Schreiben

Elea sagt „Danke“

Ein Beitrag zur Opfermond-Release-Woche

Am 11. September erscheint mein Fantasy-Debüt „Opfermond“ als Ebook. Eine Woche lang werden deswegen auf meinem Blog thematisch passende Beiträge erscheinen.

Ihr Lieben, morgen ist es dann soweit und ihr könnt „Opfermond“ offiziell als Ebook erwerben. Ich werde heute versuchen, den Tag über so gut wie möglich zu entspannen und so wenig wie möglich in Panik auszubrechen. 😉 Außerdem möchte ich die Gelegenheit nutzen, danke zu sagen.

Manche glauben ja, wir Autoren sitzen den ganzen Tag im dunklen Zimmer, schreiben uns die Finger wund und meiden jeden Kontakt zu anderen. Genau das ist aber nicht der Fall. Vom ersten Wort bis zur Veröffentlichung haben mich viele Menschen begleitet und denen möchte ich heute danken.

„Opfermond“ war der erste Roman, den ich im NaNoWriMo geschrieben habe, er war meine erste Verlagsbewerbung und die erste Zusage, die ich erhalten habe. Dass dieser Prozess dermaßen glatt verläuft, ist selten, und das verdanke ich nicht zuletzt den Leuten, die mich im Vorfeld unterstützt haben.

Ein ganz großes Dankeschön gebührt dabei dem Tintenzirkel Fantasyautorenkreis. Zum einen den Mitgliedern, die mich damals durch den Nanowrimo begleitet haben, die mir halfen, meinen Plot zu strukturieren, meine Figuren besser kennen zu lernen und den Roman in der Kürze der Zeit zu Ende zu schreiben. Zum anderen auch jenen, die meine Exposés und Leseproben testgelesen, bewertet und aufpoliert haben, bis sie gut genug waren, einen Verlag zu überzeugen. Ohne den Tintenzirkel hätte ich diesen Grad der Professionalität wohl niemals erreicht.

Intensiv bedanken möchte ich mich auch bei meinen tapferen Beta-Lesern Christopher, Jakob, Markus, Mona und Tim, die sich durch recht abenteuerliche Rohfassungen des Romans gekämpft haben und mich mit ihrem Feedback, ihrer Kritik und ihrem Lob angespornt haben, den Roman weiter zu optimieren. Wenn ich mir heute die Erstversion aus dem Nanowrimo anschaue, war das auch bitter nötig. 😉 Danke, dass ihr das auf euch genommen habt, diese Veröffentlichung ruht nicht zuletzt auf euren Schultern.

Natürlich möchte ich auch dem Mantikore-Verlag und seinem gesamten Team für die Zusammenarbeit danken: meinem Verleger Nic, meiner großartigen Lektorin Nora, Rossitsa und Matthias für das tolle Cover und Hauke, dem ich die wunderschöne Stadtkarte von Ghor-el-Chras verdanke.

Nun, das Beste kommt bekanntlich zum Schluss, deswegen möchte ich zu guter Letzt den Menschen danken, die meinen Traum vom Autorendasein schon sehr lange mit mir träumen und mich immer in dieser Narretei unterstützt haben. Bei meinen Eltern, die meine Liebe zur Literatur und insbesondere zur Phantastik geweckt haben und nicht müde wurden, mir als Kind einhundert Mal dieselbe Geschichte vorzulesen. Bei meiner Schwester, die sich in phantastischen Welten genauso wohlfühlt wie ich und immer als Ansprechpartner und Inspirationsquelle zur Verfügung steht. Und bei meinem Lebensgefährten, der meinen Schreibwahnsinn nicht nur toleriert, sondern sogar unterstützt und im Zweifel immer zur Stelle ist, wenn es Plotlöcher zu sanieren gibt oder ein Schwertkampf im Wohnzimmer nachgestellt werden muss. Es gibt mir unheimlich viel, dass ihr für mich da seid und meine verrückten Ideen immer unterstützt habt.

So, damit nähert sich die Release-Woche auch schon dem Ende. Morgen gibt es dann das große Finale mit einem exklusiven Gewinnspiel, also schaut auf jeden Fall noch mal vorbei. Außerdem wird bei Yvonne vom Buchbahnhof im Rahmen ihrer Nostalgie-Reihe ein kleines Interview erscheinen, in dem ich über mein liebstes Jugendbuch geplaudert habe.

Stay tuned. Wir sehen uns dann morgen.

Eure Elea

Das 1-Sterne-Desaster

Gute Kritik, schlechte Kritik und wie man damit umgeht

Noch knapp zwei Wochen sind es bis zur Veröffentlichung meines Debüt-Romans – und erwartungsgemäß geht mir der Arsch gerade ein wenig auf Grundeis. Wird den Lesern das Buch gefallen? Wie werden die ersten Bewertungen ausfallen? Was, wenn die ersten Leser den Roman komplett zerreißen?

Solche und ähnliche Gedanken dürften jedem Autor durch den Kopf gehen, vor allem wenn er noch am Beginn seiner Karriere steht. Kritik ist das böse Schreckgespenst, das über allen kunstschaffenden Berufen schwebt und immer die Ahnung von Versagen mit sich bringt. Warum das Unsinn ist, warum (gute!) Kritik nützlicher ist als Lob und wie man lernen kann, mit Kritik umzugehen, möchte ich heute ein bisschen erläutern.

Kritik tut weh

Zu allererst sollten wir alle uns eines bewusst sein: Kritik tut weh. Immer. In jedes Buch sind viele Stunden, Tage, Monate, Jahre der Arbeit geflossen, man hat sich Gedanken gemacht, gegrübelt, umgeschrieben, überarbeitet und war am Ende überzeugt, etwas wirklich Gutes geschaffen zu haben. Wird diese Illusion dann zerrissen, ist das immer ein widerliches Gefühl. Besonders hart trifft Kritik immer dann, wenn man nicht damit rechnet – zumindest geht das mir so. Wenn ich mit einer Szene ohnehin nicht zufrieden war und meine Beta-Leser genau das rückmelden, fühle ich mich höchstens bestätigt. Fand ich eine Szene aber richtig super, atmosphärisch, dynamisch und voller Esprit schlägt die Kritik natürlich besonders hart ein. Im Grunde ist jede unverhoffte Kritik eine Kränkung, denn sie greift unser Selbstbild an einer Stelle an, an der sie bei vielen Künstlern besonders fragil ist.

Angriff ist nicht die beste Verteidigung

Psychologisch gesehen führt eine Kränkung zu einer Schieflage des eigenen Selbstverständnisses. Das, was man bisher stillschweigend angenommen hat – dass man als Autor etwas taugt und ein solides Buch geschrieben hat – gerät ins Wanken. Damit können aus einer Kränkung zwei verschiedene Mechanismen resultieren.

Der erste ist eine kompensatorische Reaktion, um das eigene Selbstbild zu erhalten: „Ich bin gar nicht so gut, wie ich dachte? Kann nicht sein. Der Typ/die Tussi lügt. Der/die erkennt einfach mein Genie nicht oder hat die Geschichte nicht verstanden.“

Der zweite Mechanismus ist eine Abwertung des eigenen Selbstbilds, um auf dem Niveau anzukommen, dass der Kritiker vorgibt: „Mann, der/die hat total recht, ich bin so untalentiert und schlecht, ich höre mit dem Schreiben auf.“

Beide Wege sind für sich allein genommen problematisch.

Natürlich ist es möglich, dass Kritik irrt. Auch Leser oder Lektoren sind nur Menschen, können etwas missverstehen oder fehlinterpretieren. Sofern diese Personen aber zur Zielgruppe des Romans gehören und prinzipiell in der Lage sein sollten, die Handlung zu begreifen, sollte man als Autor hellhörig werden. Vielleicht habe ich die Hinweise wirklich nicht klar genug gestreut? Vielleicht ist das Verhalten der Figur an der Stelle noch nicht gut genug begründet? Kritik von vorneherein abzuschmettern und als Neid, Missgunst oder Unvermögen zu interpretieren, ist sehr gefährlich. Wohin das im Extremfall führt, sieht man derzeit in den USA: Wer auch immer Donald Trump kritisiert, ist ein Lügner oder schlechter Mensch. Alle anderen hingegen sind super und aufrichtig.

Auch der zweite Weg kann und darf nicht der Königsweg sein. Kennt ihr den blöden Spruch, man solle sich wieder aufs Fahrrad setzen, wenn man heruntergefallen ist? Genauso ist es mit dem Schreiben. Wer aufgibt, weil er kritisiert wird oder auf die Nase fällt, tut niemandem einen Gefallen, am wenigstens sich selbst. Ganz knallhart behaupte ich:  Wer nicht bereit ist, Kritik zu seinen Werken anzunehmen, darf sich nicht mit dem Gedanken an eine Veröffentlichung spielen. Das heißt nicht, dass man sich nicht über unberechtigte Kritik aufregen oder mal traurig einen Eisbecher in sich reinlöffeln darf, wenn die Lieblingsszene gnadenlos zerrissen wurde. Aber ganz ehrlich: Wir sind es uns und unseren Geschichten schuldig, weiterzumachen, besser zu werden und sie so gut zu erzählen, wie irgendwie möglich. Diesen Anspruch sollten wir alle im Herzen tragen. Eine Phase der Wut, der Trauer oder der Enttäuschung ist also ganz normal, sie sollte nur irgendwann enden.

Gute und schlechte Kritik

Die primäre Frage, die ich mir als Autor also stellen sollte, ist: Ist die Kritik berechtigt? Das ist sicherlich die schwerste Frage von allen.

Zu allererst sollten wir uns bewusstwerden, dass jeder Mensch das Recht auf seine Meinung hat. Jemand darf mein Buch hassen, lieben, vergöttern oder für Schund halten und er hat jedes Recht, seine Meinung dazu frei zu äußern, ohne dafür angegriffen oder als Neider bzw. Lügner diffamiert zu werden. Beleidigungen oder verbale Angriffe sind natürlich ausgenommen, so etwas muss sich kein Autor gefallen lassen.

Nicht jeder Leser, der eine Amazon-Rezension schreibt, ist psychologisch geschult oder sieht sich in der Pflicht, möglichst freundlich und konstruktiv zu rezensieren. Ich finde, das ist auch nicht seine Aufgabe. Leser/innen sind Konsumenten, die ein Produkt bewerten, und genauso wenig wie ich mir Gedanken darum mache, ob meine schlechte Amazon-Bewertung zum neuesten Samsung Galaxy den Entwickler traurig macht, sollten Leser/innen gezwungen sein, die psychische Verfassung von AutorInnen im Auge zu haben, wenn sie Kritik schreiben. Ehrlichkeit ist wichtig, in die eine oder die andere Richtung.

