Fantasy

Charaktere auf der Couch: #4 Kurt

In der heutigen Sitzung lernen wir Kurt kennen. Er ist ehemaliger Bundeswehrsoldat und mittlerweile viel beschäftigter Privatdetektiv in – nun ja – ganz besonderem Auftrag. Seine Ehefrau Sonja, mit der er einen kleinen Sohn hat, macht sich allerdings Sorgen um ihren Ehemann. Offensichtlich scheint Kurt schön langsam den Verstand zu verlieren. Wir gehen der Sache lieber auf den Grund.

Ah, Sonja, schön, dass Sie da sind. Nehmen Sie doch Platz. Es geht um Ihren Ehemann Kurt, nicht wahr? Schildern Sie mir doch noch mal kurz, warum Sie hier sind.

Ja, ähm, hallo. Danke. Sie setzt sich und streicht mit beiden Händen Ihre roten Locken nach hinten. Kurt, ja, um den geht’s.

Einen Moment starrt sie unschlüssig vor sich hin, dann holt sie tief Luft. Ich sollte wohl erst ein bisschen über uns beide erzählen. Kurt und ich, wir haben uns vor knapp drei Jahren kennengelernt. Über meine Schwester. Siearbeitete damals in so einem Institut in München, das beschäftigt sich mitPolitik- und Gesellschaftsforschung.

Sie stutzt und macht lächelnd eine wegwerfende Handbewegung. Ach, das tut ja nichts zur Sache. Also, Anke – so hieß meine Schwester, sie ist im Sommer darauf gestorben – hatte Kurt zufällig getroffen, als wir beide Eis essen waren. Sie hat ihn zu uns an den Tisch gewunken, und er hat mir einfach sofort gefallen. Fast zwei Meter groß, breit und sportlich, ein markantes Gesicht. Ein paar Narben hat er, aus Afghanistan, aber …

Ich bin mir sicher, das ist eine sehr romantische Geschichte, Sonja, aber wir müssen auch auf die Zeit achten, ja? Also, warum sind Sie hier?

Sie knetet ihre Finger durch. Also, eigentlich macht der Kurt einen vollkommen normalen Eindruck, und als er mir damals erzählt hat, dass er sein Trauma von Afghanistan erfolgreich besiegt hat, da hab ich ihm das geglaubt. Nur fürchte ich jetzt, er hat dieses Trauma durch … ich weiß nicht … naja, eine Wahnvorstellung ersetzt. Die er aber absolut ernst nimmt. Und da sitze ich jetzt mit unserem zwei Monate alten Sohn und muss glauben, dass sein Vater – sie lacht hysterisch auf – irre ist.

Irre? Was meinen Sie damit?

Ähm … Er macht da ja so ein Geheimnis draus. Ich musste ihm schwören, niemandem was zu sagen. Hab ihn auch nur mit Mühe dazu gebracht, hierher zu kommen. Er ist nur bereit, das ganze Thema hier zu besprechen, weil er sich auf Ihre Schweigepflicht verlässt. Und er besteht darauf, Ihnen selbst zu sagen, worum es geht – wenn überhaupt.

Nun gut, dann holen wir ihn dazu. Kurt? Würden Sie sich zu uns setzen?

Kurt kommt herein und setzt sich neben Sonja. Für so einen großen Kerl schaut er ziemlich verschüchtert drein, streicht sich verlegen über seinen Stoppelhaarschnitt.

Grüß Gott dann auch.

Guten Tag Kurt, schön, dass Sie gekommen sind. Ihre Frau sagt, es gäbe da etwas, das Sie mir sagen möchten. Sie macht sich große Sorgen um Sie. Können Sie sich vorstellen, worum es geht?

Na, dass ich es unbedingt sagen will, ist reichlich übertrieben. Ich bin nur hier, weil Sonja darauf besteht. Sie unterliegen auch garantiert der Schweigepflicht, ja? Das ist mir sehr wichtig!

Natürlich. Sie können sich darauf verlassen, dass nichts nach außen dringt.

Na schön. Er setzt ein paar Mal zum Sprechen an, bis er endlich was rausbringt.

Ich verstehe ja, dass Sonja mich für geisteskrank hält, bei dem, was ich ihr eröffnet habe. Ihnen wird das nicht anders gehen, und ich würde genauso reagieren, wenn ich es nicht besser wüsste.

Ach, wenn Sie wüssten, mit wem ich es die letzten Wochen so zu tun hatte … Also, nun raus mit der Sprache!

 Tja … na gut … also ganz direkt: Ich habe beruflich und privat mit … ähm … mit … Leuten zu tun, die man gemeinhin eher in Märchen und alten Sagen verortet, aber nicht in der Realität.

Wollten Sie nicht ganz direkt sein? Ich kann ja schlecht raten, was Sie meinen. Elfen? Die Men in Black? Engel? 

Die auch. Also, die Engel. Wenn auch sehr selten, die beiden haben meistens zu tun.

Wie bitte?

 Sonja verschränkt die Arme vor der Brust. Sehen Sie? So hab ich auch reagiert. Ganz zu schweigen von den Göttern.

Macht sich eifrig Notizen. Aha, lassen Sie mich das verstehen, Kurt. Gott und die Engel – sehen Sie die nur oder sprechen Sie auch mit Ihnen? Wie lange geht das denn jetzt schon so, können Sie sich erinnern, wann es angefangen hat?

Klar kann ich das. Das war im Frühjahr 2012, als ich meinen ersten richtig interessanten Fall als Privatdetektiv hatte. Dabei wollte ich den erst gar nicht annehmen. Wenn ich geahnt hätte, was da wirklich auf mich zukommt …

Er schaut zu Sonja neben sich.  Andererseits … ohne diesen Fall damals hätte ich auch Sonja nie kennengelernt, von daher … Ach so, und natürlich sehe ich die nicht nur, sondern spreche auch mit ihnen. Das Sehen ist dazu gar nicht mal unbedingt nötig, zumindest bei den aktiven. Aber das ist dann doch etwas gewöhnungsbedürftig, so eine Stimme im … ähm … Er merkt, was er da sagt, und schweigt lieber.

In Ihrem Kopf, wollten Sie sagen? Kurt, nur so der Vollständigkeit halber: Nehmen Sie eigentlich irgendwelche Medikamente? Oder …

Drogen meinen Sie? Er lacht sarkastisch.
Nein, glauben Sie mir, selbst mein etwas … sagen wir erhöhter Alkoholkonsum damals ist längst passé. Aber ich versteh schon, dass sie den Verdacht haben. Wie gesagt, ich würd’s ja selbst nicht glauben, wenn ich’s nicht besser wüsste.

Sonja schaut die Therapeutin gequält an. Verstehen Sie jetzt, warum ich mir Sorgen mache? Er ist ein toller Vater, auch für meine beiden Großen, aber … Sie schaut nun schüchtern Kurt an. Ich hab schon etwas Bedenken, wie sich solche Wahnvorstellungen auswachsen könnten.

Kurt schnaubt. Ich wollte dich ja mitnehmen und ihnen vorstellen, aber da warst du dann auch nicht einverstanden.

Sie meinen, diese Engel und sogar Gott würden auch mit Sonja sprechen?

Schätze schon, ja.

Wohin müssten sie Sonja dann mitnehmen? In eine Kirche?

Kurt winkt ab. Nein, da würden wir bestenfalls AJ und seine Jungs treffen. Wobei wir dazu auch nicht unbedingt in eine … warten Sie mal.
Er schaut nachdenklich von der Therapeutin zu Sonja und zurück. Schließlich seufzt er. Wissen Sie was? Ich funk ihn grad mal an. Beenden wir diesen Quatsch hier.

Äh, anfunken? Wen? Kurt, ich denke nicht, dass Sie …

Warten Sie’s ab. Wenn er nicht grad wieder irgendwo auf der Welt versucht, ein paar selbsternannte Supermoslems oder so zur Räson zu bringen, ist er vielleicht auf Empfang. Er schließt die Augen und sieht sehr konzentriert aus.

Kurt? Kurt ist alles in Ordnung? Können Sie mich hören?

Sonja zuckt hilflos die Achseln und zeigt mit fragendem Gesichtsausdruck eine Mattscheibe.

Plötzlich ertönt eine weitere Stimme. Aber nicht doch. Sonja, was denkst Du nur von Deinem Mann?

Was? Wie zum …? Wie sind Sie hier reingekommen? Da ist doch … gar keine Tür!

Mitten im Raum steht ein runzliger, kleiner Mann mit dicker Hornbrille und einem verschmitzten Lächeln in den Augen.

Kurt stößt einen Seufzer aus. AJ, da bist Du ja!

Ist doch Ehrensache, mein Junge. Er legt der Therapeutin die Hand auf die Schulter und schaut ihr in die Augen. Sie hat noch nie so viel Wärme und Güte in einem Blick gesehen. Ich denke, ich kann das mit den Beiden regeln. Wärst du so nett, mir mal kurz dein Büro zu überlassen?

 Äh … klar … nur zu. Viel Spaß. Ich brauch jetzt erst mal einen Schluck.


Tja, vKurtCoverielleicht ist Kurt gar nicht so verrückt, wie er auf den ersten Blick scheint. Wenn ihr euch davon überzeugen wollt, „Kurt – in göttlicher Mission“ aus der Feder von Sascha Raubal ist direkt beim Machandel-Verlag und bei den gängigen Online-Händlern erhältlich. Ein weiterer Fall ist bereits in Arbeit und soll noch dieses Jahr erscheinen, haltet also die Augen offen.

Sascha Raubal: fantasy.raubal.de

 


Wenn ihr Kurt, Sonja, AJ oder mich noch mit Fragen löchern wollt, nur zu. Vielleicht habt ihr ja eure ganz eigene Sicht dessen, was real ist und was nicht.

Der nächste Sitzungstermin findet am 7. August statt. Mein Patient ist der englische Gentleman Horatio unter dessen charmanter Fassade eine ziemlich düstere Persönlichkeit lauert. Mal sehen, ob wir seinem wahren Ich auf die Schliche kommen.

Für eine Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

 

Charaktere auf der Couch: #3 Varek

Die heutige Therapiesitzung wird für mich besonders anspruchsvoll, denn auf meiner Couch sitzt heute mein eigener verkorkster Protagonist. Varek ist Mitte dreißig, groß, kräftig gebaut mit markanten, harten Gesichtszügen und dunklen Augen, in denen eine bittere Melancholie liegt. Er gehört den „Unbestechlichen“ an, einem Orden von Auftragsmördern, doch glücklich ist er mit diesem Los nicht. Eigentlich hat Varek nämlich geschworen, Leben zu schützen statt zu beenden.

Varek, schön, Sie wiederzusehen. Sie sind lange nicht mehr hier gewesen.

Varek nimmt auf der Couch Platz. Seine Muskeln sind angespannt und in seinem Blick liegt eine tiefe innere Unruhe. Wozu auch? Mein Leben ist ein verdammter Trümmerhaufen, ich brauche keinen Seelenklempner, der mir das bestätigt. Wie soll mir eine wie Sie schon helfen können?

Wenn Sie ehrlich zu mir gewesen wären, hätte ich auch versuchen können, Ihnen zu helfen. Sie haben mir eine ganze Menge verschwiegen, damals.

schnaubt. Wundert Sie das? Ein Auftragsmörder, der sich im Dunkeln fürchtet – können Sie sich vorstellen, wie demütigend das ist?

Sie wissen, dass ich nicht nur davon spreche.

Sie meinen das Sharak? Er knurrt verächtlich. Ich bin nicht süchtig danach, das habe ich Ihnen schon Dutzende Male gesagt. Versetzen Sie sich mal in meine Lage, dann könnten wir sehen, was Sie für ein paar Minuten Ruhe oder Entspannung alles tun würden. Das bisschen Rauschkraut ist sicher das kleinere Übel.

