Schreiben

Teaser: Charaktere auf der Couch

„Die Schöpferkraft eines Autors folgt leider nicht immer seinem Willen; das Werk gerät, wie es kann, und stellt sich dem Verfasser oft wie unabhängig, ja wie fremd, gegenüber.“
– Sigmund Freud

Wenn wir ehrlich sind, dann steckt in jedem Autor auch gleichzeitig ein Psychologe. Beide forschen nach Charakterzügen, nach Stärken und Schwächen, nach persönlichen Entwicklungen und Beziehungen. Beide versuchen, menschliches Verhalten zu verstehen, zu erklären und vorauszusagen. Zugegeben, als Autor neigt man dazu, seinen Figuren eher Probleme zu machen als diese zu lösen, aber am Ende bietet man ihnen doch immer die Chance, über sich hinau zu wachsen. Nun, meistens, zumindest.

Wie manche von euch wissen, habe ich selbst Psychologie studiert und das Erforschen von besonderen Charakterzügen und -entwicklungen ist für mich mit der spannendste Teil des Schriftsteller-Daseins. Nun bin ich aber sicherlich nicht die Einzige, die sich intensiv Gedanken über die psychologischen Hintergründe ihrer Charaktere macht – deswegen habe ich diese Blogreihe ins Leben gerufen.

Auf meiner Blog-Couch werden ein- bis zweimal pro Monat unterschiedliche Roman-Figuren über ihre Sorgen, Ängste und selischen Abgründe plaudern und euch ein bisschen mehr über sich verraten. Teils auf ernste, teils auf eher humorvolle Art. Spannend wird es aber mit Sicherheit.

Als Disclaimer möchte ich vorwegschicken: Ich bin keine ausgebildete Psychotherapeutin, und im Vordergrund dieser fiktiven Therapie-Gespräche sollen die Charaktere und ihre Geschichte stehen. Ich möchte mir Mühe geben, euch die Hintergründe so fundiert wie möglich nahe zu bringen, deswegen wird es auch immer eine kurze Information zu Störungsbildern oder Behandlungsmöglichkeiten geben, sofern sie zur Sprache kommen. Trotzdem dienen diese Blog-Beiträge in erster Linie der Unterhaltung. Wenn ihr also Fragen habt,  fragt mich gerne. Ich versuche sie nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten.

Seid ihr neugierig geworden? Dann schaut doch vorbei. Die erste Sitzung findet nächsten Dienstag statt. Wer dann bei mir auf der Couch sitzen wird? Lasst euch überraschen.


Bisherige Patienten:

06. Juni 2017: Jonas von Janna Ruth („Im Bann der zertanzten Schuhe“)
19. Juni 2017: Azzael von Bo Leander („Höllisches Intermezzo“)
08. Juli 2017: Varek von Elea Brandt („Opfermond“)
20. Juli 2017: Kurt von Sascha Raubal („Kurt – In göttlicher Mission“)
07. August 2017: Horatio von Angela Stoll („Die Lügen des Horatio Harthorne“)
21. August 2017: Theodora von Isabella Benz („Die Dämonen von Lorch“)
12. September 2017: Zeyn von Annette Juretzki („Blind – Sternenbrand, Teil 1“)
09. Oktober 2017: Teklija von Rafaela Creydt („Die Stadt am Kreuz“)
24. Oktober 2017: Charlie von Elenor Avelle („Infiziert – geheime Sehnsucht“)
04. Dezember 2017: Lukas von Nika Sachs („Schneepoet“)

Ladies‘ talk: Starke weibliche Charaktere

Bücherverschlingen hat zur Blogparade zum Thema „Starke Frauen in der Literatur“ aufgerufen – ein Thema, das sehr gut zu einigen Beiträgen passt, die ich in letzter Zeit gelesen habe (z.B. bei  Nina Hasse oder Frau Schreibseele). Mehrfach haben sich Bloggerinnen zu Wort gemeldet und ihren Unmut darüber kundgetan, dass gerade in Literatur für junge Erwachsene vermehrt missbräuchliche, einseitige Beziehungen romantisiert werden. Meist gerät dabei ein naives, hilfloses junges Mädchen an einen dominanten, reichen, attraktiven Mann und lässt sich von ihm so ziemlich alles gefallen. Ist das Liebe? Wohl kaum.

Um Beziehungen soll es in diesem Beitrag heute nicht gehen, aber sehr wohl um starke Frauen, die weder hilflos noch naiv sind, sondern sehr genau wissen, was sie vom Leben wollen. Anstatt euch aber theoretisch zu erzählen, was ich unter starken Frauenfiguren verstehe, habe ich entschieden, diese selbst zu Wort kommen zu lassen.

Ich möchte euch daher Idra, Seri und Arazin vorstelen, drei Protagonistinnen aus meinen Werken, die – nach meiner Einschätzung – das Prädikat „stark“ alle drei verdienen. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Also, Vorhang auf für eine kleine Gesprächsrunde.

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Meine Damen, herzlich willkommen in unserer Runde. Wie ihr bereits wisst, geht es heute das Thema: „starke Frauenfiguren“. Warum, denkt ihr, hat euch eure Autorin hierhergeschickt? Was macht euch stark?

Idra: Was für eine saublöde Frage. Ich bin hier – reicht das nicht? Da, wo ich herkomme, musst du stark sein, wenn du überleben und nicht komplett kaputt gehen willst an dem ganzen Dreck um dich herum. Du brauchst einen verdammt harten Willen dafür und einen stabilen Verstand, sonst drehst du durch. Ich lass den ganzen Scheiß schon lange nicht mehr an mich heran und ich hab immer noch meinen Stolz. Obwohl ich nur eine billige Straßendirne bin. Reicht das als Antwort?

Arazin: Sie hat recht, Stolz ist wichtig. Sich selbst treu zu bleiben, die eigenen Pflichten und Ideale niemals zu verraten, egal, was passiert. Das macht doch Stärke aus, oder nicht? Sich durchzusetzen, zielstrebig zu bleiben, auch, wenn es schwierig wird – und vor niemandem zu kriechen! Sie wirft demonstrativ ihre Dreadlocks in den Nacken. Das tue ich nämlich nie!

Seri nachdenklich: Ja, ich denke, die beiden haben recht. Stark sind die, die um das, was ihnen wichtig ist, kämpfen. Um ihre Ziele, ihre Wünsche, ihre Ideale. Nicht unbedingt mit dem Schwert in der Hand, vielleicht auch mit ganz anderen Waffen. Und egal, welche Hindernisse auftreten, welche Steinen ihnen in den Weg gelegt werden, sie verlieren ihr Ziel nie aus den Augen. Sie seufzt. Ich wünschte, ich könnte das jetzt schon von mir behaupten, aber ich arbeite an mir.

 

Ihr habt von Hindernissen gesprochen – welche musstet ihr denn im Leben schon überwinden? Welche haben euch stärker gemacht?

Arazin: Klingt vielleicht blöd, aber ich denke, das war meine Verlobung. Ich musste fort von zuhause, an einen Ort, der mir fremd war, wo ich niemanden kannte und wo mich die Menschen angesehen haben wie eine Wilde, eine Barbarin. Zuhause, in Ylas, war ich die Königstochter, die Wüstenkriegerin, der alle Respekt entgegenbrachten und denen die Männer die Welt zu Füßen gelegt hätten. In Zarbahan dagegen … nun ja, da war ich gar nichts. Nur eine Fremde. Das war eine echt heftige Erfahrung für mich. Aber ich hab’s überstanden – und dabei nicht nur meine große Liebe gefunden, sondern auch eine Menge gelernt. Über mich und über andere.

Seri: Hm, bei mir war es eine Entscheidung, die ich treffen musste. Ich hatte die Wahl, mich weiter im Palast zu sonnen, dem Weg zu folgen, den anderen für mich ausgewählt hatten – oder mich dagegen zu wehren und meinen eigenen Weg zu finden, selbst zu entscheiden, wie ich mein Leben führen will. Es war eine harte Lektion, aber ich bin daran gereift. Mehr als ich je für möglich gehalten hätte.

Idra: Ganz ehrlich – war einer von euch schon mal im Sha-Quai, wo ich aufgewachsen bin? Da ist jeder Tag ein verdammtes Hindernis. Jeden beschissenen Tag kämpfst du ums Überleben, darum, dass du nicht dem Falschen ans Bein pisst oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort bist. Vom Hunger ganz zu schweigen. Aber gut, zugegeben, es gab auch für mich einschneidende Punkte im Leben, die härter waren als andere. Der Tod meiner Mutter, zum Beispiel. Oder die Sache mit dem Kult. Aber das führt jetzt zu weit.

 

Ja, das denke ich auch, wir wollen ja nicht zu viel verraten. Kommen wir lieber zur nächsten Frage. Gab es in eurem Leben starke Frauen, die euch geprägt haben? Vorbilder, wenn ihr so wollt?

Idra: Meine Mutter, ganz klar. Sie war niemand Besonderes, eine einfache Wäscherin im Armenviertel, aber gerade deshalb bewundere ich sie. Sie wollte mich nie, sie kannte nicht einmal den Namen des Kerls, der mich gezeugt hat, und hätte mich einfach im Kanal ertränken können wie eine räudige Ratte. Stattdessen ist sie immer für mich da gewesen, hat sich ein Bein ausgerissen, damit es mir an nichts fehlte. Sie hat mich in den Schlaf gesungen, auf Essen verzichtet, damit ich satt wurde … Sie hat sich aufgeopfert, nur für mich. Ihre Stimme zittert. Echt, ich hab nie jemanden getroffen, der mich mehr beeindruckt hat als sie.