Trotzdem ist konstruktive Kritik natürlich viel leichter anzunehmen. Konstruktiv bedeutet lösungsorientiert, abwägend, ohne persönliche Verurteilung oder Pauschalisierung. Auch „Ich-Botschaften“ können den Ton einer kritischen Rezension deutlich angenehmer gestalten. Versucht es mal bei euch selbst und vergleicht die beiden Sätze:

  • „Ich empfand das Buch ab der Hälfte als langatmig.“
  • „Das Buch war ab der Hälfte langatmig.“

Derselbe Inhalt, unterschiedlich verpackt. Schon Kleinigkeiten können viel ausmachen und die Annahme von Kritik wesentlich einfacher gestalten.

Wenn ihr also einen kritischen Kommentar erhaltet, atmet einmal tief durch oder auch mehrmals. Ärgert euch im Stillen. Hadert mit euch. Trinkt einen Schnaps oder vernichtet einen Tafel Schokolade. Schlaft drüber. Und dann, wenn ihr wieder fit seid, zerpflückt die Kritik und findet heraus, was euch davon nützt. Das bringt weit mehr als ein unkontrollierter Ausbruch.

Die Art der Verarbeitung

Jetzt wird es ein bisschen psychologisch, aber ich gebe mir Mühe, es anständig zu verpacken. Erfolge und Misserfolge, Fortschritte und Niederlagen können auf ganz unterschiedliche Weise verarbeitet werden. Zum Teil ist diese Art in unserer Persönlichkeit und unserem Wesen verankert, doch einen guten Teil können wir langfristig auch selbst beeinflussen, zumindest mit ein wenig Anstrengung. Zwei Formen der Verarbeitung sind besonders zentral. Bleiben wir bei der vernichtenden Kritik zum eigenen Buch als Beispiel.

Diese negative Erfahrung kann ich entweder internal oder external verarbeiten. Internal bedeutet, ich suche den Grund für die Kritik bei mir, bei einer externalen Verarbeitung schiebe ich die Schuld nach außen. Darüber hinaus kann ich einen stabilen Grund für mein Versagen annehmen oder einen zeitlich variablen Grund. Dadurch ergeben sich vier Muster.

TabAttribution

Es zeigt sich: Manche Kombinationen sind besser für unser Ego als andere, man nennt dieses Muster auch „selbstwertdienliche Attribution“. Am besten geht es uns, wenn wir Misserfolge external/zeitlich variabel attribuieren und Erfolge internal/stabil. Natürlich ist das nicht immer sinnvoll, ein Realitätscheck ist trotzdem wichtig. Nicht immer sind äußere Gründe schuld, manchmal kann es sinnvoll sein, an sich zu arbeiten. Genauso wenig müssen wir aber die Schuld immer bei uns suchen und, vor allem, annehmen, dass wir nichts daran ändern können.

Deswegen, ihr Lieben: Kritik heißt nicht, dass ihr schlecht seid, nicht schreiben könnt oder keinen Wert als Autor besitzt. Kritik ist vielfältig, kann unzählige Gründe und Ursachen haben. Lasst nicht zu, dass euch die Selbstzweifel auffressen, sondern denkt gut darüber nach: Woran liegt es hier? Hakt es bei mir, muss ich noch an mir arbeiten? Oder war einfach die Passung mit dem Leser problematisch?  Was kann ich tun, um das Problem zu lösen, oder gibt es überhaupt ein relevantes Problem? Manchmal kann man auch einfach mit der Schulter zucken und die Dinge hinnehmen, wie sie sind.

Dasselbe gilt übrigens auch für Lob. Wer positives Feedback immer nur nach außen schiebt, nicht annehmen kann oder in Frage stellt, tut sich und seinem Selbstwertgefühl keinen Gefallen damit. Doch wer Lob verabsolutiert und sich auf den eigenen Lorbeeren ausruht, ebenso wenig.

Kritik im Sandwich

Tatsächlich habe ich für mich gelernt, dass ich Lob vor allem dann gut annehmen kann, wenn es nicht alleinsteht. Wenn ein Testleser alles, was ich schreibe, in den Himmel lobt, tut das erstmal gut, hinterlässt aber irgendwann einen faden Nachgeschmack.

Deswegen finde ich die Sandwich-Taktik immer noch die Beste, wenn es um Feedback geht. Kritik in zwei Schichten Lob verpackt lässt sich gut annehmen und weckt zugleich nicht den Eindruck einer unreflektierten Beweihräucherung. Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, etwas mehr Kritik zwischen die zwei Scheiben zu quetschen, das ist auch zulässig. Niemand sollte sich gezwungen fühlen, Dinge zu beschönigen. Aber wie weiter oben schon angekündigt: Der Ton macht die Musik. Oder das Sandwich.

Fazit

Kritik gehört zum Autorenleben dazu. Wer veröffentlicht, muss sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass jemand sein Buch kritisieren wird, und wir alle sollten uns klarmachen, ob wir dafür bereit sind. Kritik anzunehmen kann man lernen, das habe ich selbst bemerkt. Manchmal fühle ich mich immer noch niedergeschlagen und mies, wenn eine Szene kritisiert wird, die ich besonders liebe, aber die Phasen, in denen ich deprimiert in der Ecke sitzen und nichts tue, werden kürzer. Vielleicht verschwinden sie irgendwann ganz.

Habt ihr eine bestimmte Strategie, wie ihr mit Kritik umgeht? Was tut euch gut? Was hilft euch? Ich bin gespannt.

Dein Manuskript in guten Händen

Wie finde ich einen seriösen Verlag?

Betrügen und betrogen werden, nichts ist gewöhnlicher auf Erden
– Johann Gottfried Seume

Nur noch zwei Monate, dann öffnet in Frankfurt die größte deutsche Buchmesse ihre Pforten. Während viele Leser einfach darauf hoffen, gute Bücher zu finden oder ihre/n Lieblingsautoren/in persönlich zu treffen, sind Buchmessen auch eine gute Gelegenheit, professionelle Kontakte zu knüpfen: zu LektorInnen, zu Verlagen und zu Agenturen.

Auch wenn die Selfpublishing-Branche mittlerweile boomt, ist der Weg über einen Verlag für die meisten AutorInnen immer noch der bevorzugte. Die Veröffentlichung über einen Verlag schafft eine gewisse Sicherheit, vermittelt den Eindruck von Seriosität und Professionalität. Genau da liegt aber das Problem. In der Verlagsbranche ist längst nicht alles Gold, was glänzt, und gerade unerfahrene Neu-AutorInnen sehen sich oft der Versuchung ausgesetzt, schnell zuzusagen, wenn ein Verlag ihr Manuskript veröffentlichen will.

Heute möchte ich euch ein paar Tipps an die Hand geben, wie ihr einen seriösen Verlag erkennen könnt. Seriös heißt dabei im Übrigen noch lange nicht „gut“, das möchte ich betonen. Nur, weil sich ein Verlag an die Regeln hält, heißt das noch nicht, dass er zu euch, zu euren Wünschen, Zielen und Vorstellungen passt und euer Buch angemessen verkauft und bewirbt. Trotzdem hoffe ich, dass die folgenden Tipps euch zumindest dabei helfen, die ganz schwarzen Schafe auszusortieren.

Ein seriöser Verlag verlangt kein Geld von dir – niemals!

In den sozialen Medien finden sich immer wieder vielversprechend klingende Aufrufe von Verlagen, die händeringend Manuskripte suchen. Finger weg von solchen Lockangeboten, denn dahinter stecken in der Regel so genannte Druckkostenzuschuss-Verlage (DKZV). Bevor der Verlag das Buch des Autors druckt, wird eine Geldsumme fällig, in der Regel ein solider 4-stelliger Betrag. Auflage, Druckqualität und alle anderen Parameter werden vom Verlag bestimmt, d.h. der Autor bezahlt, hat aber keine Kontrolle über das Ergebnis. Zielgruppe dieser DKVZ sind in der Regel unbedarfte Autoren, die aufgrund zahlloser Absagen oder schierer Unkenntnis des Literaturbetriebs eine Chance wittern, doch noch erfolgreich zu werden. Ein Trugschluss, denn der Einzige, der hier verdient, ist in der Regel der Verlag. Der Autor bleibt auf den horrenden Kosten sitzen.

Im Gegensatz zum Selfpublishing musst du also nicht nur tief in die Tasche greifen, sondern auch noch einen guten Anteil deiner Erträge an den Verlag abführen, der sich in der Regel für alle weiteren Maßnahmen (Lektorat, Korrektorat, Werbung, Vertrieb) ebenfalls bezahlen lässt. Am Ende hast du also nur eine Menge Geld ausgegeben und dich und dein Buch weit unter Wert verkauft. Das „V“ in DKZV ist also allerhöchstens ein Euphemismus, denn mit Verlagswesen haben diese Unternehmen wenig gemein. Eigentlich sind sie nichts weiter als verdammt teure Druckereien, die die Autoren, die sie nutzen, mit ungefiltertem Lob überhäufen und dann tief in ihre Taschen greifen. Wie sinnfrei dieses Lob ist, kann man in diesem Spiegel-Artikel nachlesen. Hier haben Autoren bewusst Unfug verzapft und abgewartet, wie die Bezahl-Verlage darauf reagieren.

Ein seriöser Verlag trägt das Risiko deiner Veröffentlichung und wird kein Geld von dir verlangen, weder für den Druck noch für ein Lektorat oder andere „optionale Zusatzleistungen“. Er wird auch nicht von dir verlangen, eine Kaution zu hinterlegen, falls sich dein Buch nicht verkauft, und er wird dich nicht nötigen, eine gewisse Anzahl von Vorbestellungen aufzuweisen, damit dein Buch überhaupt in den Druck geht. Und er wird dir niemals deine Tantiemen vorenthalten oder dich in Büchern aus dem Verlagssortiment auszahlen. Der Verlag ist dein Partner, dein Schirmherr, wenn du so willst. Er wird gemeinsam mit dir versuchen, dein Buch so gut wie möglich zu verkaufen und zu vermarkten und wird dich nicht als billige Cashcow melken, bis nichts mehr geht.

Ganz ehrlich, ihr Lieben, bitte fallt nicht auf solche Maschen herein! Selbst wenn es Absagen regnet, selbst wenn ihr an euch zweifelt, es gibt immer bessere Optionen. Eine Veröffentlichung in einem DKZV ist nicht nur ein Minusgeschäft für euch, sondern verbaut euch künftig auch viele Chancen in besseren Verlagen, denn das Image der DKZV-Autoren ist aus oben genannten Gründen reichlich mies. Wenn ihr das Gefühl habt, keinen Platz in der Verlagswelt zu finden, macht euch schlau über Selfpublishing, seid euer eigener Herr und lasst euch nicht auf schäbige Weise ausbeuten.

 

Ein seriöser Verlag schließt mit dir einen Vertrag

Du hast die Zusage eines Verlags? Herzlichen Glückwunsch! Der erste Schritt nach dieser Zusage sollte nun die gemeinsame Vereinbarung eines Autorenvertrags sein. Jeder seriöse Verlag wird mit dir einen solchen Vertrag schließen, ganz egal, ob Kurzgeschichte[1], Novelle oder Romanreihe. Dieser Vertrag ist die Basis eurer Zusammenarbeit, und selbst wenn du die/den Verleger/in persönlich kennst, sollte ein Vertrag absolut selbstverständlich sein. Kein seriöser Verlag wird dir diese Option verweigern.