Hm. Macht sich eine Notiz auf dem Klemmbrett. Wie häufig rauchen Sie es mittlerweile? Täglich?

Er strafft sich erbost. Unsinn. Nur hin und wieder. Manchmal.

Mit Nachdruck. Wie oft, Varek?

Seine Stimme wird lauter. Keine Ahnung, lassen Sie mich damit in Ruhe. Das Sharak lässt mich für eine Weile vergessen, wie verdorben mein Leben ist, wenigstens das könnten Sie mir gönnen.

Ich kann das nachvollziehen, glauben Sie mir, aber Sie wissen, dass dieses Zeug nur ein trügerischer Freund ist. Sie könnten ein paar echte Freunde brauchen.

Was Sie nicht sagen. Schnaubt verächtlich. Und woher soll ich die nehmen? Aus Holz schnitzen? In Ghor-el-Chras bin ich nichts weiter als Abschaum, keiner gibt sich mit mir ab, außer denen, die ich dafür bezahle. Geld schafft keine Freunde.

Wohl wahr. Selbstmitleid übrigens auch nicht.

Er springt auf die Beine, stützt die Arme auf den kleinen Tisch vor der Couch und fixiert die Therapeutin eindringlich. Haben Sie schon einmal einen Menschen getötet? Ihm in den Augen gesehen, während er starb? Wohl kaum. Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, zu töten, was es mit einem Menschen macht. Also tun Sie nicht so erhaben.

Schon gut, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten. Setzen Sie sich wieder, bitte.

Mit grimmiger Miene nimmt Varek Platz, immer noch angespannt, als müsse er sofort zum Sprung ansetzen. Meinetwegen. Aber kein Wort mehr über meine Tätigkeit und das Sharak, verstanden?

Seufzt. Verstanden. Dann sprechen wir über Ihr Problem mit der Dunkelheit. Treten diese Ängste durchgehend auf oder nur manchmal?

Vareks Blick schweift ins Leere, ein leises Zittern überläuft ihn. Unterschiedlich. Es wird schlimmer, wenn ich jemanden getötet habe, wenn mich die Schuld und der ganze Frust zerfrisst. Die Nächte danach sind grauenhaft. Überall dieses Flüstern, die Schatten, die nach mir greifen … Es schaudert ihn. Vor Jahren war es noch weniger heftig, ich habe das Gefühl, mit jedem Opfer wird es schlimmer.

Können Sie die Angst in Worte fassen? Was genau geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Ich weiß nicht. Es ist, als wäre da jemand. Etwas. Unbeschreiblich, aber immer da, immer präsent. Etwas, das auf mich lauert, das nach Rache sinnt, das mir jeden vergossenen Blutstropfen heimzahlen wird. Seine Finger graben sich in die Sofakissen, er presst die Lippen zusammen. Gegen diesen Gegner kann selbst meine Klinge nichts ausrichten. Nur Licht hilft. Ein wenig.

Ich schätze, Ihnen ist klar, dass dort kein echter Gegner auf sie lauert, nicht wahr? Alles, was Sie bedroht, sind Ihre eigenen Gedanken.

Varek zuckt die Schultern. Und wenn schon – ich kann nichts dagegen tun. Die Angst ist einfach da. Ich fürchte den Tod nicht, im Gegenteil, aber diese Panik ist schlimmer als alles andere. Ich kann nicht einmal in Worte fassen, wovor ich mich fürchte. Vor mir selbst, vor der Kirche, vor meinen Gegnern …

Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, Sie haben einfach Angst vor der Angst. Sie wissen, dass die Dunkelheit Beklemmung in Ihnen auslöst, also meiden Sie dunkle Orte, und falls Sie diese nicht meiden können, leben Sie in ständiger Sorge, dass Sie gleich in Panik verfallen könnten. Klingt das logisch für Sie?

Hm. Ja, ein wenig. Es ist aber mehr als das. Es geht … tiefer. Diese Angst. Er winkt ab. Das würden Sie nicht verstehen.

Wie Sie meinen. Sie haben vorhin erwähnt, die Ängste würden schlimmer, wenn Sie einen schlechten Tag haben. Vielleicht könnten wir da ansetzen. Was macht Ihnen denn Freude, wie könnte denn ein guter Tag für Sie aussehen?

Er blickt die Therapeutin mit einem Blick an, der pure Abscheu ausdrückt. Ein guter Tag? Er stößt ein freudloses Lachen aus. Sie machen sich über mich lustig, oder?

Mitnichten. Also, was könnte Ihre Stimmung aufhellen? Und sagen Sie jetzt nicht „gar nichts“, ich bin mir sicher, Ihnen fällt etwas ein.

Er seufzt. Meinetwegen. Ein Tag im Badehaus vielleicht, ein gutes Frühstück, ein Becher Kaffee, ein Besuch bei Bradhu in der „Traumhöhle“ …

Ähm, die Drogen lassen wir weg.

Verdreht die Augen. Meinetwegen. Sein Blick schweift in die Ferne und ein wehmütiger Ausdruck wird darin sichtbar. Wenn ich ehrlich sein soll … am liebsten würde ich die Stadt verlassen, wenigstens für eine Weile. Zurück in die Berge gehen, nach Irhassar, in meine Heimat. Den Wind zwischen den Felsen spüren, die majestätischen Bergkuppen bewundern, im Pirh nach Fischen jagen – wieder als Leibwächter arbeiten und nicht als Mörder. Er seufzt und senkt den Blick. Egal. Das wird immer ein Wunschtraum bleiben.

Wie sieht es mit Sozialkontakten aus? Haben Sie Freunde, mit denen Sie …

Jemand wie ich hat keine Freunde. Wir Unbestechlichen sind gut genug, um schmutzige Aufgaben zu erledigen, aber niemand würde auch nur eine Minute freiwillig in unserer Gegenwart verbringen oder mit mir sprechen.

Was ist mit ihrem Bruder?

Ein Zittern überläuft Varek, seine Mundwinkel zucken. Askar? Wir haben seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Er verachtet mich, genau wie alle anderen Mitglieder unserer Familie. Er ballt die Hand zur Faust. Verdammt, dabei habe ich dieses beschissene Los nur ihretwegen auf mich genommen! Um unsere Familienehre zu bewahren! Er seufzt. Askar hat das nie begriffen.

Sie wurden damals wegen eines Verbrechens verurteilt, nicht wahr? Würden Sie mir erzählen, was geschehen ist?

Nein. Mit Nachdruck stemmt er sich von der Couch auf.

Ich denke, es genügt für heute.

Varek, Sie sollten wirklich …

Vergessen Sie’s. Er tritt an die Tür und wirft noch einen letzten Blick über die Schulter. Sie können mir sowieso nicht helfen.


Opfermond_CoverZugegeben, Varek war nicht so gesprächig wie erhofft. Wenn ihr trotzdem ein bisschen neugierig geworden seid und wissen wollt, was es mit seiner dunklen Vergangenheit oder seiner düsteren Gegenwart auf sich hat, müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden. Opfermond erscheint im September als Ebook und im Oktober als Print im Mantikore Verlag. Auf Amazon könnt ihr das Print aber schon vorbestellen.

Seite des Mantikore-Verlags: http://mantikoreverlag.de/

 


InfokastenPhobie


Quelle:

Hamm, A. O. (2017). Spezifische Phobien, PSYCH up2date, 11, 223-238.
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/s-0043-100487


Dieser Beitrag ist im Rahmen der Geburtstagsaktion von Magische Momente in der kleinen Bücherwelt entstanden und wird auch dort auf dem Blog erscheinen. Es freut mich, dass ich mitmachen durfte.


Wenn ihr Varek oder mich noch mit Fragen löchern wollt, nur zu. Ich freue mich auf eure Fragen, Anregungen oder Spekulationen.

Der nächste Sitzungstermin findet am 20. Juli statt, dort werdet ihr Kurt und seine Ehefrau kennen lernen, die im wahrsten Sinne des Wortes mit göttlichen Problemen zu kämpfen haben. Ihr dürft gespannt sein.

Für eine Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

 

Frühstück in Ghor-el-Chras

Eine kulinarische Leseprobe aus „Opfermond“

Ja, ich gebe es zu – ich liebe Food Porn. Kulinarik spielt in all meinen Geschichten eine zentrale Rolle, denn mit Essen lässt sich eine ganze Menge ausdrücken: Charaktereigenschaften, gesellschaftlicher Status, kulturelle Besonderheiten, individuelle bzw. soziale Unterschiede und geographische Gegebenheiten.

Aus diesem Grund präsentiere ich euch heute auch eine ganz besondere erste Leseprobe von meinem Fantasy-Debüt „Opfermond“: eine Frühstücks-Szene zum Nachkochen.


 

Aus: „Opfermond“ von Elea Brandt

Als Varek nach einem ausgiebigen Bad auf den Balkon hinaustrat, sehnte er sich nach einer kräftigen Portion Kaffee. Das Gewitter hatte dampfige, schwülwarme Luft hinterlassen, die sich schwer auf Vareks Haut legte.

»Morn«, erscholl es unvermittelt. Idra grinste ihm entgegen und spuckte eine Mischung aus Fladenbrot und Honig über den Frühstückstisch. »Essen is verdammt gut.«

Varek hob eine Augenbraue, während er Platz nahm, und betrachtete seinen Gast. Idras Gesicht wirkte weniger geschunden, ihr Haar hing feucht auf ihre Schultern herunter und auch sonst machte sie einen ausgeruhten und entspannten Eindruck. Mehr als er selbst auf jeden Fall.

»Freut mich, wenn es dir schmeckt«, entgegnete er, während ihm Amysha Kaffee einschenkte.

»Was’n das da?« Idra deutete auf eine der Schalen. »Das is voll gut!«

»Hummus«, erwiderte Varek. »Kichererbsenbrei mit Olivenöl und Knoblauch.«

»Is der Wahnsinn!« Mit bloßen Händen fasste Idra in die Schale und nahm sich einen ganzen Batzen heraus.

»Nimm einen Löffel, verdammt!«

»Hm?« Sie hatte sich schon wieder ein Stück Fladenbrot in den Mund gesteckt und kaute intensiv.

»Du sollst die Sachen nicht mit den Fingern anfassen. Nimm einen Löffel dafür.«

»Hm.« Sie hatte Vareks Glas bemerkt und schnupperte interessiert daran. »Was is das?«

»Kaffee.«

»Darf ich?« Sie wartete Vareks Antwort nicht ab, sondern griff nach dem Glas – und verzog beim ersten Schluck angewidert das Gesicht. »Bah, das schmeckt ja eklig!«

Varek grinste. Nichts anderes hatte er erwartet. »Ist eben nichts für jeden.« Er selbst trank einen tiefen Schluck Kaffee und nahm sich eine gebackene Grießschnitte. Trotz Idras mieser Tischmanieren war es ein schönes Gefühl, einmal nicht allein auf diesem Balkon zu sitzen und wortlos seinen Kaffee zu trinken. »Hast du gut geschlafen?«

»Und wie!«, antwortete Idra. »So gut wie noch nie.«

»Wie geht’s deinem Rücken?«

»Hm, so lala. Hab was von der Salbe drauf getan, die mir dein Diener gestern noch gegeben hat, das hilft ganz gut. Gib mir das da mal!«

»Das?« Er tippte die Schale mit Rührei und Weißkäse an.

Idra nickte eifrig. »Ja!« Versonnen schaufelte sie sich einen Berg Ei auf den Teller und begann ihn gierig in sich hineinzuschlingen. Kaum zu glauben, was in eine so magere Person alles hineinpasst.

