Charaktere auf der Couch #8: Teklija

Heute hat sich eine Patientin bei mir eingefunden, die ich tatsächlich schon länger kenne, nämlich Teklija aus der Feder von Rafaela Creydt. Teklija, oder kurz Tek, ist eine blasse Frau Anfang zwanzig, ihr Körper wirkt sehr dünn, aber durchtrainiert, und ihr Blick scheint  ständig alles und jeden in ihrem Umfeld  zu taxieren. Was sie beruflich macht und warum sie eigentlich eine Menge therapeutischen Gesprächsbedarf hätte, könnt ihr hier nachlesen. 

 

Teklija, es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen. Nehmen Sie doch Platz.

Ich möchte lieber stehen bleiben, wenn es dich nicht beleidigt.

Nein, natürlich nicht. Aber ich schätze, das könnte etwas länger dauern, also …? Nun gut, wie Sie wollen. Erzählen Sie mir doch noch mal, was hat sie hierhergeführt?

Arrian der Angeber hat mich hergeschickt. Er weigert sich, sein Wissen mit mir zu teilen, bevor ich nicht mit dir gesprochen habe. Daher muss ich dich leider belästigen. Ich bitte um Verzeihung.

Das müssen Sie nicht, es ist mein Job, Ihnen zuzuhören, wissen Sie. Es scheint, als würde sich Ihr Freund Arrian Sorgen um Sie machen. Hat er denn Grund dazu?

Arrian versteht die Situation nicht. Es geht nicht um mich. Es geht um meine Zadih. Sie sind in Gefahr. Ich muss sie schützen. Wie es mir geht, könnte nur dann von Interesse sein, wenn ich diese Aufgabe nicht mehr erfüllen könnte. Allerdings atme ich, stehe aufrecht und bin unverletzt. Also: Ich bin unwichtig.

Nun, Arrian scheinen Sie durchaus wichtig zu sein. Ich fürchte zudem, die Situation nicht ganz zu verstehen. Was ist ein … Zadih? Und was genau machen Sie beruflich?

Zadih ist ein Wort meiner Muttersprache. Wörtlich bedeutet es ‚Wichtiger’. Zadih ist der Mensch, der wichtiger ist als alles andere. Ich bin N’Duma Dahn, das ist ‚Kämpfender Schatten’. Ich bin ein Teil meines Zadih. Meine Aufgabe ist es, das Leben meines Zadih zu beschützen. Du kannst es Leibwächter nennen, aber das ist zu wenig. N’Duma ist kein Beruf. Es ist dein Leben. Der Zadih ist dein Leben. Ein N’Duma Dahn hat nichts anderes.

Das klingt nach einer sehr fordernden Tätigkeit. Vielleicht könnten Sie eine Auszeit brauchen. Haben Sie mal an Urlaub gedacht?

Ich habe in den letzten zwei Jahren überhaupt nichts getan. Ich hatte keinen Zadih. Nichts tun hat nichts besser gemacht.

Hm, ich verstehe, Ihre Arbeit scheint Ihnen viel zu bedeuten. Gibt es denn etwas, das Sie außer ihrer Aufgabe gern tun? Das Ihnen hilft, sich zu entspannen?

Entspannung ist zurzeit nicht sinnvoll. Wenn es dich beruhigt: Ich esse, ich trinke Wasser, ich wasche mich, ich trainiere, ich schlafe.

Das klingt nicht unbedingt nach einem erfüllten Leben. Aber apropos Schlaf, wie steht es darum? Können Sie gut einschlafen? Träumen Sie schlecht?

Ich erinnere mich nicht an meine Träume.

Gar nicht? Auch nicht, ob es angenehme oder negative Träume waren?

Nein. Ich möchte das auch nicht. Ich muss mich mit der Wirklichkeit beschäftigen. Mit dem Jetzt. Wünsche, Pläne oder Träume lenken nur ab. Darüber hinaus wurde ich ausgebildet, beim kleinsten Geräusch, oder dem Fehlen eines solchen, zu erwachen.

Wo Sie schon von Ihrer Ausbildung sprechen, Ihr Freund Arrian hat erwähnt, es gäbe da einen wunden Punkt in Ihrer Vergangenheit, der für Ihre Anspannung verantwortlich ist. Wollen Sie darüber reden?

Er meint vermutlich die Tatsache, dass ich meine erste Zadih ermordet habe. Nein. Darüber möchte ich nicht sprechen. Bestehst du darauf?

Die Therapeutin lässt vor Schreck fast Ihr Klemmbrett fallen. Wie bitte? Ermordet? Sie wirkt sichtlich irritiert und blättert in ihren Aufzeichnungen. Na ja, ich kann Sie nicht dazu zwingen, wenn Sie das nicht möchten. Vielleicht können wir ja ein andermal darüber reden. Wie, würden Sie sagen, hat Sie dieser Moment verändert?

Er hat mich nicht verändert. Er hat meine Fehler nur offengelegt. Seitdem gibt es keine freundlichen Lügen oder Selbsttäuschungen mehr.

