung, eine völlig neue Welt zu entwerfen, stellt man sich natürlich die Frage: Womit fange ich an? Was ist überhaupt wichtig? Was brauche ich, um dem Leser ein konsistentes und lebendiges Bild meiner Welt präsentieren zu können?

Auf der Role Play Convention haben die beiden Herren Bernhard Hennen und Robert Corvus – alte Hasen in Bezug auf Weltenbau – einen kleinen Einblick in ihre Vorgehensweise gegeben.

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Relevante Elemente beim Weltenbau

Um von einer Welt erzählen zu können, können viele verschiedene Facetten von Bedeutung sein: Geografie (z.B. Klima, Landschaft), Demografie (z.B. Bevölkerungsanzahl & -dichte), Religion, Technik, Militär, Kultur (z.B. Gebräuche, Mentalität). Jede dieser Facetten kann man in weitere Unterpunkte aufspalten, bis ein hochkomplexes Schaubild entsteht, das von „Wie groß ist meine Welt?“ hinreicht bis „Welche Schuhe sind in Stadt X diesen Sommer eigentlich angesagt?“

Dass man sich in seinem Weltenbau durchaus verlieren kann, beweist das Beispiel von J.R.R. Tolkien. Sein Leben lang tüftelte er an Mittelerde, entwickelte eigene Sprachen, riesige Stammbäume und eine tausende Jahre umfassende Zeitrechnung. Trotzdem werden wir später in diesem Artikel feststellen, dass Mittelerde den Ansprüchen guten Weltenbaus nicht durchgehend genügt.

„Ich habe oft Lust, daran zu arbeiten, und erlaube mir’s nicht, denn so sehr ich daran hänge, kommt es mir ja doch wie ein höchst verrücktes Hobby vor“
– J.R.R. Tolkien über die Arbeit an Mittelerde (Quelle)

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Was braucht eine Welt, um stimmig und lebendig zu sein? Die Antwort darauf ist einfach und kompliziert gleichermaßen: Die Geschichte bestimmt, was erforderlich ist. Große Fantasy-Epen mit heroischen Schlachten erfordern eine klare Übersicht über militärische Strukturen, magische Möglichkeiten und geografische Strukturen (wer gegen wen und warum?). Bei Urban-Fantasy-Stories in städtischem Ambiente erscheint es relevanter, gesellschaftliche Strukturen, Urbanisierung und Technisierung zu thematisieren. Und eine Science-Fiction-Story lebt natürlich vor allem von der Beschreibung fremder Planeten und der technischen Errungenschaften ihrer Zeit.

Ganz banal lässt sich also zusammenfassen: Die Welt braucht, was die Geschichte braucht. Details, die darüber hinausgehen, können in angemessenen Dosen  spannend sein und schönes Ambiente oder Konflikte schaffen, z.B. wenn sich die Helden einer action-geladenen Geschichte in einer Szene mit den Fallstricken der örtlichen Bürokratie herumschlagen müssen. Sie sollten aber sparsam eingesetzt werden.

Wann baue ich meine Welt?

Analog zu den Plottern und Pantsern gibt es auch im Weltenbau zwei grundlegende Strategien.

1. Die Geschichte entsteht aus der Welt
Bei diesem Vorgehen betreibt der Autor den Weltenbau, bevor er mit dem Schreiben der Geschichte beginnt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Welt ist bei Schreibbeginn bereits fertig, es existiert ein klarer, gut strukturierter Rahmen, in dem sich die Geschichte bewegt, und es gibt immer eine Quelle zum Nachschlagen. Nachteil ist allerdings, dass man sich leicht in später unnötigen Details verlieren kann oder feststellt, dass manche Prämissen die Geschichte gar nicht angemessen tragen. Zum Beispiel könnte man zu dem Schluss kommen, dass der coole Plot™ gar nicht funktioniert, weil die Konzeption der Magie bestimmte Handlungsoptionen gar nicht zulässt.

2. Die Welt folgt der Geschichte
Wer weniger planungs-affin ist, kann die Welt auch während des Schreibens entwickeln. Es existiert a priori also nur eine grobe Idee, eine Skizze der Welt, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt und verbreitert. Auch dieses Vorgehen hat Vorteile. Sobald sich der Plot in Grundzügen abzeichnet, kann man mit dem Schreiben beginnen, ohne lange Vorarbeit leisten zu müssen. Außerdem entwickeln sich Geschichte und Welt auf diese Weise eng Hand in Hand, sodass unnötige Details außen vor bleiben können. Der Nachteil besteht allerdings darin, dass die in der Geschichte gebündelten Informationen in eine angemessene Struktur gebracht werden müssen, um nichts zu vergessen und keine Widersprüche einzubauen. Oft ist dafür ein eigener Überarbeitungsdurchgang nötig.