»Wenn wir gegessen haben«, meinte Varek, während er sich eine Dattel angelte, »müssen wir uns unterhalten. Du bist schließlich nicht zum Vergnügen hier.«

Idra grinste und offenbarte die Kräuterreste zwischen ihren Zähnen. »Ach was, bisschen Gesellschaft tut dir sicher ganz gut. Oder hast du irgendwo ne Frau und nen Haufen Kinder versteckt?«

Varek atmete tief durch und versuchte, das unangenehme Herzklopfen zu ignorieren. Das fehlte ihm nach dieser Nacht gerade noch. »Nein, habe ich nicht. Unbestechliche schwören Ehelosigkeit.«

»So’n Scheiß«, war Idras einziger Kommentar dazu. »Wieso?«

»Sie dürfen sich niemandem verpflichtet fühlen, auch einem Ehepartner nicht. Nur ihrem Auftrag – und dem Blutigen.«

»Na gut«, meinte Idra schulterzuckend. »Wenn man dafür so’n Haus und Sklaven und solches Essen bekommt, ist es das wert.«

Varek lachte bitter. »Wohl kaum.«

»Wieso?«

»Es geht nicht immer nur um Geld.«

»Das sagt nur jemand, der genug davon hat.«

Varek antwortete nicht. Er nahm nicht an, dass die Hure ihn verstehen würde.

Doch Idra ließ nicht locker. »Echt, ich kapier nicht, warum du so mies drauf bist. Bei dem Bett und dem Essen wär ich überhaupt nie mies drauf! Und dann das Bad!« Sie verdrehte genüsslich die Augen. »Und die Öle und das alles und die Sklaven …«

Varek umklammerte den Löffel in seiner Hand fester und schluckte die Wut mit Not hinunter. »Sei still.«

Idra verzog das Gesicht. »Was is denn jetz los?«

Varek atmete tief durch. Das dumme Gör hatte gut reden! Er würde jede Goldmünze, jeden Sklaven und vermutlich sogar jedes Frühstück eintauschen, um wieder ein freier Mann zu sein.


Na, hat euch die Textstelle ein bisschen neugierig gemacht? Der gesamte Roman wird im Oktober als Taschenbuch und etwa einen Monat vorher als Ebook erscheinen. Auf Amazon könnt ihr „Opfermond“ auch schon vorbestellen. Heute Nachmittag wird Varek auch noch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern, da packe ich ihn nämlich auf meine Charakter-Couch.

Anschließend findet ihr übrigens die passenden Rezepte für euer eigenes orientalisches Frühstück – für alle, denen jetzt schon das Wasser im Mund zusammenläuft.

 



Hummus (3-4 Portionen)

1 große Dose Kichererbsen (800 g)
1 EL Sesampaste (Tahin)
Mind. 5 Knoblauchzehen
2 EL Knoblauchöl
2 EL Olivenöl
1 Messerspitze Sambal Oleg
Salz und Paprikapulver

Kirchererbsen abgießen, Flüssigkeit aber aufheben. Zutaten vermengen (inklusive einem Teil der Flüssigkeit) und im Mixer fein pürieren. Anschließend mit Salz und Paprikapulver abschmecken. Einige Kichererbsen zum garnieren aufheben.



Scharfes Rührei mit Weichkäse
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4 Eier
Kurkuma, scharfe Paprika, Kreuzkümmel, Salz
2 kleine Zwiebeln
1 Chilischote (entkernt)
100 g Fetakäse

Eier aufschlagen, vermengen und mit den Gewürzen verrühren. Zwiebeln klein hacken und in einer Pfanne mit ausreichend Öl anbraten, bis sie glasig sind. Chilischote entkernen, fein hacken und hinzugeben. Anschließend das Ei in die Pfanne geben und anbraten. Wenn das Ei zu stocken beginnt, Fetakäse in kleinen Würfeln hinzugeben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.



IMG_20170611_144120_131Griesschnitten (2 Portionen)

125 g Weichweizengries
110 g Naturjoghurt
50 g Zucker
60 ml Pflanzenöl
2 EL geriebene Mandeln
1 Ei
Rosenwasser

Gries mit Joghurt, Zucker, Öl und Mandeln verrühren, dann 30-45 min stehen lassen, bis der Gries durchgezogen ist. Öl in einer Pfanne erhitzen und ein Ei in die Griesmasse schlagen und verrühren. Wenn die Pfanne heiß ist, Griesmasse in die Pfanne geben, anbraten, bis sie fest wird, und dann wenden. Die fertig gebratenen Griesschnitten mit Rosenwasser beträufeln und warm servieren.


Dieser Beitrag ist im Rahmen der Geburtstagsaktion von Magische Momente in der kleinen Bücherwelt entstanden und wird auch dort auf dem Blog erscheinen. Es freut mich, dass ich mitmachen durfte.

 

Gott würfelt nicht, Autoren schon

Do’s, Dont’s und Fallstricke beim Weltenbau

„Ich mach mir meine Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“
– ein anonymer Fantasy-Autor

Fragt man Autoren, warum sie sich dafür entschieden haben, Fantasy zu schreiben, dann ist eine sehr häufige Antwort die Faszination für fremde Welten. Der Reiz des Unbekannten. Die Chance, etwas völlig Neues, Anderes, Einzigartiges zu kreieren. Gleichzeitig sehen sich Fantasy-Autoren auch oft dem impliziten oder expliziten Vorwurf ausgesetzt, ihre Arbeit sei so viel einfacher als die anderer Autoren, schließlich brauchten sie nicht zu recherchieren. Sie könnten sich ja alles mal eben so ausdenken. Spoiler-Alarm: So einfach ist das nicht.

Auf dem Literaturcamp in Heidelberg am letzten Wochenende habe ich zum Thema Weltenbau eine kleine Session für Interessierte gehalten und möchte die Ergebnisse hier kurz zusammentragen. Ergänzungen sind gerne gesehen.

Was braucht eine Welt?

Steht man als Autor vor der Herausforderung, eine völlig neue Welt zu entwerfen, stellt man sich natürlich die Frage: Womit fange ich an? Was ist überhaupt wichtig? Was brauche ich, um dem Leser ein konsistentes und lebendiges Bild meiner Welt präsentieren zu können?

Auf der Role Play Convention haben die beiden Herren Bernhard Hennen und Robert Corvus – alte Hasen in Bezug auf Weltenbau – einen kleinen Einblick in ihre Vorgehensweise gegeben.

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Relevante Elemente beim Weltenbau

Um von einer Welt erzählen zu können, können viele verschiedene Facetten von Bedeutung sein: Geografie (z.B. Klima, Landschaft), Demografie (z.B. Bevölkerungsanzahl & -dichte), Religion, Technik, Militär, Kultur (z.B. Gebräuche, Mentalität). Jede dieser Facetten kann man in weitere Unterpunkte aufspalten, bis ein hochkomplexes Schaubild entsteht, das von „Wie groß ist meine Welt?“ hinreicht bis „Welche Schuhe sind in Stadt X diesen Sommer eigentlich angesagt?“

Dass man sich in seinem Weltenbau durchaus verlieren kann, beweist das Beispiel von J.R.R. Tolkien. Sein Leben lang tüftelte er an Mittelerde, entwickelte eigene Sprachen, riesige Stammbäume und eine tausende Jahre umfassende Zeitrechnung. Trotzdem werden wir später in diesem Artikel feststellen, dass Mittelerde den Ansprüchen guten Weltenbaus nicht durchgehend genügt.

„Ich habe oft Lust, daran zu arbeiten, und erlaube mir’s nicht, denn so sehr ich daran hänge, kommt es mir ja doch wie ein höchst verrücktes Hobby vor“
– J.R.R. Tolkien über die Arbeit an Mittelerde (Quelle)

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Was braucht eine Welt, um stimmig und lebendig zu sein? Die Antwort darauf ist einfach und kompliziert gleichermaßen: Die Geschichte bestimmt, was erforderlich ist. Große Fantasy-Epen mit heroischen Schlachten erfordern eine klare Übersicht über militärische Strukturen, magische Möglichkeiten und geografische Strukturen (wer gegen wen und warum?). Bei Urban-Fantasy-Stories in städtischem Ambiente erscheint es relevanter, gesellschaftliche Strukturen, Urbanisierung und Technisierung zu thematisieren. Und eine Science-Fiction-Story lebt natürlich vor allem von der Beschreibung fremder Planeten und der technischen Errungenschaften ihrer Zeit.

Ganz banal lässt sich also zusammenfassen: Die Welt braucht, was die Geschichte braucht. Details, die darüber hinausgehen, können in angemessenen Dosen  spannend sein und schönes Ambiente oder Konflikte schaffen, z.B. wenn sich die Helden einer action-geladenen Geschichte in einer Szene mit den Fallstricken der örtlichen Bürokratie herumschlagen müssen. Sie sollten aber sparsam eingesetzt werden.

Wann baue ich meine Welt?

Analog zu den Plottern und Pantsern gibt es auch im Weltenbau zwei grundlegende Strategien.

1. Die Geschichte entsteht aus der Welt
Bei diesem Vorgehen betreibt der Autor den Weltenbau, bevor er mit dem Schreiben der Geschichte beginnt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Welt ist bei Schreibbeginn bereits fertig, es existiert ein klarer, gut strukturierter Rahmen, in dem sich die Geschichte bewegt, und es gibt immer eine Quelle zum Nachschlagen. Nachteil ist allerdings, dass man sich leicht in später unnötigen Details verlieren kann oder feststellt, dass manche Prämissen die Geschichte gar nicht angemessen tragen. Zum Beispiel könnte man zu dem Schluss kommen, dass der coole Plot™ gar nicht funktioniert, weil die Konzeption der Magie bestimmte Handlungsoptionen gar nicht zulässt.

2. Die Welt folgt der Geschichte
Wer weniger planungs-affin ist, kann die Welt auch während des Schreibens entwickeln. Es existiert a priori also nur eine grobe Idee, eine Skizze der Welt, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt und verbreitert. Auch dieses Vorgehen hat Vorteile. Sobald sich der Plot in Grundzügen abzeichnet, kann man mit dem Schreiben beginnen, ohne lange Vorarbeit leisten zu müssen. Außerdem entwickeln sich Geschichte und Welt auf diese Weise eng Hand in Hand, sodass unnötige Details außen vor bleiben können. Der Nachteil besteht allerdings darin, dass die in der Geschichte gebündelten Informationen in eine angemessene Struktur gebracht werden müssen, um nichts zu vergessen und keine Widersprüche einzubauen. Oft ist dafür ein eigener Überarbeitungsdurchgang nötig.

Welche dieser beiden Strategien die bessere ist, kann und will ich so pauschal nicht beantworten. Ich habe beide Strategien ausprobiert und finde beide reizvoll. Macht es einfach so, wie es sich für euch richtig anfühlt.

Fehler im Weltenbau – geht das?

Ja, ich fürchte, das geht. Genau hier liegt der große Anspruch eines guten Weltenbaus: Neu geschaffene Welten müssen konsistent und stimmig sein, denn Logikbrüche führen bei Lesern bestenfalls zu Irritation, schlimmstenfalls zu Frust.

Während wir bei der Recherche für einen historischen Roman „nur“ überprüfen müssen, ob eine bestimmte technische Errungenschaft im Jahr X existierte, müssen wir uns beim Weltenbau ganz dezidiert überlegen: Ist es denkbar, dass die Menschen dieser Welt mit ihrem technischen Knowhow, ihren Möglichkeiten und Rohstoffen Produkt X herstellen können? Ist die Entstehung von X also grundlegend plausibel?

Laufen solche Überlegungen ins Leere oder werden gar nicht erst angestellt, schleichen sich Fehler oder Brüche ein. Klassiker sind zum Beispiel:

  • Magie ist allmächtig, kann aber das Welthungerproblem nicht lösen.
  • Die Welt ist gering technisiert, es gibt aber gigantische Millionenstädte.
  • Auf einem riesigen Planeten sprechen alle Wesen dieselbe Sprache

Aufgrund solcher und ähnlicher Logiklücken musste sich auch George Martin Kritik an seiner Konzeption von Westeros („Das Lied von Eis und Feuer“) anhören. Lyman Stone hat auf seinem Blog einige Gründe zusammengetragen, warum Westeros so, wie es angelegt ist, nicht funktioniert („Westeros is poorly designed“). Er kritisiert dabei die Tatsache, dass in Westeros trotz seiner Größe – Martin spricht von der Ausdehnung Südamerikas – nur eine Sprache gesprochen wird, dass die Heere und Städte proportional zu groß seien und dass die politischen Konflikte trotz ihrer Komplexität immer noch zu simpel seien gemessen an der Vielzahl an Parteien und Landstrichen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ein jahre- oder jahrzehntelanger Winter die Bevölkerung des Kontinents schon längst an den Rand der Vernichtung getrieben hätte.