Einen Verlagsvertrag zu lesen ist nicht ganz einfach und häufig findet man Stolperstricke nur dann, wenn man selbst schon ein bisschen Ahnung vom Business hat. Deswegen mein Rat: Lass den Vertrag lieber noch einmal von jemandem anschauen, der sich mit dem Thema auskennt. Das muss kein Jurist sein – im Gegenteil –, aber vielleicht ein/e erfahrene/r Autor/in, Verleger/in, Lektor/in, der/die dir helfen kann, Probleme im Vertrag zu finden und auszumerzen.

Ich möchte nicht im Detail auf Verlagsklauseln eingehen, das würde hier zu weit führen und um ehrlich zu sein bin ich selbst auch noch weit davon entfernt, Expertin zu sein. Folgende Punkte sollten in deinem Verlagsvertrag aber auf jeden Fall geregelt sein.

  • Die Vertrags-Laufzeit, d.h. wie lange trittst du die Rechte an der Geschichte an den Verlag ab. Manche Verlage pokern immer noch darauf, die Rechte für die Gesamtdauer des gesetzlichen Urheberrechts zu erhalten, d.h. bis zu 70 Jahre nach deinem Tod. Dieser Klausel würde ich unter keinen Umständen unterschreiben. Meistens kann man sich ohnehin gütlich einigen, denn ein Buch verkauft sich nicht ewig, aber wenn nicht, ist deine Geschichte unter Umständen bis auf Weiteres weg vom Markt. Du kannst sie nicht an einen weiteren Verlag verkaufen und sie nicht ein zweites Mal herausbringen, selbst wenn sich deine Karriere in dieser Zeit in eine ganz andere Richtung entwickelt hat. Stell dir vor, du bist nach einigen Jahren plötzlich bei einem großen Verlag unter Vertrag, der deinen Erstling groß rausbringen will, das aber nicht kann, weil du immer noch in diesem alten Knebelvertrag hängt. Schön blöd. Gängige Laufzeiten sind nach meiner Erfahrung 5 bis 7 Jahre.
  • Tantiemen: Für viele Autoren das Kernstück eines Vertrags: Wie viel bekomme ich als Autor pro Buch? Hier verbindliche Zahlen zu nennen ist sehr schwierig, denn die Tantiemen variieren je nach Größe und Ausrichtung des Verlags. Wenn du 8 bis 10 % für dein Print-Buch erhältst, ist das eine sehr gute Ausbeute. Im Kleinverlags-Wesen dürften eher 6 bis 8 % die Regel sein. Für Ebooks wird in der Regel etwa 30 % des Nettoverkaufserlöses veranschlagt. Wichtig ist hierbei natürlich, in welchem Format das Buch erscheint. Reine Ebook-Verlage sollten bessere Konditionen für Ebooks bieten, Verlage mit Hardcover-Formaten ebenfalls. In der Regel gelten übrigens für höhere Auflagen auch höhere Tantiemen, das sollte ebenfalls vertraglich geregelt sein.
  • Nebenrechte: Auch das ist ein wichtiger Punkt. Sobald du dem Verlag gestattest, Nebenrechte auszuüben (z.B. das Buch zu übersetzen, ein Hörbuch zu produzieren etc.), sollte genau geregelt sein, wie lange der Verlag solche Lizenzen vergeben darf und welchen Anteil du daran erhältst. Mindestens 50 bis 60 % sind hier gängig. Bei reinen Ebook-Verlagen solltest du außerdem klar vereinbaren, was mit den Print-Rechten an dem Buch passiert und ob du das Buch z.B. selbst als Taschenbuch herausgeben darfst.
  • Veröffentlichungsdatum: Klingt kleinlich, ist aber wichtig: Sorge dafür, dass vertraglich genau geregelt ist, wann dein Buch erscheint, wann du das fertige Manuskript abgeben musst und in welchem Rahmen der VÖ-Termin höchstens abweichen darf. Ansonsten lässt du einem unseriösen Verlag allen Spielraum, deine Geschichte ewig auf Halde zu haben und dich zappeln zu lassen, obwohl du das Manuskript in der Zwischenzeit fünf anderen Verlage hättest anbieten können.

Das sind jetzt nur wenige Punkte, ein Verlagsvertrag sollte noch sehr viel mehr Aspekte regeln. Was passiert z.B. wenn dein Buch nicht mehr verfügbar ist, weil die erste Auflage komplett verkauft wurde? Wie schnell muss der Verlag nachdrucken? Ab wann darf der Verlag dein Buch „verramschen“ und den Verkaufspreis heruntersetzen? Wer bestimmt den Titel bzw. die Aufmachung des Buches? Wie viel Mitspracherecht hast du als AutorIn? Wie häufig werden Tantiemen ausgeschüttet (järhlich, halbjährlich)? Wie gesagt, ein verdammt komplexes Thema.

Wichtig ist auf jeden Fall: Fehlt einer der oben genannten Punkte im Vertrag oder bietet dir der Verlag überhaupt keinen Vertrag an, ist das ein deutliches Indiz für eine unseriöse Arbeitsweise.

Ein seriöser Verlag kümmert sich um Cover, Buchsatz, Lektorat & Korrektorat

Wie unter Punkt 1 schon dargestellt: dein Verlag ist dein Partner im Literaturbusiness. Er ist zuständig dafür, dein Buch zu lektorieren und zu korrigieren, er kümmert sich um das Layout, um ein Cover und um den Druck des Buches. Hier gibt es keine Kompromisse. Gar keine! Der Verlag erhält einen guten Anteil der Einnahmen, dafür ist er auch verpflichtet, diese Leistungen zu erbringen.

Vielleicht ein Beispiel an dieser Stelle: Du gehst in ein gutes Restaurant und bestellst ein Getränk und ein Mittagessen. Im Preis, den du bezahlst, ist das Kochen, das Anrichten und das Servieren der Speisen inklusive, niemand würde erwarten, dass der Gast selbst in die Küche laufen muss, um die Nudeln aus dem Topf zu holen und die Soße anzurühren. Anders ist es in einem Selbstbedienungs-Laden, aber auch hier sollte es selbstverständlich sein, dass man Geschirr oder Verpackung nicht selbst mitbringen oder den Burger selbst vom Grill holen muss.

Sollte ein Verlag also von dir verlangen, dich allein (schlimmstenfalls auf eigene Kosten) um das Lektorat oder das Cover zu kümmern  oder sollte er dir eine dieser Leistungen vorenthalten – Finger weg! Kein seriöser Verlag würde so etwas tun.

Ein seriöser Verlag ist vernetzt und präsent

Ungefragt flattert dir ein Verlagsangebot ins Haus, doch bei näherer Betrachtung stellst du fest: Der Verlag hat weder eine ordentliche Homepage, noch einen Social-Media-Kanal und du musst erst eine Weile suchen, bis du rausgefunden hast, wo du seine Bücher überhaupt kaufen kannst. Spätestens da sollten deine Alarmglocken schrillen.

Jeder seriöse Verlag sollte eine ordentliche Homepage besitzen, einen Webshop und ggf. auch eine Facebook-Seite oder einen Twitter-Account. Außerdem sollten die dort verlegten Bücher über alle gängigen Plattformen wie Amazon, Thalia oder Weltbild erhältlich sein. Auch die Präsenz auf Buchmessen oder Conventions ist ein gutes Zeichen, ebenso wie die enge Vernetzung mit anderen Verlagen (vor allem im Kleinverlags-Wesen).

Weist ein Verlag keines dieser Merkmale auf, wäre ich sehr, sehr vorsichtig und würde im Zweifel mehr Informationen einholen, ehe ich mich darauf einlasse.

Ein seriöser Verlag ist erreichbar

So was, du möchtest deinem künftigen Verlagspartner eine Mail schreiben, findest aber keine öffentliche Email-Adresse? Keine Telefonnummer? Keine Kontaktdaten? Dann mach dich lieber ganz schnell vom Acker.

Rechtlich betrachtet muss jede kommerzielle Internetseite ein Impressum beinhalten, in welchem du die Anschrift, eine Telefonnummer und ggf. auch eine Email-Adresse oder ein Kontaktformular findest. Ist das nicht der Fall, ist das nicht nur ein fieses Versäumnis, sondern sogar ein Grund zu einer rechtlichen Abmahnung.

Zudem sollte ein seriöser Verlag auch in angemessenem Zeitraum auf deine Anfragen reagieren und antworten. Ihr seid Partner, ihr arbeitet zusammen – Kommunikation ist alles. Lass dich hier nicht abspeisen.

Fazit

Wie zu Beginn angedeutet, kann ich in diesem Beitrag nur einen ersten Überblick geben, ein paar Tipps, die dir vielleicht auf der Suche helfen und deine Entscheidung erleichtern. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bin mir sicher, dass es noch viele andere Punkte gibt, die es zu berücksichtigen gilt. Zumal, wie eingangs erwähnt, ein seriöser Verlag noch lange kein guter Verlag sein muss. Die obigen Punkte sollten dir aber zumindest dabei helfen, die ganz fiesen Maschen zu erkennen und nicht eine üble Kostenfalle zu tappen.

Wie steht es mit euch, habt ihr schon Erfahrungen mit schwarzen Schafen in der Verlagswelt gemacht? Gibt es Punkte, die euch besonders wichtig sind und die an dieser Stelle noch fehlen? Schreibt es mir gerne in den Kommentaren.

 

 

[1] Bei Kurzgeschichten-Anthologien gibt es bisweilen Ausnahmen, die ohne Vertrag arbeiten. Meistens handelt es sich dabei um Anthologien ohne Gewinnerzielungsabsicht, die auch keine Honorare an Autoren ausschütten. Hier sollte man immer selbst entscheiden, ob man Lust hat, sich trotzdem zu beteiligen. Der Verlust ist sicher gering, der Zugewinn aber auch.

Hilfe, ich bin langweilig!?

Oder: Man muss nicht in der Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben

Schreibe über das, was du kennst. Diesen Tipp hat sicher jeder schon mal irgendwo gelesen und er hat definitiv seine Berechtigung. Als Profi oder wenigstens Amateur in einem Gebiet tut man sicher leichter, Themen korrekt und umfassend darzustellen und einen guten Zugang dazu zu finden. Trotzdem werden die wenigstens Krimis von Polizisten, Anwälten oder Kommissaren geschrieben, sondern von AutorInnen, die sich in die Materie einarbeiten müssen.

Daran findet niemand etwas Verwerfliches – zurecht. Wie Maxim Gorkij einmal sagte: „Man muss nicht in einer Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ Als Leser schätzt man Fachkompetenz, aber zu viel Insiderwissen kann der Dramatik einer Story sogar abträglich sein. Immerhin wissen wir alle, dass Polizeiarbeit wesentlich trockener ist als in Krimis dargestellt, aber wir sind froh, dass nicht der Großteil der Kriminalromane davon handelt, wie der Kommissar interne Berichte verfasst. Und wir sind dann doch eher erleichtert, dass Krimiautoren nicht erst einen Mord begehen müssen, um aus der Perspektive eines Mörders zu erzählen.

