Humor

Charaktere auf der Couch: #4 Kurt

In der heutigen Sitzung lernen wir Kurt kennen. Er ist ehemaliger Bundeswehrsoldat und mittlerweile viel beschäftigter Privatdetektiv in – nun ja – ganz besonderem Auftrag. Seine Ehefrau Sonja, mit der er einen kleinen Sohn hat, macht sich allerdings Sorgen um ihren Ehemann. Offensichtlich scheint Kurt schön langsam den Verstand zu verlieren. Wir gehen der Sache lieber auf den Grund.

Ah, Sonja, schön, dass Sie da sind. Nehmen Sie doch Platz. Es geht um Ihren Ehemann Kurt, nicht wahr? Schildern Sie mir doch noch mal kurz, warum Sie hier sind.

Ja, ähm, hallo. Danke. Sie setzt sich und streicht mit beiden Händen Ihre roten Locken nach hinten. Kurt, ja, um den geht’s.

Einen Moment starrt sie unschlüssig vor sich hin, dann holt sie tief Luft. Ich sollte wohl erst ein bisschen über uns beide erzählen. Kurt und ich, wir haben uns vor knapp drei Jahren kennengelernt. Über meine Schwester. Siearbeitete damals in so einem Institut in München, das beschäftigt sich mitPolitik- und Gesellschaftsforschung.

Sie stutzt und macht lächelnd eine wegwerfende Handbewegung. Ach, das tut ja nichts zur Sache. Also, Anke – so hieß meine Schwester, sie ist im Sommer darauf gestorben – hatte Kurt zufällig getroffen, als wir beide Eis essen waren. Sie hat ihn zu uns an den Tisch gewunken, und er hat mir einfach sofort gefallen. Fast zwei Meter groß, breit und sportlich, ein markantes Gesicht. Ein paar Narben hat er, aus Afghanistan, aber …

Ich bin mir sicher, das ist eine sehr romantische Geschichte, Sonja, aber wir müssen auch auf die Zeit achten, ja? Also, warum sind Sie hier?

Sie knetet ihre Finger durch. Also, eigentlich macht der Kurt einen vollkommen normalen Eindruck, und als er mir damals erzählt hat, dass er sein Trauma von Afghanistan erfolgreich besiegt hat, da hab ich ihm das geglaubt. Nur fürchte ich jetzt, er hat dieses Trauma durch … ich weiß nicht … naja, eine Wahnvorstellung ersetzt. Die er aber absolut ernst nimmt. Und da sitze ich jetzt mit unserem zwei Monate alten Sohn und muss glauben, dass sein Vater – sie lacht hysterisch auf – irre ist.

Irre? Was meinen Sie damit?

Ähm … Er macht da ja so ein Geheimnis draus. Ich musste ihm schwören, niemandem was zu sagen. Hab ihn auch nur mit Mühe dazu gebracht, hierher zu kommen. Er ist nur bereit, das ganze Thema hier zu besprechen, weil er sich auf Ihre Schweigepflicht verlässt. Und er besteht darauf, Ihnen selbst zu sagen, worum es geht – wenn überhaupt.

Nun gut, dann holen wir ihn dazu. Kurt? Würden Sie sich zu uns setzen?

Kurt kommt herein und setzt sich neben Sonja. Für so einen großen Kerl schaut er ziemlich verschüchtert drein, streicht sich verlegen über seinen Stoppelhaarschnitt.

Grüß Gott dann auch.

Guten Tag Kurt, schön, dass Sie gekommen sind. Ihre Frau sagt, es gäbe da etwas, das Sie mir sagen möchten. Sie macht sich große Sorgen um Sie. Können Sie sich vorstellen, worum es geht?

Na, dass ich es unbedingt sagen will, ist reichlich übertrieben. Ich bin nur hier, weil Sonja darauf besteht. Sie unterliegen auch garantiert der Schweigepflicht, ja? Das ist mir sehr wichtig!

Natürlich. Sie können sich darauf verlassen, dass nichts nach außen dringt.

Na schön. Er setzt ein paar Mal zum Sprechen an, bis er endlich was rausbringt.