Auch Tolkiens Mittelerde basiert eher auf ästhetischen als auf logischen Grundsätzen. Eine Bauweise wie der Turm von Minas Tirith erscheint angesichts der Nähe zu Mordor wenig clever, und trotz der Vielfalt an Wesen und Kulturen leben alle seit Jahrtausenden schön brav in ihren Territorien ohne sich jemals in die Quere zu kommen.

Natürlich sind das Spitzfindigkeiten. Wenn wir ehrlich sind – die wenigsten dürften diese Kritikpunkte beim Lesen der Bücher wirklich gestört haben. Dennoch sind sie ein guter Beweis dafür, wie viele einzelne Rädchen beim Entwerfen einer Welt ineinander greifen. Sicherlich kann eine Welt nie in allen Aspekten perfekt sein. Kein Autor ist Geologe, Historiker, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieur in einem, und auch der Leser vergibt kleine Logiklücken, wenn sie für die Geschichte nicht in hohem Maße relevant sind. Die Daumenregel lautet: Wenn ausreichend Informationen vorhanden sind, um sich Zusammenhänge zu erschließen und die Leser zum Nachdenken anzuregen, dann ist das für gewöhnlich ausreichend. Und wenn ein Aspekt Probleme und Konflikte hervorruft, muss er weniger gut erklärt sein, als wenn er dem Helden aus der Patsche hilft.

Natürlich sind diese Grundsätze wiederum abhängig von Genre und Konzeption der Geschichte. Basiert sie z.B. auf Märchenmotiven oder bekannten Stereotypen, werden viele Logikfehler oder „Blind Spots“ verziehen. Je mehr die Geschichte jedoch dem Anspruch eines „fantastischen Realismus“ folgt, desto intensiver muss der Weltenbau ausfallen (Stichwort: George Martin).

Klischees bewusst aufbrechen

Um Fehler und Logiklücken zu vermeiden, empfiehlt es sich natürlich, zu recherchieren. Ein paar Tipps für Weltenbauer habe ich am Ende des Artikels in einer Linkliste zusammengetragen.

Es kann außerdem hilfreich sein, Klischees, die mit bestimmten Epochen oder Themen verbunden sind, bewusst aufzubrechen. Warum nicht eine Welt entwickeln, die zwar an das europäische Hochmittelalter erinnert, aber geprägt ist von einer animistischen und pazifistischen Weltanschauung? Oder ein orientalisches Setting, in dem gleichgeschlechtliche Beziehungen toleriert und akzeptiert sind? Es ist eure Welt – seid kreativ. Lasst euch nicht von dem vorherrschenden Meinungsbild einengen. Denn wenn wir ehrlich sind: Mit dem „echten“ Mittelalter (das nebenbei ja auch 1000 Jahre umfasst hat) haben die meisten Fantasy-Welten ohnehin nur wenig gemein. Wieso also nicht bewusst neue Wege einschlagen?

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Kann man eigentlich zu viel Weltenbau betreiben? Ich sage: Jein. Jeder darf sich so lange und so intensiv mit seiner Welt beschäftigen, wie er will, je tiefer man selbst eintaucht, desto besser. Aber – und das ist der springende Punkt – man muss sich von dem Gedanken verabschieden, jedes schicke, tolle, aufregende Detail in den Plot integrieren zu können. Zu viele Details, die keinen Bezug zur Haupthandlung oder den Charakteren haben, arten schnell in Info-Dump aus und überfordern den Leser eher, als dass sie ihn faszinieren könnten.

Aspekte, die von Lesern oft als störend empfunden werden, sind z.B. eine eigene Zeitrechnung (abweichend von Tagen, Wochen, Monaten), extrem viele Sonderzeichen in Namen und Begriffen, zu viele Eigennamen für Selbstverständliches oder ellenlange wissenschaftliche Abhandlungen. Selbst Glossare helfen dabei nur begrenzt, denn gerade bei Ebooks lässt es sich schlecht nachschlagen.

Im Zentrum der Überlegungen sollte immer die Absicht stehen, Plot, Charaktere und Welt zu einer Einheit zu verbinden. Wie sieht der Held seine Welt? Wie nimmt er Dinge wahr? Was erlebt er? Viel spannender ist es, als Leser mitzuerleben, wie der Protagonist an einer Feierlichkeit zu Ehren des Flussgottes teilnimmt, an dem traditionell eine Ziege im Fluss ertränkt und roher Fisch gegessen wird, als dieselbe Geschichte in einem Erzähltext präsentiert zu bekommen. Hier können Details das Ambiente und die Stimmung der Szenerie hervorragend einfangen, solange ein Bezug zum Protagonisten oder der Handlung erkennbar bleibt.

Was ist guter Weltenbau?

Kommen wir zu einem Fazit – der Artikel ist lang genug geraten. Guter Weltenbau basiert auf drei Prinzipien: Einfallsreichtum, Atmosphäre und Stimmigkeit. Er schafft die Balance zwischen der Vermittlung von Informationen und Emotionen, erklärt, was nötig ist, und lässt offen, was die Handlung nicht erfordert. Er schafft das Besondere im Althergebrachten, integriert interessante, ungewöhnliche Details in eine Welt, die irgendwie bekannt, aber trotzdem fremd erscheint. Kurzum: Er erfindet das Rad nicht neu, verpasst ihm aber einen schicken Anstrich.

In diesem Sinne: Auf auf in neue Welten!

 


Werkzeuge für Weltenbauer

Auto Realm (kostenfrei): Erstellung von Karten (Stadt-, Landkarten & Dungeons), Erfassung von Distanzen

Campaign Cartographer (ab 30 €): Erstellung von professionellen Karten, kommerzielle Nutzung erlaubt, sehr viele AddOns

Fantasy-City-Generator (kostenfrei): Generieren von mittelalterlichen Stadtkarten nach vorgefertigem Muster

Inkarnate (kostenfrei): Erstellen von schnellen, einfachen Karten

AeonTimeline 2  (48 €): Erstellung von Zeitstrahlen und Verläufen; kompatibel mit Scrivener

Scapple (15 $) : Erstellung von Clustern und Mindmaps, kompatibel mit Scrivener

Freemind  (kostenfrei): Erstellung von Clustern und Mindmaps

 

Links für Weltenbauer

Weltenbau-Wissen

Weltenbastler Community

Medieval Population & Geography (Lyman Stone)

Weltenbau-Board im Tintenzirkel

 

Mehr von mir über das LitCamp:

Von Hybridautoren und dem Sterben der Midlist

Die Schubladen-Problematik

Über Genre-Verwirrungen, Klischees und Gewohnheiten

Die Fantastik und IKEA

Manchmal habe ich das Gefühl, die Belletristik ist schlimmer als ein PAX-Schrank von IKEA: voll von Schubladen, Fächern, Ordnungs- und Sortierungssystemen (und die Beschreibung ist verdammt kompliziert). Das fieseste Schubladen-Problem scheint die Fantastik zu haben, zumindest nehme ich es so wahr.

Fantasy, Fantastik, Low Fantasy, High Fantasy, Science-Fiction, Science Fantasy, Urban Fantasy, Paranormal Fantasy, Romantasy … die Liste ist endlos erweiterbar. Für jede Unterform scheint es weitere Unterformen zu geben, sodass teilweise echte Begriffsmonster entstehen, wenn man einen Roman ganz spezifisch einer Kategorie zuordnen will. Eine sehr spannende und gleichzeitig auch erschreckende Übersicht über sämtliche Subgenres der Fantastik bietet übrigens diese Seite hier.

Was das Chaos perfekt macht, ist die Tatsache, dass sich Definitionen, je nach Sprachraum und Community, unterscheiden können. Schon der Versuch, Fantasy und Fantastik auseinander zu halten,  ist knifflig Fantastik umfasst in der Regel alle Werke, die in der Realität angesiedelt sind, aber übersinnliche, nicht-menschliche oder außerirdische Erlebnisse einschließen. Darunter fallen klassische Schauerromane á la H. P. Lovecraft ebenso wie die moderne Science Fiction oder Dystopien. Unter Fantasy werden hingegen eher die Werke zusammengefasst, die in fantastischen Welten angesiedelt sind (z.B. „Der Herr der Ringe“) oder eine fantastische Parallelwelt innerhalb unserer Welt postulieren (z.B. „Harry Potter“). Gerade Letzterer sträubt sich aber schon wieder ein bisschen gegen diese klare Zweiteilung.

Wir sehen also, dass die Fantastik als Genre extrem weit gefasst ist. Während wir in jedem Krimi erwarten, dass es um einen Kriminalfall, eine/n Ermittler/in und eine/n Täter/in (oder mehrere) geht, ist die einzige Gemeinsamkeit in der Fantastik das fantastische Element. Das Erzählen über fantastische, nicht-irdische oder historische Begebenheiten in all ihren Facetten. Die Bandbreite ist also enorm.

Dagegen birgt jedes Subgenre, so schwer sie teilweise auseinanderzuhalten sind, eigene Konventionen und Settings. In einem Steampunk-Roman erwartet man andere Prämissen und Themen als in einem Science-Fiction-Roman. Und ein High-Fantasy-Epos wird andere Konflikte aufbringen als eine Romantasy-Geschichte. Allein die Verortung in einem bestimmten Genre erzeugt also eine gewisse Leser-Erwartung. Doch wie gelingt es, diese Lesererwartung in die richtige Richtung zu lenken?

Drin ist, was draufsteht

Als Verbraucher sind wir gewohnt, dass auf jeder Verpackung genau steht, was wir darin vorfinden. Erst diese Woche hat der EuGH in einem Gerichtsurteil festgelegt, dass die Bezeichnung „Käse“ nur für tierische Milchprodukte zulässig ist – denn der Verbraucher soll nicht über den Inhalt der Packung  getäuscht werden. Analog dazu war der Aufschrei groß, als vor einigen Jahren in der Tiefkühllasagne Pferdefleisch nachgewiesen wurde, wo doch „Rind“ auf dem Etikett stand.

Mit Büchern verhält es sich ähnlich, allerdings finden wir auf dem Cover eines Romans selten ganz konkrete Hinweise auf das Genre. Teilweise behelfen sich Verlage durch einen Genre-Schriftzug wie „Thriller“ oder „ein Fantasy-Roman“, doch das ist eher die Ausnahme. Meistens sind es Cover, Titel und Klappentext, die dem Leser den richtigen Eindruck vom Inhalt vermitteln und die passende Zielgruppe ansprechen sollen. Das funktioniert meistens, aber nicht immer.

Allzu häufig liest man in Amazon-Rezensionen negative Reviews, bei denen die Passung aus Erwartung und Produkt nicht funktioniert hat. Der (potentielle) Leser formt sich eine gewisse Erwartung über ein Buch, die sich aus der Gestaltung des Covers, dem Klappentext und der Platzierung im Bücherregal (auch im virtuellen) speist, und wird diese nicht erfüllt, ist die Enttäuschung oft groß. Der Leser ist bestenfalls irritiert, schlimmstenfalls fühlt er sich betrogen. Genau wie der Kunde bei der Pferde-Lasagne.

Don’t judge a book by its Cover – oder doch?

