Literaturkritik

Guilty Pleasure oder Gesellschaftsproblem?

Über die Romantisierung von Missbrauchsbeziehungen in der Literatur und die Probleme dahinter

Ich gebe zu, diese Debatte ist nicht neu. Seit dem Erfolg von „50 shades of Grey“ diskutiert die Internet-Community immer wieder über die Repräsentation von sexueller Gewalt, Machtmissbrauch und Sexismus in Romanen, die als Erotik, romantische Literatur oder auch als Literatur für junge Erwachsene verkauft werden. Sehr schnell kommt es bei dieser Debatte zu emotionalen Konflikten, da sich die Fans der Bücher durch die Kritik an den Werken oft persönlich in ihrem Leseverhalten angegriffen fühlen und die Notwendigkeit sehen, die Inhalte (und damit sich selbst) zu verteidigen.

Deswegen habe ich beschlossen, mich diesem Thema – das mir durchaus wichtig ist – auf einer sachlichen Ebene zu nähern, nämlich vom Standpunkt der Wissenschaft aus [1]. Ich gehöre nämlich auch zu diesen viel kritisierten Leuten, die solche Bücher nicht gerne lesen und auch nicht gelesen haben. Trotzdem ist eine Auseinandersetzung mit der Grundthematik möglich, denn meine Argumentation richtet sich weder gegen die Leser, noch gegen bestimmte Werke, sondern soll die Problematik als Ganzes umreißen.

Als Beispiel wird trotzdem einige Male „50 shades“ herhalten müssen, da es dazu schon sehr viel wissenschaftlichen Hintergrund und Material gibt. Die Erkenntnisse lassen sich aber sicherlich auf das grundlegende Problem der „Rape Fictions“ generalisieren.

Was ist überhaupt „Rape Fiction“?

Hier stoßen wir gleich auf das erste Problem. Im Zuge der Debatte hat sich die Bezeichnung „Rape Fiction“ eingebürgert als Überbegriff für fiktionale Texte , in denen Missbrauch in Beziehungen bagatellisiert oder romantisiert wird. Häufig geht es dabei aber nicht um Vergewaltigung im eigentlichen Sinne, sondern sehr häufig um missbräuchliche Beziehungsgestaltung, emotionalen Missbrauch oder sexuelle Belästigung. Der Begriff „rape“ kann also irreführen. Ich werde im Folgenden daher vor allem „Missbrauchsbeziehungen“ sprechen und meine damit jede Art von Beziehung, in der

  • Statusvorteile ausgenutzt werden (z.B. Geld, Macht)
  • emotionaler Missbrauch betrieben wird (z.B. Manipulation, Stalking, soziale Isolierung durch den Partner, Ausübung von Kontrolle)
  • sexuelle Gewalt ausgeübt wird (z.B. Gefügigmachen des Opfers durch Alkohol oder Drogen, Ausnutzen von Zwangslagen oder fehlendem Bewusstsein des Opfers für die Situation)

Im englischen Sprachgebrauch wird hier auch von „intimate partner violence“ (IPV) gesprochen. Eine Definition findet sich auf der Seite des Centers for Disease Control and prevention.

Sexueller Missbrauch als Thema in der Literatur

Genau wie alle anderen gesellschaftlich relevanten Themen sollten Missbrauchsbeziehungen, sexuelle Gewalt und deren Folgen vor allem seit der #metoo-Debatte wichtiger Bestandteil zeitgenössischer Literatur sein. Die Forderung kann also nicht darin bestehen, diese Themen totzuschweigen oder eine heile Blümchenwelt vorzugaukeln, in der es keine missbräuchlichen Beziehungen gibt, sondern sich kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Genau da hapert es allerdings bei vielen der kritisierten Werke.

