Charaktere auf der Couch #5: Horatio

Heute darf ich euch mit Horatio Harthorn einen ganz besonderen englischen Gentleman vorstellen. Horatio ist ein liebevoller Familienvater und ein angesehener Kaufmann mit einer eigenen Flugschiff-Flotte und zahllosen Kontakten in die High Society – zumindest denkt er das von sich selbst. In Wahrheit schlummert unter seiner charmanten Fassade ein zutiefst verdorbener Kern. Aber bildet euch doch selbst eine Meinung über ihn.

Nun, Horatio, Sie wissen ja, warum Sie hier sind. Es geht darum, festzustellen, ob Sie für das von Ihnen begangene Verbrechen in ein Gefängnis oder eine Nervenheilanstalt eingewiesen werden sollen. Ich frage Sie ganz rundheraus: Was wäre Ihnen lieber?

Horatio Harthorn schüttelt den Kopf und wirkt ehrlich empört. Sie missverstehen meine Lage völlig, Mylady. Alle Anschuldigungen beruhen auf Lügen, die sich als solche herausstellen werden. Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen und kann übrigens nachts wunderbar schlafen.

Er lächelt gewinnend und setzt hinzu: Verehrteste sehen blendend aus in diesem Kleid. Ich sehe keinen Ring an Ihrem Finger, was mir völlig unverständlich ist. Er blickt theatralisch um sich. Aber wo ist der Herr Professor, der meinen überaus normalen Geisteszustand beurkunden soll? Er hat doch ganz sicher nicht Sie als Ersatz geschickt, also lassen Sie uns auf ihn warten.
Er lehnt sich im Stuhl zurück und mustert ungerührt den Busen seines Gegenübers.

Sie missverstehen die Situation, Horatio, ICH bin diejenige, die für Ihr Gutachten zuständig ist. Also würde ich vorschlagen, Sie bemühen sich um etwas Respekt. Blättert in der Akte, die mehrere Zentimeter dick ist. Sie wurden des Schmuggels, des Mordes und des mehrfachen Betruges angeklagt, alles keine Kavaliersdelikte. Wie denken Sie über diese Taten?

Das Lächeln weicht aus seinem Gesicht. Selbstverständlich gehören derartige Untaten verfolgt und hart bestraft. Unsere Justiz geht viel zu lasch mit Verbrechern um. Aber wie um alles in der Welt kommen Sie darauf, dass mir solche Taten nachgewiesen werden können? Wie bereits gesagt, ich bin ein Ehrenmann. Alles andere sind Lügen und Darstellungen einer sensationslüsternen Presse, die ehrlich arbeitende Männer verhöhnt.

Ah, die Lügenpresse, ich verstehe …

Sein Blick wird starr und fordernd. Derartige Fragen halte ich übrigens für sehr unpassend. Ich bin hier, um die Wahrheit zu berichten, und ich hatte angenommen, nicht nur von einer unqualifizierten Frau befragt zu werden. Nichts für ungut, meine Liebe, aber Ihrem Geschlecht fehlt bekanntermaßen die Fähigkeit zu logischem Denken.

Ah, ist das so? Nun, wie gesagt, sie werden wohl oder übel mit mir vorliebnehmen müssen. Vergessen Sie also besser nicht, dass mein Urteil über Ihre Zukunft entscheiden wird, ob es Ihnen passt oder nicht.

Horatio zieht stumm die Augenbrauen hoch.

Was war Ihr Antrieb für diese Taten? Geld? Strebt ein Mann wie Sie nicht nach höheren Gütern als schnödem Mammon?

Harthorn lacht böse. Als ob Sie als Weib meine Beweggründe nachvollziehen könnten! Wissen Sie, wie schwer die Verantwortung meines Namens auf mir lastet? Geld ist nur ein Zahlungsmittel, meine Ehre steht stets an erster Stelle. Wie gesagt, nichts, was Sie auch nur ansatzweise verstehen.

Er springt auf. Und nun schicken Sie mir endlich Ihren Vorgesetzten.

Seine Bewacher treten neben ihn. Er setzt sich wieder.