Arazin tätschelt Idra mitfühlend den Arm: Ich weiß, was du meinst. Meine Mutter war auch so ein Mensch. Sie war zwar auch eine Kriegerin, mit dem Bogen konnte sie umgehen wie kein Zweiter, aber in erster Linie war sie Heilerin. Wenn sich mir bei üblen Verletzungen der Magen umgedreht hat, blieb sie ruhig, gelassen, hat ohne Zögern ihre Aufgabe erledigt und selbst Sterbenden Trost geschenkt. Außerdem konnte sie sich immer durchsetzen, auf ihr Wort hat jeder gehört, sogar mein sturer Vater. Sie musste dafür nicht einmal laut werden, es war einfach ihre immense Ausstrahlung, die die Menschen beeindruckt hat.

Seri: Hm, ich fürchte, ich würde meine Mutter nicht als Vorbild bezeichnen. Sie war ein lieber Mensch, aber am Tod meines Vaters ist sie zerbrochen. Sie hat es nie geschafft, sich aus diesem Loch heraus zu kämpfen, und ich machte ihr deswegen keinen Vorwurf. Sie hatte ja niemanden an ihrer Seite, der sie unterstützte, von uns Kindern abgesehen. Ich schätze, mein Idol ist meine Lehrmeisterin, bei der ich eine Weile lebte. Sie unterrichtet als Alchemistin an der Universität, ist unglaublich gebildet und weltgewandt. Sie hat es allein mit ihrem Geschick und ihrem Wissen geschafft, ihren Posten zu ergattern, ganz ohne sich dafür verkaufen oder ihre Ideale verraten zu müssen. Das finde ich wirklich bewundernswert.

 

Das heißt, Stärke hat für euch nichts mit körperlicher Kraft zu tun?

Seri: Nein definitiv nicht. Ich bewundere Frauen, die das Kämpfen meistern, aber Stärke hat viele Facetten: Intelligenz, Zielstrebigkeit, Menschlichkeit, Aufopferung für andere. Ich könnte eine Kriegerin nie respektieren, wenn sie zwar mit der Klinge umzugehen versteht, sich aber nie für andere einsetzt oder ihre Ideale bei den kleinsten Widrigkeiten verrät.

Arazin: Genau. Ylas hat viele große Kriegerinnen hervorgebracht – ich bin auch nicht schlecht mit dem Scimitar und dem Bogen. Aber das erfordert nur Disziplin und Übung. Wahre Stärke kommt aus dem Charakter einer Person, und so was kann man nicht einfach trainieren wie Liegestützen oder Klimmzüge. Zugegeben, das musste ich auch erst lernen. Früher hab ich selber gedacht, wenn ich mich wehren kann, wenn ich anderen Paroli biete, dann bin ich stark. Stimmt aber nicht. Es gehört schon mehr dazu.

Idra: Allerdings, dieses blöde „Recht des Stärkeren“-Gequatsche geht mir sowieso auf die Nerven. Genau diesen Kamelmist predigt auch die Kirche des blutigen Gottes, die behaupten auch, du wärst nur stark und würdig, wenn du andere unterdrückst und bluten lässt. Totaler Dreck, wenn ihr mich fragt. Damit rechtfertigen sie nur Willkür und Gewalt in der Stadt, mit Stärke hat das nichts zu tun. Wirklich stark sind nur die, die sich davon nicht kleinkriegen lassen.

 

Ich finde, das ist ein sehr schönes Schlusswort. Die drei Damen sind noch eine Weile hier, wenn jemand also Lust hat, ihnen noch ein paar Fragen zu stellen oder mit ihnen diskutieren, nur zu. Die Bühne gehört euch.

Autorinnen sind von der Venus?

Ein Beitrag zum Aktionsmonat #autorinnenzeit

„Wer eine Frau einmal unterschätzt hat, wird das nie wieder tun.“
– Sir Alex Guiness

Der Autor Sven Hensel hat den Mai zum Aktionsmonat für weibliche Autoren ausgerufen, und die Reaktionen auf Twitter waren heterogen. Während sich viele für die Idee bedankten, kam von anderer Seite Kritik: Noch so ein Aktionsmonat für Frauen? Brauchen wir so was überhaupt? Ich hab mich mal hingesetzt und versucht, mir meine eigene Antwort auf diese Frage zu bilden.

Musen, Geliebte, Managerinnen

Die Werke von Currer, Ellis und Acton Bells aus dem 19. Jahrhundert könnten moderne Psychothriller sein. Es geht um Wahnsinn, Trunksucht, Sex und Crime, um Ausgrenzung, Einsamkeit und die Unterdrückung der Frau. Gerade der letzte Punkt dürfte den Autoren besonders am Herzen gelegen haben, denn in Wahrheit verbargen sich hinter dem Pseudonym die drei Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë. Eine Frau als Schriftsteller? Undenkbar in der damaligen Zeit. Als Musen, Geliebte oder Managerinnen ihrer schreibenden Gatten fanden sie durchaus Anklang in der literarischen Welt, doch um selbst zu publizieren mussten die Damen zu allerlei Tricks greifen. Selbst Bettina von Arnim bediente sich am Namen ihres Bruders oder am Dichterfürsten Goethe, um ihre Werke bekannt zu machen.

Glücklicherweise gehören diese Zeiten der Vergangenheit an. Heute bedarf es keines Pseudonyms mehr, um als Frau auf dem literarischen Parkett erfolgreich zu sein. Heute ist der Buchmarkt emanzipiert. Oder?

„My novel wasn’t the problem“

Die Autorin Catherine Nichols hat die Gleichberechtigung auf dem (amerikanischen!) Buchmarkt 2015 effektiv in Frage gestellt. Sie schickte ihr Roman-Manuskript an rund 50 Verlage und Agenturen. Einmal unter ihrem eigenen Namen, einmal unter dem Pseudonym George Leyer. Das Ergebnis war frappierend. Während sich nur zwei von fünfzig Adressaten bei Catherine meldeten, erhielt George binnen 24 Stunden bereits fünf positive Antworten, siebzehn insgesamt. Etwa ein Drittel der Agenten wollte damit Georges Gesamtmanuskript sehen, das von Catherine hingegen weniger als fünf Prozent – bei identischem Wortlaut. Frustriert kommt die Autorin zu dem Ergebnis: „My novel wasn’t the problem, it was me.“ (Link zum Original).

Gesucht: Frauenquote

Als Beweis für den geringen Anteil weiblicher Autoren auf dem Buchmarkt wird häufig der Literaturnobelpreis herangezogen. Über 80 % der Preisträger sind männlich, nur 12,6 % weiblich. Aber mal ehrlich – der Nobelpreis als Repräsentant des Buchmarktes? Ziemlich problematisch. Abgesehen davon wissen wir alle, wie sehr sich die Rolle der Frau in den letzten 100 Jahren verändert hat. Insofern ist der Nobelpreis wirklich ein schlechter Indikator für die aktuelle Situation. Besser geeignet scheint eine Inspektion der Bestsellerlisten. Der Spiegel listet in einer Fotoreihe die vierzig erfolgreichsten Bücher von 2005 bis 2015 auf und es stellt sich heraus: etwa ein Drittel der Autoren sind Frauen, also bereits deutlich mehr als beim Nobelpreis, aber immer noch weit unter 50 %. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Blick auf die Forbes-Liste der reichsten Schriftsteller. Unter den Top 12 befinden sich fünf Männer und sieben Frauen.

Alles in allem tun wir uns hier also schwer mit einem abschließenden Fazit, aber eines scheint zumindest klar: Weibliche Autoren sind nicht per se weniger erfolgreich als ihre männlichen Konterparts. Ob sie hingegen größere Hürden in Angriff nehmen müssen, um mit dem Schreiben erfolgreich zu werden, lässt sich aus solchen Statistiken nicht entnehmen. Ebenso wenig, ob sie seltener Anerkennung oder Preise für ihre Werke erhalten. Die Erfahrungen von Catherine Nichols sprechen allerdings dafür. Auch die Bestseller-Autorin Nina Georoge äußert sich in einem Artikel über die Rolle der Frau im Literaturbetrieb ähnlich: „Der deutsche Literaturbetrieb hat’s nicht so mit Frauen.“

Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus

Sehen wir uns die Bücherregale etwas genauer an, kommen wir zwangsweise zu dem Schluss, dass die Geschlechterverteilung stark zwischen einzelnen Genres schwankt. Liebesromane, Jugendliteratur und sogenannte „Frauenunterhaltung“[1] stammen in erster Linie aus weiblicher Hand, Thriller, Horrorromane und Fantasy sind dagegen Männerdomäne. Wie kommt das? Wo liegt der Fehler im System? Und gibt es überhaupt einen Fehler?

„Männer nehmen von Frauen geschriebene Bücher als Bücher für Frauen wahr.“
– Elena Ferrante

Dass sich Männer und Frauen unterscheiden ist, denke ich, kein Geheimnis. Ich bin kein Freund von Gender-Mainstreaming, ebenso wenig wie von der Bevorzugung eines Geschlechts gegenüber dem anderen. Unterschiede sind schön, sie führen zu Diversität und Vielfalt. Insofern würde es mich nicht überraschen, wenn Männer anders schreiben, anders lesen als Frauen, zumindest wenn man das große Ganze betrachtet, den Durchschnitt sozusagen. Und genau da kommen wir an den kritischen Punkt.