A critical text is a text that confronts difficult issues in society—a text that does not break down into meaningless clichés and predictable plot patterns. A critical text could also be called a resistant text, because it is not only resists some of the “rules” of its genre but also encourages its readers to resist the “rules” for mindless, complacent reading. (Janet Alsup: Critical Representations of Sexual Assault in Young Adult Literature)

Gerade Gender-Klischees (der mächtige Mann vs. die schüchterne Jungfrau) oder stereotype Tropes (der Bad Boy, der durch Zuneigung von seinen schlechten Charaktereigenschaften geheilt wird) verhindern eine konstruktive Auseinandersetzung mit Missbrauchsbeziehungen und lassen eine Märchenwelt entstehen, die nicht mehr mit der realen Situation in Einklang gebracht, sondern als reine Fiktion verstanden wird. Dieser Verfremdungseffekt führt dazu, dass die dargestellten Beziehungsmuster nicht mehr hinterfragt, sondern als genre-typisch hingenommen werden, nach dem Motto „das ist doch in allen Erotik/Romance-Romanen so“.

Stephenie Meyer, die Autorin der „Twilight“-Bücher, rechtfertigte die missbräuchlichen Aspekte in der Beziehung zwischen ihren Protagonisten Edward und Bella zum Beispiel wie folgt: “This is not even realistic fiction, it is a fantasy with vampires and werewolves, so no one could ever make her exact choices. […] Bella is constrained by fantastic circumstances [not Edward].” Kurz gefasst: Was in der Realität als Missbrauchsbeziehung gelten würde, ist in Romanen romantisch, weil es sich schließlich um Fiktion oder – in diesem Fall – Fantasy handelt.

Ehrlich gesagt ärgert mich diese Argumentation. Als Fantasy-Autorin sehe ich mich oft dem Vorwurf ausgesetzt, mich nur mit fernen Märchenwelten zu befassen und dabei keinerlei Bezug zur Realität herzustellen – doch genau das Gegenteil ist der Fall. Auch Fantasy schafft Identifikationsfiguren, kann sich mit gesellschaftlichen Tabus und Problemen auseinandersetzen und eine reale Botschaft vermitteln. Diesem Anspruch muss sich jede/r einzelne Autor/in stellen, egal, in welchem Genre er oder sie schreibt.

Auswirkungen auf die Leser/innen

Dieser Anspruch wird besonders immanent, wenn man sich vergegenwärtigt, welchen Einfluss fiktionale Texte auf den Leser haben können, vor allem wenn es sich um junge Leser (Jugendliche, junge Erwachsene) handelt. Der berühmte Sozialpsychologe Albert Bandura konnte in verschiedenen Studien zu seiner sozialkognitiven Lerntheorie zeigen, dass sich Menschen durch Medienkonsum in ihren Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen lassen, ganz egal ob es dabei um Aggression oder Gender-Rollen geht. Dass auch moderne Literatur geeignet ist, bestimmte Effekte hervorzurufen, zeigen aktuelle Studien.

Psychologen der University of Queensland, zum Beispiel, gaben ihren 480 Studienteilnehmern eine von drei erotischen Geschichten zu lesen. In einer zeigte sich der Mann besonders dominant, in einer die Frau und in der dritten gab es keinerlei Dominanz. Jene Frauen, die über den dominanten Männerpart lasen, berichteten danach über mehr sexistische Einstellungen als die Männer, umgekehrt gaben die Männer eine höhere Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen an (z.B. Frauen, die sich aufreizend kleiden, sind selbst schuld, wenn sie belästigt werden oder „nein heißt ja“). Schon der kurze Konsum von erotischen Texten, die männliche Dominanz beinhalten, zeigte hier also einen – möglicherweise aber nur temporären – Einfluss auf die Psyche der Probanden. Andere Arbeiten zeigten ähnliche Effekte für den Konsum von sexistischen Videos, Videospielen oder Pornographie, zugleich gibt es aber auch Studien, die keine Effekte fanden. Die Wirkung solcher Materialen auf die Betrachter ist also immer noch umstritten und vermutlich stark von der Persönlichkeit, von früheren Erfahrungen und situativen Einflüssen abhängig. Ähnlich wie bei der Debatte um „Killerspiele“ darf man also nicht verallgemeinernd schlussfolgern, dass alle Leser zweifelhafter erotischer Texte zwangsläufig sexistische, frauenfeindliche oder gewaltverherrlichende Tendenzen entwickeln. Ein gewisses Risiko ist aber trotzdem vorhanden.