Ach, Horatio, ersparen Sie uns doch diese Unannehmlichkeiten, ja? Ich kann Sie auch gleich in Ihre Zelle zurückschicken lassen, aber ich denke, das wollen Sie nicht. Also reißen Sie sich zusammen.

Blättert erneut in der Akte. Wenn ich mir Ihr Dossier so ansehe, stelle ich fest, dass Sie es tatsächlich geschafft haben, Ihre gesamte Familie zu zerstören. Wie fühlt sich das an, wenn man vollkommen allein auf der Welt ist?

Er spitzt die Lippen, streicht sich über den Backenbart und brütet vor sich hin. Dann starrt er der Therapeutin in die Augen. Seit Millionen von Jahren tilgt der Stärkere das Schwache. Das entspricht der natürlichen Ordnung. Nächste Frage.

Er lächelt, aber nun wirkt es eher wie eine Grimasse. Übrigens, so anmaßend, wie Sie hier auftreten, wundert es mich nicht, dass bisher kein Mann ehrliches Interesse an Ihnen gezeigt hat. Meine Frauen haben schnell gelernt, ihre Position in der Gesellschaft zu erfüllen. Regelmäßige Prügel und ausgedehnte kalte Bäder würden auch Ihnen guttun.

 Die Therapeutin winkt desinteressiert ab. Jaja, zur Kenntnis genommen. Fahren wir fort, damit dieser Unsinn hier endlich vorbei ist. Ihr Sohn, Alan. Was denken Sie über ihn? Ist er Ihnen ähnlich?

Harthorn läuft puterrot an. Er knurrt. Meinen Sie etwa diesen undankbaren Burschen, den ich in meinem Haus aufgenommen habe in meiner Gutmütigkeit? Er ist nicht mehr als eine Küchenschabe, die ich unter dem Absatz zerquetschen werde, wenn diese Farce hier beendet ist. Gemeinsam mit der übrigen Brut, die mich beschuldigt.

Wie, glauben Sie, denkt Alan über Sie? Was sieht er in Ihnen?

Seine Ansichten über mich sind irrelevant.

Och, das finde ich nicht. Aber gut, wie Sie meinen. Was ist mit seiner Mutter? Hatten Sie Gefühle für sie? Gibt es überhaupt jemanden, für den Sie jemals Gefühle entwickelt haben?

Er schüttelt den Kopf, als wäre er traurig, so missverstanden zu werden. Mylady, ich bin ein guter Logiker. Er drapiert eine Hand auf den Brustkorb. Mein Herz schlägt für mein Land und mein Volk. Nur gemeinsam können wir mächtig und groß bleiben und jeder von uns muss dazu beitragen und Opfer bringen. Wäre es nicht egoistisch von mir, meine persönlichen Bedürfnisse über die aller anderen zu stellen? Gefühle leisten sich Schwächlinge wie dieser armselige Dienstbote Richard. So ein Jammerlappen, dem ich erst die Härte des Lebens einprügeln lassen musste. Was Alans Mutter angeht. Was erwarten sie von einer Frau, die im Irrenhaus gelandet ist? Ich habe sie nur aus Mitleid geheiratet. Ein Fehler.

Lassen Sie mich das Ganze zusammenfassen. Sie sind gefühllos, kalt, skrupellos und gehen über Leichen. Sie biedern sich an, solange es Ihnen nützt, und lassen jeden über die Klinge springen, der Ihnen im Weg ist, ja? Helfen Sie mir: Gibt es irgendetwas an Ihnen, das man mögen könnte? Irgendetwas? Einen Funken Sympathie?

Sie missverstehen mich nach wie vor völlig. Wie viele heiße Tränen habe ich als Jugendlicher heimlich vergossen, nachdem mein geliebter Bruder in ein Feuer gestürzt ist! Ich weiß nicht, was dem Ärmsten geschehen sein muss, damit er nun behauptet, ich hätte ihn hinein gestoßen, um die Firma übernehmen zu können. Sogar einen faulen Bengel wie Richard habe ich in mein Haus geholt, um ihm eine Ausbildung als Diener zu ermöglichen. Glauben Sie etwa, es hat mir Freude bereitet, ihn so häufig zu bestrafen? Im Gegenteil, mein Herz hat für ihn geblutet, wenn ich den Nichtsnutz schlagen lassen musste.