Der Buchmarkt in seiner Gesamtheit ist ein riesiges Konglomerat aus Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren, Verlagen, Agenten und so weiter. Über dieses riesige Gesamtbild hinweg mag es durchaus Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Autoren geben. Vielleicht konzentrieren sich Frauen im Durchschnitt tatsächlich mehr auf Konflikte, Emotionen und Beziehungen, während sich die Männer lieber mit Action, Spannung oder Dramatik beschäftigen. Möglich. Doch wenn wir ein einzelnes Buch aus dem Regal ziehen, dann haben wir ein hoch individuelles Werk vor uns, ein kreatives Einzelstück, das von hundert verschiedenen Einflüssen geprägt ist. Grundlegend anzunehmen, es gäbe einen „männlichen“  und einen „weiblichen“ Schreibstil, ist also sehr weit hergeholt und basiert, wenn überhaupt, auf einem relativ aussagelosen Mittelwert. Zu behaupten, Frauen könnten keine düstere Fantasy oder Science Fiction schreiben, ist genauso absurd wie zu sagen, Männer beherrschten keine Romantik. Bücher werden von Menschen geschrieben, von Individuen, nicht von einer breiten Masse. Das Geschlecht des Autors – sein soziales oder biologisches – ist allerhöchstens ein Rädchen im Gesamtkunstwerk. Und ganz bestimmt sagt es nichts über die Qualität des Schreibens aus.

Blick über den Tellerrand

Zum Schluss möchte ich noch ein paar persönliche Worte loswerden. Wenn mich ein Buch anspricht, dann achte ich nicht darauf, ob es ein Mann oder eine Frau geschrieben hat. Ich lasse die Sprache auf  mich wirken, entscheide, ob ich die Figuren mag, die Handlung, die Welt, die Art, wie die Geschichte erzählt wird. In meinem Regal stehen Michael Ende, Joanne K. Rowling, Joe Abercrombie, Cornelia Funke, Simon Beckett und Diana Gabaldon glücklich nebeneinander und keines ihrer Werke möchte ich missen.

“But there is no male or female language, only the truthful or fake, the precise or vague, the inspired or the pedestrian. […] The only distinction that will matter will be between good and bad writing.”
Francine Prose

Natürlich sind wir alle nicht gefeit vor Stereotypen, auch ich nicht, und gerade Covergestaltung und Titelauswahl tun ihr Übriges, um bekannte Klischees zu bedienen. Man will ja schließlich die richtige Zielgruppe ansprechen. Aber je mehr wir lesen, je mehr wir uns mit dem Schreiben auseinandersetzen, desto eher können wir diese Schranken im Kopf überwinden, und darauf kommt es schließlich an.

Deswegen möchte ich euch folgenden Rat ans Herz legen: Kauft Bücher nicht, weil sie eine Frau geschrieben hat oder ein Mann. Kauft Bücher, weil sie euch berühren, weil sie euch verzaubern, euch atemlos zurücklassen. Kauft Bücher, weil sie gut sind.

[1] Schon der Begriff ist ein einziges Stigma, wenn wir mal ehrlich sind!

Alte, wie bist du denn drauf?

Blut, Tod, Gewalt und warum ich darüber schreibe

Die Tatsache, dass man Bücher schreibt, klingt für die meisten Menschen erst einmal spannend. Fällt der Begriff „Fantasy“, fallen die Reaktionen bereits gemischt aus. Kommt dann aber noch zur Sprache, dass meine Welten oft düster, gefährlich und blutrünstig sind, genau wie die Geschichten, die ich erzähle, ernte ich oft skeptische Blicke.

Bin ich vielleicht ein brutaler Mensch? Habe ich Freude an Gewalt, Blutvergießen oder Unterdrückung? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber warum schreibe ich dann über solche Themen? Eine gute Frage, die ich in diesem Artikel versuchen möchte, zu beantworten.

Tolkien und die Nazis

Ich möchte zunächst etwas weiter ausholen. Die Bereitschaft, Autoren mit ihren Welten oder ihren Protagonisten gleichzusetzen, hat lange Tradition. Im Jahr 1980 schrieb der Journalist Michael Jovi einen flammenden Kommentar in der ZEIT, in dem er Tolkien Rassismus und Nazi-Ideologien vorwirft, die sich in seinen Werken wiederfänden. Wörtlich heißt es in dem Artikel: „Diese Recken und Elben, wie gleichen sie den reinen Toren der SS, die unwertes Leben vernichten, diese Elbenfrauen, gleich germanischen Göttinnen und reinen Maiden, blond und blauäugig wie die Ideale des BDM!“ (Zitat von Sphärentor).

Tatsächlich ist Mittelerde von einem klaren Schwarz-Weiß-Denken geprägt. Es gibt die Orks und die dunklen Diener Saurons auf der einen, die cleveren Hobbits und strahlenden Elben auf der anderen. Kriege werden gefochten, um das Böse zu besiegen und am Ende triumphieren die tapferen Helden. War Tolkien deswegen ein Rassist? Ist Mittelerde ein Drittes Reich in Fantasy-Optik? Bullshit. Zeit seines Lebens hat Tolkien sich nie durch rassistische Äußerungen hervorgetan, im Gegenteil: In seinen Briefen verurteilte er das Nazi-Regime und deren Ideologie aufs Schärfste. Seine Werke sind inspiriert von Mythen, Heldensagen und Legenden, von Stoffen, die wesentlich älter sind als deren Missbrauch durch die Nazis. Trotzdem haftet Tolkien dieses Vorurteil bis heute an.

Mrs. James‘ geheimer Pornokeller

Eine ähnlich Entwicklung zeigt sich übrigens auch bei zeitgenössischen Romanen, zum Beispiel im Fall von E. L. James, der Autorin der Erotik-Reihe „50 Shades of Grey“. In zahlreichen Interviews musste sich die Autorin pikanten Fragen stellen, ob denn die im Roman detailliert beschriebenen BDSM-Szenen im heimischen Schlafzimmer erprobt wurden oder ob sie vielleicht selbst einen „Raum der Schmerzen“ im Keller habe. Dabei ist E. L. James auch nur eine ganz normale Endvierzigerin mit zwei Söhnen und einem Hund. Ihr Ehemann beschreibt ihr Sexleben sogar als relativ spröde.

„Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“
– Maxim Gorkij

Interessanterweise scheint sich dieses Phänomen vor allem auf Fantasy und Erotik-Literatur zu beziehen. Kein Mensch käme auf die Idee, einem Krimi-Autor heimliche Mordgelüste vorzuwerfen. Auch Autoren historischer Romane müssen sich selten mit den Anschuldigen beschäftigen, sie würden sich die spätrömische Dekadenz, die mittelalterliche Inquisition oder die Feudalherrschaft zurückwünschen. Hier gelingt die Trennung zwischen Autor und Fiktion offenbar ziemlich gut.

Der Autor und sein Werk

Natürlich ist eine Trennung zwischen Verfasser und Werk nie zur Gänze möglich. Jeder Autor legt ein Stück von sich in seine Texte, greift Themen auf, die ihn berühren, die ihn beschäftigen, und verarbeitet vielleicht auch eigene Erfahrungen. Tolkien inspirierten die nordischen Mythen und Sagen, E. L. James die Lektüre von „Twilight“ (ehrlich, DAS finde ich viel verstörender als alles andere!) und Thriller-Autoren wie Simon Beckett, John Grisham oder Ferdinand von Schirach haben sich von ihrer eigenen Arbeit als Journalist oder Jurist beeinflussen lassen.

Bei mir verhält es sich nicht anders. Ich ziehe viel Inspiration aus dem Rollenspiel, aus den Welten und Charakteren, die ich dort erschaffe und erlebe, egal ob im Live Rollenspiel oder im Pen-and-Paper. Auch Filme, Romane oder Serien können mich inspirieren, manchmal nur einzelne Motive oder Figuren, manchmal Settings oder Atmosphäre. Und sicherlich trägt auch meine Arbeit hin und wieder dazu bei, meiner Neugier für komplexe Charaktere, ungewöhnliche Lebensgeschichten oder auch menschlichen Abgründen nachzugeben.

Wir sehen also: Ein Autor und sein Roman sind nie unabhängig voneinander zu betrachten, eine gewisse Distanz ist aber angebracht. Nicht alles, was in fiktionalen Geschichten erzählt wird, basiert zwingend auf eigenen Erfahrungen, Wünschen oder heimlichen Gelüsten, manchmal steckt auch mehr dahinter als das.

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück: Warum schreibe ich über brutale Welten, über Kriege, über Schlachten, über Mord und Totschlag?

Das Leben in einer feindlichen Welt

Zum einen liegt dem Ganzen eine durchaus psychologische Motivation zugrunde (ich kann eben auch nicht aus meiner Haut). Wir haben das Glück, in einer demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft aufzuwachsen, in der die wenigstens Menschen jemals echten Hunger leiden, um ihr Leben bangen müssen oder Grausamkeit und Willkür ausgesetzt sind. Wir verfügen über ein Sozialsystem, über eine unabhängige Justiz und dürfen frei unsere Meinung kundtun. Sicher ist nicht alles perfekt, was in unserem Land passiert – bei weitem nicht! –, aber die Voraussetzungen, unter denen wir leben, sind eher günstig.

Aber wie ergeht es Menschen, die in einer feindseligen, einer ungerechten, einer bösartigen Welt aufwachsen? Wie arrangieren sie sich damit? Überschreiten sie irgendwann selbst die Grenzen der Moral, um zu überleben? Rebellieren sie gegen die Ungerechtigkeit? Oder arrangieren sie sich schweigend damit und gehorchen?