Eine weitere Studie aus den USA konnte darüber hinaus zeigen, dass Frauen, die zumindest einen Teil der „50 shades“-Reihe gelesen hatten, stärkere sexistische Tendenzen aufwiesen als solche, die keines der Bücher gelesen hatten. Zum Beispiel stimmten sie Aussagen wie „Frauen sollten von Männern beschützt werden“ stärker zu als andere. Das galt im Besonderen für jene Frauen, die den Roman als „romantisch“ einstuften. Diese wiesen nicht nur stärkere Formen von „wohlwollendem Sexismus“ gegenüber Männern auf („der Mann ist das starke Geschlecht und der Beschützer“), sondern auch von feindseligem Sexismus gegenüber Frauen („Frauen nutzen Männer aus und erringen Macht, indem sie Kontrolle ausüben“). Eine andere Forschergruppe fand heraus, dass Frauen, die „50 shades“ gelesen hatten, häufiger mit verbal aggressiven Partnern zusammen waren als solche, die es nicht gelesen hatten (allerdings gab es keinen Unterschied in Bezug auf erlebte Partnergewalt oder negative sexuelle Erfahrungen). Bei diesen Befunden handelt es sich um querschnittlich erhobene Daten, d.h. es darf hier kein Rückschluss auf eine Kausalität gezogen werden. Zu schlussfolgern, dass die Lektüre von „50 shades“ Frauen zu Sexistinnen oder Männer zu Vergewaltigern macht, ist falsch. Ebenso gut ist möglich, dass ein bestimmter Typus von Frauen von solchen Büchern besonders angezogen wird. Abgesehen davon handelt es sich um Aussagen, die sich auf eine sehr große Gruppe von Frauen beziehen, und daher nicht den Einzelfall repräsentieren.

Medien und Manipulation

Zusammenfassend lässt sich sagen: Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen der Romantisierung von Missbrauchserfahrungen in Büchern und persönlichen Einstellungen zu Genderrollen und Beziehungsdynamiken. Ganz gleich, wie dieser Zusammenhang gestaltet ist, er ist nicht unproblematisch. Frauen, die bereits eine missbräuchliche Beziehung erlebt haben, finden in entsprechenden Erotik-Romanen unter Umständen eigene Erfahrungen wieder, die hier als romantisch verkauft werden (z.B. Stalking, Einschüchterung, Gefügig machen mittels Alkohol oder soziale Isolierung des Partners) und könnten dadurch in der Wahrnehmung ihrer eigenen Situation beeinflusst werden. Auch bereits vorhandene stereotype Einstellungen zu Männer- und Frauenrollen können durch die wiederholte Konfrontation mit Literatur, die diese Einstellungen vertritt und in ein positives Licht rückt, gefestigt werden.

Wer hingegen fest mit beiden Beinen im Leben steht, eine gesunde Beziehung führt, eine klare Einstellung zu sich und der Welt hat und sich bewusst von Gender-Klischees distanziert, wird mit Sicherheit auch nach der Lektüre nicht Gefahr laufen, diese Einstellungen zu übernehmen. Die Empfehlung kann und darf also nicht heißen, solche Bücher nicht mehr zu lesen, sondern sich kritisch mit den Inhalten auseinanderzusetzen, zu reflektieren und über das Gelesene nachzudenken.

Die Schönheit von Guilty Pleasures

Hand aufs Herz, wir alle haben unsere Guilty Pleasures, Vorlieben, für die wir uns ein bisschen schämen, die aber trotzdem Spaß machen. Wir schauen das „Dschungelcamp“, obwohl wir wissen, dass es entwürdigend ist. Wir lesen Klatschzeitschriften über den neuesten Promi-Tratsch. Wir schauen den „Bachelor“, „Bauer sucht Frau“ oder andere Kuppelshows, obwohl uns klar ist, wie sexistisch die Darstellungen teilweise sind. Forschungen zeigen, dass der Konsum solcher Shows den sozialen Vergleich anregt – und verglichen mit den armseligen Gestalten aus gängigen Reality Shows kommen wir als Konsumenten ja ziemlich gut weg. Das unterstützt den positiven Selbstwert.