In einer Umfrage der Uni Karlsruhe gaben 57 % der Leser an, beim Kauf eines Buches in erster Linie auf das Cover zu achten. Zugegeben, auch ich gehöre zu diesen Leuten. Gerade im Buchhandel ist es häufig ein herausstechendes Cover, das mich dazu bringt, das Buch in die Hand zu nehmen und den Klappentext zu lesen. Letzterer entscheidet allerdings primär über den Kauf.


 

 

Was wir sehen: Eng-umschlungenes halbnacktes Pärchen vor Rosamunde-Pilcher-Kulisse
Was wir erwarten: Romanze mit ein bisschen Sex, aber hausfrauentauglich. Groschenheft, eher was für Wartezimmer oder Krankenhaus-Cafeterien

 

 

 

 

 

Was wir sehen: Silhouette einer Figur mit Stab und Robe vor Fantasy-Kulisse
Was wir erwarten: High-Fantasy-Epos über den epischen Kampf Gut gegen Böse, Stoff für Nerds und Realitätsverweigerer

 

 

 

 

Was wir sehen: Abstraktes Cover in rot-schwarz mit ikonischer Schrift und einem Spritzer Blut

Was wir erwarten: knallharter Thriller mit fiesem Serienmörder und nervenzerfetzender Spannung

 

 

 

 

 

Was wir sehen: Weicher, märchenhafter Hintergrund mit zentraler Frauenfigur und schnörkeliger Schrift

Was wir erwarten: romantische Fantasy à la Twilight und so, Mädchenkram

 

 

 


Natürlich sind diese Interpretationen sehr klischee- und vorurteilsbeladen, aber Hand aufs Herz: Ist es euch nicht auch schon mal so gegangen, dass euch genau diese Gedanken beim Betrachten eines Covers durch den Kopf geschossen sind? Da seid ihr nicht allein.

Die kognitive Abkürzung

Schuld daran, dass wir bestimmte Dinge in vorgefertigte Schubladen packen, ist unser Gehirn. Jeden Tag wird es mit Milliarden Informationen überhäuft und muss daraus einen Konsens bilden – das ist nicht so einfach und kostet jede Menge Kapazitäten. Deswegen benutzt unser Gehirn so genannte Heuristiken, kognitive Abkürzungen.

Aus früheren Erfahrungen lernt unser Gehirn, bestimmte Dinge miteinander zu verknüpfen und dadurch logische Zusammenhänge herzustellen. Wenn ein bestimmtes Cover-Motiv also in ein, zwei, drei Fällen mit einem gewissen Inhalt einherging, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es auch im vierten, fünften, sechsten Mal so sein wird. Genau diese Abkürzungen merkt sich unser Gehirn. Das kommt den Verlagen und auch den Self-Publishern natürlich zugute, denn auf diese Weise kann die richtige Zielgruppe sehr effizient über bestimmte, stereotype Cover-Motive erreicht werden. Es braucht dann keinen Hinweis „Romanze inside“ mehr, um klar zu machen, dass dieser Roman eine Liebesgeschichte beinhaltet – das sieht man auf den ersten Blick am schmusenden Pärchen.

Auch die Ähnlichkeit zu bekannten Vertretern des Genres wird gerne ausgenutzt, um Leser anzulocken. Patrick Rothfuss‘ „Name des Windes“ hat zahlreiche Cover-Zwillinge erzeugt, genau wie „50 shades of grey“ oder die Romane von Jojo Moyes. Die Überlegung ist klar: Sieht das Cover ähnlich aus, ist auch der Inhalt ähnlich.

Fazit

Lesererwartungen, bedingt durch Genre-Konventionen, Cover und Klappentext, dürfen nicht unterschätzt werden. Sie beeinflussen nicht nur die Kaufentscheidung, sondern auch die Bewertung des Buches, und müssen daher sorgfältig abgewogen werden. Für Autoren und Verlage ergeben sich daraus drei klare Botschaften.

  • Erstens: Seid euch bewusst, was ihr schreibt. Es ist nach meinem Ermessen nicht notwendig, den Roman in eine ganz klare Schublade einzuordnen, aber eine grobe Orientierung ist hilfreich.
  • Zweitens: Kennt eure Zielgruppe. Wen soll das Cover und der Klappentext ansprechen? Welchen Inhalt wollt ihr vermitteln? Welche Elemente sollen besonders hervorstechen? Was könnte bei den Lesern falsche Erwartungen wecken?
  • Und drittens: Titel, Cover und Klappentext entscheiden darüber, wer euer Buch in die Hand nimmt oder kauft – also widmet ihnen alle erforderliche Aufmerksamkeit.

Aber auch Leser sollten gut darauf achten, von ihrem Gehirn nicht an der Nase herumgeführt zu werden. Werft auch mal einen Blick über Klischees oder Genregrenzen hinaus, seid neugierig und experimentierfreudig. Vielleicht erlebt ihr ja eine Überraschung. Beispiele gefällig? Dieser Überblick listet eine Reihe Fantasy-Bücher auf, deren Inhalt mit den gewöhnungsbedürftigen Covern nicht harmoniert.

Wie ist das bei euch, wie wichtig ist euch die Covergestaltung, wenn ihr ein Buch kauft oder verlegt? Seid ihr schon mal von Titel und Aufmachung arg getäuscht worden? Sind euch Genregrenzen wichtig?

Lasst es mich wissen.

Das Nornennetz

Dieser Beitrag ist ursprünglich bei Frau Schreibseele erschienen, aber da sie so wundervolle Worte gefunden hat, teile ich einfach ihren Beitrag, statt selbst einen zu verfassen. Vielen Dank dafür!

Frau Schreibseeles Schreibblog

Hei, hallo und herzlich willkommen,

während der Autorinnenzeit ist so einiges passiert. Zwischenzeitlich sollen die Verkäufe der Autorinnen hochgegangen sein. Einige haben ihre Bücherschränke hinterfragt und es gründete sich ein neues Netzwerk.

Kurze Vorgedanken

Manchmal passiert es, dass sich Energie regelrecht anstaut und freigelassen werden will. In der Autorinnenzeit scheint sich ebenfalls solche Energie gesammelt zu haben. Denn viele haben ihre Bücherregale ausgeräumt und nachgeschaut, was sich dort so tummelt. Und ich meine nicht, dass sie drei oder vier Bücher hervorgeholt haben. Es ging dabei durchaus um einige Hundert Bücher.

Andere wieder herum haben beschlossen, dass sie zukünftig mehr Autorinnen lesen wollen. Denn sie stellten fest, dass ihre Bücherstapel mehr oder weniger nur aus Autoren bestehen. Ich selbst hab für mich beschlossen, dass ich zukünftig mehr Science-Fiction von Autorinnen lesen werde.

Zudem hat sich ein Netzwerk gegründet, welche sich das Nornennetz nennt. Und darüber möchte ich heute ein wenig berichten.

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Von Liebe, Rivalität und Vertrauen

Die Rolle der Familie in meiner Fantasy-Literatur

In der #lovewritingchallenge geht es heute um das Thema „Familie“. Bisher ist diese Challenge an mir vorbeigezogen, aber mit diesem Topic musste ich mich einfach befassen. Warum? Nun, Familien, interfamiliäre Beziehungen und Konflikte sind zentrale Themen in allen meinen Geschichten.

Grundlegend sind mir beim Betrachten meiner Werke zwei Dinge ins Auge gestochen:

  1. Jede Geschichte beinhaltet einen Geschwisterkonflikt
  2. Meine Protagonisten kommen fast ausschließlich aus zerrütteten Familien

Wie kommt das? Ich hab mich mal auf Spurensuche begeben.

Der Geschwisterkonflikt

„Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides.“
– Kurt Tucholsky

Wer denkt, Liebesbeziehungen seien die komplexeste Form zwischenmenschlicher Interaktion, der irrt sich. Geschwisterkonflikte ziehen sich durch alle Formen der Literatur und waren mehr als einmal Auslöser für große, heftige Emotionen, vor allem in der Märchen- und Sagenwelt. Kain erschlug aus Neid seinen Bruder Abel. Elektra half ihrem Bruder Orest, aus Rache die eigene Mutter zu ermorden. Aschenputtel muss sich gegen ihre bösen Stiefschwestern wehren. Und Gerda kämpft um das vereiste Herz ihres geliebten Bruders.

Schon an dieser kleinen Auswahl wird klar: Geschwisterbeziehungen bieten unendlichen Raum für Geschichten, angefangen von Konkurrenzdruck über Neid bis hin zu inniger Verbundenheit und gegenseitiger Aufopferung. Geschwister begleiten den Helden von der Kindheit an, sind also neben den Eltern die längste Beziehung, die er jemals pflegt. Sie kennen die Person hinter der Fassade, wissen von Geheimnissen, die der Held mit niemandem teilt. Sie sind seine Verbindung zu einer Zeit, in der er noch ein anderer Mensch war, im positiven oder negativen Sinne.

Auch die psychologische Forschung unterstützt diese These: Geschwister prägen einen Menschen mindestens so stark wie seine Eltern, die Beziehung zu ihnen bieten ein Entwicklungspotenzial, das andere Beziehungen nicht haben. Im Kontakt mit den Geschwistern entwickeln sich früh Empathie, Emotionsregulation und soziale Fähigkeiten, aber auch Spannungen, Konkurrenzdruck und Konflikte, gerade bei geringem Altersunterschied. Ein Bruder oder eine Schwester kann also Vorbild, bester Freund und ärgster Feind in einem werden.

Auch in der Fantasy gibt es einige sehr spannende Geschwister-Konflikte. Da ist zum Beispiel Katniss Everdeen, die für ihre geliebte Schwester Primrose das Los der Hungerspiele auf sich nimmt. Oder Faramir von Gondor, der stets im Schatten seines älteren Bruders Boromir steht und alles tut, um ihren Vater trotzdem zu beeindrucken. Und natürlich die drei Lannisters, Cersei, Tyrion und Jaimie, deren Beziehung so kompliziert ist, dass sie hier den Rahmen sprengen würde. Das Klischee vom einzelgängerischen Fantasy-Helden, der ohne Familie durch die Welt wandert und knallharte Abenteuer erlebt, ist schon lange überholt.

Ein Blick in meine eigenen Werke verrät, dass meine literarischen Geschwister-Pärchen fast alle emotionalen Ebenen abdecken. Es geht um Neid und Konkurrenzdruck (Varek und Askar in „Opfermond“), um Abhängigkeit und Entfremdung (Seri und Jumar in „Flammenkinder“), um Verantwortung und Fürsorge (Benrik und Andrika in „Unter einem Banner“) und um Gemeinsamkeiten und Unterschiede (Quiro und Elis in „Sand & Wind“). Eine faszinierende Bandbreite mit unendlichen Möglichkeiten. Diese nicht auszuschöpfen wäre doch schade, oder?

Die Familie als Ressource und Schwachpunkt

Es ist ja ein weit verbreitetes Klischee, dass der tapfere Fantasy-Held™ schon in jungen Jahren seiner Familie entrissen wird. Er wächst als Waise auf, bei brutalen Zieheltern oder erlebt die Auslöschung seiner Liebsten, woraufhin er überhaupt erst zum Helden wird. Diese Tropen finden sich in zahlreichen Fantasy-Epen wieder: Kvothe, der Protagonist aus „Der Name des Windes“, beobachtet den Mord an seinen Eltern und schwört Rache. Harrys Eltern werden von Voldemort getötet, er selbst wächst bei Tante und Onkel auf. Katniss‘ Vater stirbt bei einem Minenunglück und macht seine Tochter so zum Familienoberhaupt. Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Ich muss zugeben, auch in meinen Geschichten stammen die Helden meistens aus zerrütteten Familien. Sie sind Waisenkinder (Quiro aus „Sand & Wind“), haben früh ein Elternteil verloren (Idra in „Opfermond“), werden von ihrer Familie abgelehnt (Reykan in „Unter einem Banner“) oder erleben den körperlichen bzw. psychischen Verfall ihrer Familienangehörigen (Kalun in „Flammenkinder“). Wie kommt das?