Ich verstehe ja, dass Sonja mich für geisteskrank hält, bei dem, was ich ihr eröffnet habe. Ihnen wird das nicht anders gehen, und ich würde genauso reagieren, wenn ich es nicht besser wüsste.

Ach, wenn Sie wüssten, mit wem ich es die letzten Wochen so zu tun hatte … Also, nun raus mit der Sprache!

 Tja … na gut … also ganz direkt: Ich habe beruflich und privat mit … ähm … mit … Leuten zu tun, die man gemeinhin eher in Märchen und alten Sagen verortet, aber nicht in der Realität.

Wollten Sie nicht ganz direkt sein? Ich kann ja schlecht raten, was Sie meinen. Elfen? Die Men in Black? Engel? 

Die auch. Also, die Engel. Wenn auch sehr selten, die beiden haben meistens zu tun.

Wie bitte?

 Sonja verschränkt die Arme vor der Brust. Sehen Sie? So hab ich auch reagiert. Ganz zu schweigen von den Göttern.

Macht sich eifrig Notizen. Aha, lassen Sie mich das verstehen, Kurt. Gott und die Engel – sehen Sie die nur oder sprechen Sie auch mit Ihnen? Wie lange geht das denn jetzt schon so, können Sie sich erinnern, wann es angefangen hat?

Klar kann ich das. Das war im Frühjahr 2012, als ich meinen ersten richtig interessanten Fall als Privatdetektiv hatte. Dabei wollte ich den erst gar nicht annehmen. Wenn ich geahnt hätte, was da wirklich auf mich zukommt …

Er schaut zu Sonja neben sich.  Andererseits … ohne diesen Fall damals hätte ich auch Sonja nie kennengelernt, von daher … Ach so, und natürlich sehe ich die nicht nur, sondern spreche auch mit ihnen. Das Sehen ist dazu gar nicht mal unbedingt nötig, zumindest bei den aktiven. Aber das ist dann doch etwas gewöhnungsbedürftig, so eine Stimme im … ähm … Er merkt, was er da sagt, und schweigt lieber.

In Ihrem Kopf, wollten Sie sagen? Kurt, nur so der Vollständigkeit halber: Nehmen Sie eigentlich irgendwelche Medikamente? Oder …

Drogen meinen Sie? Er lacht sarkastisch.
Nein, glauben Sie mir, selbst mein etwas … sagen wir erhöhter Alkoholkonsum damals ist längst passé. Aber ich versteh schon, dass sie den Verdacht haben. Wie gesagt, ich würd’s ja selbst nicht glauben, wenn ich’s nicht besser wüsste.

Sonja schaut die Therapeutin gequält an. Verstehen Sie jetzt, warum ich mir Sorgen mache? Er ist ein toller Vater, auch für meine beiden Großen, aber … Sie schaut nun schüchtern Kurt an. Ich hab schon etwas Bedenken, wie sich solche Wahnvorstellungen auswachsen könnten.

Kurt schnaubt. Ich wollte dich ja mitnehmen und ihnen vorstellen, aber da warst du dann auch nicht einverstanden.

Sie meinen, diese Engel und sogar Gott würden auch mit Sonja sprechen?

Schätze schon, ja.

Wohin müssten sie Sonja dann mitnehmen? In eine Kirche?

Kurt winkt ab. Nein, da würden wir bestenfalls AJ und seine Jungs treffen. Wobei wir dazu auch nicht unbedingt in eine … warten Sie mal.
Er schaut nachdenklich von der Therapeutin zu Sonja und zurück. Schließlich seufzt er. Wissen Sie was? Ich funk ihn grad mal an. Beenden wir diesen Quatsch hier.

Äh, anfunken? Wen? Kurt, ich denke nicht, dass Sie …

Warten Sie’s ab. Wenn er nicht grad wieder irgendwo auf der Welt versucht, ein paar selbsternannte Supermoslems oder so zur Räson zu bringen, ist er vielleicht auf Empfang. Er schließt die Augen und sieht sehr konzentriert aus.

Kurt? Kurt ist alles in Ordnung? Können Sie mich hören?

Sonja zuckt hilflos die Achseln und zeigt mit fragendem Gesichtsausdruck eine Mattscheibe.