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es einige hochspannende Experimente zum Thema Konformismus und zur Macht von Rollenbildern. Vielleicht habt ihr schon einmal vom Milgram-Experiment gehört. Versuchspersonen nahmen die Rolle eines Lehrers ein und mussten einen Schüler für falsche Antworten mit Elektroschocks bestrafen. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter wies die „Lehrer“ immer wieder an, die Dosis der Stromstöße zu erhöhen und weiterzumachen. Die Probanden gehorchten, obwohl sie über Lautsprecher die Schmerzensschreie des Schülers in den Ohren hatten. Über die Hälfte der Teilnehmer erhöhte die Voltzahl sogar auf ein tödliches Niveau. In Wirklichkeit gab es keinen Schüler und die Schmerzenslaute waren nur gespielt. Trotzdem war das Ergebnis erschreckend.

Solche und ähnliche Experimente motivieren mich immer wieder, über die Frage nachzudenken, wie Menschen in Extremsituationen reagieren, welche Optionen sie haben und wie solche Entscheidungen eine Person nachhaltig prägen.


anfuhrungszeichentimesEigenes Beispiel: Die Stadt des blutigen Gottes („Opfermond“)

Ghor-el-Chras ist ein erbarmungsloser Ort. Der Blutgott Chras und seine Anhänger diktieren die Regeln für das Zusammenleben, und diese sind denkbar einfach: Der Starke bezwingt den Schwachen. Wer nicht die Kraft hat, sich zu wehren, oder genügend Gold besitzt, ist zum Untergang verdammt. Es gibt keine unabhängige Justiz, die Recht spricht, keine Hilfe für Kranke, keine Almosen. Vor allem Frauen, Angehörige von Minderheiten oder körperlich schwache Menschen leiden unter dem brutalen Regime und haben oft keine Wahl, als sich ihm unterzuordnen.  Was hält die Menschen an diesem Ort? Wie arrangieren sie sich mit den brutalen Regeln? Wie wahren sie ihr Gesicht? Wie rechtfertigen sie ihr Tun, nach innen und nach außen?
Antworten darauf kann ich euch hier und jetzt noch nicht geben, aber ich verspreche euch, ein paar Ideen dazu findet ihr bald in „Opfermond“.


Reale Konflikte in fantastischen Welten

Neben den psychologischen Fragen, die zweifellos spannend sind, bieten auch phantastische Welten die Chance, reale Konflikte und Schwierigkeiten zu thematisieren (wer sich dafür interessiert findet spannende Beiträge in der Blogreihe „Fantastische Realität“). Rassismus, Unterdrückung von Minderheiten, ideologische Feldzüge, Propaganda … all diese Probleme haben auch in der Fantasy Platz, aber natürlich nur in Welten, die Raum dafür bieten. Auch Krieg, Flucht und Neuanfang sind Themen, mit denen wir uns heutzutage vermehrt auseinandersetzen müssen. Warum also nicht auch in fantastischen Werken? Fantastik ist schon lange kein Rückzugsort für Realitätsverweigerer mehr, sondern eine Möglichkeit, Szenarien durchzuspielen, Möglichkeiten zu diskutieren und Themen kritisch zu hinterfragen. Das gilt natürlich auch für unbequeme Themen.

Entscheidend ist dabei die Art und Weise, wie Themen angegangen werden, denn trotz aller Distanz zwischen Werk und Autor darf die vermittelte Botschaft nicht aus den Augen gelassen werden. Wer Rassismus, Sexismus, Homophobie oder Missbrauch in ein positives Licht rückt, darf sich nicht wundern, wenn er dafür kritisiert wird. Entscheidend ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Themen – ohne rosarote Brille, aber mit einer klaren Message. Auch Autoren haben eine Verantwortung, gerade bei sensiblen Themen. Man darf über alles schreiben, aber man muss sich der Wirkung dessen bewusst sein, was man transportiert.


anfuhrungszeichentimesEigenes Beispiel: Diskriminierung und Terrorismus („Flammenkinder“)

Im Kaiserreich Nuberia herrscht eine klassische Theokratie: Der Kaiser gilt als Inkarnation des Sonnengottes und seine Entscheidungen sind unantastbar. Alle anderen Glaubensrichtungen werden verfolgt und ausgelöscht, allen voran die Ruzemi, ein Volk, das die Göttlichkeit des Kaisers anzweifelt. Um den Völkermord an den Ruzemi zu rechtfertigen, hat die Regierung zahlreiche Gerüchte ins Leben gerufen, und natürlich glaubt das Volk die Propaganda von Kindsmorden, Opferritualen und blutigen Anschlägen. Verfolgt und gejagt sind die Ruzemi gezwungen, ihren Glauben zu verstecken – oder gegen die Unterdrückung zu kämpfen. Aus dem Widerstand formieren sich die „Aschekrieger“, eine Gruppe von Untergrundkämpfern, die das Kaiserregime bis aufs Blut bekämpfen. Wie gehen die Menschen mit der Unterdrückung und Verfolgung um? Wie bewahren sie sich ihren Glauben an das Gute? Und wenn sie ihn verlieren – kann man es ihnen verdenken?


Der Realismus-Anspruch

Last but not least hat auch die Fantasy einen gewissen Anspruch an realistische Darstellung. Das ist ein Punkt, über den sich streiten lässt, ich will ihn aber nicht außen vor lassen. Die Prämissen einer Welt unterliegen immer dem Autor, und selbst wenn man sich wie ein G.R.R. Martin an mittelalterlichen Vorbildern orientiert, muss das nicht heißen, dass man auch Gesellschaftsformen, Frauenbild oder Vorurteile dieser Zeit übernimmt. Warum nicht eine Welt von mittelalterlichem Fortschrittsgrad entwerfen, in der Gleichberechtigung herrscht? Oder eine orientalische Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliche Beziehungen voll akzeptiert werden? Alles ist möglich.

Trotzdem muss auch eine fantastische Welt in sich logisch sein – und das schließt auch unangenehme Begebenheiten ein. Kriege, Unterdrückung oder Naturkatastrophen haben ganze Zeitalter geprägt, demnach sollte man sie auch bei Fantasy-Welten nicht ausblenden, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen und Schrecken (auch der Gedanke einer utopischen Welt ohne Krieg und Leid kann natürlich reizvoll sein, das nur am Rande). Krieg zu verharmlosen oder zu verherrlichen ist der größte Fehler, den ein Autor begehen kann. Dabei ist es nicht erforderlich, nur um der Schockeffekte wegen grausige Details darzustellen und nur noch über Blut und Eingeweide zu schreiben, viel wichtiger sind die Auswirkungen auf den Einzelnen, das Psychologische dahinter. Genau das macht eine Geschichte spannend.


anfuhrungszeichentimesEigenes Beispiel: Kriegstrauma („Unter einem Banner“)

Der Wunsch nach Expansion und Ausweitung von Ressourcen bringt den König von Serin dazu, Krieg gegen seine nördlichen Nachbarn zu führen. Während das Heer die ersten Grenzposten noch problemlos einnimmt, wird die Belagerung der feindlichen Hauptstadt zum Desaster. Wintereinbruch, Hunger und steigende Verluste machen den Soldaten zu schaffen, senken ihre Moral. Kameraden sterben, die ersten Soldaten begehren auf, desertieren. Was als Triumphzug geplant war, verkommt zu einem Alptraum. Und mitten drin steht Reykan, seines Zeichens königlicher Offizier, und muss sich entscheiden: Folgt er seinem Pflichtgefühl oder seiner Vernunft?


Kommen wir zu einem Fazit. Ja, ich schreibe über Gewalt, über Krieg und darüber, was es mit den Menschen macht. Ich baue Welten, die nicht immer schön sind, oft sogar bedrohlich oder feindselig. Manchmal gewinnt das Gute, manchmal erleide die Helden Rückschläge und manchmal gibt es gar keinen Sieger. Natürlich ist es okay, wenn jemand mit diesen Themen nichts anfangen kann, sich vielleicht unwohl fühlt darüber zu lesen und zu schreiben. Ehrlich, das ist doch das Schöne an der Bücherwelt: Für jeden gibt es den passenden Lesestoff.

Auch für mich gibt es Grenzen, die ich ungern überschreite: Folter, Gewalt gegen Kinder und extrem grausame Todesfälle zum Beispiel. Und noch nie hat explizite, übertrieben Gewaltdarstellung dazu beigetragen, dass ich ein Buch besonders gut fand. Aber kritische Auseinandersetzung mit unangenehmen Themen, psychologische Gedankenspiele und realistischen Weltenbau schreibe ich mir gerne auf die Fahne.

Wie steht es bei euch, verarbeitet ihr solche Themen in euren Werken? Was inspiriert euch dazu? Stören euch Gewaltdarstellungen als Leser? Wo zieht ihr eure persönliche Grenze? Lasst es mich wissen.

Fürchtet euch sehr!

»Das heißt, wovor du am meisten Angst hast – ist die Angst. Sehr weise, Harry.
– Albus Dumbledore, „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“

Dies ist ein Beitrag zur #geekquest2017

Mit 15 Jahren (oder 14?) sah ich zum ersten Mal „Blairwitch Project“ und habe mich zu Tode gefürchtet. Eigentlich bin ich hart im Nehmen, aber dieser Film hat mich nachhaltig verfolgt. Story und Umsetzung sind denkbar simpel: Eine Gruppe Studenten macht sich auf, um in den Wäldern von Maryland eine Reportage über die Hexe von Blair zu drehen. Doch trotz intensiver Vorbereitung verirren sich die Freunde in den Wäldern, einer ihrer Begleiter ist plötzlich spurlos verschwunden und bald müssen sie feststellen: sie sind nicht allein.