Die Familie ist eine mächtige Ressource. Sie bietet Geborgenheit, Heimat, Sicherheit und Zuneigung.  Nichts prägt uns in jungen Jahren so sehr wie die Familie, unsere Erziehung und die Werte, die uns von den Eltern und Geschwistern vermittelt werden. Und genau hier wird es spannend. Was geschieht, wenn diese Säule wegbricht? Wenn ein Elternteil stirbt, dem Alkoholismus verfällt oder die Familie verlässt? Wie geht ein junger Mensch mit diesem Verlust um? Diese Gedankenspiele sind keine fantastischen Spinnereien, sondern trauriger Alltag für Millionen Menschen weltweit. Psychologisch finde ich es hochspannend, zu erforschen, wie meine Figuren mit diesen Schicksalsschlägen umgehen. Reifen sie daran, werden sie stärker, erwachsener? Zerbrechen sie daran? Verlieren sie Vertrauen oder Selbstbewusstsein im Wissen, auf sich gestellt zu sein, oder beweist es ihnen ihre innere Stärke? Der Umgang mit Schicksalsschlägen sagt unendlich viel über einen Charakter aus. Außerdem liegt es in der Natur meiner Fantasy-Welten, ein ziemlich raues Pflaster zu sein. Vor allem für Familien. 😉

Trotzdem muss ich zugeben, dass mich die Idee reizt, doch mal über einen Charakter mit intakter Familie zu schreiben. Jemand, der sonntags zum Kaffeetrinken seine Eltern besucht, mit ihnen über Beziehungsangelegenheiten streitet oder von seinen neuesten Abenteuern erzählt. Kommt auf die Agenda.

Fazit

Die Familie ist einer unserer zentralen menschlichen Bezugspunkte. Wir können uns entscheiden, den Kontakt aufzugeben, wir können die Verbindung verlieren, aber die Erlebnisse unserer Kindheit und Jugend werden uns trotzdem ein Leben lang prägen. Im Guten ebenso wie im Schlechten. Auch literarische Figuren sind dagegen nicht gefeit. Sie haben Geschwister, die sie lieben oder hassen, Eltern, die sie erzogen haben (oder auch nicht), Bezugspersonen innerhalb oder außerhalb der Kernfamilie, zu denen sie eine Bindung aufgebaut haben. Für authentische Charaktere ist eine gute Hintergrundgeschichte unverzichtbar – dazu gehört auch die Rolle der Familie.

Wie ist es bei euch, lest ihr gern über familiäre Konflikte oder Geschwisterbeziehungen? Welche Rolle spielt die Familie in euren literarischen Werken – ist sie eher Stütze oder Konfliktherd für eure Charaktere? Steht sie im Vordergrund oder ist sie eher schmückendes Beiwerk? Erzählt mir davon.

Alte, wie bist du denn drauf?

Blut, Tod, Gewalt und warum ich darüber schreibe

Die Tatsache, dass man Bücher schreibt, klingt für die meisten Menschen erst einmal spannend. Fällt der Begriff „Fantasy“, fallen die Reaktionen bereits gemischt aus. Kommt dann aber noch zur Sprache, dass meine Welten oft düster, gefährlich und blutrünstig sind, genau wie die Geschichten, die ich erzähle, ernte ich oft skeptische Blicke.

Bin ich vielleicht ein brutaler Mensch? Habe ich Freude an Gewalt, Blutvergießen oder Unterdrückung? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber warum schreibe ich dann über solche Themen? Eine gute Frage, die ich in diesem Artikel versuchen möchte, zu beantworten.

Tolkien und die Nazis

Ich möchte zunächst etwas weiter ausholen. Die Bereitschaft, Autoren mit ihren Welten oder ihren Protagonisten gleichzusetzen, hat lange Tradition. Im Jahr 1980 schrieb der Journalist Michael Jovi einen flammenden Kommentar in der ZEIT, in dem er Tolkien Rassismus und Nazi-Ideologien vorwirft, die sich in seinen Werken wiederfänden. Wörtlich heißt es in dem Artikel: „Diese Recken und Elben, wie gleichen sie den reinen Toren der SS, die unwertes Leben vernichten, diese Elbenfrauen, gleich germanischen Göttinnen und reinen Maiden, blond und blauäugig wie die Ideale des BDM!“ (Zitat von Sphärentor).

Tatsächlich ist Mittelerde von einem klaren Schwarz-Weiß-Denken geprägt. Es gibt die Orks und die dunklen Diener Saurons auf der einen, die cleveren Hobbits und strahlenden Elben auf der anderen. Kriege werden gefochten, um das Böse zu besiegen und am Ende triumphieren die tapferen Helden. War Tolkien deswegen ein Rassist? Ist Mittelerde ein Drittes Reich in Fantasy-Optik? Bullshit. Zeit seines Lebens hat Tolkien sich nie durch rassistische Äußerungen hervorgetan, im Gegenteil: In seinen Briefen verurteilte er das Nazi-Regime und deren Ideologie aufs Schärfste. Seine Werke sind inspiriert von Mythen, Heldensagen und Legenden, von Stoffen, die wesentlich älter sind als deren Missbrauch durch die Nazis. Trotzdem haftet Tolkien dieses Vorurteil bis heute an.

Mrs. James‘ geheimer Pornokeller

Eine ähnlich Entwicklung zeigt sich übrigens auch bei zeitgenössischen Romanen, zum Beispiel im Fall von E. L. James, der Autorin der Erotik-Reihe „50 Shades of Grey“. In zahlreichen Interviews musste sich die Autorin pikanten Fragen stellen, ob denn die im Roman detailliert beschriebenen BDSM-Szenen im heimischen Schlafzimmer erprobt wurden oder ob sie vielleicht selbst einen „Raum der Schmerzen“ im Keller habe. Dabei ist E. L. James auch nur eine ganz normale Endvierzigerin mit zwei Söhnen und einem Hund. Ihr Ehemann beschreibt ihr Sexleben sogar als relativ spröde.

„Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“
– Maxim Gorkij

Interessanterweise scheint sich dieses Phänomen vor allem auf Fantasy und Erotik-Literatur zu beziehen. Kein Mensch käme auf die Idee, einem Krimi-Autor heimliche Mordgelüste vorzuwerfen. Auch Autoren historischer Romane müssen sich selten mit den Anschuldigen beschäftigen, sie würden sich die spätrömische Dekadenz, die mittelalterliche Inquisition oder die Feudalherrschaft zurückwünschen. Hier gelingt die Trennung zwischen Autor und Fiktion offenbar ziemlich gut.

Der Autor und sein Werk

Natürlich ist eine Trennung zwischen Verfasser und Werk nie zur Gänze möglich. Jeder Autor legt ein Stück von sich in seine Texte, greift Themen auf, die ihn berühren, die ihn beschäftigen, und verarbeitet vielleicht auch eigene Erfahrungen. Tolkien inspirierten die nordischen Mythen und Sagen, E. L. James die Lektüre von „Twilight“ (ehrlich, DAS finde ich viel verstörender als alles andere!) und Thriller-Autoren wie Simon Beckett, John Grisham oder Ferdinand von Schirach haben sich von ihrer eigenen Arbeit als Journalist oder Jurist beeinflussen lassen.

Bei mir verhält es sich nicht anders. Ich ziehe viel Inspiration aus dem Rollenspiel, aus den Welten und Charakteren, die ich dort erschaffe und erlebe, egal ob im Live Rollenspiel oder im Pen-and-Paper. Auch Filme, Romane oder Serien können mich inspirieren, manchmal nur einzelne Motive oder Figuren, manchmal Settings oder Atmosphäre. Und sicherlich trägt auch meine Arbeit hin und wieder dazu bei, meiner Neugier für komplexe Charaktere, ungewöhnliche Lebensgeschichten oder auch menschlichen Abgründen nachzugeben.

Wir sehen also: Ein Autor und sein Roman sind nie unabhängig voneinander zu betrachten, eine gewisse Distanz ist aber angebracht. Nicht alles, was in fiktionalen Geschichten erzählt wird, basiert zwingend auf eigenen Erfahrungen, Wünschen oder heimlichen Gelüsten, manchmal steckt auch mehr dahinter als das.

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück: Warum schreibe ich über brutale Welten, über Kriege, über Schlachten, über Mord und Totschlag?

Das Leben in einer feindlichen Welt

Zum einen liegt dem Ganzen eine durchaus psychologische Motivation zugrunde (ich kann eben auch nicht aus meiner Haut). Wir haben das Glück, in einer demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft aufzuwachsen, in der die wenigstens Menschen jemals echten Hunger leiden, um ihr Leben bangen müssen oder Grausamkeit und Willkür ausgesetzt sind. Wir verfügen über ein Sozialsystem, über eine unabhängige Justiz und dürfen frei unsere Meinung kundtun. Sicher ist nicht alles perfekt, was in unserem Land passiert – bei weitem nicht! –, aber die Voraussetzungen, unter denen wir leben, sind eher günstig.

Aber wie ergeht es Menschen, die in einer feindseligen, einer ungerechten, einer bösartigen Welt aufwachsen? Wie arrangieren sie sich damit? Überschreiten sie irgendwann selbst die Grenzen der Moral, um zu überleben? Rebellieren sie gegen die Ungerechtigkeit? Oder arrangieren sie sich schweigend damit und gehorchen?

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es einige hochspannende Experimente zum Thema Konformismus und zur Macht von Rollenbildern. Vielleicht habt ihr schon einmal vom Milgram-Experiment gehört. Versuchspersonen nahmen die Rolle eines Lehrers ein und mussten einen Schüler für falsche Antworten mit Elektroschocks bestrafen. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter wies die „Lehrer“ immer wieder an, die Dosis der Stromstöße zu erhöhen und weiterzumachen. Die Probanden gehorchten, obwohl sie über Lautsprecher die Schmerzensschreie des Schülers in den Ohren hatten. Über die Hälfte der Teilnehmer erhöhte die Voltzahl sogar auf ein tödliches Niveau. In Wirklichkeit gab es keinen Schüler und die Schmerzenslaute waren nur gespielt. Trotzdem war das Ergebnis erschreckend.

Solche und ähnliche Experimente motivieren mich immer wieder, über die Frage nachzudenken, wie Menschen in Extremsituationen reagieren, welche Optionen sie haben und wie solche Entscheidungen eine Person nachhaltig prägen.


anfuhrungszeichentimesEigenes Beispiel: Die Stadt des blutigen Gottes („Opfermond“)

Ghor-el-Chras ist ein erbarmungsloser Ort. Der Blutgott Chras und seine Anhänger diktieren die Regeln für das Zusammenleben, und diese sind denkbar einfach: Der Starke bezwingt den Schwachen. Wer nicht die Kraft hat, sich zu wehren, oder genügend Gold besitzt, ist zum Untergang verdammt. Es gibt keine unabhängige Justiz, die Recht spricht, keine Hilfe für Kranke, keine Almosen. Vor allem Frauen, Angehörige von Minderheiten oder körperlich schwache Menschen leiden unter dem brutalen Regime und haben oft keine Wahl, als sich ihm unterzuordnen.  Was hält die Menschen an diesem Ort? Wie arrangieren sie sich mit den brutalen Regeln? Wie wahren sie ihr Gesicht? Wie rechtfertigen sie ihr Tun, nach innen und nach außen?
Antworten darauf kann ich euch hier und jetzt noch nicht geben, aber ich verspreche euch, ein paar Ideen dazu findet ihr bald in „Opfermond“.