Diversität und ihre Grenzen?

Heikler wird es dagegen bei Charaktereigenschaften, Persönlichkeit, sexueller Orientierung. Im Netz finden sich immer wieder kritische Kommentare, so wie dieser.

Tweet_GayBoys

Der Wunsch dahinter ist nachvollziehbar. Leser wollen durch Figuren angemessen repräsentiert werden und fühlen sich wohler in dem Wissen, dass der Autor/die Autorin weiß, worüber er/sie schreibt, vornehmlich aufgrund eigener Erfahrung. Sie wollen sich nicht von einem „Outsider“ erklären lassen, wie ihre Welt funktioniert, wie ihre Probleme aussehen oder wie sie damit umzugehen haben. Sie wünschen sich Authentizität.

Hier stoßen wir allerdings auf ein Problem: Würden Autoren nur noch über Protagonisten ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Lebenserfahrung schreiben, wäre die Buchwelt ziemlich eintönig. Sieht man sich den deutschen Buchmarkt an, wäre der durchschnittliche Roman-Protagonist vermutlich ein verheirateter Mittelschicht-Mann in den Dreißigern mit einem Studienabschluss. Vielleicht auch eine Mittelschicht-Frau mit Familie und Teilzeitjob. Sicherlich lässt sich auch daraus eine interessante Geschichte stricken – aber so ganz ohne Diversität wäre der Buchmarkt verdammt langweilig. Am Ende beißt sich der Hund also in den Schwanz, denn gerade Menschen abseits der Norm verdienen es, in Büchern repräsentiert zu werden – das könnte unter dieser Prämisse aber nicht funktionieren.

Als AutorInnen ist es unsere Aufgabe, über den Tellerrand hinauszusehen, uns mit anderen Kulturen und Lebenseinstellungen zu beschäftigen und darüber zu schreiben, doch leider führen Aussagen wie die obere eher dazu, dass Autoren den Mut verlieren und sich doch wieder den üblichen Standards zuwenden. Nach dem Motto: „Ich will niemandem auf den Schlips treten.“

Recherche, Sensibilität und Empathie

Ich denke, ich muss nicht erwähnen, dass (gute) AutorInnen recherchieren. Nicht nur Fakten, sondern auch Erfahrungsberichte, Lebensgeschichten und Einstellungen. Wenn wir über einen Biologielaboranten schreiben, informieren wir uns über seine Arbeit. Wenn wir über einen Menschen mit Depression schreiben, informieren wir uns über seine psychische Störung. Und wenn wir über einen POC-Menschen schreiben, informieren wir uns über Erfahrungen, die er vielleicht gemacht haben könnte. Nichts ersetzt diese Arbeit – sie gehört zum Handwerk wie das Schreiben selbst.

Trotzdem bleiben auch Erfahrungsberichte nur das, was sie sind: individuelle Lebensgeschichten, keine absoluten Wahrheiten. Jeder Mensch ist einzigartig und besonders, die Erfahrungen des einen sind nicht automatisch die Erfahrungen des anderen, ebenso wenig Gefühle oder Vorlieben. Jede Roman-Figur ist ein Individuum und wir sollten uns immer Mühe geben, genau das zu transportieren. Ein guter Roman braucht keine Abziehbilder, sondern echte, authentische Charaktere.

Neben Recherche lautet das Zauberwort also: Empathie und Sensibilität. Ich gebe zu, ich bin in Bezug auf meine Lebensgeschichte ein ausgesprochen langweiliger Mensch. Ich bin weiß, stamme aus einer Akademiker-Familie, hatte nie ein Alkohol- oder Drogenproblem, lebe seit 10 Jahren in einer stabilen, heterosexuellen Beziehung und hatte nie mit dem Tod eines nahen Angehörigen, einer Scheidung oder einer psychischen Krankheit zu kämpfen. Für dieses Glück bin ich verdammt dankbar. Trotzdem gebe ich mir Mühe, diese Themen in meinen Büchern angemessen umsetzen. Ich versuche, authentische Figuren zu entwickeln, mich in sie hinein zu versetzen, mir zu überlegen, wie sie mit Erfahrungen in ihrem Leben umgegangen sind, wie diese sie geprägt haben. Ich kann nicht versprechen, dass mir das immer gelingt, das wäre vermessen. Aber ich tue mein Möglichstes.

Macht Mut, keine Angst!

Deswegen möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für alle AutorInnen brechen, die sich Mühe geben, Diversität in ihren Romanen einen Platz einzuräumen, auch – oder gerade weil! – sie selbst keine eigenen Erfahrungen mit Rassismus, Homophobie oder Sexismus gemacht haben. Seid mutig, stellt euch der Herausforderung – es lohnt sich!

Außerdem möchte alle LeserInnen ermutigen, AutorInnen nicht durch Aussagen wie die oben genannte zu demotivieren, damit schadet ihr letztlich nur euch selbst. Setzt Impulse, sagt, welche Klischees euch stören, gebt AutorInnen Tipps, wie sie sich informieren können. Nur so schaffen wir gemeinsam spannende, tiefgehende Geschichten ohne Klischees, die genauso bunt und vielfältig sind wie das Leben selbst.

Über mich: Früh übt sich

Eine bebilderte Story meiner (peinlichen) literarischen Anfänge

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Geburtstagsaktion von Magische Momente in der kleinen Bücherwelt entstanden und wird auch dort auf dem Blog erscheinen. Es freut mich, dass ich mitmachen durfte.

Im Alter von fünf Jahren erfand Joanne K. Rowling ihre erste Geschichte über eine Biene und ein krankes Kaninchen. Auch Stephen King schrieb bereits mit sieben Jahren seine erste Erzählung. Auch wenn die meisten berühmten Autoren erst spät Erfolge für ihre Romane feiern, berichten viele davon, dass sie das Schreiben und Lesen ihr ganzes Leben begleitet hat.

Zugegeben, ich bin weder eine J.K. Rowling noch ein Stephen King, aber auch in meinem Kopf waren immer schon Geschichten, die auf Papier wollten. Heute möchte ich euch ein bisschen von diesen Anfängen erzählen, über die ich heute eher schmunzle.

Von meinem Erstling, verfasst im Alter von etwa 7 Jahren, habe ich leider kein Foto parat, er ist gut verwahrt bei meinen Eltern unter Kindergartenzeichnungen und Tagebüchern: „Samy der Computer“ handelte von einem sprechenden Computer, der zugunsten eines neuern Modells verschrottet werden soll. Die Gesellschaftskritik darin ist klar erkennbar, oder?

Frühwerke

Meine literarischen Anfänge in Bildern

Links oben: Diese aufregende Geschichte von zwei Mäusen auf Weltreise entstand im Alter von 9 Jahren. Das Cover enthüllt zwei schockierende Wahrheiten: Ich hatte keine Ahnung von Erdkunde und meine Paint-Skills waren unübertroffen.

Rechts oben: Nicht nur das Covermotiv, sondern auch der Inhalt dieser Fantasy-Geschichte offenbart eindeutig meine Harry-Potter-Affinität im Alter von 12 Jahren. Inhaltlich hat die Geschichte von Mona, die einen Pfad in eine gefährliche High-Fantasy-Welt entdeckt, tatsächlich einige Höhepunkte zu bieten, aber vom Schreibstil reden wir lieber nicht. Das eigentlich Bemerkenswerte ist ohnehin das Cover, das mir eine gleichaltrige Freundin liebevoll mit Hand gezeichnet hat. Es macht mich sehr traurig, dass sie meine erste Veröffentlichung nicht mehr miterleben darf – sie ist vor vielen Jahren gestorben. Ihre Zeichnung halte ich aber bis heute in Ehre.

Links unten: Meine ersten Gehversuche im Low-Fantasy-Genre, intensiv beeinflusst von Hohlbeins Camelot-Romanen und den „Nebeln von Avalon“ (im Alter von etwa 17 Jahren). Inhaltlich hat dieser Roman tatsächlich schon einige Parallelen zu meinen heutigen Plots. Es gab eine Liebesgeschichte, eine Intrige um einen Königsthron, Magie und Verrat. Der Kitsch- und Klischeefaktor ist allerdings noch ein bisschen hoch eingestellt. Tatsächlich durften diesen Roman auch schon ein paar ausgewählte Freunde von mir lesen.

Rechts unten: Neben der Belletristik habe ich mich während meiner Gymnasialzeit auch in Richtung Journalismus orientiert. Unsere Schülerzeitung gewann damals mehrfach den Spiegel-Preis für die beste Schülerzeitung und eine meiner Reportagen wurde sogar vom Stern ausgezeichnet. Mein beruflicher Weg hat mich in andere Gefilde geführt, aber die journalistische Arbeit macht mir heute noch Freude. Mittlerweile lebe ich genau das ein wenig auf meinem Blog aus.

Einen wirklich professionellen Umgang mit dem Schreiben begann ich mir aber erst viele Jahre später im Studium anzueignen. Ich suchte Kontakt zu Gleichgesinnten, gab meine Texte an Testleser, lernte Schreibregeln und entwickelte mein Handwerk. Jetzt stehe ich kurz vor der Veröffentlichung meines Debütromans. Ich schätze, mein siebenjähriges Ich wäre echt stolz auf mich.

Wenn ihr Lust habt, meinen weiteren Werdegang zu verfolgen, dann folgt mir doch auf Twitter oder Facebook, ich würde mich freuen.

Von Hybridautoren und dem Sterben der Midlist

Impressionen vom #Litcamp17

Was waren das noch für schöne Zeiten, als die Klischee-Schubladen noch klar definiert waren! Es gab die arroganten (Groß-)Verlagsautoren, die hochwertige Literatur schrieben, erfolgreich waren und Buchläden füllten. Und dann gab es die Self-Publisher, die selbstverliebten Traumtänzer, die kein Verlag haben wollte. Zum Glück sind diese Vorurteile – auch dank der Verbreitung von Book-on-demand-Anbietern – weitgehend passé. In manchen Köpfen mögen solche Klischees noch verankert sein, doch sie weichen zunehmend auf. Immer mehr Autoren entscheiden sich bewusst dafür, ihr Buch selbst zu verlegen, oder als Hybrid-Autor (Vorsicht, nicht Hybrid-Auto, das ist was anderes!) sowohl im Verlag als auch im Self-Publishing zu veröffentlichen. Der Selbstverlag hat sein Schmuddelimage verloren.

Auf dem Literaturcamp 2017 in Heidelberg fanden sich gleich zwei ehemalige Großverlags-Autoren, die umfangreich von ihrem Ausstieg aus der Verlagswelt berichtet haben und von den Gründen, die sie dazu bewogen haben, zum Self-Publishing zu wechseln. Für mich, die ich immer noch auf der Suche nach der optimalen Veröffentlichungs-Strategie bin, ein echter Augenöffner.