Plötzlich ertönt eine weitere Stimme. Aber nicht doch. Sonja, was denkst Du nur von Deinem Mann?

Was? Wie zum …? Wie sind Sie hier reingekommen? Da ist doch … gar keine Tür!

Mitten im Raum steht ein runzliger, kleiner Mann mit dicker Hornbrille und einem verschmitzten Lächeln in den Augen.

Kurt stößt einen Seufzer aus. AJ, da bist Du ja!

Ist doch Ehrensache, mein Junge. Er legt der Therapeutin die Hand auf die Schulter und schaut ihr in die Augen. Sie hat noch nie so viel Wärme und Güte in einem Blick gesehen. Ich denke, ich kann das mit den Beiden regeln. Wärst du so nett, mir mal kurz dein Büro zu überlassen?

 Äh … klar … nur zu. Viel Spaß. Ich brauch jetzt erst mal einen Schluck.


Tja, vKurtCoverielleicht ist Kurt gar nicht so verrückt, wie er auf den ersten Blick scheint. Wenn ihr euch davon überzeugen wollt, „Kurt – in göttlicher Mission“ aus der Feder von Sascha Raubal ist direkt beim Machandel-Verlag und bei den gängigen Online-Händlern erhältlich. Ein weiterer Fall ist bereits in Arbeit und soll noch dieses Jahr erscheinen, haltet also die Augen offen.

Sascha Raubal: fantasy.raubal.de

 


Wenn ihr Kurt, Sonja, AJ oder mich noch mit Fragen löchern wollt, nur zu. Vielleicht habt ihr ja eure ganz eigene Sicht dessen, was real ist und was nicht.

Der nächste Sitzungstermin findet am 7. August statt. Mein Patient ist der englische Gentleman Horatio unter dessen charmanter Fassade eine ziemlich düstere Persönlichkeit lauert. Mal sehen, ob wir seinem wahren Ich auf die Schliche kommen.

Für eine Übersicht über alle bisherigen Termine: Teaser: Charaktere auf der Couch

 

Das super-nützliche Autoren-ABC

Die Geschichte der Schreiberei ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Deswegen möchte ich heute nach all den ernsten Artikeln der letzten Wochen einen nicht ganz ernstzunehmenden super-duper- wichtigen Beitrag leisten, um Verständigungsprobleme zwischen Autoren und normalen Menschen zu beheben. Darum kommt hier das ultimative Autoren-ABC.


Anfang, der. Der Moment, in dem sich der Autor entschließt, das Prokrastinieren heute mal ausnahmsweise bleiben zu lassen und die ersten Worte zu Papier zu br… oh, ein Eichhörnchen!

Bunny, das. Auch: Plotbunny. Süßes, flauschiges Häschen mit großen Augen, das nett guckt und dem Autor eine unwiderstehliche Idee zuflüstert, meistens für äonenumspannende Pentalogien, hochkomplexe Intrigengeschichten oder anspruchsvolle E-Literatur. Kommt in der Regel dann, wenn man gerade Besseres zu tun hat oder eine Deadline winkt.

Charakter, der. Fehlt manchen Menschen zwar im echten Leben, sollte im Roman aber vorhanden sein. Literarischer Wegbegleiter, der den Autor in Atem hält und manchmal auch macht, was der von ihm will. Hab ich gehört.

Deadline, die. Vom Autor, Verlag oder Agenten festgesetzter Zeitpunkt, an dem das Manuskript vielleicht unter ganz guten Umständen so annähernd beinahe ganz fertig sein sollte. Macht ein hübsches Geräusch, wenn sie vorbeizieht.

Exposé, das (auch: Grauen, Nemesis). Möglichst stringente, spannende Zusammenfassung des Manuskript-Inhalts, die potentielle Verleger oder Agenten in Beifallsstürme ausbrechen lassen soll. Erfordert gute Nerven, eine robuste Stirn (contra Tischplatte) und möglichst ausrauffeste Haartracht.

Fanfiction, die. Von begeisterten Fans verfasste Geschichten über literarisch bzw. filmisch bekannte Figuren und Realitäten, die ein kreatives Eigenleben entwickeln. Spielplatz für alle Autoren, die ein bisschen Spaß haben wollen.