Reale Konflikte in fantastischen Welten

Neben den psychologischen Fragen, die zweifellos spannend sind, bieten auch phantastische Welten die Chance, reale Konflikte und Schwierigkeiten zu thematisieren (wer sich dafür interessiert findet spannende Beiträge in der Blogreihe „Fantastische Realität“). Rassismus, Unterdrückung von Minderheiten, ideologische Feldzüge, Propaganda … all diese Probleme haben auch in der Fantasy Platz, aber natürlich nur in Welten, die Raum dafür bieten. Auch Krieg, Flucht und Neuanfang sind Themen, mit denen wir uns heutzutage vermehrt auseinandersetzen müssen. Warum also nicht auch in fantastischen Werken? Fantastik ist schon lange kein Rückzugsort für Realitätsverweigerer mehr, sondern eine Möglichkeit, Szenarien durchzuspielen, Möglichkeiten zu diskutieren und Themen kritisch zu hinterfragen. Das gilt natürlich auch für unbequeme Themen.

Entscheidend ist dabei die Art und Weise, wie Themen angegangen werden, denn trotz aller Distanz zwischen Werk und Autor darf die vermittelte Botschaft nicht aus den Augen gelassen werden. Wer Rassismus, Sexismus, Homophobie oder Missbrauch in ein positives Licht rückt, darf sich nicht wundern, wenn er dafür kritisiert wird. Entscheidend ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Themen – ohne rosarote Brille, aber mit einer klaren Message. Auch Autoren haben eine Verantwortung, gerade bei sensiblen Themen. Man darf über alles schreiben, aber man muss sich der Wirkung dessen bewusst sein, was man transportiert.


anfuhrungszeichentimesEigenes Beispiel: Diskriminierung und Terrorismus („Flammenkinder“)

Im Kaiserreich Nuberia herrscht eine klassische Theokratie: Der Kaiser gilt als Inkarnation des Sonnengottes und seine Entscheidungen sind unantastbar. Alle anderen Glaubensrichtungen werden verfolgt und ausgelöscht, allen voran die Ruzemi, ein Volk, das die Göttlichkeit des Kaisers anzweifelt. Um den Völkermord an den Ruzemi zu rechtfertigen, hat die Regierung zahlreiche Gerüchte ins Leben gerufen, und natürlich glaubt das Volk die Propaganda von Kindsmorden, Opferritualen und blutigen Anschlägen. Verfolgt und gejagt sind die Ruzemi gezwungen, ihren Glauben zu verstecken – oder gegen die Unterdrückung zu kämpfen. Aus dem Widerstand formieren sich die „Aschekrieger“, eine Gruppe von Untergrundkämpfern, die das Kaiserregime bis aufs Blut bekämpfen. Wie gehen die Menschen mit der Unterdrückung und Verfolgung um? Wie bewahren sie sich ihren Glauben an das Gute? Und wenn sie ihn verlieren – kann man es ihnen verdenken?


Der Realismus-Anspruch

Last but not least hat auch die Fantasy einen gewissen Anspruch an realistische Darstellung. Das ist ein Punkt, über den sich streiten lässt, ich will ihn aber nicht außen vor lassen. Die Prämissen einer Welt unterliegen immer dem Autor, und selbst wenn man sich wie ein G.R.R. Martin an mittelalterlichen Vorbildern orientiert, muss das nicht heißen, dass man auch Gesellschaftsformen, Frauenbild oder Vorurteile dieser Zeit übernimmt. Warum nicht eine Welt von mittelalterlichem Fortschrittsgrad entwerfen, in der Gleichberechtigung herrscht? Oder eine orientalische Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliche Beziehungen voll akzeptiert werden? Alles ist möglich.

Trotzdem muss auch eine fantastische Welt in sich logisch sein – und das schließt auch unangenehme Begebenheiten ein. Kriege, Unterdrückung oder Naturkatastrophen haben ganze Zeitalter geprägt, demnach sollte man sie auch bei Fantasy-Welten nicht ausblenden, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen und Schrecken (auch der Gedanke einer utopischen Welt ohne Krieg und Leid kann natürlich reizvoll sein, das nur am Rande). Krieg zu verharmlosen oder zu verherrlichen ist der größte Fehler, den ein Autor begehen kann. Dabei ist es nicht erforderlich, nur um der Schockeffekte wegen grausige Details darzustellen und nur noch über Blut und Eingeweide zu schreiben, viel wichtiger sind die Auswirkungen auf den Einzelnen, das Psychologische dahinter. Genau das macht eine Geschichte spannend.


anfuhrungszeichentimesEigenes Beispiel: Kriegstrauma („Unter einem Banner“)

Der Wunsch nach Expansion und Ausweitung von Ressourcen bringt den König von Serin dazu, Krieg gegen seine nördlichen Nachbarn zu führen. Während das Heer die ersten Grenzposten noch problemlos einnimmt, wird die Belagerung der feindlichen Hauptstadt zum Desaster. Wintereinbruch, Hunger und steigende Verluste machen den Soldaten zu schaffen, senken ihre Moral. Kameraden sterben, die ersten Soldaten begehren auf, desertieren. Was als Triumphzug geplant war, verkommt zu einem Alptraum. Und mitten drin steht Reykan, seines Zeichens königlicher Offizier, und muss sich entscheiden: Folgt er seinem Pflichtgefühl oder seiner Vernunft?


Kommen wir zu einem Fazit. Ja, ich schreibe über Gewalt, über Krieg und darüber, was es mit den Menschen macht. Ich baue Welten, die nicht immer schön sind, oft sogar bedrohlich oder feindselig. Manchmal gewinnt das Gute, manchmal erleide die Helden Rückschläge und manchmal gibt es gar keinen Sieger. Natürlich ist es okay, wenn jemand mit diesen Themen nichts anfangen kann, sich vielleicht unwohl fühlt darüber zu lesen und zu schreiben. Ehrlich, das ist doch das Schöne an der Bücherwelt: Für jeden gibt es den passenden Lesestoff.

Auch für mich gibt es Grenzen, die ich ungern überschreite: Folter, Gewalt gegen Kinder und extrem grausame Todesfälle zum Beispiel. Und noch nie hat explizite, übertrieben Gewaltdarstellung dazu beigetragen, dass ich ein Buch besonders gut fand. Aber kritische Auseinandersetzung mit unangenehmen Themen, psychologische Gedankenspiele und realistischen Weltenbau schreibe ich mir gerne auf die Fahne.

Wie steht es bei euch, verarbeitet ihr solche Themen in euren Werken? Was inspiriert euch dazu? Stören euch Gewaltdarstellungen als Leser? Wo zieht ihr eure persönliche Grenze? Lasst es mich wissen.

Gewinnspiel: Welttag des Buches

„Essen vertreibt den Hunger, Lesen vertreibt die Dummheit.“
chinesisches Sprichwort

Ihr Lieben, heute ist der Welttag des Buches. Eigentlich sollte ja jeder Tag im Jahr ein Buch-Tag sein, denn Bücher sind nicht nur ein Tor zu anderen Welten, sondern auch eine Quelle neuer Freunde und neuer Erkenntnisse.

In den letzten Jahren habe ich selber viel zu wenig gelesen, habe mich mehr mit meinen eigenen Werken beschäftigt als mit denen anderer. Seit einer Weile versuche ich dieses Defizit auszugleichen und mir wieder mehr Zeit für andere Bücher zu nehmen.

Heute möchte ich aber gerne euch beschenken und habe mir deswegen ein kleines Facebook-Gewinnspiel ausgedacht.

Was kann ich gewinnen?

Ich verlose je einen Ebook-Code für die Kurzgeschichten-Anthologien „Fantasy-Lesebuch 4“ und „Die Helden-WG“, einzulösen im Verlagsshop vom Verlag OhneOhren.

In beiden bin ich als Mia Neubert jeweils mit einer Geschichte vertreten – genau wie viele andere talentierte Kolleginnen und Kollegen.

Wie funktioniert das Gewinnspiel?

Liked den Original-Beitrag zum Gewinnspiel auf meiner Facebookseite und schreibt in einem Kommentar darunter, welches der beiden Ebooks ihr gerne gewinnen würdet und welches Buch euch im letzten Jahr besonders beeindruckt hat. Gerne auch mit Begründung.

Der Gewinner wird per Zufallsprinzip unter allen Teilnehmern ermittelt. Ihr dürft auch in beide Lostöpfe hüpfen, allerdings kann jeder nur einmal gewinnen. Sollte ich einen Namen zweimal ziehen, entscheidet der Zufall, welches Ebook die Person erhält.

Natürlich freue ich mich, wenn ihr das Gewinnspiel auf eurer Seite teilt, meine Seite liked oder Freunde markiert, für die Teilnahme am Gewinnspiel ist das aber nicht erforderlich.

Wie lange läuft die Aktion?

Teilnehmen könnt ihr bis zum 30.04.2017 um 23.59 h.

Im Laufe des 1. Mai 2017 werde ich die Gewinner bekannt geben, diese werden über Facebook per Privatnachricht informiert und im Beitrag markiert. Den Code versende ich dann via Email. Melden sich die Gewinner nicht binnen 14 Tagen, verlose ich den Gewinn erneut.

Nehmen innerhalb des Zeitraums weniger als 10 Personen am Gewinnspiel teil, behalte ich mir vor, den Zeitraum zu verlängern. Dies wird dann per Facebook bekannt gegeben.

Rechtliche Bestimmungen

Facebook hat nichts mit dem Gewinnspiel zu tun und steht nicht als Ansprechpartner zur Verfügung. Wer am Gewinnspiel teilnimmt, stellt Facebook frei. Private Daten des Gewinners werden nicht bekannt gegeben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Ich wünsche euch viel Glück und viel Lesefreude in nächster Zeit!

Eure Elea Brandt

Depressive Drachentöter

Psychische Störungen in der phantastischen Literatur

Artikel aus der Blogreihe „Phantastische Realität“ (Artikel-Übersicht)

In einer Welt, die verrückt spielt, ist nur ein Irrsinniger wahrhaft geisteskrank.
– Homer J. Simpson

Die Auseinandersetzung mit psychischen Störungen ist in vielen Bereichen der Literatur verbreitet.  Goethe schrieb über den depressiven „Werther“, E.T.A. Hoffmann über den zerstörerischen Wahnsinn im „Sandmann“. Auch in zeitgenössischer Literatur  haben die Protagonisten immer wieder mit schweren Schicksalsschlägen und ihren eigenen inneren Dämonen zu kämpfen, z.B. mit Drogenabhängigkeit („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“), Anorexie („Dann bin ich eben weg“) oder Depression/Suizidalität („A long way down“).

Depressive Drachentöter und zwanghafte Zauberer

Doch in der Fantasy? Ein Drachentöter mit Depression? Ein Zauberer mit Zwangsstörung? Ein Krieger mit Kleptomanie? Schwer vorstellbar. Der stereotype Fantasy-Held ist ein strahlender Saubermann, ein tapferer Streiter für das Gute, der selbst den schlimmsten Verlockungen widersteht und jedem noch so gefährlichen Gegner tapfer die Stirn bietet. Er (oder sie) metzelt sich unerschrocken durch feindliche Horden, hält den sterbenden Kameraden die Hand und erzählt am Ende mit grimmigem Stolz in der Stimme von seinen legendären Heldentaten.

Trotz allem Sarkasmus bleibt im Kern aber doch etwas Wahres übrig. Die Fantasy, selbst in ihrer düstersten, blutrünstigsten Ausformung, lebt von Helden. Von Figuren, die eine Entwicklung durchleben, die Stärke beweisen, die sich gegen Widrigkeiten zur Wehr setzen. Wird dieses Bild erschüttert, bleiben viele Leser ernüchtert zurück. Ein prominentes Beispiel ist Katniss Everdeen, die Heldin aus der Dystopie „Die Tribute von Panem“. Zu Beginn noch die mutige, aufopferungsvolle Kämpferin für das Gute, zerbricht die junge Frau zunehmend am Grauen des Krieges. Naheliegend, betrachtet man die schrecklichen Erlebnisse, deren Zeuge sie wurde. Trotzdem bedauerten viele Leser den Verfall ihrer Heldin, kritisierten das „nervliche Wrack“ (Amazon-Rezension), zu dem die Autorin ihre Protagonistin hat verkommen lassen. Es erscheint naheliegend, dass sich manche Leser lieber mit einer starken, ehrgeizigen und leidensfähigen Katniss identifizieren wollen, als mit einer, die an die Grenzen des Menschenmöglichen gelangt ist. Bedauerlich ist es dennoch, dass die realistische Darstellung psychischer Leidenszustände in diesem Kontext als unangenehme Charakterschwäche wahrgenommen wird.