Heute, mehr als 12 Jahre später, finde ich den Film immer noch verdammt unheimlich. Warum eigentlich? Was macht diesen Film so gruselig? Ich habe mal die für mich persönlich bedeutendsten Punkte herausgegriffen und mir überlegt, was ich als Autor davon lernen kann. Da ich kein Filmwissenschaftler bin, kann ich nicht explizit auf Aspekte der Darstellung oder Kameraführung eingehen, sondern bleibe bei den offensichtlichen dramaturgischen Stilmitteln.

1. Pack sie an den Urängsten!

Ich denke, „Blairwitch Project“  hat mich genau erwischt, wo es wehtut: an meinen Urängsten. Der Begriff der „Urangst“ stammt aus der Psychoanalyse und beschreibt nach Sigmund Freud alle aus dem „Geburtstrauma“ resultierenden Ängste des Menschen. Spätere Definitionen gehen etwas weiter und bezeichnen Urangst allgemein als Angst um die körperliche bzw. seelische Gesundheit, als das Gefühl von Hilflosigkeit in einer feindseligen Welt oder als kollektiven Angstzustand vor einem bestimmten Reiz, den eine größere Gruppe von Menschen übereinstimmend teilt.

Bei einem Orientierungs- und Survival-Idioten wie mir löst schon allein die Vorstellung, in einem undurchdringlichen Wald verloren zu gehen, eine regelrechte Panikreaktion aus.  Und das ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Viele Horror-Filme, vor allem psychologischer Horror, schlagen in diese Kerbe, bedienen Ängste, die in einer Art unterbewusstem Kollektiv verankert sind. Die Angst vor der Dunkelheit, die Angst vor Einsamkeit, die Angst vor dem sprichwörtlichen Monster unter dem Bett. Natürlich sind das althergebrachte Motive, aber nichts destotrotz funktionieren sie. Bestimmt wirken sie nicht bei allen gleich – erfahrene Pfadfinder sind von der „orientierungslos im Wald“-Nummer vielleicht weniger abgeschreckt –, aber die meisten Menschen fühlen sich davon angesprochen.

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Düstere Orte – typische Urangst?

Darf man sich auch als Autor solcher Tropen bedienen? Natürlich. Stephen King spricht in seinen Romanen regelmäßig klassische Urängste an, sei es in „Das Mädchen“ (die Angst, allein verloren zu gehen), „Friedhof der Kuscheltiere“ (die Angst, Angehörige zu verlieren) oder „Es“ (das Monster unter dem Bett bzw. in der Kanalisation).

2. Nutze das Unerklärliche

„Die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.“
– H. P. Lovecraft

Besser als mit diesem Zitat könnte man Lovecrafts Lebenswerk nicht zusammenfassen. Mit seinem Cthulhu-Mythos spricht er genau diese Angst an. Die Angst vor Dingen, die wir nicht verstehen, die wir nicht begreifen, die wir noch nicht einmal erfassen können. Das große, namenlose Grauen, das im Verborgenen lauert. Auch „Blairwitch Project“ arbeitet mit dieser grundlegenden Angst vor dem Unfassbaren. Was den Studenten in den Wäldern zustößt, bleibt bis zum Ende des Films unbegreiflich und lässt sich mit rationalem Menschenverstand nicht erklären. Daraus resultiert der Schrecken.

Gerade in unserer von Wissenschaft durchdrungenen Gesellschaft lösen Geistererscheinungen, Alien-Sichtungen oder unerklärliche Verschwörungstheorien Beklemmung aus.  Meine persönlichen Highlights sind dabei übrigens die Ereignisse am Djatlow-Pass und der Somerton-Man. Falls ihr die Geschichten nicht kennt, lest euch die Seiten durch und sagt mir dann, dass ihr das nicht unheimlich findet.

3. Nutze die Vorstellungskraft

Viele Horrorfilme haben für mich in dem Moment verloren, in dem das Monster vor die Kamera springt. Selbst wenn Maske und CGI-Effekte das Grauen effektiv auf die Leinwand bannen können, wird keine von Hollywood bildlich dargestellte Kreatur jemals den Schrecken aufwiegen können, den wir uns im Kopf zusammenreimen. Das ist der große Vorteil von Horror-Literatur, hier wird das Grauen weitgehend der Fantasie des Lesers überlassen. Gänsehaut garantiert. Auch bei den Kurzgeschichten von Altmeister H.P. Lovecraft haben – in meinen Augen – diejenigen die größte Wucht, die nicht versuchen, das unfassbare Grauen aus der Tiefe in beschreibende Worte zu kleiden, sondern denen es gelingt, den Schrecken, den es auslöst, plastisch zu zeigen. Dasselbe gilt auch für Horror-Filme. Je weniger explizit, desto stärker ist ihre Wirkung.

Auch hier macht „Blairwitch Project“ alles richtig. Das „Monster“, die Hexe von Blair, wird an keiner Stelle tatsächlich gezeigt. Alles, was wir erleben, ist die Panik der Studenten, die Angst, die Beklemmung. Und die subtilen Anzeichen, dass irgendetwas in diesem Wald lauert: Fußspuren, rituelle Symbole und nächtliche Geräusche. Kein Splatter, kein Blut, keine Jump Scares. Einfach nur subtiler Horror.

Natürlich kann auch blutiger Splatter seinen Reiz haben, aber wirklich gruseln tue ich mich dabei selten. Im Übrigen können auch sichtbare Monster Horror auslösen, wenn die Atmosphäre stimmt, wenn sich der Autor nicht darauf verlässt, dass allein der Anblick der Kreatur den Zuschauer in Panik verfallen lässt. Gute Beispiele dafür sind „Alien“, „Sinister“ oder auch das Videospiel „Amnesia – The Dark Descent“[1].

Falls ihr den ultimativen Beweis für die Macht der Vorstellungskraft sucht, stöbert mal ein bisschen in den „Kürzesten Horrorgeschichten der Welt“. Gänsehaut garantiert – und das nur mit wenigen Worten. Den Rest macht eure Fantasie.

Fazit

In wenigen Worten Angst, Furcht oder Grauen zu erzeugen ist möglich, aber nicht einfach. Nicht alle Menschen haben vor denselben Situationen oder Kreaturen Angst, ähnlich wie Humor ist auch Horror extrem personenspezifisch. Trotzdem schaffen es manche Werke, eine große Menge von Lesern oder Zuschauern in Angststarre zu treiben. Die oben genannten Punkte sind sicher nur die Spitze des Eisbergs, denn literarische oder filmische Stilmittel, Kameraführung, Plotgestaltung etc. habe ich hier noch völlig außen vor gelassen. Sie sind aber nichtsdestotrotz wichtig.

Wie steht es mit euch, womit kann man euch schockieren? Welche Filme oder Bücher haben euch so richtig das Fürchten gelehrt? Stellt euch doch auch der Geekquest.

[1] Zugegeben, ich habe „Amnesia“ nie gespielt – ich wäre dabei vor Angst gestorben!, – aber ich hab anderen furchtlosen Menschen zugesehen und das hat mich schon arg fertig gemacht.

Das super-nützliche Autoren-ABC

Die Geschichte der Schreiberei ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Deswegen möchte ich heute nach all den ernsten Artikeln der letzten Wochen einen nicht ganz ernstzunehmenden super-duper- wichtigen Beitrag leisten, um Verständigungsprobleme zwischen Autoren und normalen Menschen zu beheben. Darum kommt hier das ultimative Autoren-ABC.


Anfang, der. Der Moment, in dem sich der Autor entschließt, das Prokrastinieren heute mal ausnahmsweise bleiben zu lassen und die ersten Worte zu Papier zu br… oh, ein Eichhörnchen!

Bunny, das. Auch: Plotbunny. Süßes, flauschiges Häschen mit großen Augen, das nett guckt und dem Autor eine unwiderstehliche Idee zuflüstert, meistens für äonenumspannende Pentalogien, hochkomplexe Intrigengeschichten oder anspruchsvolle E-Literatur. Kommt in der Regel dann, wenn man gerade Besseres zu tun hat oder eine Deadline winkt.

Charakter, der. Fehlt manchen Menschen zwar im echten Leben, sollte im Roman aber vorhanden sein. Literarischer Wegbegleiter, der den Autor in Atem hält und manchmal auch macht, was der von ihm will. Hab ich gehört.

Deadline, die. Vom Autor, Verlag oder Agenten festgesetzter Zeitpunkt, an dem das Manuskript vielleicht unter ganz guten Umständen so annähernd beinahe ganz fertig sein sollte. Macht ein hübsches Geräusch, wenn sie vorbeizieht.

Exposé, das (auch: Grauen, Nemesis). Möglichst stringente, spannende Zusammenfassung des Manuskript-Inhalts, die potentielle Verleger oder Agenten in Beifallsstürme ausbrechen lassen soll. Erfordert gute Nerven, eine robuste Stirn (contra Tischplatte) und möglichst ausrauffeste Haartracht.

Fanfiction, die. Von begeisterten Fans verfasste Geschichten über literarisch bzw. filmisch bekannte Figuren und Realitäten, die ein kreatives Eigenleben entwickeln. Spielplatz für alle Autoren, die ein bisschen Spaß haben wollen.

Gurkensalat, der. Universeller Platzhalter für Namen, Orte, Berufsbezeichnungen oder was auch immer dem … ähm … Gurkensalat gerade nicht einfallen wollte. Sollte vor Veröffentlichung lieber ersetzt werden.

Handlung, die (englisch: Plot). Durchdachter, stringenter, spannender, innovativer Inhalt einer Geschichte. Oder so ähnlich. Wird in der Regel überbewertet.

Indie-Autor/in, der/die. Mutiger Schreiberling, der die Grenzen des Mainstreams überwindet und sich durch den Kleinverlags-Dschungel schlägt oder das Abenteuer „Selbstverlag“ auf sich nimmt.