Ist das der Grund, warum Sie so streng zu sich selbst sind? Bestrafen Sie sich für das, was Sie getan haben?

Ich wurde bereits bestraft. Ich wurde aus meiner Heimat auf den Krüppel-Kontinent verbannt. Hätte man mich sofort hingerichtet, wäre mir die Schande dieses Lebens erspart geblieben. Das wäre eine Gnade gewesen, die ich nicht verdiene.

Sie schweigt für einen Moment und blickt die Therapeutin mit ernster Miene an. Ich bin nicht streng zu mir. Ich erkenne lediglich die Wahrheit. Wie würdest du mit einem Mörder und Eidbrecher umgehen? Dir ist übrigens gerade beinahe dein Brett aus der Hand gefallen, also überleg dir, ob du noch glaubhaft lügen kannst.

Ich habe nicht vor, Sie anzulügen. In der Welt, in der ich lebe, ist es üblich, Mörder einzusperren, nicht zu töten. Sie sind auf freiem Fuß, das sollten Sie doch zu nutzen wissen, oder nicht? Aber zum Schluss sollten wir uns vielleicht nicht so sehr auf die negativen Punkte in Ihrem Leben fokussieren, sondern auf die positiven. Sie sind schließlich freiwillig hier und nicht dafür, dass ich Ihnen Vorhaltungen mache. Also, was halten Sie für Ihre größte Stärke?

Ich bin am stärksten im Kampf mit Messern.

Ich dachte eher an persönliche Stärken, verstehen Sie. Charakterzüge, Eigenschaften, die Ihnen in schwierigen Situationen helfen. Fällt Ihnen dabei etwas ein?

Ich habe in schwierigen Situationen versagt. Das Beste, was man vielleicht noch sagen kann: Ich behaupte nicht mehr, besser zu sein, als ich bin.

Wie könnte Ihnen diese Fähigkeit helfen, mit Ihrer Vergangenheit abzuschließen?

Ich will nicht mit ihr abschließen. Drei Jahre war ich N’Duma Dahn der höchst verehrten Solven da Gwenn. Diese drei Jahre möchte ich nicht verlieren. Auch wenn das egoistisch ist. Ich bezahle dafür.

Schließen wir die Sitzung mit einem Ausblick auf die Zukunft: Wie stellen Sie sich Ihr Leben in einigen Jahren vor? Was wäre Ihr Wunsch?

Meine Zadih sind in Sicherheit. Ich bin … irgendwo. Ich habe kein Recht auf Wünsche.

Und wenn Sie sich dieses Recht ausnahmsweise gestatten würden? Dieses Gespräch ist vertraulich, Sie können sich hier ganz frei äußern.

Es geht hier nicht um Vertraulich oder nicht! Ich habe nie gelogen, also was willst du damit sagen?

Nichts wird sich ändern in meinem Leben. Aber wenn meine Zadih überleben, habe ich zumindest nichts schlimmer gemacht mit meinen Wünschen. Narfa erhört dich immer, glaub es mir. Ich hatte nur einen eitlen Wunsch nach zwei Jahren Einsamkeit: Einen neuen Zadih. Eine Aufgabe. Narfa erhörte mich. Jetzt habe ich zwei Zadih! Zwei! Und beide sind Gefahr. Erzähl mir nichts von Wünschen!


 

22330964_525605561105188_1306618975_nPuh, kein leichtes Gespräch heute, zugegeben. Falls ihr ein wenig neugierig geworden seid und herausfinden wollt, was es mit Teklijas dunkler Vergangenheit auf sich hat und wie es ihr gelingt, einen neuen Platz in der Welt zu finden, holt euch „Die Stadt am Kreuz“ von Rafaela Creydt, erschienen im Verlag in Farbe und Bunt.

Und falls euch das Setting und der Stil der Autorin begeistern kann, erscheint mit den „Trümmerprinzen“ demnächst auch ein weiterer Roman vom Krüppelkontinent.

 

Facebookseite der Autorin: https://www.facebook.com/RafaelaCreydtAutorin/

Habt ihr noch weitere Fragen an mich oder Tek? Dann nur raus damit, vielleicht beantwortet sie sie euch ja sogar.


Einen Überblick über alle bisherigen Sitzungstermine gibt es hier.

Ab Dezember/Januar gibt es übrigens wieder freie Plätze auf der Couch! Falls ihr einen geeigneten Patienten aus einem veröffentlichten Werk habt, schreibt mir einfach eine Mail. Alle Genres sind willkommen.

4 Kommentare

    1. Mit sieben Jahren beginnt man die Ausbildung an der Akademie. Dort lebt man auch. Später muss man sich entscheiden, welche Eide man leisten will: Als N’Duma Dahn oder als Askenji. Mit siebzehn schließt man die Ausbildung ab und kann ab diesem Zeitpunkt von einem Zadih gewählt werden.
      Für mehr Details empfehle ich die Lektüre des Romans. 😉

      Gefällt 1 Person

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