Äh, ja. Ich verstehe. Wenn Sie morgen sterben würden, was würden Sie der Welt dann hinterlassen?

Meinen guten Namen und die Erinnerung an einen großen Mann, denn alle Anschuldigungen sind nichts als Lügen.

Angenommen, Sie bekämen noch diese eine letzte Chance, Ihr Leben zu ändern. Was würden Sie anders machen? Wie würden Sie leben wollen?

Ganz ehrlich? Ich hätte diese undankbare Frucht meiner Lenden ins Waisenhaus geben sollen. Dort wäre er gestorben, wie neunundneunzig von hundert Kinder dort. Der Welt wäre einiges erspart geblieben, und ich müsste heute nicht meinen tadellosen Ruf verteidigen.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie wirklich bereuen?

Dass mein letzter Geschäftsplan nicht aufgegangen ist. Fast hätte ich einen neuen Handelspartner gefunden, da wirft mir dieser Froschfresser unethisches Verhalten vor. Harthorn winkt ab. Unsere Vorfahren hatten schon Recht, man kann Ausländern nicht trauen.

Gut, ich denke, mehr brauche ich nicht zu wissen. Sie können dann gehen. Auf Sie wartet eine hübsche Zelle.

Harthorn beugt sich vor und flüstert der Therapeutin mit rauer Stimme zu: Ich habe außerhalb der Haftanstalt weiterhin gute Freunde, Püppchen. Wenn dein Bericht über mich nicht zu meinen Gunsten ausfällt, werden diese Herren sich um dich und deine buckelige Familie kümmern. Diese Leute sind höchst erfindungsreich, was Schmerzen und einen langsamen Tod angeht.

Er steht auf und sagt lauter: Diese leidige Sache zur Einschätzung meines Person wäre damit aus der Welt geschafft. Ein Segen für Sie, auf so einen geduldigen Menschen wie mich getroffen zu sein, meine Liebe. Ich erwarte dann, in Kürze freigelassen zu  werden. Hocherhobenen Hauptes verlässt er den Raum, zwei Gefängniswärter an seiner Seite.


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HoratioCoverHach, was für ein sympathischer Kerl, findet ihr nicht auch? Wenn ihr herausfinden wollt, wie tief Horatios Lügen reichen und ob sein Sohn Alan der Wahrheit über seinen Vater auf die Schliche kommt, werft doch einen Blick in „Die Lügen des Horatio Harthorn“, ein Steampunk-Roman von Angela Stoll, der letztes Jahr im Verlag „In Farbe und Bunt“ erschienen ist.

Website: www.a-g-stoll.de

Facebook: https://www.facebook.com/Autorin-Angela-Stoll-1544736869177119/


Quellen:

Frädrich, S. & Pfäfflin, F. (2000). Zur Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen bei Strafgefangenen. Recht & Psychiatrie, 18, 95-104.

Möller, H.-J., Laux G. & Deister, A. (2009). Psychiatrie & Psychotherapie. Stuttgart: Thieme.


 

Habt ihr Fragen, wollt ihr Horatio noch ein wenig auf den Zahn fühlen? Dann nur zu, löchert ihn ein wenig – oder mich.

Die nächste Sitzung findet am 21. August statt, da stelle ich euch zum ersten Mal eine historische Persönlichkeit vor: Theodora, die angeblich von einem Dämon besessen ist. Hoffentlich brauchen wir keinen Exorzisten …

Zur Übersicht über alle bisherigen Sitzungstermine: Teaser: Charaktere auf der Couch

5 Kommentare

  1. Jein.

    Pathologisches Lügen ist ein Kriterium für Psychopathie, und die ist eng verwandt mit der dissozialen Persönlichkeitsstörung. Ich würde mal vermuten, jeder Psychopath ist auch dissozial, aber nicht jeder Dissoziale ist auch ein Psychopath. Der liebe Horatio allerdings schon. 😉

    Bei Azzael ist ein Psychopathie-Infokasten drin, da kannst du gerne mal vergleichen, wenn du Lust hast: https://eleabrandt.com/2017/06/19/charaktere-auf-der-couch-2-azzael/

    Gefällt mir

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