„Verlage wagen nichts Neues!“

IMG_20170625_110230

„Wie mutig sind Verlage noch?“ Session von Martin Krist auf dem Litcamp2017

Martin Krist schreibt seit rund 20 Jahren Bücher, veröffentlich Biographien, Thriller und Erotik. In seiner Session auf dem LitCamp, die im Livestream übertragen wird, findet er klare Worte dafür, warum ihn seine Arbeit als Verlagsautor frustriert. „Publikumsverlage wollen keine Experimente“, sagt er sinngemäß. Sie wollen den Mainstream bedienen. Sie wollen lieber den sechsten Dan Brown oder den vierten Joe Katzenbach, als einen neuen, ungewöhnlichen Autor mit frischen Ideen. Sie trauen sich nicht, Risiken einzugehen, etwas zu wagen, neue Wege zu beschreiten. Die ultimative Bestätigung kommt dabei von Nika Sachs. Ihr Manuskript wurde von einer Agentur abgelehnt, weil es „zu clever“ und zu „persönlich authentisch“ sei. Aber, so die Agentur, sie könne es ja mal mit der Veröffentlichung versuchen. Manchmal würde das funktionieren.

Von Autorenseite kommen überwiegend klare Worte: Wenn die Verlage nicht anfangen würden, Risiken einzugehen, auch innovative, neue Literatur zu fördern, würden sie sich langfristig selbst abschaffen. Zu verlockend sei die Option, im Self-Publishing eigene Ideen direkt und unmittelbar umzusetzen. Auch als Leser scheint es doch attraktiver, unter den erfolgreichen Self-Publishern oder engagierten Kleinverlagen die Perlen heruszupicken, statt den dritten Aufguss bekannter Plots und Charakterkonstellationen zu lesen. „Den trinkenden Ermittler kann ich nicht mehr sehen“, bestätigt Martin Krist.

Ein provokanter Einwand erreicht die Diskussion jedoch von außerhalb des Litcamps: „Wie können Autoren vom Markt leben, aber nicht für ihn schreiben wollen?“ Ein guter Punkt. Wie lässt sich diese Diskrepanz vereinbaren?

Der Markt, das unbekannte Wesen

Zu allererst sollten wir uns im Klaren darüber werden: Was ist überhaupt „der Buchmarkt“? Eine schwierige Frage. Der Markt speist sich aus vielen Größen. Aus Leserinteressen, aus Verlagsmarketing und aus den Präferenzen der Buchhändler, die die Produkte platzieren und bewerben.

Klar ist auf jeden Fall, er ist keine statische Größe. Vor Harry Potter gab es keinen Markt für Romane über Zauberer. Vor Twilight keinen Markt für Vampir-Romantasy. Es braucht einen Vorreiter, eine Ikone, die den Weg bereitet. Nun ist es sicherlich vermessen zu glauben, dass in jedem Autor eine J.K. Rowling oder eine Stefanie Meyer steckt, aber Hand aufs Herz: wissen können wir es nicht. Und hätte vor 20 Jahren nicht ein englischer Kleinverlag das Experiment gewagt, einen Zauberschüler in Mini-Auflage von 500 Stück zu drucken, wäre die Fantasy um einiges ärmer.

Dennoch ist es schwer, den großen Verlagen diesbezüglich einen Vorwurf zu machen. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, sie müssen verkaufen. Geld wird nicht mit der verhältnismäßig kleinen Gruppe der Intensiv- und Vielleser gemacht, die exzessiv über ihre Lektüre nachdenken und innovative Inhalte suchen, sondern mit der riesigen Gruppe an Gelegenheitslesern. Den Urlaubs-, Bahnfahr-, „Ich brauch jetzt was Seichtes für zwischendurch“-Lesern. Mal ehrlich – wir alle nehmen uns regelmäßig vor, anspruchsvolle Literatur zu lesen, Netflix mal auszuschalten und ein gutes Buch in die Hand zu nehmen. Aber allzu oft werden wir diesen Ansprüchen auch nicht gerecht.

Wir halten fest: Gerade im Großverlags-Kontext sinkt die Bereitschaft für Experimente, für Risiken, für Neues. Eine Entwicklung, die viele Autoren frustriert, denn egal wie handwerklich präzise und professionell ein Autor arbeitet, der Wunsch nach Innovation und Weiterentwicklung bleibt immer präsent. Nun kann man es Verlagen nicht zum Vorwurf machen, wirtschaftlich zu denken. Martin Krist hat eine andere Empfehlung: „Die Verlage sollten sich wieder mehr auf ihre Kernkompetenzen besinnen: neue Autoren finden, fördern und behalten.“

Das Sterben der Midlist

Eine andere negative Entwicklung prangert sowohl Martin Krist als auch Lilith van Doorn an, die ebenfalls in großen Verlagen veröffentlicht hat, sich jetzt aber in Richtung Self-Publishing orientiert. „Das meiste Geld“, erklärt Martin Krist, „fließt in die Bestsellerautoren. Die Midlist-Autoren gehen dabei unter.“ Werbung wird für die Megaseller gemacht, die Importe, die großen Namen. Nicht für die Neulinge, von denen man sich nur mittlere Verkaufszahlen erhofft. Demnach ein weiterer Faktor, der zum Frust bei Verlagsautoren führt. Wer nicht zu den ganz großen Megasellern gehört, geht schnell in der Masse unter und unterliegt der Gefahr, als Flop abgestempelt zu werden. „Viele Autoren vermissen die Wertschätzung“, erklärt Lilith van Doorn. Autoren erleben sich im Großverlag als Content-Maschinen, sogar das Wort „Fußabtreter“ fällt.

Wer davon ausgeht, als Autor im Großverlag durch die verkauften Bücher automatisch ein Vermögen zu verdienen, der irrt. Die meisten Autoren leben vom Garantiehonorar („Vorschuss“), das sich allerdings selten in einem Rahmen bewegt, der finanzielle Sorglosigkeit ermöglicht. Die einzige Chance besteht darin, wieder und wieder zu veröffentlichen, viel zu schaffen – und erfolgreich zu sein. „Flopt das Buch eines Autors“, erklärt Lilith van Doorn, „ist sein Name oft verbrannt. Dann besteht die einzige Chance in einem neuen Pseudonym.“ Oder im Weg ins Self-Publishing.

Letzter Ausweg Self-Publishing?

In ihrer Session trägt Lilith van Doorn eine ganze Reihe Pro- und Kontra-Argumente zusammen, die für bzw. gegen Verlag oder Selfpublishing sprechen. Ich hab sie euch in folgender Übersicht einmal zusammen gestellt.

TabelleSPVerlagGrundlegend lässt sich zusammenfassen: Sowohl Self-Publishing als auch die Arbeit als Verlagsautor bieten Vor- und Nachteile gleichermaßen. Sie sollten nicht als konkurrierende Pfade betrachtet werden, sondern viel eher als unterschiedliche Wege, um zum selben Ergebnis zu kommen, nämlich das eigene Buch zu verkaufen und die eigenen Geschichten zu verbreiten. Welcher Weg dabei der Beste ist, muss jeder Autor für sich selbst entscheiden.  Persönlichen Vorlieben, finanzielle Gesichtspunkte und literarische Wunschthemen können bei der Entscheidungsfindung helfen.


Wer noch tiefer in die Materie eintauchen will, kann sich die gesamte Diskussion mit Martin Krist auch in einem Video der Session anschauen. Außerdem gibt es auf Tapsis Bücherblog noch eine weitere sehr gute Zusammenfassung.

Mehr von mir über das LitCamp:

Gott würfelt nicht, Autoren schon

Gott würfelt nicht, Autoren schon

Do’s, Dont’s und Fallstricke beim Weltenbau

„Ich mach mir meine Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“
– ein anonymer Fantasy-Autor

Fragt man Autoren, warum sie sich dafür entschieden haben, Fantasy zu schreiben, dann ist eine sehr häufige Antwort die Faszination für fremde Welten. Der Reiz des Unbekannten. Die Chance, etwas völlig Neues, Anderes, Einzigartiges zu kreieren. Gleichzeitig sehen sich Fantasy-Autoren auch oft dem impliziten oder expliziten Vorwurf ausgesetzt, ihre Arbeit sei so viel einfacher als die anderer Autoren, schließlich brauchten sie nicht zu recherchieren. Sie könnten sich ja alles mal eben so ausdenken. Spoiler-Alarm: So einfach ist das nicht.

Auf dem Literaturcamp in Heidelberg am letzten Wochenende habe ich zum Thema Weltenbau eine kleine Session für Interessierte gehalten und möchte die Ergebnisse hier kurz zusammentragen. Ergänzungen sind gerne gesehen.

Was braucht eine Welt?

Steht man als Autor vor der Herausforderung, eine völlig neue Welt zu entwerfen, stellt man sich natürlich die Frage: Womit fange ich an? Was ist überhaupt wichtig? Was brauche ich, um dem Leser ein konsistentes und lebendiges Bild meiner Welt präsentieren zu können?

Auf der Role Play Convention haben die beiden Herren Bernhard Hennen und Robert Corvus – alte Hasen in Bezug auf Weltenbau – einen kleinen Einblick in ihre Vorgehensweise gegeben.

Bild1

Relevante Elemente beim Weltenbau

Um von einer Welt erzählen zu können, können viele verschiedene Facetten von Bedeutung sein: Geografie (z.B. Klima, Landschaft), Demografie (z.B. Bevölkerungsanzahl & -dichte), Religion, Technik, Militär, Kultur (z.B. Gebräuche, Mentalität). Jede dieser Facetten kann man in weitere Unterpunkte aufspalten, bis ein hochkomplexes Schaubild entsteht, das von „Wie groß ist meine Welt?“ hinreicht bis „Welche Schuhe sind in Stadt X diesen Sommer eigentlich angesagt?“

Dass man sich in seinem Weltenbau durchaus verlieren kann, beweist das Beispiel von J.R.R. Tolkien. Sein Leben lang tüftelte er an Mittelerde, entwickelte eigene Sprachen, riesige Stammbäume und eine tausende Jahre umfassende Zeitrechnung. Trotzdem werden wir später in diesem Artikel feststellen, dass Mittelerde den Ansprüchen guten Weltenbaus nicht durchgehend genügt.

„Ich habe oft Lust, daran zu arbeiten, und erlaube mir’s nicht, denn so sehr ich daran hänge, kommt es mir ja doch wie ein höchst verrücktes Hobby vor“
– J.R.R. Tolkien über die Arbeit an Mittelerde (Quelle)

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Was braucht eine Welt, um stimmig und lebendig zu sein? Die Antwort darauf ist einfach und kompliziert gleichermaßen: Die Geschichte bestimmt, was erforderlich ist. Große Fantasy-Epen mit heroischen Schlachten erfordern eine klare Übersicht über militärische Strukturen, magische Möglichkeiten und geografische Strukturen (wer gegen wen und warum?). Bei Urban-Fantasy-Stories in städtischem Ambiente erscheint es relevanter, gesellschaftliche Strukturen, Urbanisierung und Technisierung zu thematisieren. Und eine Science-Fiction-Story lebt natürlich vor allem von der Beschreibung fremder Planeten und der technischen Errungenschaften ihrer Zeit.