Jugendsünde, die. Längst vergessenes Erstlingswerk, an das man sich mit einer Mischung aus Nostalgie und Schaudern zurückerinnert. Siehe auch Fanfiction.

Kaffee, der (auch: Lebenselixier). Notwendiges Antriebsmittel für alle Autoren, gerüchteweise bisweilen auch durch Tee oder Alkohol ersetzt.

Love interest, der oder die. Geile Sau, für die der/die Protagonist/in in ewiger Liebe entbrennt. Sollte unter gar keinen Umständen glitzern. Außer, es ist ein Einhorn.

Muse, die. Treulose Tomate, die gerne winkend vorbeizieht, wenn man gerade total viel Zeit und Motivation zum Schreiben hat. Kommt dafür dann, wenn die Steuererklärung oder ein Familienfest winkt. Trotzdem unverzichtbar. Siehe auch Plotbunny.

Nanowrimo, der. Sechste Jahreszeit (nach Karneval), in der Autoren weltweit dem Wahnsinn verfallen, in 30 Tagen mindestens 50.000 Wörter an einem Roman zu schreiben. Geilste Sache der Welt. Großer Bruder vom Camp Nanowrimo.

Obsessiv, Adj. Wie? Wer? Ich? Niemals! Geh weg da, ich muss jetzt schreiben! Sofort! Aaaaah!

Plotloch, das. Logiklücke in der Handlung oder unerwarteter Bruch, an dem es einfach nicht weitergeht. Erfordert meistens etwas Hirnschmalz oder – besser – Austausch mit intelligenten anderen Menschen.

Quatsch, der. Machen Autoren nie, die sind voll ernst. Bester Beweis ist dieser Beitrag.

Rock Bottom, der. Tiefpunkt der Geschichte, an dem es dem Protagonisten so richtig dreckig geht. Gerne begleitet von manischem Lachen oder debilem Grinsen des Autors.

Sieben Punkte, die. Nützliches Konstrukt von Dan Wells zum Konzipieren eines Plots in sieben Schritten. Schöner Leitfaden, an den ich mich am Ende doch wieder nicht halte.

Tintenzirkel, der. Anlaufstelle für Plotfragen, Recherchelücken oder kluge Ratschläge. Bietet auch für Nichtmitglieder eine umfangreiche Sammlung an Recherchefragen von A bis Z.

Ueberraschende Wendung, die. Unerwarteter Twist in der Handlung, den der Autor niemals so geplant hatte. Führt entweder zum perfekten Abschluss oder mitten in ein Plotloch.

Verlag, der. Kuscheliges Buchzuhause, Tor in die Bestseller-Welt oder manchmal auch Autorenhölle. Lebt im Idealfall von motivierten, buchliebenden Menschen mit ganz viel Herzblut.

Wordcount, der. Zielstandsmesser für Autoren, der ihnen zeigt, wie viele Wörter sie heute schon auf Papier gebracht haben. Oder viel eher: Wie viele nicht.

Xylophon, das. Hat mit Schreiben nichts zu tun, fängt aber mit X an und bringt viele Punkte bei Scrabble.

Youtube, das. Informatives Videoportal, ideal für Podcasts, Live-Lesungen, Recherche oder … Ja gut, wir schauen Katzenvideos! Zufrieden?

Zonk, der. Gibt’s für denjenigen, der alles glaubt, was in diesem Beitrag steht.

Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 2)

Der nette Psychopath von nebenan

„Ich verlange von den Leuten nicht, daß sie mir angenehm sind, weil es mich vor dem Problem bewahrt, sie zu mögen.“
– Jane Austen

Im Blogartikel von letzter Woche habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wieso Psychopathen hervorragende literarische Gegenspieler abgeben und was sie auszeichnet. Heute möchte ich mich einer etwa diffizileren Frage widmen, nämlich: Kann ein Psychopath auch Sympathieträger sein? Und wenn ja, wie soll das funktionieren?

Sie sind unter uns!

Nicht alle Psychopathen sind skrupellose Killer, Kannibalen oder sadistische Massenmörder. Es gibt eine Gruppe von Psychopathen, die sich beinahe lautlos in unserer Mitte bewegt, ohne, dass es uns auf den ersten Blick auffallen würde. Typen, die hinter Bankschaltern lauern, an Börsen spekulieren oder in Aufsichtsräten sitzen. Der Kriminalpsychologe Robert Hare bezeichnet diese Menschen als „corporate psychopaths“: Unternehmenspsychopathen.

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Menschenschinder oder Manager?

Im Gegensatz zu den im letzten Beitrag zitierten literarischen Psychopathen begehen diese Leute keine blutrünstigen Morde oder lassen Leute die Köpfe abschlagen (höchstens im übertragenen Sinn). Sie agieren als clevere Puppenspieler, manipulieren, intrigieren, spielen andere gegeneinander aus. Vordergründig sympathisch und charmant gewinnen sie schnell alle Herzen, bleiben aber in ihren Emotionen immer oberflächlich und kühl.

Auf der Suche nach Beispielen fällt der Blick mal wieder einmal nach Westeros. Während sich Psychopathen wie Joffrey Baratheon oder Ramsey Bolton durch ihre extremen Verhaltensweisen, ihr mangelndes Mitgefühl und ihr brutales Vorgehen zunehmend selbst ins Abseits drängen, haben wir in Tywin Lannister durchaus einen „corporate psychopath“. Tywin ist gefühllos, ehrgeizig und skrupellos, aber trotzdem ausgesprochen erfolgreich. Er zieht im Hintergrund die Fäden, weiß genau, wann er zuschlagen muss, um den bestmöglichen Profit zu erreichen. Anderer Leute Gefühle – selbst die seiner eigenen Kinder – sind ihm dabei höchstens lästig. Damit wird Tywin sicherlich nicht zu Mr.-Nice-Guy gewählt, aber im Vergleich zu seinem Enkel Joffrey ist er in der Lage, sein Verhalten zu steuern, sich sozialadäquat zu verhalten und rationale Entscheidungen zu treffen. Auf der Psychopathie-Checkliste von Robert Hare würde er vermutlich deutlich unter der Grenze für klinisch auffällige Psychopathen landen.

Mein Freund der Psychopath

Nun ja, wie ihr sicher merkt sind wir unserer Ausgangsfrage noch nicht wirklich näher gekommen, denn machtgierige Puppenspieler sind nicht unbedingt wesentlich sympathischer als Kannibalen. Nur etwas weniger blutrünstig und etwas weniger verhaltensauffällig.

Es bleibt also die Frage: Kann ein Psychopath zum Held einer Geschichte taugen? Kann sich ein Leser mit einer solchen Person irgendwie identifizieren? Ja. Das geht. Als Beispiel möchte ich diesmal keine literarische Figur heranziehen, sondern den Protagonisten der Netflix-Serie „House of Cards“, den fiktiven US-Politiker Frank Underwood.1

Auf den ersten Blick ist Frank ein typischer „corporate psychopath“. Er stammt aus widrigen familiären Verhältnissen, hat sich mit viel Ehrgeiz und wenig moralischen Schranken an die politische Spitze manövriert und intrigiert was das Zeug hält. Er spielt politische Parteien gegeneinander aus, schmeichelt sich ein, macht haltlose Versprechen, kramt schonungslos schmutzige Wäsche hervor und schubst auch mal Leute vor die U-Bahn, wenn sie ihm gefährlich werden. Klingt nicht gerade wie ein Vorzeige-Held? Nein, wirklich nicht.

Trotzdem ertappt man sich beim Ansehen der Serie immer wieder dabei, wie man sich auf Franks Seite stellt, seinem Gegner ein Scheitern wünscht, sein Verhalten schönredet, denn trotz all seiner Intrigen bleibt Frank irgendwie sympathisch. Wie macht der Kerl das?

Sympathien erzeugen

Im Laufe der Serie erfährt der Leser viel Persönliches über Frank, über seine Kindheit, seine Jugend, seine Ehe. Wir lernen ihn auf einer menschlichen Ebene kennen, sehen nicht nur den skrupellosen Politiker, sondern auch den Mann hinter der Maske und dessen kleine Fehler und Unzulänglichkeiten. Unterstützt wird diese emotionale Beteiligung durch Franks direkte Kommunikation mit dem Publikum. Durch das Durchbrechen der vierten Wand fühlt sich der Zuschauer persönlich angesprochen, wird zu Franks exklusivem Vertrauten, dem er sogar Geheimnisse anvertraut. Ganz klar, dass diese Nähe Sympathie schafft.

„Moments like this require someone who will act. Who will do the unpleasant thing, the necessary thing.“
– Frank Underwood,
House of Cards (2013)

Darüber hinaus verfügt Frank über einige Eigenschaften, die von uns grundlegend als sympathisch oder positiv angesehen werden. Er ist ein Self-made-man, ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der sich an die Spitze gearbeitet hat. Eine Vorbildfigur. Er ist ehrgeizig, intelligent, zielstrebig und beweist Humor. Seine moralisch verwerflichen Handlungen dienen nie einem niederen Zweck, sondern fügen sich in ein geschickt gesponnenes Gesamtbild ein, dessen Raffinesse uns immer wieder zum Staunen bringt. Kurzum: Er wickelt den Zuschauer mit seinem zynischen Humor und seinem Charme genauso um den Finger, wie seine politischen Gegner. Außerdem spielt er Videospiele. Wie kann ein Gamer nicht sympathisch sein? 😉

Von Frank können also auch Autoren einiges lernen. Selbst ein gewissenloser Machtmensch wie er haben das Zeug zum Sympathieträger, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Intelligenz, Zielstrebigkeit, Humor und kleine menschliche Unzulänglichkeiten können über moralische Aussetzer hinwegtäuschen, vor allem dann, wenn sich der Leser mit den Zielen und Ideen der Figur prinzipiell identifizieren kann.