Dabei ist die Ätiologie psychischer Krankheiten nicht ausschließlich auf die Eigenschaften der betroffenen Person zurückzuführen, sondern wesentlich vielfältiger und komplexer.  Die genetische Disposition kann dabei genauso eine Rolle spielen wie die psychosoziale Entwicklung, die Persönlichkeit und verschiedene Umwelteinflüsse. Die Entstehung einer psychischen Störung als „charakterliche Schwäche“ auszulegen, ist demnach stark vereinfacht bis schlichtweg falsch. Viel eher zeugt es, meiner Ansicht nach, von persönlicher Stärke, offen mit seinen Problemen umzugehen und sich den eigenen psychischen Handicaps zu stellen. Hier ergeben sich auch für die Fantasy spannende Spielräume mit vielfältigen Optionen. Dazu aber später mehr.

Joffrey, Gollum und die Pathologisierung des Bösen

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Gollum: Dissoziative Identitätsstörung

Wie eingangs bereits erwähnt, sind Helden in der Fantasy nur selten von psychischen Störungen betroffen  – die Bösewichte hingegen sehr wohl. Das Spektrum reicht von zwanghafter Persönlichkeitsstörung (Dolores Umbridge, „Harry Potter“) über Psychopathie (Joffrey Baratheon, „Lied von Eis und Feuer“) bis hin zu dissoziativer Identitätsstörung (Gollum, „Herr der Ringe“).  Sollte man daraus schlussfolgern, dass psychisch kranke Menschen per se böse sind? Wohl kaum.

Symptome psychischer Störungen – vor allem solche, die primär Leiden bei den Mitmenschen und weniger beim Betroffenen selbst hervorrufen – wirken schon deswegen schnell antagonistisch, weil sie gängigen Regeln unseres Zusammenlebens widersprechen. Personen, die gegen moralische Standards und soziale Mechanismen verstoßen, damit sogar noch anderen schaden, finden sich schnell auf der dunklen Seite der Macht wieder. Teils sicher zu recht. Einen zwanghaften, sadistischen Narzissten als Identifikationsfigur oder Love Interest zu verkaufen, könnte schwierig werden (außer, der Kerl ist Millionär, versteht sich *ironie aus*), doch jede Figur mit einer psychischen Störung in die Gegenspieler-Ecke zu drängen, ist nicht nur banalisierend, sondern befeuert obendrein die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen.

Raus aus dem Symptom-Korsett

Natürlich muss ich an dieser Stelle einräumen, dass die diagnostische Einordnung der genannten Figuren primär meiner eigenen Einschätzung entspricht. Die meisten Fantasy-Welten sehen eine Diagnostik oder gar Therapie psychischer Störungen nicht vor, vor allem dann nicht, wenn sie an frühere irdische Epochen (z.B. Mittelalter oder Antike) angelehnt sind. Bekanntermaßen wurden psychische Störungen lange Zeit gar nicht als solche erkannt oder – schlimmstenfalls – als dämonische Besessenheit interpretiert. Die angewandten Behandlungsmethoden können dabei bestenfalls als barbarisch bezeichnet werden, die ersten Ansätze pharmakologischer oder verhaltenstherapeutischer Behandlung finden sich erst Mitte des 20. Jahrhundert.

Schlechte Voraussetzungen also für den depressiven Drachentöter – zugleich aber auch eine Chance für den Autor. Weder besteht die Notwendigkeit, eine Störung konkret beim Namen zu nennen, noch den Charakter in ein Korsett vorgegebener Symptome zu zwängen. Psychische Störungen sind ebenso vielfältig und vielgestaltig wie diejenigen, die an ihnen leiden, den Prototypen einer Depression, einer Schizophrenie oder einer Angststörung gibt es nicht und selbst Symptomlisten beschreiben das faktische Fühlen oder Erleben der Betroffenen oft nur unzureichend. Wichtig ist also: Auch Figuren mit psychischen Krankheiten sind Individuen, Charaktere, keine Personifikation ihrer Störung.

Die Figur und ihre Psyche

Diese Maxime beschreibt auch ganz gut mein eigenes Vorgehen. Zu Beginn der Überlegung steht immer eine Figur, eine Idee. Daraus entwickelt sich dann ein Konzept und daraus wiederum ein individueller Charakter. Meistens stelle ich erst am Ende dieses Prozesses fest, dass die Figur bestimmte Symptome aufweist oder dass ihre Lebensgeschichte und ihre persönlichen Erfahrungen nicht spurlos an ihr vorübergegangen sein können. Da meldet sich natürlich auch die Psychologin in mir, die mit großem

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Facetten psychischer Gesundheit

Interesse die Entwicklung einer Figur bzw. ihre spezifische Lebensgeschichte verfolgt und sich schon allein aus fachlicher Neugier die Frage stellt: Wie geht die Person mit dieser Erfahrung um? Wie wirken sich die Lebensumstände auf ihre Persönlichkeit aus, auf ihre soziale Interaktion oder auf ihre individuellen Stärken und Schwächen?

Natürlich kann das Ziel eines Plots nicht darin bestehen, die Figur komplett von ihren Symptomen zu heilen (außer, sie ist Millionär und … ja, ich hör schon auf). Das Stichwort lautet hier „Coping-Strategien“: Fähigkeiten, die der Figur dabei helfen, mit ihrem psychischen Handicap zurecht zu kommen, ihre Schwierigkeiten zu kompensieren oder Hilfe und Verständnis bei anderen zu finden. Genau diese Strategien sind der Schlüssel zur Entwicklung einer Figur und zur realistischen Auseinandersetzung mit der psychologischen Thematik.

Zwei eigene Ideen

Zuletzt möchte ich euch, als kreativen Abschluss dieser ganzen Textwand, zwei meiner Charaktere vorstellen, die mit psychischen Handicaps zu kämpfen haben. Sicherlich sind die beiden nicht der Weisheit letzter Schluss und ob es mir gelungen ist, meine oben genannten Maßstäbe hier zu erfüllen, sei dahingestellt. Versteht meine Beispiele bitte nicht als Lösungsvorschlag oder Handlungsempfehlung, sondern als kleine Illustration dessen, was ich im Laufe dieses Artikels von mir gegeben habe. Meine persönliche Baustelle, sozusagen.


FARAL, Auftragsmörderin

Diagnose: Autismus

Ihre Geschichte: Von ihrer Familie verstoßen und in Armut aufgewachsen, wurde Faral schon als junges Mädchen von einem Jünger der „Bruderschaft“, einer Assassinen-Gilde, gefunden und ausgebildet. Sie erweist sich als ausgesprochen ehrgeizig und effizient, bis es ihr zum ersten Mal nicht gelingt, einen Mordauftrag zu Ende zu führen. Plötzlich sieht sich die Einzelgängerin gezwungen, Bündnisse zu schließen, und sich auf Beziehungen zu anderen Menschen einzulassen, um zu überleben. Eine Erfahrung, die sie an ihre Grenzen bringt.

Symptome: wenig Verständnis für Gefühle oder zwischenmenschliche Beziehungen, Schwierigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, Bestehen auf festen Routinen oder Denk- bzw. Handlungsmustern, vermindertes Schmerzempfinden, Lichtempfindlichkeit, stereotypes Wiederholen von Regeln und Kodizes, wenig Gespür für Humor, Sarkasmus oder soziale Regeln

Wie sie damit umgeht: Faral hat eine hervorragende Nische für sich gefunden. Als Assassine arbeitet sie allein, Gefühle sind ihr dabei eher im Weg und sie kann sich an ihren eigenen Regeln und Routinen orientieren. Schwierig wird es, sobald sie gezwungen ist, Verhaltensweisen anderer Menschen zu begreifen oder vorherzusehen. Hier konzentriert sie sich auf Beobachtungen, versucht Gesetzmäßigkeiten in den Handlungen anderer zu finden und ist meistens irritiert, wenn ihre üblichen Routinen nicht funktionieren. Trotzdem lernt sie stetig, entwickelt ihre persönlichen Regeln weiter und erstellt sie so ihr ganz eigenes Bild von der Welt.

Szene: Nachdenklich betrachtete sie ihren Schützling, der tief und fest schlief. Veränderungen hatten Faral immer Angst gemacht, hatten ihr das Gefühl gegeben, die Kontrolle zu verlieren. Diese Veränderung jedoch fühlte sich richtig an. Sie würde die Jagd vermissen, die Energie, das Pulsieren in ihren Adern, und es würde Zeit brauchen, um die neuen Regeln zu lernen. Seris Regeln. Doch dafür hatte sie wieder ein Ziel, eine Aufgabe, eine Bestimmung. Etwas, das ihrem Dasein einen Sinn verlieh, und das über bloßes Überleben hinausging.

[aus: „Aschekrieger“, unv. Manuskript]


REYKAN, Soldat des Königs

Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung

Seine Geschichte: Reykan ist Soldat mit Leib und Seele: loyal, strebsam und pflichtbewusst. Ein gescheiterter Kriegszug lässt ihn jedoch an seinen Idealen und seiner Treue zum König zweifeln und der Tod seiner Kameraden, vor allem seines Geliebten, zerbricht ihn endgültig. Reykan hadert mit sich, mit seiner Schuld, mit seiner Rolle als Soldat und sucht verzweifelt nach einer neuen Lebensaufgabe. Nicht so einfach, wenn die Schatten der Vergangenheit nicht loslassen wollen.

Symptome: nachhallende Erinnerungen an das Ereignis (Flashbacks), Alpträume, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Schuldgefühle, Alkoholmissbrauch zur Selbstmedikation, sozialer Rückzug

Wie er damit umgeht: Reykan versucht die unangenehmen Erinnerungen zunächst mit Alkohol zu betäuben (wenig erfolgreich), bis er gezwungen wird, sich seinen inneren Dämonen auf konstruktive Weise zu stellen. Es gelingt ihm, eine neue Aufgabe im Leben zu finden und sich über diese Aufgabe – und eine neue Liebe – neu zu definieren. Er kann mit seiner Vergangenheit abschließen und beginnt, auch seine Schuldgefühle aufzuarbeiten und nach vorne zu blicken. Ein langwieriger Prozess, der mit dem Ende er Geschichte nicht vorbei ist.

Szene: Kein Traum. Es war real. Das Lager brannte. Er durfte nicht die Nerven verlieren, er musste …
Blutiger Schnee. Tote Leiber. Bleiche Gesichter. Reykan schüttelte sich, presste die Hände auf die Schläfen. Das Blut rauschte in seinen Ohren, toste durch seine Adern. Hilflosigkeit, Schuld, Zorn, alles prasselte plötzlich mit der Gewalt einer Lawine auf ihn ein. Er stieß einen gequälten Laut aus. Nein! Nicht jetzt, verdammt!
Ruhe bewahren. Einatmen. Ausatmen.
»Reykan?« Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter, jemand hielt ihn fest. »He, sieh mich an!«

[aus: „Unter einem Banner“, unv. Manuskript]


Kommen wir zu einem Fazit. Auch die phantastische Literatur bietet spannende Optionen, psychische Störungen zu thematisieren, und aufzuzeigen, welche Wege Menschen finden, damit umzugehen. Dabei erscheint es wichtig, ein psychisches Handicap nicht als unüberwindbare Schwäche oder amüsanten Tic darzustellen, sondern dem Helden nach und nach Strategien an die Hand zu geben, die ihm helfen, mit seinen Symptomen konstruktiv umzugehen. Natürlich erfordert dieses Vorgehen ein gewisses Fingerspitzengefühl und Recherche – aber die Mühe lohnt sich.