Welche dieser beiden Strategien die bessere ist, kann und will ich so pauschal nicht beantworten. Ich habe beide Strategien ausprobiert und finde beide reizvoll. Macht es einfach so, wie es sich für euch richtig anfühlt.

Fehler im Weltenbau – geht das?

Ja, ich fürchte, das geht. Genau hier liegt der große Anspruch eines guten Weltenbaus: Neu geschaffene Welten müssen konsistent und stimmig sein, denn Logikbrüche führen bei Lesern bestenfalls zu Irritation, schlimmstenfalls zu Frust.

Während wir bei der Recherche für einen historischen Roman „nur“ überprüfen müssen, ob eine bestimmte technische Errungenschaft im Jahr X existierte, müssen wir uns beim Weltenbau ganz dezidiert überlegen: Ist es denkbar, dass die Menschen dieser Welt mit ihrem technischen Knowhow, ihren Möglichkeiten und Rohstoffen Produkt X herstellen können? Ist die Entstehung von X also grundlegend plausibel?

Laufen solche Überlegungen ins Leere oder werden gar nicht erst angestellt, schleichen sich Fehler oder Brüche ein. Klassiker sind zum Beispiel:

  • Magie ist allmächtig, kann aber das Welthungerproblem nicht lösen.
  • Die Welt ist gering technisiert, es gibt aber gigantische Millionenstädte.
  • Auf einem riesigen Planeten sprechen alle Wesen dieselbe Sprache

Aufgrund solcher und ähnlicher Logiklücken musste sich auch George Martin Kritik an seiner Konzeption von Westeros („Das Lied von Eis und Feuer“) anhören. Lyman Stone hat auf seinem Blog einige Gründe zusammengetragen, warum Westeros so, wie es angelegt ist, nicht funktioniert („Westeros is poorly designed“). Er kritisiert dabei die Tatsache, dass in Westeros trotz seiner Größe – Martin spricht von der Ausdehnung Südamerikas – nur eine Sprache gesprochen wird, dass die Heere und Städte proportional zu groß seien und dass die politischen Konflikte trotz ihrer Komplexität immer noch zu simpel seien gemessen an der Vielzahl an Parteien und Landstrichen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ein jahre- oder jahrzehntelanger Winter die Bevölkerung des Kontinents schon längst an den Rand der Vernichtung getrieben hätte.

Auch Tolkiens Mittelerde basiert eher auf ästhetischen als auf logischen Grundsätzen. Eine Bauweise wie der Turm von Minas Tirith erscheint angesichts der Nähe zu Mordor wenig clever, und trotz der Vielfalt an Wesen und Kulturen leben alle seit Jahrtausenden schön brav in ihren Territorien ohne sich jemals in die Quere zu kommen.

Natürlich sind das Spitzfindigkeiten. Wenn wir ehrlich sind – die wenigsten dürften diese Kritikpunkte beim Lesen der Bücher wirklich gestört haben. Dennoch sind sie ein guter Beweis dafür, wie viele einzelne Rädchen beim Entwerfen einer Welt ineinander greifen. Sicherlich kann eine Welt nie in allen Aspekten perfekt sein. Kein Autor ist Geologe, Historiker, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieur in einem, und auch der Leser vergibt kleine Logiklücken, wenn sie für die Geschichte nicht in hohem Maße relevant sind. Die Daumenregel lautet: Wenn ausreichend Informationen vorhanden sind, um sich Zusammenhänge zu erschließen und die Leser zum Nachdenken anzuregen, dann ist das für gewöhnlich ausreichend. Und wenn ein Aspekt Probleme und Konflikte hervorruft, muss er weniger gut erklärt sein, als wenn er dem Helden aus der Patsche hilft.

Natürlich sind diese Grundsätze wiederum abhängig von Genre und Konzeption der Geschichte. Basiert sie z.B. auf Märchenmotiven oder bekannten Stereotypen, werden viele Logikfehler oder „Blind Spots“ verziehen. Je mehr die Geschichte jedoch dem Anspruch eines „fantastischen Realismus“ folgt, desto intensiver muss der Weltenbau ausfallen (Stichwort: George Martin).

Klischees bewusst aufbrechen

Um Fehler und Logiklücken zu vermeiden, empfiehlt es sich natürlich, zu recherchieren. Ein paar Tipps für Weltenbauer habe ich am Ende des Artikels in einer Linkliste zusammengetragen.