Und mal ehrlich, Hand aufs Herz: Haben wir nicht alle eine kleine Schwäche für die „Bad Boys“ und „Bad Girls“?

Das Spiel mit dem Bad Boy

Trotzdem sollte man auch als Autor ein gewisses Fingerspitzengefühl beweisen, wenn man den Leser mit einem Psychopathen sympathisieren lassen möchte – der Schuss kann nämlich auch nach hinten losgehen.

Psychopathie ist kein Schalter, den der Charakter ein und wieder ausknipsen kann, wie es ihm gerade gefällt. So nützlich Ehrgeiz, Willensstärke und Furchtlosigkeit in manchen Situationen sein mögen, in anderen kann fehlende Empathie durchaus zum Hindernis werden. Auch Frank steckt immer wieder Niederlagen ein, weil seine Gegner sein falsches Spiel und seine Manipulation durchschauen. Gerade solche Momente von Nicht-Perfektion machen einen authentischen Charakter aus.

Auch in Beziehungen sollte man als Autor sehr genau darauf achten, wie weit man bereit ist, zu gehen. Sicherlich mag der aalglatte, zynische Psychopath einen heißen Love Interest abgeben, doch als liebevoller Partner taugt er in der Regel wenig. Egozentrik, übermäßige Dominanz und eine Unfähigkeit zu tieferen Gefühlen lassen den Traumtypen schnell zum Alptraum werden, zumindest wenn es um Liebe oder Romantik geht und nicht um Matratzenaction.

Manche Genre-Konventionen mögen durchaus zulassen, dass der böse Bube durch die Liebe seiner Auserwählten von seiner Arschlochhaftigkeit kuriert wird – ja, ich weiß, solche Tropes haben ihren Reiz! –, aber wir alle wissen, dass die Realität nicht so aussieht.  Die Medienwissenschaftlerin Debra Merskin kritisiert, dass Beziehungs-Konstellationen à la „Twilight“- ein kontrollsüchtiger, gefährlicher Typ und eine emotional beeinflussbare junge Frau, die gerettet werden muss  –  eine höchst zweifelhafte Botschaft über Beziehungen senden. Psychopathen sind schwierige Typen, gerade in Beziehungen. Auch Franks Ehe in „House of Cards“ funktioniert primär deswegen, weil seine Frau mindestens genauso psychopathisch ist wie er selbst. Deswegen: Augen auf bei der (literarischen) Partnerwahl!

Der Psychopath als (Anti-)Held

Kommen wir zu einem abschließenden Fazit. Während Psychopathen ausgesprochen dankbare literarische Gegenspieler abgeben, sind sie als Sympathieträger wesentlich anspruchsvoller. Es gilt, eine gemeinsame Basis zu schaffen, auf der sich der Leser mit der Figur identifizieren kann, seien es ein nachvollziehbares Ziel oder kleine Moment der Menschlichkeit, die exklusiv nur dem Leser vorbehalten sind. Auch positive Charaktereigenschaften wie Zielstrebigkeit, Intelligenz und Humor können über moralische Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen. Eine „Romantisierung“ von Psychopathen sollte jedoch mit Vorsicht erfolgen, denn hier können schnell falsche Signale gesendet werden. Mit der Gleichberechtigung in Beziehungen haben es solche Jungs nämlich nicht so wirklich.

Wie steht es um euch, kennt ihr literarische oder filmische Beispiele moralisch fragwürdiger Psychopathen, die ihr trotzdem irgendwie ins Herz geschlossen habt? Oder macht ihr um solche Typen lieber gleich einen großen Bogen? Wie weit dürfen böse Jungs als Love Interests gehen, ehe es fragwürdig wird? Wo liegt eure Grenze?

Freue mich über Feedback!


Literatur

Babiak, P. & Hare, R. (2007). Snakes in Suites. When psychopaths go to work. HarperBusiness.

Irwin, W. & Hackett, J.E. (2016). House of Cards and philosophy. Underwood’s republic. Chichester: Wiley .

Merskin, D. (2011). A boyfriend to die for. Edward Cullen as Compensated psychopath in Stephanie Meyer’s Twilight. Journal of communication inquiry, 35, 157-178.


1 Zugegeben, ursprünglich stammt die Figur aus dem Roman „House of Cards“ von Michael Dobbs, der allerdings in England angesiedelt ist und in der Charakterzeichnung einige Unterschiede zur Netflix-Adaption aufweist. Ich beziehe mich also durchgehend auf die US-Serie.

Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 1)

Das kriminelle Genie

„Haben Sie schon mal versucht, ohne Macht verrückt zu werden? Das ist langweilig. Niemand hört einem zu.“
– Russ Cargill in „Simpsons – Der Film“

Psychopathen. Ihre Lebenswelt fasziniert uns ebenso sehr, wie sie uns abstößt. Wir finden sie in Filmen, Büchern, Serien – und bisweilen auch im Alltag. Aber was zeichnet eigentlich einen Psychopathen aus? Wie realistisch sind die Darstellungen in der Literatur? Und was macht einen Psychopathen zum perfekten literarischen Gegenspieler?

Alltag trifft Wissenschaft

Im Alltagsjargon und der täglichen Presse wird der Begriff „Psychopath“ häufig gebraucht, meist für einen Menschen, den wir für eiskalt, berechnend und menschenverachtend halten. Mit der wissenschaftlichen Betrachtungsweise von Psychopathie stimmt diese Alltagsdefinition aber nur partiell überein.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieb der Psychiater Hervey Cleckley in seinem berühmten Werk „Mask of Sanity“ Psychopathie erstmals als Persönlichkeitsstörung, die sich hinter einer Maske der Normalität verbirgt. Fast fünfzig Jahre später führte der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare seine Forschungen weiter.  Jahrzehntelang arbeitete er mit Strafgefangenen und entwickelte daraus eine wissenschaftlich fundierte Checkliste, um Psychopathen erkennen und klassifizieren zu können. Diese „Psychopathy Checklist“, kurz PCL, ist bis heute eines der am meisten verwendeten Diagnoseverfahren in der Begutachtung von Straftätern.


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Hannibal, der (zu) perfekte Psychopath?

Als Prototyp eines Psychopathen in der Literatur wird gerne einer herangezogen: Hannibal Lecter. Psychiater, Musikliebhaber, Menschenfresser. Tatsächlich erfüllt Dr. Lecter eine ganze Reihe von Kriterien, die nach Hares Checkliste einen Psychopathen auszeichnen. Lecter ist charmant, manipulativ und selbstgerecht, er empfindet keine Reue für seine Taten, keine Empathie für seine Opfer und auch keine tieferen Gefühle für andere Menschen. Damit treffen auf ihn tatsächlich einige Punkte zu, die zu einer psychopathischen Persönlichkeit passen, doch die norwegischen Wissenschaftler Aina Sundt Gullhaugen und Jim Aage Nøttestad fanden bei Lecter nur einen PCL-Wert von 24. Als psychopathisch gelten Personen in der Regel erst ab einem Wert von 30. Wie kommt das?

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Hannibal Lecter: Der perfekte Psychopath?

Lecter ist als Psychopath eine Spur zu perfekt. Er ist hochintelligent, planungssicher, macht nie Fehler. Im „Schweigen der Lämmer“ gelingt es ihm nicht nur, der jungen FBI-Agentin Starling relevante Informationen über ihren laufenden Fall und ihre Vergangenheit zu entlocken, sondern entkommt obendrein aus einem Hochsicherheitsgefängnis und nimmt sogar noch Rache am verhassten Gefängnisdirektor. Genau hier liegt der Knackpunkt. Lecter stellt einen Idealbösewicht da, einen Mann, der trotz seines Wahnsinns brillant agiert. Ein Prototyp des criminal masterminds, der in der Realität selten existiert, die Zuschauer oder Leser aber in besonderem Maße fasziniert.

Reale Serienmörder wie der nie gefasste Zodiac Killer oder Ted Bundy boten das Vorbild für diese Form der „Elite-Psychopathen“ und formten die implizite Annahme, Psychopathen müssten neben ihrer Skrupellosigkeit, ihrer Gefühlskälte und ihrer Empathielosigkeit weltgewandte, gebildete und hochintelligente Personen sein, die jeden ihrer Schritte genau bedenken (s. Zitat). Dies trifft aber nur teilweise zu.

„Psychopathen sind nicht verrückt. Sie sind sich dessen, was sie tun und der Konsequenzen ihres Handelns vollkommen bewusst.“
– Mads Mikkelsen als Hannibal Lecter in „Hannibal“ (TV-Serie)

Neben einer antisozialen, kaltherzigen und skrupellosen Persönlichkeit zeichnen sich Psychopathen nämlich meistens auch durch einen sozial inadäquaten Lebensstil aus. Sie empfinden schnell Langeweile, suchen den Kick (z.B. in Drogen oder Kriminalität), leben auf Kosten anderer, sind impulsiv, unbeherrscht und schwer dazu fähig, sich langfristige Ziele zu stecken. Sie pendeln von einer Station im Leben zur anderen, wechseln die Partner genauso oft wie die Jobs und weisen oft auch eine problematische Kindheit und Jugend auf, in der es bereits zu Verhaltensauffälligkeiten kam. Abgesehen vom letzten Punkt trifft keines dieser Kriterien auf Hannibal Lecter zu.

Ab mit ihrem Kopf!