Gurkensalat, der. Universeller Platzhalter für Namen, Orte, Berufsbezeichnungen oder was auch immer dem … ähm … Gurkensalat gerade nicht einfallen wollte. Sollte vor Veröffentlichung lieber ersetzt werden.

Handlung, die (englisch: Plot). Durchdachter, stringenter, spannender, innovativer Inhalt einer Geschichte. Oder so ähnlich. Wird in der Regel überbewertet.

Indie-Autor/in, der/die. Mutiger Schreiberling, der die Grenzen des Mainstreams überwindet und sich durch den Kleinverlags-Dschungel schlägt oder das Abenteuer „Selbstverlag“ auf sich nimmt.

Jugendsünde, die. Längst vergessenes Erstlingswerk, an das man sich mit einer Mischung aus Nostalgie und Schaudern zurückerinnert. Siehe auch Fanfiction.

Kaffee, der (auch: Lebenselixier). Notwendiges Antriebsmittel für alle Autoren, gerüchteweise bisweilen auch durch Tee oder Alkohol ersetzt.

Love interest, der oder die. Geile Sau, für die der/die Protagonist/in in ewiger Liebe entbrennt. Sollte unter gar keinen Umständen glitzern. Außer, es ist ein Einhorn.

Muse, die. Treulose Tomate, die gerne winkend vorbeizieht, wenn man gerade total viel Zeit und Motivation zum Schreiben hat. Kommt dafür dann, wenn die Steuererklärung oder ein Familienfest winkt. Trotzdem unverzichtbar. Siehe auch Plotbunny.

Nanowrimo, der. Sechste Jahreszeit (nach Karneval), in der Autoren weltweit dem Wahnsinn verfallen, in 30 Tagen mindestens 50.000 Wörter an einem Roman zu schreiben. Geilste Sache der Welt. Großer Bruder vom Camp Nanowrimo.

Obsessiv, Adj. Wie? Wer? Ich? Niemals! Geh weg da, ich muss jetzt schreiben! Sofort! Aaaaah!

Plotloch, das. Logiklücke in der Handlung oder unerwarteter Bruch, an dem es einfach nicht weitergeht. Erfordert meistens etwas Hirnschmalz oder – besser – Austausch mit intelligenten anderen Menschen.

Quatsch, der. Machen Autoren nie, die sind voll ernst. Bester Beweis ist dieser Beitrag.

Rock Bottom, der. Tiefpunkt der Geschichte, an dem es dem Protagonisten so richtig dreckig geht. Gerne begleitet von manischem Lachen oder debilem Grinsen des Autors.

Sieben Punkte, die. Nützliches Konstrukt von Dan Wells zum Konzipieren eines Plots in sieben Schritten. Schöner Leitfaden, an den ich mich am Ende doch wieder nicht halte.

Tintenzirkel, der. Anlaufstelle für Plotfragen, Recherchelücken oder kluge Ratschläge. Bietet auch für Nichtmitglieder eine umfangreiche Sammlung an Recherchefragen von A bis Z.

Ueberraschende Wendung, die. Unerwarteter Twist in der Handlung, den der Autor niemals so geplant hatte. Führt entweder zum perfekten Abschluss oder mitten in ein Plotloch.

Verlag, der. Kuscheliges Buchzuhause, Tor in die Bestseller-Welt oder manchmal auch Autorenhölle. Lebt im Idealfall von motivierten, buchliebenden Menschen mit ganz viel Herzblut.

Wordcount, der. Zielstandsmesser für Autoren, der ihnen zeigt, wie viele Wörter sie heute schon auf Papier gebracht haben. Oder viel eher: Wie viele nicht.

Xylophon, das. Hat mit Schreiben nichts zu tun, fängt aber mit X an und bringt viele Punkte bei Scrabble.

Youtube, das. Informatives Videoportal, ideal für Podcasts, Live-Lesungen, Recherche oder … Ja gut, wir schauen Katzenvideos! Zufrieden?

Zonk, der. Gibt’s für denjenigen, der alles glaubt, was in diesem Beitrag steht.