Ganz banal lässt sich also zusammenfassen: Die Welt braucht, was die Geschichte braucht. Details, die darüber hinausgehen, können in angemessenen Dosen  spannend sein und schönes Ambiente oder Konflikte schaffen, z.B. wenn sich die Helden einer action-geladenen Geschichte in einer Szene mit den Fallstricken der örtlichen Bürokratie herumschlagen müssen. Sie sollten aber sparsam eingesetzt werden.

Wann baue ich meine Welt?

Analog zu den Plottern und Pantsern gibt es auch im Weltenbau zwei grundlegende Strategien.

1. Die Geschichte entsteht aus der Welt
Bei diesem Vorgehen betreibt der Autor den Weltenbau, bevor er mit dem Schreiben der Geschichte beginnt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Welt ist bei Schreibbeginn bereits fertig, es existiert ein klarer, gut strukturierter Rahmen, in dem sich die Geschichte bewegt, und es gibt immer eine Quelle zum Nachschlagen. Nachteil ist allerdings, dass man sich leicht in später unnötigen Details verlieren kann oder feststellt, dass manche Prämissen die Geschichte gar nicht angemessen tragen. Zum Beispiel könnte man zu dem Schluss kommen, dass der coole Plot™ gar nicht funktioniert, weil die Konzeption der Magie bestimmte Handlungsoptionen gar nicht zulässt.

2. Die Welt folgt der Geschichte
Wer weniger planungs-affin ist, kann die Welt auch während des Schreibens entwickeln. Es existiert a priori also nur eine grobe Idee, eine Skizze der Welt, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt und verbreitert. Auch dieses Vorgehen hat Vorteile. Sobald sich der Plot in Grundzügen abzeichnet, kann man mit dem Schreiben beginnen, ohne lange Vorarbeit leisten zu müssen. Außerdem entwickeln sich Geschichte und Welt auf diese Weise eng Hand in Hand, sodass unnötige Details außen vor bleiben können. Der Nachteil besteht allerdings darin, dass die in der Geschichte gebündelten Informationen in eine angemessene Struktur gebracht werden müssen, um nichts zu vergessen und keine Widersprüche einzubauen. Oft ist dafür ein eigener Überarbeitungsdurchgang nötig.

Welche dieser beiden Strategien die bessere ist, kann und will ich so pauschal nicht beantworten. Ich habe beide Strategien ausprobiert und finde beide reizvoll. Macht es einfach so, wie es sich für euch richtig anfühlt.

Fehler im Weltenbau – geht das?

Ja, ich fürchte, das geht. Genau hier liegt der große Anspruch eines guten Weltenbaus: Neu geschaffene Welten müssen konsistent und stimmig sein, denn Logikbrüche führen bei Lesern bestenfalls zu Irritation, schlimmstenfalls zu Frust.

Während wir bei der Recherche für einen historischen Roman „nur“ überprüfen müssen, ob eine bestimmte technische Errungenschaft im Jahr X existierte, müssen wir uns beim Weltenbau ganz dezidiert überlegen: Ist es denkbar, dass die Menschen dieser Welt mit ihrem technischen Knowhow, ihren Möglichkeiten und Rohstoffen Produkt X herstellen können? Ist die Entstehung von X also grundlegend plausibel?

Laufen solche Überlegungen ins Leere oder werden gar nicht erst angestellt, schleichen sich Fehler oder Brüche ein. Klassiker sind zum Beispiel:

  • Magie ist allmächtig, kann aber das Welthungerproblem nicht lösen.
  • Die Welt ist gering technisiert, es gibt aber gigantische Millionenstädte.
  • Auf einem riesigen Planeten sprechen alle Wesen dieselbe Sprache

Aufgrund solcher und ähnlicher Logiklücken musste sich auch George Martin Kritik an seiner Konzeption von Westeros („Das Lied von Eis und Feuer“) anhören. Lyman Stone hat auf seinem Blog einige Gründe zusammengetragen, warum Westeros so, wie es angelegt ist, nicht funktioniert („Westeros is poorly designed“). Er kritisiert dabei die Tatsache, dass in Westeros trotz seiner Größe – Martin spricht von der Ausdehnung Südamerikas – nur eine Sprache gesprochen wird, dass die Heere und Städte proportional zu groß seien und dass die politischen Konflikte trotz ihrer Komplexität immer noch zu simpel seien gemessen an der Vielzahl an Parteien und Landstrichen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ein jahre- oder jahrzehntelanger Winter die Bevölkerung des Kontinents schon längst an den Rand der Vernichtung getrieben hätte.

Auch Tolkiens Mittelerde basiert eher auf ästhetischen als auf logischen Grundsätzen. Eine Bauweise wie der Turm von Minas Tirith erscheint angesichts der Nähe zu Mordor wenig clever, und trotz der Vielfalt an Wesen und Kulturen leben alle seit Jahrtausenden schön brav in ihren Territorien ohne sich jemals in die Quere zu kommen.

Natürlich sind das Spitzfindigkeiten. Wenn wir ehrlich sind – die wenigsten dürften diese Kritikpunkte beim Lesen der Bücher wirklich gestört haben. Dennoch sind sie ein guter Beweis dafür, wie viele einzelne Rädchen beim Entwerfen einer Welt ineinander greifen. Sicherlich kann eine Welt nie in allen Aspekten perfekt sein. Kein Autor ist Geologe, Historiker, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieur in einem, und auch der Leser vergibt kleine Logiklücken, wenn sie für die Geschichte nicht in hohem Maße relevant sind. Die Daumenregel lautet: Wenn ausreichend Informationen vorhanden sind, um sich Zusammenhänge zu erschließen und die Leser zum Nachdenken anzuregen, dann ist das für gewöhnlich ausreichend. Und wenn ein Aspekt Probleme und Konflikte hervorruft, muss er weniger gut erklärt sein, als wenn er dem Helden aus der Patsche hilft.

Natürlich sind diese Grundsätze wiederum abhängig von Genre und Konzeption der Geschichte. Basiert sie z.B. auf Märchenmotiven oder bekannten Stereotypen, werden viele Logikfehler oder „Blind Spots“ verziehen. Je mehr die Geschichte jedoch dem Anspruch eines „fantastischen Realismus“ folgt, desto intensiver muss der Weltenbau ausfallen (Stichwort: George Martin).

Klischees bewusst aufbrechen

Um Fehler und Logiklücken zu vermeiden, empfiehlt es sich natürlich, zu recherchieren. Ein paar Tipps für Weltenbauer habe ich am Ende des Artikels in einer Linkliste zusammengetragen.

Es kann außerdem hilfreich sein, Klischees, die mit bestimmten Epochen oder Themen verbunden sind, bewusst aufzubrechen. Warum nicht eine Welt entwickeln, die zwar an das europäische Hochmittelalter erinnert, aber geprägt ist von einer animistischen und pazifistischen Weltanschauung? Oder ein orientalisches Setting, in dem gleichgeschlechtliche Beziehungen toleriert und akzeptiert sind? Es ist eure Welt – seid kreativ. Lasst euch nicht von dem vorherrschenden Meinungsbild einengen. Denn wenn wir ehrlich sind: Mit dem „echten“ Mittelalter (das nebenbei ja auch 1000 Jahre umfasst hat) haben die meisten Fantasy-Welten ohnehin nur wenig gemein. Wieso also nicht bewusst neue Wege einschlagen?

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Kann man eigentlich zu viel Weltenbau betreiben? Ich sage: Jein. Jeder darf sich so lange und so intensiv mit seiner Welt beschäftigen, wie er will, je tiefer man selbst eintaucht, desto besser. Aber – und das ist der springende Punkt – man muss sich von dem Gedanken verabschieden, jedes schicke, tolle, aufregende Detail in den Plot integrieren zu können. Zu viele Details, die keinen Bezug zur Haupthandlung oder den Charakteren haben, arten schnell in Info-Dump aus und überfordern den Leser eher, als dass sie ihn faszinieren könnten.

Aspekte, die von Lesern oft als störend empfunden werden, sind z.B. eine eigene Zeitrechnung (abweichend von Tagen, Wochen, Monaten), extrem viele Sonderzeichen in Namen und Begriffen, zu viele Eigennamen für Selbstverständliches oder ellenlange wissenschaftliche Abhandlungen. Selbst Glossare helfen dabei nur begrenzt, denn gerade bei Ebooks lässt es sich schlecht nachschlagen.

Im Zentrum der Überlegungen sollte immer die Absicht stehen, Plot, Charaktere und Welt zu einer Einheit zu verbinden. Wie sieht der Held seine Welt? Wie nimmt er Dinge wahr? Was erlebt er? Viel spannender ist es, als Leser mitzuerleben, wie der Protagonist an einer Feierlichkeit zu Ehren des Flussgottes teilnimmt, an dem traditionell eine Ziege im Fluss ertränkt und roher Fisch gegessen wird, als dieselbe Geschichte in einem Erzähltext präsentiert zu bekommen. Hier können Details das Ambiente und die Stimmung der Szenerie hervorragend einfangen, solange ein Bezug zum Protagonisten oder der Handlung erkennbar bleibt.

Was ist guter Weltenbau?

Kommen wir zu einem Fazit – der Artikel ist lang genug geraten. Guter Weltenbau basiert auf drei Prinzipien: Einfallsreichtum, Atmosphäre und Stimmigkeit. Er schafft die Balance zwischen der Vermittlung von Informationen und Emotionen, erklärt, was nötig ist, und lässt offen, was die Handlung nicht erfordert. Er schafft das Besondere im Althergebrachten, integriert interessante, ungewöhnliche Details in eine Welt, die irgendwie bekannt, aber trotzdem fremd erscheint. Kurzum: Er erfindet das Rad nicht neu, verpasst ihm aber einen schicken Anstrich.

In diesem Sinne: Auf auf in neue Welten!