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Joffrey Baratheon, ein Psychopath auf dem Königsthron

Ein literarisches Beispiel für diese Aspekte der Psychopathie stellt zum Beispiel Joffey Baratheon dar, der unsympathische Zwischendurch-mal-König aus G. R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“. Joffrey ist kalt, skrupellos und machthungrig, er stellt sein Ego über alles, hat kein Mitleid mit anderen, agiert aber bisweilen in Konversationen durchaus charmant (z.B. mit seiner Verlobten Sansa). Bis dahin ist er Dr. Lecter noch recht ähnlich. Aber: Joffrey steht sich mit seiner selbstgerechten, impulsiven Art selbst im Weg, schafft sich Feinde. Seine Suche nach dem besonderen Kick lebt er aus, indem er andere quält und misshandelt, während er vor echter Verantwortung zurückschreckt und lieber andere für sich in den Kampf ziehen lässt. In Bezug auf die wissenschaftliche Definition erfüllt Joffrey damit mehr Kriterien der Psychopathie als Hannibal Lecter (aufgrund seines jungen Alters und der spezifischen Lebensumstände sollte man hier aber vorsichtig mit einer Diagnose sein).

Der Psychopath als Antagonist

Neben Joffrey und Lecter ließen sich bestimmt noch zahlreiche andere Beispiele von Psychopathen finden, die als Gegenspieler in einem literarischen Werk auftauchen (allein Westeros scheint voll von diesen Typen!). Der Grund dafür liegt auf der Hand: kaltherzige, skrupellose Machtmenschen ohne Empathie mit einem übergroßen Ego geben hervorragende Antagonisten ab. Sie vereinen in sich so viele negative Eigenschaften, dass es dem Leser leicht fällt, sie zu verachten, ihnen ein Scheitern zu wünschen. Zugleich üben diese Menschen aber auch eine morbide Faszination aus, die es dem Leser schwer macht, sich emotional so von ihnen zu distanzieren, wie es vielleicht bei einem dunklen Herrscher Sauron oder einem Lord Voldemort möglich ist. Diese Balance zwischen Verachtung und emotionaler Beteiligung funktionierte im Fall von George Martins Epos so gut, dass Jack Gleeson, der in der Serienverfilmung die Rolle des Joffrey Baratheon gab, sogar private Drohbriefe und Hassbotschaften aufgebrachter Zuschauer erhielt. Obwohl diesen bewusst gewesen sein dürfte, dass es sich nur um einen Schauspieler handelte, war die Entrüstung über das Verhalten des von ihm gespielten Charakters so immens, dass die Distanz zusammenbrach.

Darüber hinaus haben Psychopathen als literarische Gegenspieler noch einen zweiten Vorteil für den Autor: sie sind in der Regel nicht perfekt. So faszinierend die Vorstellung eines hoch-intelligenten kriminellen Genies à la Hannibal Lecter ist, nicht jeder psychopathische Antagonist muss in dieses Schema passen – im Gegenteil. Die meisten realen Psychopathen sind impulsive Personen mit einem unsteten Lebensstil, die sich mit ihrem Ego und ihrer Unfähigkeit, auf andere Menschen einzugehen oder deren Emotionen nachzufühlen, irgendwann so sehr selbst im Weg stehen, dass ihre Pläne scheitern. Sie mögen intrigieren, manipulieren, andere für ihre Zwecke benutzen – irgendwann kommt vielleicht der Moment, an dem sie sich einen Feind zu viel geschaffen haben, an dem sie zu weit gehen, an dem sie vor lauter Selbstbezogenheit oder aus einer impulsiven Laune heraus nicht mehr fähig sind, rationale Entscheidungen zu treffen.

Die Wissenschaft bestätigt diesen Eindruck. In ihrem Werk „Snakes in Suites“  (auf Deutsch „Menschenschinder oder Manager“) erklären Robert Hare und der Arbeitspsychologie Paul Babiak, dass Psychopathen aufgrund ihrer Gefühlskälte und ihrer Ellbogenmentalität zwar eine gute Aussicht darauf haben, in Führungspositionen zu gelangen, durch ihre Unfähigkeit zur Kooperation, ihr fehlendes Verständnis für andere und ihre mangelnde Bereitschaft, Fehler einzusehen, aber selten erfolgreich dabei sind. Wer dafür ein gutes, reales Beispiel sucht, muss nur ins Weiße Haus schauen.

Im Übrigen – das nur als Fußnote – ist Psychopathie nicht auf Männer begrenzt, allerdings liegt das Geschlechterverhältnis etwa bei 20:1. Trotzdem gibt es auch sehr überzeugende Darstellungen weiblicher Psychopathen in der Literatur, z.B. im Thriller „Gone Girl“ oder in Stephen Kings „Mysery“ (nicht zu vergessen Cersei Lannister, wie gesagt, Westeros ist ein Tummelplatz von Psychopathen).

Die Take-Home-Message

Letzten Endes erweisen sich Psychopathen also als hervorragende literarische Gegenspieler. Sie vereinen in sich zahlreiche Eigenschaften, die es dem Leser erleichtern, sie zu hassen, faszinieren aber genug, um ihren Werdegang (oder ihr Scheitern) hautnah miterleben zu wollen. Sie haben mit ihrer vordergründig charmanten, manipulativen Art gute Chancen darauf, politisch oder wirtschaftlich aufzusteigen, ihre Selbstbezogenheit und die Unfähigkeit, auf andere einzugehen oder langfristig Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, machen sie wiederum angreifbar.

Wie sieht es bei euch aus, seid ihr kürzlich – literarisch! – einem Psychopathen begegnet? Wie gefiel euch die Umsetzung? Oder gibt es heimliche Psychopathen in euren eigenen Büchern? Habt ihr sonst noch Fragen zum Thema? Ich freu mich über euer Feedback.

Nächste Woche widme ich mich übrigens im zweiten Teil dieses Themas der Frage, ob Psychopathen auch zum Helden einer Geschichte taugen. Wenn ihr neugierig seid, hier geht’s zum zweiten Teil: Hilfe, meine Figur ist ein Psychopath! (Teil 2)


Literatur

Babiak, P. & Hare, R. (2007). Snakes in Suites. When psychopaths go to work. HarperBusiness.

Swart, Joan (2016). Psychopaths in films: Are portrayals realistic and does it matter? In: M.Arntfield & M. Danesi (Hrsg.). The criminal humanities (S. 73-98). Peter Lang International Academic Publishers.

Gullhaugen, A.S. & Nøttestad, J.A. (2010). Looking for the Hannibal Behind the Cannibal: Current Status of Case Research. International Journal of Offender Therapy and Comparative Criminology, 55, S. 350-369.

Blogreihe „Phantastische Realität“

Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche, sie ist Kühnheit und Erfindung.
– Eugène Ionesco

Es freut mich sehr, dass ich meinen Blog mit einer spannenden Blogreihe einweihen darf.

Die Phantastik-Literatur hat seit jeher den Anspruch, aufregende neue Welten zu kreieren, voll von ungewöhnlichen Wesen, Magie oder Übersinnlichem. Doch abseits dieser fantastischen Elemente beschäftigen sich viele Phantastik-Autoren auch ganz selbstverständlich mit Themen, die jeden Tag über die Fernsehbildschirme und Titelseiten huschen: Mobbing, Rassismus, Diskriminierung, Politik.

Meine Kollegin Meara Finnegan hat eine ganze Reihe Autorinnen und Autoren aus der Phantastik ins Boot geholt und sie gebeten, aktuelle Themen zu umreißen, mit denen sie sich in ihren Werken beschäftigen und die ihnen am Herzen liegen – darunter auch meine Wenigkeit.

Mehr als zwei Wochen lang erscheint jeden Tag ein spannender neuer Artikel, hier findet ihr eine Liste aller Themen:


20. Februar
Janna Ruth: Fantasy – aber bitte mit echten Charakteren


21. Februar
Leif Otten: Lichte Orks und schattierte Elfen


22. Februar
Attir Keroum (Gastartikel): Wie das Imperium Romanum zur Dystopie wurde


23. Februar
Christian Rieß (Gastartikel): Ab wann ist ein Held ein wahrer Held?


24. Februar
Alessandra Ress: Requiem für den Relativismus


25. Februar
Meara Finnegan: Military Fantasy und die Entglorifizierung des Krieges


26. Februar
Jule Reichert: Blutgeld und Revolution – Gedanken um Fantasy und Konsum


27. Februar
Claudia Mayer: Jugendliche im Generationenkonflikt


28. Februar
Guddy Hoffmann-Schönborn: Rassismus – der stille Antagonist


01. März
Manya Siber: Queer times, queer folks, queer books


02. März
Gaiety Girl: Queere Darstellung im historischen Roman


03. März
Murphy Malone: Polyamorie & die vielen Arten der Liebe


04. März
Janna Ruth: Erhabene Naturvölker, sprechende Bäume und der Konflikt mit der Zivilisation


05. März
Elea Brandt: Depressive Drachentöter – psychische Störungen in der phantastischen Literatur


05. März
Laura Kier: Masken in Fiction und Realität


07. März
Sascha Raubal: Verschwimmende Grenzen – wie sich Phantastik und Realität gegenseitig beeinflussen


08. März
Meara Finnegan: Das kenne ich doch irgendwo her! – Historische Ereignisse in Fantasyromanen


09. März
Eva-Maria Obermann: Geschlechterrollen in der Fantasyliteratur


10. März
Attir Kerroum: Sauron im Kreml


11. März
Katherina Ushachov: Ist das noch eine Dystopie? Wenn die Realität die Fiktion einzuholen droht


12. März
Fabian Dombrowski: Unterhaltung ohne Leben – Verloren im Labyrinth ewig wiederkehrender Topoi