Bei aller Liebe zum voyeuristischen Medienkonsum dürfen wir aber nicht vergessen, solche Format zu hinterfragen und ihre Wirkung auf uns kritisch zu beleuchten. Das gilt auch – und vor allem – für Romane aus dem Erotik/Romantik-Spektrum, die missbräuchliche Beziehungsmuster romantisieren.

Ganz ehrlich? Es ist doch paradox, dass wir einerseits eine Me-Too-Debatte führen und andererseits den „Mächtiger Millionär macht sich junges Mädchen gefügig“-Trope als romantisches Beziehungsbild hinnehmen. Der Aschenputtel-Traum ist in Zeiten von Weinstein, Wedel und wie sie alle heißen zu einem realen Alptraum geworden, und da erscheint es sehr suspekt, wenn wir diese auf Machtgefälle basierenden Beziehungen wie in „50 Shades“ als romantisches Märchen abtun.

Fazit

So, puh, das ist ein langer Text geworden, aber es ist ja auch kein einfaches Thema und blinde schwarz-weiß-Malerei hilft einer Diskussion auch nicht auf die Sprünge, sondern würgt sie meistens nach wenigen Worten ab. Deswegen noch einmal kurz zusammengefasst meine Take-Home-Message:

  • Romane, in denen missbräuchliche Beziehungen romantisiert werden, sind nicht unproblematisch. Vor allem auf vulnerable Menschen können solche Medieninhalte einen gewissen Einfluss ausüben und bestehende Stereotype festigen oder eigene Erfahrungen in ein falsches Licht rücken.
  • Das Lesen solcher Literatur macht einen Menschen nicht zum Sexisten, umgekehrt ist auch nicht jeder Sexist, nur, weil er diese Bücher liest. Wichtig ist, Inhalte zu hinterfragen, zu reflektieren und sich Gedanken darüber zu machen. Solange man das tut, kann und darf man lesen, was man will. Guilty Pleasures können Spaß machen und sogar den Selbstwert eines Menschen positiv beeinflussen, doch eine gewisse Distanz zu den Inhalten kann trotzdem nicht schaden, vor allem auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene.
  • Auch AutorInnen fiktionaler Texte haben eine Verantwortung. Die Ausrede „das ist doch Fantasy/reine Fiktion, das muss man nicht ernst nehmen“ zählt nicht. Jedes Medium übt Einfluss auf die Leser aus, vor allem dann, wenn bewusst Identifikationsfiguren geschaffen werden, die (junge) Frauen für sich adaptieren. Diesen Fakt zu ignorieren ist fahrlässig.

So, und jetzt bin ich natürlich gespannt auf eure Meinung. Wie geht ihr mit solchen Büchern um? Wie schwerwiegend seht ihr die Problematik dahinter? Was wären gute Strategien, um sich dem Diskurs zu nähern? Lasst es mich gerne wissen.


Wer sich weiter mit dem Thema befassen möchte, für den verlinke ich gerne weitere Blogartikel oder Statements. Postet weitere Links gerne in den Kommentaren, dann füge ich sie an.

Verwischte Grenzen: Wenn Literatur toxisch wird (Stürmische Seiten)

Rape Fiction – Muss das wirklich sein? (Frau Schreibseele)

Rapefiction Debatte – es geht um alles, aber nicht um Sex (Geekgeflüster)

Rezension zu „Paper Princess“ (Kitsune Books)

Kommentar zu „Paper Princess“ (Kielfelder Blog)

„Man darf ja bald gar nichts mehr sagen!“ oder: Wie man unmoralische Handlungen handwerklich gut in fiktionalen Texten verpackt (Schreib‘ Kunst!)

 

[1] Alle wissenschaftlichen Studien, die ich hier konkret nenne, habe ich verlinkt, allerdings sind einige nicht offen zugänglich. Sollte daran Interesse bestehen, schreibt mir eine Email.