 


Werkzeuge für Weltenbauer

Auto Realm (kostenfrei): Erstellung von Karten (Stadt-, Landkarten & Dungeons), Erfassung von Distanzen

Campaign Cartographer (ab 30 €): Erstellung von professionellen Karten, kommerzielle Nutzung erlaubt, sehr viele AddOns

Fantasy-City-Generator (kostenfrei): Generieren von mittelalterlichen Stadtkarten nach vorgefertigem Muster

Inkarnate (kostenfrei): Erstellen von schnellen, einfachen Karten

AeonTimeline 2  (48 €): Erstellung von Zeitstrahlen und Verläufen; kompatibel mit Scrivener

Scapple (15 $) : Erstellung von Clustern und Mindmaps, kompatibel mit Scrivener

Freemind  (kostenfrei): Erstellung von Clustern und Mindmaps

 

Links für Weltenbauer

Weltenbau-Wissen

Weltenbastler Community

Medieval Population & Geography (Lyman Stone)

Weltenbau-Board im Tintenzirkel

 

Mehr von mir über das LitCamp:

Von Hybridautoren und dem Sterben der Midlist

Teaser: Charaktere auf der Couch

„Die Schöpferkraft eines Autors folgt leider nicht immer seinem Willen; das Werk gerät, wie es kann, und stellt sich dem Verfasser oft wie unabhängig, ja wie fremd, gegenüber.“
– Sigmund Freud

Wenn wir ehrlich sind, dann steckt in jedem Autor auch gleichzeitig ein Psychologe. Beide forschen nach Charakterzügen, nach Stärken und Schwächen, nach persönlichen Entwicklungen und Beziehungen. Beide versuchen, menschliches Verhalten zu verstehen, zu erklären und vorauszusagen. Zugegeben, als Autor neigt man dazu, seinen Figuren eher Probleme zu machen als diese zu lösen, aber am Ende bietet man ihnen doch immer die Chance, über sich hinau zu wachsen. Nun, meistens, zumindest.

Wie manche von euch wissen, habe ich selbst Psychologie studiert und das Erforschen von besonderen Charakterzügen und -entwicklungen ist für mich mit der spannendste Teil des Schriftsteller-Daseins. Nun bin ich aber sicherlich nicht die Einzige, die sich intensiv Gedanken über die psychologischen Hintergründe ihrer Charaktere macht – deswegen habe ich diese Blogreihe ins Leben gerufen.

Auf meiner Blog-Couch werden ein- bis zweimal pro Monat unterschiedliche Roman-Figuren über ihre Sorgen, Ängste und selischen Abgründe plaudern und euch ein bisschen mehr über sich verraten. Teils auf ernste, teils auf eher humorvolle Art. Spannend wird es aber mit Sicherheit.

Als Disclaimer möchte ich vorwegschicken: Ich bin keine ausgebildete Psychotherapeutin, und im Vordergrund dieser fiktiven Therapie-Gespräche sollen die Charaktere und ihre Geschichte stehen. Ich möchte mir Mühe geben, euch die Hintergründe so fundiert wie möglich nahe zu bringen, deswegen wird es auch immer eine kurze Information zu Störungsbildern oder Behandlungsmöglichkeiten geben, sofern sie zur Sprache kommen. Trotzdem dienen diese Blog-Beiträge in erster Linie der Unterhaltung. Wenn ihr also Fragen habt,  fragt mich gerne. Ich versuche sie nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten.

Seid ihr neugierig geworden? Dann schaut doch vorbei. Die erste Sitzung findet nächsten Dienstag statt. Wer dann bei mir auf der Couch sitzen wird? Lasst euch überraschen.


Bisherige Patienten:

06. Juni: Jonas von Janna Ruth („Im Bann der zertanzten Schuhe“)
19. Juni: Azzael von Bo Leander („Höllisches Intermezzo“)
08. Juli: Varek von Elea Brandt („Opfermond“)
20. Juli: Kurt von Sascha Raubal („Kurt – In göttlicher Mission“)
07. August: Horatio von Angela Stoll („Die Lügen des Horatio Harthorne“)
21. August: Theodora von Isabella Benz („Die Dämonen von Lorch“)
12. September: Zeyn von Annette Juretzki („Blind – Sternenbrand, Teil 1“)

Ladies‘ talk: Starke weibliche Charaktere

Bücherverschlingen hat zur Blogparade zum Thema „Starke Frauen in der Literatur“ aufgerufen – ein Thema, das sehr gut zu einigen Beiträgen passt, die ich in letzter Zeit gelesen habe (z.B. bei  Nina Hasse oder Frau Schreibseele). Mehrfach haben sich Bloggerinnen zu Wort gemeldet und ihren Unmut darüber kundgetan, dass gerade in Literatur für junge Erwachsene vermehrt missbräuchliche, einseitige Beziehungen romantisiert werden. Meist gerät dabei ein naives, hilfloses junges Mädchen an einen dominanten, reichen, attraktiven Mann und lässt sich von ihm so ziemlich alles gefallen. Ist das Liebe? Wohl kaum.

Um Beziehungen soll es in diesem Beitrag heute nicht gehen, aber sehr wohl um starke Frauen, die weder hilflos noch naiv sind, sondern sehr genau wissen, was sie vom Leben wollen. Anstatt euch aber theoretisch zu erzählen, was ich unter starken Frauenfiguren verstehe, habe ich entschieden, diese selbst zu Wort kommen zu lassen.

Ich möchte euch daher Idra, Seri und Arazin vorstelen, drei Protagonistinnen aus meinen Werken, die – nach meiner Einschätzung – das Prädikat „stark“ alle drei verdienen. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Also, Vorhang auf für eine kleine Gesprächsrunde.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Meine Damen, herzlich willkommen in unserer Runde. Wie ihr bereits wisst, geht es heute das Thema: „starke Frauenfiguren“. Warum, denkt ihr, hat euch eure Autorin hierhergeschickt? Was macht euch stark?

Idra: Was für eine saublöde Frage. Ich bin hier – reicht das nicht? Da, wo ich herkomme, musst du stark sein, wenn du überleben und nicht komplett kaputt gehen willst an dem ganzen Dreck um dich herum. Du brauchst einen verdammt harten Willen dafür und einen stabilen Verstand, sonst drehst du durch. Ich lass den ganzen Scheiß schon lange nicht mehr an mich heran und ich hab immer noch meinen Stolz. Obwohl ich nur eine billige Straßendirne bin. Reicht das als Antwort?

Arazin: Sie hat recht, Stolz ist wichtig. Sich selbst treu zu bleiben, die eigenen Pflichten und Ideale niemals zu verraten, egal, was passiert. Das macht doch Stärke aus, oder nicht? Sich durchzusetzen, zielstrebig zu bleiben, auch, wenn es schwierig wird – und vor niemandem zu kriechen! Sie wirft demonstrativ ihre Dreadlocks in den Nacken. Das tue ich nämlich nie!

Seri nachdenklich: Ja, ich denke, die beiden haben recht. Stark sind die, die um das, was ihnen wichtig ist, kämpfen. Um ihre Ziele, ihre Wünsche, ihre Ideale. Nicht unbedingt mit dem Schwert in der Hand, vielleicht auch mit ganz anderen Waffen. Und egal, welche Hindernisse auftreten, welche Steinen ihnen in den Weg gelegt werden, sie verlieren ihr Ziel nie aus den Augen. Sie seufzt. Ich wünschte, ich könnte das jetzt schon von mir behaupten, aber ich arbeite an mir.

 

Ihr habt von Hindernissen gesprochen – welche musstet ihr denn im Leben schon überwinden? Welche haben euch stärker gemacht?

Arazin: Klingt vielleicht blöd, aber ich denke, das war meine Verlobung. Ich musste fort von zuhause, an einen Ort, der mir fremd war, wo ich niemanden kannte und wo mich die Menschen angesehen haben wie eine Wilde, eine Barbarin. Zuhause, in Ylas, war ich die Königstochter, die Wüstenkriegerin, der alle Respekt entgegenbrachten und denen die Männer die Welt zu Füßen gelegt hätten. In Zarbahan dagegen … nun ja, da war ich gar nichts. Nur eine Fremde. Das war eine echt heftige Erfahrung für mich. Aber ich hab’s überstanden – und dabei nicht nur meine große Liebe gefunden, sondern auch eine Menge gelernt. Über mich und über andere.

Seri: Hm, bei mir war es eine Entscheidung, die ich treffen musste. Ich hatte die Wahl, mich weiter im Palast zu sonnen, dem Weg zu folgen, den anderen für mich ausgewählt hatten – oder mich dagegen zu wehren und meinen eigenen Weg zu finden, selbst zu entscheiden, wie ich mein Leben führen will. Es war eine harte Lektion, aber ich bin daran gereift. Mehr als ich je für möglich gehalten hätte.

Idra: Ganz ehrlich – war einer von euch schon mal im Sha-Quai, wo ich aufgewachsen bin? Da ist jeder Tag ein verdammtes Hindernis. Jeden beschissenen Tag kämpfst du ums Überleben, darum, dass du nicht dem Falschen ans Bein pisst oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort bist. Vom Hunger ganz zu schweigen. Aber gut, zugegeben, es gab auch für mich einschneidende Punkte im Leben, die härter waren als andere. Der Tod meiner Mutter, zum Beispiel. Oder die Sache mit dem Kult. Aber das führt jetzt zu weit.

 

Ja, das denke ich auch, wir wollen ja nicht zu viel verraten. Kommen wir lieber zur nächsten Frage. Gab es in eurem Leben starke Frauen, die euch geprägt haben? Vorbilder, wenn ihr so wollt?

Idra: Meine Mutter, ganz klar. Sie war niemand Besonderes, eine einfache Wäscherin im Armenviertel, aber gerade deshalb bewundere ich sie. Sie wollte mich nie, sie kannte nicht einmal den Namen des Kerls, der mich gezeugt hat, und hätte mich einfach im Kanal ertränken können wie eine räudige Ratte. Stattdessen ist sie immer für mich da gewesen, hat sich ein Bein ausgerissen, damit es mir an nichts fehlte. Sie hat mich in den Schlaf gesungen, auf Essen verzichtet, damit ich satt wurde … Sie hat sich aufgeopfert, nur für mich. Ihre Stimme zittert. Echt, ich hab nie jemanden getroffen, der mich mehr beeindruckt hat als sie.

Arazin tätschelt Idra mitfühlend den Arm: Ich weiß, was du meinst. Meine Mutter war auch so ein Mensch. Sie war zwar auch eine Kriegerin, mit dem Bogen konnte sie umgehen wie kein Zweiter, aber in erster Linie war sie Heilerin. Wenn sich mir bei üblen Verletzungen der Magen umgedreht hat, blieb sie ruhig, gelassen, hat ohne Zögern ihre Aufgabe erledigt und selbst Sterbenden Trost geschenkt. Außerdem konnte sie sich immer durchsetzen, auf ihr Wort hat jeder gehört, sogar mein sturer Vater. Sie musste dafür nicht einmal laut werden, es war einfach ihre immense Ausstrahlung, die die Menschen beeindruckt hat.

Seri: Hm, ich fürchte, ich würde meine Mutter nicht als Vorbild bezeichnen. Sie war ein lieber Mensch, aber am Tod meines Vaters ist sie zerbrochen. Sie hat es nie geschafft, sich aus diesem Loch heraus zu kämpfen, und ich machte ihr deswegen keinen Vorwurf. Sie hatte ja niemanden an ihrer Seite, der sie unterstützte, von uns Kindern abgesehen. Ich schätze, mein Idol ist meine Lehrmeisterin, bei der ich eine Weile lebte. Sie unterrichtet als Alchemistin an der Universität, ist unglaublich gebildet und weltgewandt. Sie hat es allein mit ihrem Geschick und ihrem Wissen geschafft, ihren Posten zu ergattern, ganz ohne sich dafür verkaufen oder ihre Ideale verraten zu müssen. Das finde ich wirklich bewundernswert.