Es kann außerdem hilfreich sein, Klischees, die mit bestimmten Epochen oder Themen verbunden sind, bewusst aufzubrechen. Warum nicht eine Welt entwickeln, die zwar an das europäische Hochmittelalter erinnert, aber geprägt ist von einer animistischen und pazifistischen Weltanschauung? Oder ein orientalisches Setting, in dem gleichgeschlechtliche Beziehungen toleriert und akzeptiert sind? Es ist eure Welt – seid kreativ. Lasst euch nicht von dem vorherrschenden Meinungsbild einengen. Denn wenn wir ehrlich sind: Mit dem „echten“ Mittelalter (das nebenbei ja auch 1000 Jahre umfasst hat) haben die meisten Fantasy-Welten ohnehin nur wenig gemein. Wieso also nicht bewusst neue Wege einschlagen?

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Kann man eigentlich zu viel Weltenbau betreiben? Ich sage: Jein. Jeder darf sich so lange und so intensiv mit seiner Welt beschäftigen, wie er will, je tiefer man selbst eintaucht, desto besser. Aber – und das ist der springende Punkt – man muss sich von dem Gedanken verabschieden, jedes schicke, tolle, aufregende Detail in den Plot integrieren zu können. Zu viele Details, die keinen Bezug zur Haupthandlung oder den Charakteren haben, arten schnell in Info-Dump aus und überfordern den Leser eher, als dass sie ihn faszinieren könnten.

Aspekte, die von Lesern oft als störend empfunden werden, sind z.B. eine eigene Zeitrechnung (abweichend von Tagen, Wochen, Monaten), extrem viele Sonderzeichen in Namen und Begriffen, zu viele Eigennamen für Selbstverständliches oder ellenlange wissenschaftliche Abhandlungen. Selbst Glossare helfen dabei nur begrenzt, denn gerade bei Ebooks lässt es sich schlecht nachschlagen.

Im Zentrum der Überlegungen sollte immer die Absicht stehen, Plot, Charaktere und Welt zu einer Einheit zu verbinden. Wie sieht der Held seine Welt? Wie nimmt er Dinge wahr? Was erlebt er? Viel spannender ist es, als Leser mitzuerleben, wie der Protagonist an einer Feierlichkeit zu Ehren des Flussgottes teilnimmt, an dem traditionell eine Ziege im Fluss ertränkt und roher Fisch gegessen wird, als dieselbe Geschichte in einem Erzähltext präsentiert zu bekommen. Hier können Details das Ambiente und die Stimmung der Szenerie hervorragend einfangen, solange ein Bezug zum Protagonisten oder der Handlung erkennbar bleibt.

Was ist guter Weltenbau?

Kommen wir zu einem Fazit – der Artikel ist lang genug geraten. Guter Weltenbau basiert auf drei Prinzipien: Einfallsreichtum, Atmosphäre und Stimmigkeit. Er schafft die Balance zwischen der Vermittlung von Informationen und Emotionen, erklärt, was nötig ist, und lässt offen, was die Handlung nicht erfordert. Er schafft das Besondere im Althergebrachten, integriert interessante, ungewöhnliche Details in eine Welt, die irgendwie bekannt, aber trotzdem fremd erscheint. Kurzum: Er erfindet das Rad nicht neu, verpasst ihm aber einen schicken Anstrich.

In diesem Sinne: Auf auf in neue Welten!

 


Werkzeuge für Weltenbauer

Auto Realm (kostenfrei): Erstellung von Karten (Stadt-, Landkarten & Dungeons), Erfassung von Distanzen

Campaign Cartographer (ab 30 €): Erstellung von professionellen Karten, kommerzielle Nutzung erlaubt, sehr viele AddOns

Fantasy-City-Generator (kostenfrei): Generieren von mittelalterlichen Stadtkarten nach vorgefertigem Muster

Inkarnate (kostenfrei): Erstellen von schnellen, einfachen Karten

AeonTimeline 2  (48 €): Erstellung von Zeitstrahlen und Verläufen; kompatibel mit Scrivener

Scapple (15 $) : Erstellung von Clustern und Mindmaps, kompatibel mit Scrivener

Freemind  (kostenfrei): Erstellung von Clustern und Mindmaps

 

Links für Weltenbauer

Weltenbau-Wissen

Weltenbastler Community

Medieval Population & Geography (Lyman Stone)

Weltenbau-Board im Tintenzirkel

 

Mehr von mir über das LitCamp:

Von Hybridautoren und dem Sterben der Midlist