 

Das heißt, Stärke hat für euch nichts mit körperlicher Kraft zu tun?

Seri: Nein definitiv nicht. Ich bewundere Frauen, die das Kämpfen meistern, aber Stärke hat viele Facetten: Intelligenz, Zielstrebigkeit, Menschlichkeit, Aufopferung für andere. Ich könnte eine Kriegerin nie respektieren, wenn sie zwar mit der Klinge umzugehen versteht, sich aber nie für andere einsetzt oder ihre Ideale bei den kleinsten Widrigkeiten verrät.

Arazin: Genau. Ylas hat viele große Kriegerinnen hervorgebracht – ich bin auch nicht schlecht mit dem Scimitar und dem Bogen. Aber das erfordert nur Disziplin und Übung. Wahre Stärke kommt aus dem Charakter einer Person, und so was kann man nicht einfach trainieren wie Liegestützen oder Klimmzüge. Zugegeben, das musste ich auch erst lernen. Früher hab ich selber gedacht, wenn ich mich wehren kann, wenn ich anderen Paroli biete, dann bin ich stark. Stimmt aber nicht. Es gehört schon mehr dazu.

Idra: Allerdings, dieses blöde „Recht des Stärkeren“-Gequatsche geht mir sowieso auf die Nerven. Genau diesen Kamelmist predigt auch die Kirche des blutigen Gottes, die behaupten auch, du wärst nur stark und würdig, wenn du andere unterdrückst und bluten lässt. Totaler Dreck, wenn ihr mich fragt. Damit rechtfertigen sie nur Willkür und Gewalt in der Stadt, mit Stärke hat das nichts zu tun. Wirklich stark sind nur die, die sich davon nicht kleinkriegen lassen.

 

Ich finde, das ist ein sehr schönes Schlusswort. Die drei Damen sind noch eine Weile hier, wenn jemand also Lust hat, ihnen noch ein paar Fragen zu stellen oder mit ihnen diskutieren, nur zu. Die Bühne gehört euch.

Autorinnen sind von der Venus?

Ein Beitrag zum Aktionsmonat #autorinnenzeit

„Wer eine Frau einmal unterschätzt hat, wird das nie wieder tun.“
– Sir Alex Guiness

Der Autor Sven Hensel hat den Mai zum Aktionsmonat für weibliche Autoren ausgerufen, und die Reaktionen auf Twitter waren heterogen. Während sich viele für die Idee bedankten, kam von anderer Seite Kritik: Noch so ein Aktionsmonat für Frauen? Brauchen wir so was überhaupt? Ich hab mich mal hingesetzt und versucht, mir meine eigene Antwort auf diese Frage zu bilden.

Musen, Geliebte, Managerinnen

Die Werke von Currer, Ellis und Acton Bells aus dem 19. Jahrhundert könnten moderne Psychothriller sein. Es geht um Wahnsinn, Trunksucht, Sex und Crime, um Ausgrenzung, Einsamkeit und die Unterdrückung der Frau. Gerade der letzte Punkt dürfte den Autoren besonders am Herzen gelegen haben, denn in Wahrheit verbargen sich hinter dem Pseudonym die drei Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë. Eine Frau als Schriftsteller? Undenkbar in der damaligen Zeit. Als Musen, Geliebte oder Managerinnen ihrer schreibenden Gatten fanden sie durchaus Anklang in der literarischen Welt, doch um selbst zu publizieren mussten die Damen zu allerlei Tricks greifen. Selbst Bettina von Arnim bediente sich am Namen ihres Bruders oder am Dichterfürsten Goethe, um ihre Werke bekannt zu machen.

Glücklicherweise gehören diese Zeiten der Vergangenheit an. Heute bedarf es keines Pseudonyms mehr, um als Frau auf dem literarischen Parkett erfolgreich zu sein. Heute ist der Buchmarkt emanzipiert. Oder?

„My novel wasn’t the problem“

Die Autorin Catherine Nichols hat die Gleichberechtigung auf dem (amerikanischen!) Buchmarkt 2015 effektiv in Frage gestellt. Sie schickte ihr Roman-Manuskript an rund 50 Verlage und Agenturen. Einmal unter ihrem eigenen Namen, einmal unter dem Pseudonym George Leyer. Das Ergebnis war frappierend. Während sich nur zwei von fünfzig Adressaten bei Catherine meldeten, erhielt George binnen 24 Stunden bereits fünf positive Antworten, siebzehn insgesamt. Etwa ein Drittel der Agenten wollte damit Georges Gesamtmanuskript sehen, das von Catherine hingegen weniger als fünf Prozent – bei identischem Wortlaut. Frustriert kommt die Autorin zu dem Ergebnis: „My novel wasn’t the problem, it was me.“ (Link zum Original).

Gesucht: Frauenquote

Als Beweis für den geringen Anteil weiblicher Autoren auf dem Buchmarkt wird häufig der Literaturnobelpreis herangezogen. Über 80 % der Preisträger sind männlich, nur 12,6 % weiblich. Aber mal ehrlich – der Nobelpreis als Repräsentant des Buchmarktes? Ziemlich problematisch. Abgesehen davon wissen wir alle, wie sehr sich die Rolle der Frau in den letzten 100 Jahren verändert hat. Insofern ist der Nobelpreis wirklich ein schlechter Indikator für die aktuelle Situation. Besser geeignet scheint eine Inspektion der Bestsellerlisten. Der Spiegel listet in einer Fotoreihe die vierzig erfolgreichsten Bücher von 2005 bis 2015 auf und es stellt sich heraus: etwa ein Drittel der Autoren sind Frauen, also bereits deutlich mehr als beim Nobelpreis, aber immer noch weit unter 50 %. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Blick auf die Forbes-Liste der reichsten Schriftsteller. Unter den Top 12 befinden sich fünf Männer und sieben Frauen.

Alles in allem tun wir uns hier also schwer mit einem abschließenden Fazit, aber eines scheint zumindest klar: Weibliche Autoren sind nicht per se weniger erfolgreich als ihre männlichen Konterparts. Ob sie hingegen größere Hürden in Angriff nehmen müssen, um mit dem Schreiben erfolgreich zu werden, lässt sich aus solchen Statistiken nicht entnehmen. Ebenso wenig, ob sie seltener Anerkennung oder Preise für ihre Werke erhalten. Die Erfahrungen von Catherine Nichols sprechen allerdings dafür. Auch die Bestseller-Autorin Nina Georoge äußert sich in einem Artikel über die Rolle der Frau im Literaturbetrieb ähnlich: „Der deutsche Literaturbetrieb hat’s nicht so mit Frauen.“

Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus

Sehen wir uns die Bücherregale etwas genauer an, kommen wir zwangsweise zu dem Schluss, dass die Geschlechterverteilung stark zwischen einzelnen Genres schwankt. Liebesromane, Jugendliteratur und sogenannte „Frauenunterhaltung“[1] stammen in erster Linie aus weiblicher Hand, Thriller, Horrorromane und Fantasy sind dagegen Männerdomäne. Wie kommt das? Wo liegt der Fehler im System? Und gibt es überhaupt einen Fehler?

„Männer nehmen von Frauen geschriebene Bücher als Bücher für Frauen wahr.“
– Elena Ferrante

Dass sich Männer und Frauen unterscheiden ist, denke ich, kein Geheimnis. Ich bin kein Freund von Gender-Mainstreaming, ebenso wenig wie von der Bevorzugung eines Geschlechts gegenüber dem anderen. Unterschiede sind schön, sie führen zu Diversität und Vielfalt. Insofern würde es mich nicht überraschen, wenn Männer anders schreiben, anders lesen als Frauen, zumindest wenn man das große Ganze betrachtet, den Durchschnitt sozusagen. Und genau da kommen wir an den kritischen Punkt.

Der Buchmarkt in seiner Gesamtheit ist ein riesiges Konglomerat aus Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren, Verlagen, Agenten und so weiter. Über dieses riesige Gesamtbild hinweg mag es durchaus Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Autoren geben. Vielleicht konzentrieren sich Frauen im Durchschnitt tatsächlich mehr auf Konflikte, Emotionen und Beziehungen, während sich die Männer lieber mit Action, Spannung oder Dramatik beschäftigen. Möglich. Doch wenn wir ein einzelnes Buch aus dem Regal ziehen, dann haben wir ein hoch individuelles Werk vor uns, ein kreatives Einzelstück, das von hundert verschiedenen Einflüssen geprägt ist. Grundlegend anzunehmen, es gäbe einen „männlichen“  und einen „weiblichen“ Schreibstil, ist also sehr weit hergeholt und basiert, wenn überhaupt, auf einem relativ aussagelosen Mittelwert. Zu behaupten, Frauen könnten keine düstere Fantasy oder Science Fiction schreiben, ist genauso absurd wie zu sagen, Männer beherrschten keine Romantik. Bücher werden von Menschen geschrieben, von Individuen, nicht von einer breiten Masse. Das Geschlecht des Autors – sein soziales oder biologisches – ist allerhöchstens ein Rädchen im Gesamtkunstwerk. Und ganz bestimmt sagt es nichts über die Qualität des Schreibens aus.

Blick über den Tellerrand

Zum Schluss möchte ich noch ein paar persönliche Worte loswerden. Wenn mich ein Buch anspricht, dann achte ich nicht darauf, ob es ein Mann oder eine Frau geschrieben hat. Ich lasse die Sprache auf  mich wirken, entscheide, ob ich die Figuren mag, die Handlung, die Welt, die Art, wie die Geschichte erzählt wird. In meinem Regal stehen Michael Ende, Joanne K. Rowling, Joe Abercrombie, Cornelia Funke, Simon Beckett und Diana Gabaldon glücklich nebeneinander und keines ihrer Werke möchte ich missen.

“But there is no male or female language, only the truthful or fake, the precise or vague, the inspired or the pedestrian. […] The only distinction that will matter will be between good and bad writing.”
Francine Prose

Natürlich sind wir alle nicht gefeit vor Stereotypen, auch ich nicht, und gerade Covergestaltung und Titelauswahl tun ihr Übriges, um bekannte Klischees zu bedienen. Man will ja schließlich die richtige Zielgruppe ansprechen. Aber je mehr wir lesen, je mehr wir uns mit dem Schreiben auseinandersetzen, desto eher können wir diese Schranken im Kopf überwinden, und darauf kommt es schließlich an.

Deswegen möchte ich euch folgenden Rat ans Herz legen: Kauft Bücher nicht, weil sie eine Frau geschrieben hat oder ein Mann. Kauft Bücher, weil sie euch berühren, weil sie euch verzaubern, euch atemlos zurücklassen. Kauft Bücher, weil sie gut sind.

[1] Schon der Begriff ist ein einziges Stigma, wenn wir mal ehrlich sind!